Cinemathek

BLACK MIRROR von Charlie Brooker, Annabel Jones | Staffel 1 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 2. Dezember 2018 um 19:00

Wir sind umgeben von schwarzen Spiegeln. Die Rede ist von jedem Monitor, Smartphone oder Tablet, auf dem gerade nichts zu sehen ist. Kein Interface, Programm oder sonstiger Content. Stattdessen spiegelt sich in einem solchen Gerät – einem solchen Black Mirror – unsere leeren Augen und lechzen danach, mit Licht ausgefüllt zu werden. »Wenn Technologie eine Droge ist«, fragt Charlie Brooker in The Guardian, »was genau sind dann die Nebenwirkungen?« Genau davon handelt die Science-Fiction-Serie Black Mirror von Charlie Brooker und Annabel Jones.

Die Zukunft in 3, 2, 1…

Hinweis: Folgender Blogbeitrag enthält keine Spoiler zur Serie Black Mirror. Aktuelle Streaming-Angebote finden sich bei JustWatch.

Als Anthologie-Serie besteht kein dramaturgischer Zusammenhang zwischen den einzelnen Episoden von Black Mirror. Jede spielt in einem eigenen Universum, mit eigenen Figuren und Geschichten, die allesamt in der Gegenwart und nahen Zukunft angesiedelt sind. Oder um es überspitzt zu formulieren (der britische TV-Kritiker und Serienschöpfer Brooker liebt es überspitzt):

Alle Episoden erzählen von der Welt, in der wir hier und heute leben – und der Art und Weise, wie wir in 10 Minuten leben könnten, wenn wir uns nur ungeschickt anstellen. Und wenn wir eine Sache über die Menschheit mit Sicherheit wissen, dann das: Wir sind meistens ungeschickt. 

Charlie Brooker, in: The dark side of our gadget addiction (The Guardian, 2011)
3 Standbilder aus der Serie Black Mirror

Totale: Black Mirror im Zusammenhang

Historischer Kontext

Charlie Brooker hat die Serie Black Mirror zusammen mit Annabel Jones ins Leben gerufen. Bekanntschaft machten die beiden um die Jahrtausendwende. Damals arbeitete Jones für Endemol (heute Endemol Shine), die zweitgrößte Fernsehproduktionsfirma der Welt, unter anderem verantwortlich für Big Brother. Die erste Zusammenarbeit von Jones und Brooker bestand darin, Big Brother in Zeiten einer Zombie-Epidemie zu veranstalten – so die Grundidee zur Serie Dead Set (2008) mit Riz Ahmed (aktuell in Venom zu sehen). Als Executive Producer von Dead Set wurden Annabel Jones und Charlie Brooker im Jahr 2009 für den British Academy Television Award nominiert. Nur zwei Jahre später folgte die erste Staffel von Black Mirror.

Jedes Leben beinhaltet signifikante Meilensteine: Dein erster Kuss, dein erster Job, dein erster unbemerkter Mord. Vielleicht geht’s nur mir so. Jedenfalls erfuhr ich vergangene Woche ein weiteres, alarmierendes erstes Mal: Meine erste nicht ironische Konversation mit einer Maschine.

Charlie Brooker, s.o. (The Guardian, 2011)

So sinniert Charlie Brooker Anfang der 2010er Jahre – und beleidigt dann erstmal besagte Maschine. Denn Brooker wäre nicht Brooker, wäre Siri (Apples Assistent) kein »unterwürfiger Arschlecker mit zero Selbst-Respekt«. Der Kritiker ist selbst ein Süchtiger, der die Technologie ebenso sehr verachtet, wie er sie benutzt. Während sein Blickwinkel stets dem eines literarischen oder verbalen Ego-Shooters gleicht, bleibt Annabel Jones bei der Sache.

Wir haben immer versucht, die Technologie möglichst zu verstecken, so dass die Episoden sich nicht allzu Science-Fiction-mäßig anfühlen. Black Mirror war vielmehr eine Gelegenheit für ein paar Filme, die von Ideen angetrieben sind.

Annabel Jones mit Gespräch mit Gerard Gilbert (2017)

Persönlicher Kontext

Von Ideen getriebene Geschichten – und oooh, was für Ideen! Solche, die sich wunderbar in Kantinen-Gesprächen anteasern lassen und Lust auf mehr machen. Von ein paar Film-Kollegen erfuhr ich auf diese Weise erst Genaueres über die Serie Black Mirror, von der ich bis dato nur den Titel kannte. Erschreckend, wenn man bedenkt, dass die erste Staffel im selben Jahr herauskam, wie The Artist und Hugo Cabret. Also vor einer halben Ewigkeit.

Nicht, dass man jeden Serienrummel da draußen innerhalb einer 5-Jahre-Frist gesehen haben sollte – aber eine Science-Fiction-Serie über extreme Auswirkungen unserer Technologien in der Gegenwart und nahen Zukunft, das ist genau mein Thema! Neben Philosophie und dem ganzen historischen Mumpitz, natürlich. Auf die dringende Empfehlung besagter Kollegen hin habe ich mir also endlich Black Mirror gegeben.

Close-up: Black Mirror im Fokus

Erster Eindruck | zum Auftakt der Serie

Episode 1Der Wille des Volkes / The National Anthem – geht direkt in die Vollen, mit einem spektakulären Dilemma: Was passiert, wenn eine Prinzessin der britischen Königsfamilie entführt wird und die Kidnapper nur eine einzige, dafür umso bösartigere Bedingung stellen? In der öffentlichen Berichterstattung tun sich die Reporter*innen schwer, diese Bedingung überhaupt zu benennen. Im Internet hingegen wird, wie man im Deutschen so schön sagt, »die Sau durchs Dorf getrieben« und die böse Bedingung noch böser kommentiert.

Was fordern die Kidnapper? Kein richtiger Tipp, eher ein Fun Fact am Rande: Das erste Comic-Magazin, für das Charlie Brooker bereits als Teenager schrieb, trug den Titel: Oink!

Das war vermutlich die extremste Episode, die wir je gemacht haben – und damit sind wir in die Serie gestartet.

Annabel Jones, s.o. (2017)

Noch bevor ich die Folge selbst gesehen habe, hörte ich bereits die Meinung, dass Der Wille des Volkes keine »gute erste Folge« sei. Ganz einfach, weil sie die Serie nicht adäquat repräsentiere und dafür, so als Einstieg, einfach zu extrem sei. Das schrecke ab. Zu diesem Zeitpunkt: Wenn du, liebe*r Lesende, noch nicht weiß, was die Kidnapper zu Beginn von Black Mirror vom Prime Minister verlangen – gönn dir den Spaß und googele es nicht. Auch wenn es schwierig ist, die Folge im Internet zu finden, ohne dabei auf Spoiler zu stoßen, give it a try.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung der Serie

Nach dem markanten Auftakt geht es solide weiter – in den beiden zusätzlichen Episoden. Denn die erste Staffel zu Black Mirror besteht aus nur drei, wie gesagt weitgehend eigenständigen Filmen.

Episode 2Das Leben als Spiel / 15 Million Merits – spielt in einer Welt, in der die Bevölkerung offenbar zum sinnlosen Abrackern verdammt ist. Die Hauptfiguren schwitzen auf Spinning-Rädern in tristen Räumlichkeiten, tagein, tagaus, mit festem Blick auf die knallbunte Bildschirme vor ihnen. Der einzige Weg, dieser Eintönigkeit zu entkommen, führt über eine Casting-Show namens Hot Shot.

Im Jahr 1984 deutete Apple in einem berühmten Werbeclip an, dass es die Menschheit vor einer alptraumhaften orwellschen Zukunft bewahren wollte. Doch wie würde eine alptraumhafte orwellsche Zukunft wohl aussehen, die auf Apple-Technologie basiert? Vermutlich ein bisschen so [wie diese Episode].

Charlie Brooker, s.o. (The Guardian, 2011)

Diesen epischen Werbeclip – vom Gladiator– und Alien-Regisseur Ridley Scott inszeniert – spricht Charlie Brooker an:

Lesetipp: Warum hat George Orwell überhaupt geschrieben? Eine Antwort gibt es in diesem Blogbeitrag.

Durchs Gedächtnis scrollen

Episode 3Das transparente Ich / The Entire History of You – spielt die Idee einer Welt durch, in der wir als unsere Erinnerung wie in einem Facebook-Feed im Hirn durchscrollen können. Via künstlichem Gedächtnis-Speicher gleich hinterm Ohr. Super praktisch, wenn man seine Schlüssel verlegt hat. Oder beim Vergessen von Namen etwaiger Personen, die man nach langer Zeit mal wieder sieht. Oder bei dem Verdacht, der oder die Partner*in könnte heimlich fremdgehen… nicht wahr?

[Ein solches Gedächtnis] könnte nicht die brillanteste Innovation für das Wohlbefinden deiner Beziehung sein. Denn wie viel will man letztendlich tatsächlich übereinander wissen?

Charlie Brooker, s.o. (The Guardian, 2011)

Darum geht es in Black Mirror: Exemplarische Szenarien für allgemeine Fragen. Die Szenarien sind eindrucksvoll, zuweilen allerdings – so empfand ich es in Episode 2 – allzu überdeutlich in ihrem allegorischen Charakter, wobei die Pointe am Schluss wieder ebenso schön »rund« ist, wie in der Pilotfolge (deren Ende ich schlicht genial finde). Black Mirror erfüllt so oder so vollkommen seinen Zweck, in dem die Serie durch heftige Impulse Gedanken und Gespräche anregt – über die Welt von heute und morgen.

Fazit zu Black Mirror

Heute ist es Siri. Morgen wird es ein redendes Auto sein. […] Wenn ich 70 bin, werde ich herzzerreißende Gespräche mit den synthetisierten Imitationen von Menschen führen, die ich einst kannte und die später gestorben sind. 

Charlie Brooker, s.o. (The Guardian, 2011)

Das ist genau das, was zu Beginn von Staffel 2 passiert – denn Black Mirror geht weiter. Dabei wird der dunkle Ton der ersten Staffel und das großartig verdichtete Storytelling rund um Technologie-Themen konsequent fortgesetzt und zu neuen Spitzen getrieben. Vor ein paar Tagen erst – Anfang Oktober 2018 – machte Black Mirror damit Schlagzeilen, dass die nunmehr fünfte Staffel der Serie interaktive Elemente umfassen soll. Man darf gespannt auf die Umsetzung sein!

Die erste Staffel stellt in jedem Fall einen starken Anfang dar. Sie präsentiert drei kurze Sci-Fi-Filme (ein Thriller, eine Romanze, ein Beziehungsdrama), die Anstoß zu ethischen Fragen und philosophischen Grübeleien geben – im Nachhinein. Während ihrer kurzen Laufzeit und kompakten Dramaturgie sind sie vor allem eines: fesselnde Unterhaltung.

Wir denken, dass es eine besondere Art von Serie ist. Im Wesentlichen schauen Menschen TV, um sich unterhalten zu lassen. Auch der Grundgedanke dieser Serie – die Sache, um die es uns geht – ist Unterhaltung. Dies ist eine Serie für Storyteller. Denn wir denken, dass ein Publikum immer stillsitzen, lauschen und zuschauen wird, wenn es um eine gut erzählte Geschichte geht. 

Rod Serling zu Beginn von The Twilight Zone, Episode 1 (1959), eine Serie, die Black Mirror deutlich inspiriert hat

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