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DER JUNGE MUSS AN DIE FRISCHE LUFT | Film 2018 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 8. Januar 2019 um 18:05

Ich bin dann mal im Kino… Hape Kerkeling hat im Jahr 2014 ein autobiografisches Buch über seine Kindheit geschrieben, das nun seinen Weg an die große Leinwand gefunden hat: Der Junge muss an die frische Luft. Für Fans des facettenreichen Entertainers ein Muss – doch funktioniert der Film auch ohne Hape-Hype, als einfaches Porträt eines scharfsinnigen Jungen aus dem Ruhrgebiet?

Julius Weckauf und Luise Heyer in »Der Junge muss an die frische Luft«

Zum Inhalt: Im Jahr 1972 zieht die Familie Kerkeling vom Land in die Vorstadt. Für den kleinen Hans-Peter (Julius Weckauf) heißt das: Freunde finden, Umgebung erkunden. Ob daheim oder im Laden an der Ecke – der fröhliche Junge verbringt viel Zeit mit seinen Großeltern. Zu Karneval verkleidet er sich als Prinzessin, vor dem Fernseher tanzt er zur Musik mit und kaum verlassen Tratschtanten den Raum, imitiert er ihr Gehabe auf eine Art, bei der kein Auge trocken bleibt. Heile Welt also, wenn da nicht Hans-Peters Mutter (Luise Heyer) wäre…

Kleine Welt, wohin mit mir?

Die Oscar-Preisträgerin Caroline Link (Nirgendwo in Afrika, Exit Marrakesch) nennt es die »schnellste Entscheidung«, die sie in ihrem Leben getroffen habe – so begeistert nahm sie sich der Autobiografie Der Junge muss an die frische Luft von Hape Kerkelings Kindheit an. Dabei war die Regisseurin bis dato dafür bekannt, nur ihre eigenen Stoffe zu inszenieren. Stattdessen war es in diesem Fall Drehbuchautorin Ruth Toma (Solino, Emmas Glück), die das Buch von Kerkeling für die Verfilmung adaptierte. Dazu Filmkritikerin Antje Wessels mit entsprechender Kenntnis der Vorlage:

Drehbuchautorin Ruth Toma hält sich mit ihrem Skript sehr genau an das, was die von Hape Kerkeling selbst verfasste Romanvorlage hergibt. Und das bedeutet eben auch, dass die dem Protagonisten und seinem Umfeld widerfahrenen Schicksalsschläge für sich genommen tieftraurig sind und nur von dem nimmermüden, schon in Kindheitstagen ein ungeheures Komik- und Unterhaltungstalent besitzenden Hans Peter davor bewahrt werden, sich wie Blei auf die Stimmung des Zuschauers niederzulegen.

Antje Wessels (Wessels Filmkritik)

Die Entdeckung des Films

Der junge Julius Weckauf (geboren 2007), Star dieses Films, kannte vor dem Projekt zwar den lustigen Kauz namens Horst Schlämmer – doch von einem Hape Kerkeling hatte er noch nie gehört. Muss ein bisschen wie der Moment gewesen sein, da sich der Weihnachtsmann in die Rubrik »Kindermärchen« verabschiedet. Zurück blieb »nur« einer der bekanntesten TV-Stars Deutschland, den das hiesige Publikum nun noch besser kennenlernen soll. Beim Casting war »Hape kennen« jedenfalls also kein Kriterium. Stattdessen legte Julius Weckauf ganz andere Qualitäten an den Tag, von denen man sich nun eindrucksvoll selbst überzeugen kann. So viel sei gesagt: Mit solchen einem starken Debüt steigen die wenigsten Schauspieler*innen in ihre Karriere ein.

Er war am Anfang auch eher schüchtern und zurückhaltend, ist dann aber irgendwann ein bisschen aufgetaut. Und was er echt gut konnte, viel besser als alle anderen, war mit Sprache umzugehen. Er konnte schon so cool reden und gut formulieren. Das ist ja auch ein großer Baustein von Hapes Kunst, wie er mit Sprache, Betonung, Ironie, Dialekten und Fremdsprachen umgeht […]

Caroline Link im Gespräch mit Filmlöwin

Die Stars vor und hinter der Kamera über den Film Der Junge muss an die frische Luft:

Die frühen Siebziger fängt Der Junge muss an die frische Luft in wundervollen Bildern ein. Ob idyllisches Landschaftspanorama oder raue Vorstadtkulisse – der Film ist grandios fotografiert. Der »Lebensraum« des Jungen bleibt überschaubar, denn »an die frische Luft« im Sinne von »mal weiter weg« geht’s eben nur selten. Doch für frischen Wind sorgt das Kind schon ganz alleine: Mit lauter Einfällen, um die Verwandten um sich herum bei Laune zu halten –und siehe da: Der Junge will nicht nur witzig sein, er ist tatsächlich zum Brüllen komisch!

Die Resonanz des Publikums

Diesen Befund stütze ich nicht nur auf meine eigene Meinung (denn ich bin vergleichsweise leicht zu begeistern), sondern auf einen vollbesetzten Kinosaal, in dem ich diesen Film erleben durfte. Und dann zitiere ich hier noch eine Michaela H. aus den YouTube-Kommentarspalten, der zweierlei besonders im Gedächtnis geblieben ist:

Einmal das Gefühl, Hape Kerkeling wieder ein bisschen »nahe« sein zu können – dem Komik-Genie, das einfach großartig war und ein ganz besonderer Mensch ist und der mir schmerzlich in der Medienlandschaft fehlt wie kein zweiter – und dann dieser Eindruck eines Kinderschauspielers, der wirklich unfassbar gut gespielt hat! Das nächste Genie?! Irre, wirklich irre! Der ganze Film hat soviel »Feinsinniges«, einfach genial!

Michaela H.

Der Kommentar findet sich zu diesem Beitrag von ttt – titel, thesen, temperamente über den Film, ebenfalls sehenswert:

Manch altbackene Kritiker*innen mögen ihre »Gender-Bedenken« äußern, wenn sie einen Jungen sehen, der sich gerne schminkt, feminin gibt und Männermodells begutachtet. Dazu empfehle ich – nur beispielsweise – die Bücher von Simone de Beauvoir (Das andere Geschlecht) und Judith Butler (Das Unbehagen der Geschlechter) und hey, noch den Film Girl (2018). Ein kleiner Crashkurs in Sachen Gender und Sexualität, nach dem man über einen Jungen in Frauenkleidern nichts mehr zu monieren haben sollte.

Fazit zu Der Junge muss an die frische Luft

Umgeben von starken Frauen und stillen Männern erleben wir einen Jungen seinen Platz in der (kleinen) Welt suchen. Dabei gibt es zwischen den heiteren Szenen auch heftige Schicksalsschläge, so dass Lachtränen und tiefe Trauer nah beieinander liegen. Der Regisseurin Caroline Link gelingt es, die Balance zu halten. Das Ergebnis ist ein Biopic mit Herz und Seele und nur ein klitzekleines bisschen Pathos zum Schluß, mit einem Bogenschlag in die Gegenwart, den es für meinen Geschmack nicht mehr gebraucht hätte. So oder so, großes Sehvergnügen!

Hier noch ein paar Interviews mit den Stars des Films:

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