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LETO mit Teo Yoo, Irina Starshenbaum | Film 2018 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 17. Dezember 2018 um 10:59

Ein Biopic über Rockmusik in den repressiven Zeiten der Sowjetunion läuft auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes, während der Regisseur per Beschluss der russischen Justiz unter Hausarrest steht. Es war dieses Politikum im Frühjahr 2018, das dem Film Leto von Kirill Serebrennikov einerseits Aufmerksamkeit brachte und andererseits von ihm ablenkte. Im Folgenden soll es nicht um den Fall Serebrennikov gehen (dazu ein lesenswerter Artikel in der FAZ: Moskaus Glanz und Schrecken). Wir richten den Fokus auf den Film selbst, der auch ohne äußere Umstände als kontroverses Kunstwerk aufgefasst wird.

Das ist vollkommen blödsinnig. – Meinst du mit »vollkommen« »perfekt«? | Zitat aus Leto

Das alles ist nie passiert

Zum Inhalt: Leningrad in den 80er Jahren – und es war Sommer (russ. leto). Der Musiker Mike Naumenko (Roman Bilyk) und seine Frau Natalia (Irina Starshenbaum) lernen Viktor Tsoi (Teo Yoo) kennen, selbst ein junger Singer/Songwriter. Er freundet sich mit dem Paar an, feilt mit Mike an seinen Songs und verdreht Natalia den Kopf. Die Dreiecksbeziehung entspinnt sich inmitten einer neuen Musikbewegung, die sich trotz – oder wegen – aller staatlichen Restriktionen in der Sowjetunion ihren Weg bahnt… unter Einfluss der Rock’n’Roll-Ikonen aus dem Westen, von Lou Reed bis Iggy Pop.

Kirill Serebrennikow veranschaulicht in Leto auf großartige Weise die Konfrontation zwischen zwei musikalischen Welten, zwei unverwechselbaren Universen und die Vermischung östlicher und westlicher Kultur.

Ilya Stewart, Produzentin des Films

Hinweis: Dieser Blogbeitrag enthält keine Spoiler zum Film. Aktuelle legale Streaming-Angebote finden sich bei JustWatch.

Eckdaten zum Film

LandRussland, Frankreich
Jahr2018
Länge128 Minuten
GenreMusikfilm
FSKab 12 Jahren
Schauspielerin Irina Starshenbaum in dem Film Leto

Totale: Leto im Zusammenhang

Historischer Kontext

Der Film Leto basiert lose auf der »wahren Geschichte um die legendäre russische Rockband Kino« und ihren Frontmann Viktor Tsoi – hierzulande vergleichsweise unbekannt, in Russland eine Ikone des Rock’n’Roll. Ein Großteil der Szenen ist allerdings so familiär, geradezu intim, dass sie kaum als Adaption dokumentierter Momente durchgehen – sondern vielmehr als mögliche Szenen aus dem Leben eines charismatischen Menschen. Zum Teil handelt es sich dabei um Erinnerung der echten Natalia Naumenko.

Die Fan-Community ist geteilter Meinung über Leto. Ein Teil hat uns sehr unterstützt – die Leute halfen und berieten uns – während ein anderer Teil stark gegen den Film war, mit der Auffassung, wir täten etwas geradezu frevelhaftes. [Der Regisseur] Kirill brauchte die Freiheit, einen Spielfilm zu machen, keine Dokumentation. Und eine seiner ersten Entscheidungen war, keinen Film über die Marke »Viktor Tsoi« zu drehen – sondern über Viktor, den jungen Musiker, der gerade erst startet.

Produzentin Ilya Stewart im Interview (Cineurope)

[Zur Verteidigung von Serebrennikov: Mit der Figur des Skeptikers, der im Film hin und wieder ein Schild hochhält – »Das alles ist nie passiert!« – ist der Regisseur etwaigen Authentizitäts-Kritiker*innen eigentlich ziemlich elegant zuvorgekommen.]

Einflüsse von hinterm Eisernen Vorhang

Und so liegt das Gewicht zu Beginn auch mehr auf Mike Naumenko, dem Mentor und Förderer des jungen Viktor Tsoi – selbst eine charismatische Persönlichkeit im Film und im wirklichen Leben. Den Schauplatz des Geschehens, St. Petersburg Anfang der 80er Jahre, nannte Naumenko nach Aussage von Natalia nie bei dem Namen »Leningrad« (so die offizielle Bezeichnung der Stadt von 1924 bis 1991, ausgerechnet dem Todesjahr von Mike). Der sowjetische Musiker hat sich stets sehr von der Musik des Westen – jenseits des Eisernen Vorhangs – beeinflussen lassen und diese Einflüsse auf seine Kreise übertragen.

Für einige war Mike ein Lehrer, für andere ein verständnisvoller Freund. Er kannte sich gut im Englischen aus und las das Rolling Stone, Melody Maker… keine Ahnung, wo er sie herbekam. […] Von Mike konnte man erfahren, welche Platte gerade herauskam und was sich zu hören lohnte. […] Es ist unwahrscheinlich, dass ich – und nicht nur ich – sonst Lou Reed gehört hätte.

Natalia Naumenko im Interview (AIF)

Persönlicher Kontext

Es ist unwahrscheinlich, dass ich diesen Film so bald gesehen hätte – wäre er mir nicht von der Redaktion des Kinder- und Jugendfilmzentrum nahegelegt worden. In deren Auftrag schrieb ich eine Rezension über Leto für die Website Kinofilmwelt. Und hach ja, wenn man so in den Recherchen versinkt, könnte man über jeden Film ein Buch schreiben, über Leto gleich mehrere… ain’t nobody got time for that. Richten wir also einen strengen Blick auf den Film, ohne zu sehr auszuschweifen.

Filmtipp: Der am heißesten erwartete Musikfilm des Jahres ist wohlgemerkt nicht Leto, sondern das Freddie-Mercury-Biopic Bohemian Rhapsody. Hier geht’s zur Kritik.

Close-up: Leto im Fokus

Erster Eindruck | zum Auftakt des Films

Leto eröffnet mit der Totale eines Hinterhofs. Hohe Backsteinwände, Regenrohre, Metalltreppe. Schwarzweiß. Drei junge Frauen in Shirts und Hosen steigen die Treppe hoch und stellen auf einem Zwischendach eine Holzleiter an die Mauer, docken damit am nächstbesten Fenstersims an.

Leningrad, Anfang der 80er Jahre, liest man am unteren Bildrand in schön geschwungener, kyrillischer Handschrift. Visuell sehr ästhetisch, dieser Auftakt.

Über die Leiter gelangen die Frauen auf eine Herrentoilette. Diese nächste Einstellung ein Oneshot durch den Backstage-Bereich eines Rockclubs. Die Frauen sind unmittelbar auf der Flucht vor schlecht gelaunten Sicherheitsmännern – werden aber gedeckt von ein paar zotteligen Rockmusikern. Wir folgen ihnen bis zur Bühne, auf der Mike Naumenko als Frontmann der Band Zoopark singt.

Du zerschlägst alle meine Teller
Und machst anderen heimlich schöne Augen
Du bist ein Miststück!

In freier Wildbahn

Das Publikum sitzt in ordentlichen Stuhlreihen steif beieinander. Manch eine*r wippt mit dem Fuß oder der Fingerspitze – ein seltsamer Anblick kollektiver Zurückhaltung bei einem Rockkonzert. Schnell wird klar, dass Krawall und Remmidemmi hier verboten ist. An den Flanken des Saals stehen Beamte und passen auf, dass sich die jungen Leute gemäß der sowjetischen Sitten betragen. So setzt der Auftakt der Films sogleich den Ton für das folgende Biopic: Rock’n’Roll in Zeiten der Repression. In der zweiten Szene erleben wir, wie dieselben jungen Leute sich »in freier Wildbahn« verhalten – an einem Strand, irgendwo fernab der Stadt.

Schon in dieser Strandszene sehen wir nahe dem Musiker Mike eine Natalia, deren selbstsichere Ausstrahlungskraft zumindest den Anschein macht, als sei sie des Mädchenschwarms Muse und über all die anderen Anhängerinnen erhaben. In einem Interview wurde Natalia eben diese Frage gestellt, ob sie Mikes Muse gewesen sei?

Nein. Seine besten Lieder über Frauen schrieb er vor meinem Eintritt in Mikes Leben. Sweet N ist eine Art Sammelbild über ein Ideal, über ewige Weiblichkeit… natürlich verstand ich das Prinzip vom »lyrischen Ich«, trotzdem empfand ich es als etwas beleidigend, Songs wie […] Lied eines gewöhnlichen Menschen – was, wenn Andere denken, dass Mike Mitleid mit mir habe? Mike lächelte darüber bloß und versprach, auf Konzerten anzukündigen, dass die Lieder nicht von seiner Frau handelten, dass seine Frau ganz anders sei…

Natalia Naumenko im Interview (AIF)

Der deutsche Trailer zum Film:

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Was dem Film Leto gut gelingt, ist das Gleichgewicht zwischen seinen Hauptfiguren. Offiziell ein Biopic über Viktor Tsois Jugendjahre, stehen Natalia und Mike, in deren Leben Viktor so unversehens eintritt, doch genauso im Fokus. Dabei wird das Thema Eifersucht angenehm anders behandelt, als in so vielen zotigen »Dreieckskisten«, voller Ruhe und Respekt. Leto erzählt von einer scheinbar gefestigten Ehe, einer Sandkastenliebe zwischen Erwachsenen und einer künstlerischen Verbindung zwischen zwei Musikern, mit gelungenen Übergängen in Ton und Tempo.

Händchenhalten ist am aller gefährlichsten. | Mike

Abwechslungsreich inszeniert

Stilistisch steckt dieser Schwarzweiß-Film voller Abwechslung. Immer wieder brechen Farbe oder Song-Einlagen in den Handlungsstrang ein, bringen neuen Schwung in eine Geschichte, die sich immer wieder in familiäre Momente und zärtliche Zweisamkeit zurückzieht. Dabei stechen extrovertierte, stark gespielte Randfiguren hervor. Besonders Alexander Gorchilin als Punk und Aleksandr Kuznetsov als Skeptiker, der hin und wieder durch die vierte Wand direkt zum Publikum spricht, haben tolle Augenblicke. Besagte Song-Einlagen sind als regelrechte Musikvideos mit stylischen Animationen in den Film eingeflochten – zu amerikanischen Songs wie Iggy Pops Passenger, sehr stimmungsvoll in Szene gesetzt. Rückblickend, nach über 2 Stunden Biopic, hat man ehrlich gesagt kaum das Gefühl, einen Film über Viktor Tsoi gesehen zu haben. Vielmehr ein Film, den Viktor Tsoi mit inspiriert hat.

Der Musiker Viktor Tsoi war übrigens auch als Schauspieler aktiv. Man kann ihn in der Hauptrolle zu The Needle (1988) sehen.

Tsoi bedeutet für die jungen Leute unserer Nation mehr, als irgendwelche Politiker, Prominente oder Schriftsteller. Das liegt daran, dass Tsoi nie gelogen hat – und sich nie verkaufte. Er blieb immer er selbst und wird es stets bleiben. […] Tsoi ist der letzte Held der Rockmusik.

Aus einem Nachruf zu Viktor Tsoi, der 1990 bei einem Autounfall starb (Komsomolskaya Pravda, 17. August des Jahres – Quelle: Englische Wikipedia)

In Abwesenheit des Regisseurs Kirill Serebrennikow wurde der Film Leto auf den Filmfestspielen von Cannes mit Standing Ovations geehrt – fünf ganze Minuten lang. 

Fazit zu Leto

Nicht nur für Freund*innen des Musikfilms ist Leto ein sehenswertes Werk. Der Film ginge auch ohne die Musik ans Herz. Denn die stärksten Szenen sind (zwischen gewiss tollen Songs) die gut geschriebenen, gespielten und inszenierten Momente der Zwei- und Dreisamkeit. Die Proteste der Gegner*innen dieses Films wecken womöglich berechtigte Zweifel an der Wirklichkeitsnähe von Leto, die viele eben hinsichtlich es tatsächlichen Atmosphäre damals nicht als gegeben ansehen. Kirill Serebrennikov wird vorgeworfen, er habe keine Ahnung von der Subkultur, die er da zum Leben zu erwecken versucht. Drum sollte man Leto weniger als Verfilmung einer bestimmten Zeit, sondern als Verneigung von einer bestimmten Freiheitsliebe sehen. Das funktioniert: Leto feiert die Freiheit auf eine Weise, die berührt und stellenweise zum Mitwippen anregt. Mindestens.

Namen zum Film

RegieKirill Serebrennikow
ProduzentenIlya Stewart, Murad Osmann, Pavel Buria, Mikhail Finogenov
Ko-ProduzentCharles-Evrard Tchekhoff

Kamera

Vladislav Opelyants
SchnittYury Karikh

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