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BOHEMIAN RHAPSODY über Freddie Mercury, Queen | Film 2018 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 26. Oktober 2018 um 4:52

Kensington, London. Mit schütterem Haar und schwarzer Lederjacke sitzt Chris in einem Pub und erzählt aus vergangenen Zeiten, erinnert sich: »Eines Nachts saß er dort drüben.« Dieser »er« ist ein Mann, von dem es inzwischen eine überlebensgroße Bronze-Statue gibt – mit kraftvoll gen Himmel gereckter Faust. Damals habe dieser Mann noch deprimiert das Gesicht in den Händen vergraben. »Ich kam in den Pub und fragte ihn, was los sei?«, gibt Chris die Begegnung wieder. Er werde kein Popstar sein, habe der Mann gesagt und sei dramatisch aufgestanden: »Ich werde eine Legende sein!« Die Rede ist – natürlich – von Freddie Mercury, Frontsänger der Band Queen und Hauptfigur des neuen Biopics Bohemian Rhapsody.

Der Legende gedenken

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Legende ihren eigenen Kinofilm bekommen würde. Denn Freddie Mercury hat es tatsächlich geschafft. Er – der sich selbst nach der römischen Gottheit Merkur umbenannte – ist per definitionem eine Legende: Eine hervorstechende Persönlichkeit, über die Sagenhaftes erzählt wird, Wahres wie Erfundenes. Jene Anekdote über Mercurys prophetischen Ausspruch im Pub stammt aus der zweiteiligen Dokumentation Queen – Days of Our Lives (2011). Chris Smith war der Keyboarder von Smile, einer Band, aus der Queen über Umwege hervorgegangen ist. Aber Chris war nicht der Einzige, dem Freddie seine Prophezeiung offenbarte.

Seine endlosen Verkündungen, er werde zur »Legende« werden, konnten seinen Zuhörern den letzten Nerv rauben.

Lesley-Ann Jones, in: Freddie Mercury – Die Biografie (2011), S. 101
Schauspieler Rami Malik in der Rolle von Freddie Mercury in Bohemian Rhapsody

Zum Inhalt: Der Film Bohemian Rhapsody erzählt Freddie Mercurys Lebensgeschichte von den frühen 70er Jahren bis Mitte der 80er. Den Beginn markiert die Gründung der Band Queen – das Ende deren Auftritt auf dem Live Aid Konzert. Damit umfasst das Biopic die steile Karriere von Queen und ihren internationalen Durchbruch, sowie eine Zeit der kreativen Differenzen und Alleingänge, bis hin zum erneuten Zusammenraffen für einen guten Zweck. Der dramaturgischen Struktur geschuldet wurde die Wirklichkeit stellenweise verdichtet oder anders arrangiert.

Hinweis: Der deutsche Kinostart von Bohemian Rhapsody ist Mittwoch, der 31. Oktober. Kinotickets zu dem Film finden sich via JustWatch, wo demnächst auch legale Streaming-Angebote zusammengefasst werden.

Totale: Der Film im Zusammenhang

Cineastischer & Historischer Kontext

Als der am heißesten erwartete Musikfilm des Jahres 2018 sticht aus einer Liste der Variety-Redaktion zwischen Science-Fiction-Filmen wie Auslöschung und Animationsfilmen wie Isle of Dogs das Biopic Bohemian Rhapsody hervor. So vieles ist inzwischen über Freddie Mercury erzählt worden – was kann ein Spielfilm dem noch hinzufügen? Welchen Blickwinkel nimmt er ein? An welche Wahrheiten hält er sich? Trifft er den Ton?

Eine holprige Produktionsgeschichte lässt ein herzloses Stückwerk befürchten. Der Regisseur Bryan Singer (Die üblichen Verdächtigen) wurde kurzfristig und eher unehrenhaft ersetzt (Singer erschien in einer Zeit, da im Internet Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens seinerseits laut wurden, nicht mehr zum Set von Bohemian Rhapsody – die Gründe für seine Abwesenheit seien familiär bedingt gewesen, erklärte Singer später; zuletzt widerlegte er im Voraus einen Artikel über besagte Vorwürfe, der demnächst im Esquire Magazin erscheinen soll; eine ähnliche Kontroverse um Singer gab es bereits im Jahr 2014). Den Regie-Posten übernahm mit Dexter Fletcher jemand, der weit mehr Schauspiel- als Regie-Erfahrung hat – doch da war der Film größtenteils bereits abgedreht und musste nur noch »ordentlich« fertiggestellt werden.

Weder frühe Jahre, noch zweiter Frühling

Insbesondere Details über Freddies Herkunft lagen lange Zeit im Dunkeln. Einige Fehler vorausgegangener Biografien biegt die Musikjournalistin Lesley-Ann Jones in ihrem mühevoll recherchierten Buch Freddie Mercury – Die Biografie gerade. Auch bei ihr bleiben viele Fragen zu den frühen Jahren der »Legende« offen. Während das vor kurzem erschienene Biopic Leto (über den russischen Musiker Viktor Tsoi) den Fokus bewusst auf eben diese dunklen, frühen Jahre seiner Hauptfigur legt, geht Bohemian Rhapsody einen anderen Weg. Zwar beginnt dieses Biopic vor dem großen Durchbruch, allerdings stets mit diesem in Aussicht. Darauf stimmt schon der Prolog ein (mehr dazu im Abschnitt »Close-up«).

Die Zeit nach dem Live Aid Konzert, die auch als »zweiter Frühling« der Band Queen beschrieben wird und eine neue, produktive Phase einläutete, blendet Bohemian Rhapsody aus – obwohl dieses Kapitel die unglaubliche Stärke und Schaffenskraft von Freddie Mercury (zu der Zeit bereits an HIV erkrankt) sicher noch einmal in ganz anderem Licht gezeigt hätte. Angesichts der langen, ereignisreichen Bandgeschichte, die ja irgendwie in einem abendfüllenden, dramaturgischen Bogen untergebracht werden musste, macht diese Entscheidung nur Sinn.

Kein Bock mehr auf Lesen? Hier die Filmkritik als Video, ein paar Worte zu Bohemian Rhapsody in Bild und Ton:

Persönlicher Kontext

Sollte bis hierher der Eindruck entstanden sein, dieser Beitrag sei von einem langjährigen Queen-Fan geschrieben, muss ich beschämt einlenken. Das bin ich leider nicht. Als ich vor ein paar Wochen in der Pressevorführung von Bohemian Rhapsody Platz nahm, hatte ich eine vage Ahnung davon, wer Freddie Mercury war und welche Hits auf das Konto von Queen gehen.

Zu meiner Verteidigung: Ich bin in einem Hause aufgewachsen, in dem Andrea Berg und Udo Jürgens das Maß aller Dinge waren. E-Gitarre galt als instrumentales Pendant zu Fingernägeln auf der Schultafel. Die ganze große Musikgeschichte der 70er und 80er Jahre wurde in diesem Hause einfach nicht überliefert. Als sich mein Musikgeschmack endlich emanzipierte, tat er das eher in Richtung FM Belfast, múm, Sigur Rós, solchen Sachen…

Crashkurs zu Queen

Klar, das ist keine Entschuldigung: Das musikalische Ereignis »Queen« offenbart sich bei auch nur etwas näherem Hinschauen als Allgemeinwissen, das man zumindest in Eckdaten zuordnen können sollte. Erst recht, wenn man darüber schreiben will. Also habe ich mir nach dem Kino-Besuch noch die oben genannte, laut laut.de »lieblos […] aneinander geklatscht[e]«, aber eigentlich echt okaye Doku Queen – Days of Our Lives samt Bonusmaterial reingezogen – dreieinhalb Stunden Queen-Chraskurs – und besagte Biografie von Lesley-Ann Jones gelesen. Und natürlich: Queen rauf- und runtergehört. Here you go:

Damit kratzt man nach wie vor nur an der Oberfläche des Universums, das Queen erschaffen haben. Doch es hilft, um das Biopic Bohemian Rhapsody besser zu verstehen – in dem, was es ist, und was es nicht ist, nicht sein will und nicht sein kann.

Einen Blick hinter die Kulissen gewährt das Rolling Stone Magazin in einem exklusiven, deutsch synchronisierten Making-of-Video, hier zu sehen. Darin kommen alle Stars des Films zu Wort – und sogar die noch lebenden Bandmitglieder Brian May und Roger Taylor.

Close-up: Der Film im Fokus

Erster Eindruck | zum Auftakt des Films

Es geht klassisch los. Bilder von Freddie Mercury in vielen Detailaufnahmen, wie er sich aus dem Bett erhebt, am Morgen eines großen Tages. Die Ikone wird von hinten gezeigt, von der Seite angedeutet, wir sehen seine Katzen, sein glamouröses Haus. Etwas später, Backstage: In Ballerina-ähnlichen Sprüngen schwingt Freddie sich hoch zur Bühne. Von einer Band sehen wir noch nichts – die Kamera saust ihm voraus auf die Bühne, gewährt den Blick auf ein gigantisches, tosendes Publikum im Wembley-Stadion. Schnitt.

Soweit die einheizende Vorausblende. Einer konventionellen Biopic-Dramaturgie folgend geht es nun zurück in die Zeit vor dem Rummel, den Massen, der Berühmtheit. Freddie Mercury ist noch Farookh Bulsara, ein extravagant gekleideter junger Herr, der nach dem Rampenlicht lechzt. Fortan an aber, dank jener Vorausschau, ist jede Szene mit Bedeutung aufgeladen: Wir sehen hier den großen Freddie Mercury, der später Millionen begeistern wird, bei den ersten Schritten hin zu seinem Durchbruch. Wir erleben ihn anfangs im Umfeld seiner Familie. Ihre einige Jahre zurückliegende Flucht aus dem afrikanischen Sansibar – Freddies Geburtsort – nach Groß-Britannien wird nicht thematisiert.

Politik bleibt außen vor

Auch ein anderes Afrika-Kapitel der Band Queen klammert der Film im späteren Verlauf aus: Ihre Auftritte in Südafrika in Zeiten der Apartheid. Politik und Zeitgeschichte tangieren allenfalls die Handlung von Bohemian Rhapsody – ohne je den Fokus weg von der Band zu lenken, vom Zusammenhalt und der Zerrissenheit ihrer Mitglieder.

[Die Auftritte in Sun City] brachten der Band von vielen Seiten Kritik sowie Strafen und den Bann der britischen Musikergewerkschaft ein. Für einen in Afrika geborenen Musiker – wie Freddie – war es eine Ungeheuerlichkeit. Bis die Rassentrennung im Jahr 1993 aufgehoben wurde, blieb das ein Problem für die Band. Ein Jahr danach wurde Nelson Mandela zum Präsidenten Südafrikas gewählt. Queen gehörten in den darauffolgenden Jahren zu den wichtigen und aktivsten Unterstützern Mandelas.

Lesley-Ann Jones, S. 26

Es wäre sicher auch ein interessanter Film geworden, der Band- und Zeitgeschichte mehr miteinander verstrickt hätte – aber eben ein anderer Film. Spektakuläre Auftritte wie die beim Rock in Rio, 1985, vor Hunderttausenden Zuschauer*innen, werden gezeigt, ohne die damals in Brasilien herrschende Militärdiktatur zu einem Thema zu machen. In Bohemian Rhapsody geht es in erster Linie um Musik und die, die sie machen.

Lesenswert: Die Website History vs. Hollywood vergleicht die echte Bandgeschichte mit der Kino-Verfilmung.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Rund 3 Wochen ist es her, seit ich Bohemian Rhapsody gesehen habe. Seitdem höre ich Queen im Loop und lese mehr und mehr über die schier unerschöpfliche Bandgeschichte. Verglichen zu dem Kosmos, dass sich mir damit aufgetan hat, wirkt der Film rückblickend wie ein kleiner Ausschnitt dessen, was Queen eigentlich ist. Wie muss es erst eingefleischten, langjährigen Fans gehen? Etwas wirklich Neuartiges wird ihnen der Film Bohemian Rhapsody kaum geben. Statt historisch akkurat werden Wendepunkte der Bandgeschichte eher dramaturgisch zugespitzt wiedergegeben, von Fakten inspirierte Fiktion.

Was mir zu Bohemian Rhapsody besonders in Erinnerung bleibt ist das Gefühl, nicht nur mit dem Hype um eine Musiklegende konfrontiert worden zu sein – wie gesagt, jede Szene ist allein deshalb bedeutungsschwanger, weil sie eben von Prominenz XY erzählt – sondern auch mit der tatsächlichen Wucht selbst, mit der Queen ihr Publikum aufgewühlt haben. Der Funke springt über. Das ikonische Intro von We Will Rock You, der aufsteigende Chorus aus We Are The Champions, die opernhafte Bohemian Rhapsody – altbekannte Musikmomente werden für eine neue Generation potentieller Fans (zu der ich mich Spätchecker jetzt einfach mal dazuzähle) durch den Film erlebbar gemacht.

Bohemian Rhapsody bringt das große Kunststück fertig, aus Menschen, die noch nie Berührungspunkte mit der Band hatten, Queen-Fans zu machen.

Filmkritikerin Antje Wessels (Wessels Filmkritik)
Gänsehaut und breites Grinsen

Die Performance des Hauptdarstellers Rami Malek als Freddie Mercury ist wundervoll facettenreich, in leisen und schrillen Momenten. Die innere Konflikte ob seiner Sexualität transportiert Malek beeindruckend subtil auf die große Leinwand. Und wenn im Finale des Films mehrere Songs im Rahmen eines nachgestellten Live Aid Konzertes gebührend zum Besten gegeben werden, kann man nicht anders, als mit Gänsehaut und breitem Grinsen im Kinosessel zu versinken (oder je nach Fasson mit Tränen der Rührung…) – ganz große Momente. Allerdings, im Hinblick auf die Zeitzeugen des echten Live Aid Konzertes und des echten Freddie Mercury, darf man sich fragen: Wie wirkt der Film auf Menschen, die Inspiration und Inszenierung vergleichen können, weil sie die Legende selbst erlebt haben?

Hier die Originalaufnahmen vom Queen-Auftritt beim Live Aid Konzert im Jahr 1985. Veranstalter Bob Geldof über diesen Auftritt:

Queen waren bei Live Aid absolut die beste Band der ganzen Veranstaltung. Da spielte der persönliche Musikgeschmack keine Rolle. Als der Tag kam, spielten sie am besten, sie hatten den besten Sound und sie nutzten ihre Zeit am besten. Sie haben genau verstanden, worum es dabei ging […]

Zitiert nach: Lesley-Ann Jones, S. 29

Geldof konnte nicht wissen, genau wie alle anderen auch, dass kurz bevor Queen um 18:40 Uhr die Bühne betreten sollten, ihr Livemischer James »Trip« Khalaf nach draußen gegangen war, um dem Mischpult einen Besuch abzustatten und heimlich ein wenig an den lautstärkebegrenzenden Limitern zu drehen. »Wir waren lauter als alle anderen bei Live Aid«, gab Roger Taylor zu.

Lesley-Ann Jones, S. 29

Solche kleinen Anekdoten haben auch in den Film Bohemian Rhapsody Einzug gefunden. Das ganze Ausmaß der Detailverliebtheit dieser Leinwand-Adaption  vermögen echte Queen-Fans allerdings sicher besser zu beurteilen.

Appell an den Anstand

Die bösen Schlagzeilen übrigens, die Queen im Laufe ihrer Karriere zu schlucken hatten, sowie überhaupt das etwas unliebsame Verhältnis zur Presse, werden in Bohemian Rhapsody nur punktuell behandelt – dafür umso präziser. So fragt ein Journalist den Frontsänger Freddie Mercury auf einer Pressekonferenz, ob er sich die krummen Zähne nicht mal begradigen lassen werde? (Als Zuschauer*innen wissen wir zu dem Zeitpunkt bereits, dass die besondere Ausprägung von Freddies Zähnen zu dessen enormen Gesang beiträgt.) Freddie reagiert mit einem Witz: Er wolle hier unter den Briten nicht so auffallen – das funktioniere mit schiefen Zähnen eben besser. Im gleichen Atemzug fragt er diesen Journalisten aber nach dessen »manners« und appelliert an den Anstand. Der gut erzogene, höfliche Rockstar im Kreuzverhör mit seinen rüden Kritiker*innen – diese Szene gehört für mich zu einer der besten des Films.

Fazit zu Bohemian Rhapsody

So viel ist sicher: Bohemian Rhapsody schafft es, die Begeisterung für Queen zu transportieren. Klar kann man danach aus dem Kino latschen und mit den Achseln zucken – hat man halt kein Herz inne Brust, auch gut. Wenn im Abspann zu The Show Must Go On schließlich einige Originalaufnahmen über die Leinwand flimmern, nach einem so kurzweiligen wie unterhaltsamen Biopic, dann werden die meisten sicher noch mehr wollen: Mehr Freddie, mehr Queen, mehr Musik. Mission erfüllt, ansteckender Streifen!

Andererseits: Natürlich ist der Film sehr wohlwollend seinen Figuren gegenüber – Gitarrist Brian May und Schlagzeuger Roger Taylor haben diesem Andenken an Freddie immerhin ihren Segen gegeben. Man mag Bohemian Rhapsody also als etwas einseitig und zu »glatt« empfinden. Denn gewiss, so herrlich raubeinig wie manch Musikvideo der Band ist der Film sicherlich nicht. In diesem Sinne, zu guter Letzt, Freddie Breaking Free:

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