Cinemathek

ISLE OF DOGS mit Greta Gerwig | Film 2018 | Kritik, Review

Wes Anderson ist wieder da! Einmal mehr hat er die Berlinale eröffnet, dieses Mal mit seinem zweiten Animationsfilm: Isle Of Dogs. Es geht um eine dystopische Zukunft, in der alle Hunde auf eine dreckige Müllinsel verbannt werden, um dort elendig zu verrecken. Allein ein kleiner Junge macht sich die Mühe, auf dieser Insel seinen verschollenen Hund zu suchen, unter Lebensgefahr. Klingt alles hart, ist trotzdem für Kinder geeignet. Eigentlich. Aber…

Hinweis: Liebe Leser*innen, dieser Text enthält keine Spoiler. Er verrät überhaupt wenig zur Handlung, dafür empfehle ich den Trailer oder Wikipedia (doch da gibt’s Spoiler, aufgepasst!). Stattdessen schauen wir uns an, was der Film gut macht – und was nicht. Der Film ist am 10. Mai 2018 in deutschen Kinos angelaufen.

Der Charakter von Greta Gerwig in dem Animationsfilm Isle Of Dogs | Bild: Twentieth Century Fox
Der Charakter von Greta Gerwig in dem Animationsfilm Isle Of Dogs | Bild: Twentieth Century Fox

Die Menschheit hat Hunde nicht verdient

Sag‘ mal Isle Of Dogs, dreimal schnell nacheinander: Isle Of Dogs, Isleofdogs, I love dogs. Ja, das dürfte kein Zufall sein. Der Animationsfilm zeigt den besten Freund des Menschen zwar nicht von seiner hübschesten Seite. Doch eben das ist zu begrüßen. Es lenkt den Blick auf den Aspekt, der Hunde so großartig macht. Nicht ihr niedliches, stattliches, wie auch immer geartetes Äußeres, sondern ihr bemerkenswert treues, manchmal liebenswert treudoofes Wesen. Ein Wesen so viel reiner als unser menschlich zerrissenes Sein. Anna Greer hat in ihrer Rezension für das Frauen-Lifestyle-Magazin Bust diese schöne Beobachtung gemacht (aus dem Englischen übersetzt):

Man mag an manchen Stellen weinen, denn die Menschheit hat Hunde nicht verdient. | Anna Greer

Totale: Isle Of Dogs im Zusammenhang

Historischer Kontext

In diesem Sinne ist Isle Of Dogs eine wunderbare Fabel über Menschen und Hunde und warum Letztere unsere ewigen, wahren Helden sein werden. Unter anderem nämlich weil Erstere es schaffen, selbst ein visuelles Meisterwerk wie Isle Of Dogs mit ihren allzu menschlichen Flausen zu füllen. Dazu nochmal Anna Greer, die weiter schreibt:

Man mag an manchen Stellen mit den Augen rollen, weil ein Mädchen eine politische Wutrede damit beendet, dass sie realisiert, wie verknallt sie in ihr politisches Idol ist – was als Punchline herhalten soll. Zuschauer*innen müssen sich seit Jahrzehnten mit guten und trotzdem problematischen Filmen abfinden. In der Ära von Black Panther und Das Zeiträtsel sollen wir an gute Filme höhere Ansprüche stellen und mehr erwarten von den Geschichten, die sie uns erzählen wollen.

Genau das soll im Folgenden geschehen. Wer es noch nicht weiß, kann’s in einem bunten Strauß deutscher Filmkritiken lesen (die DIE ZEIT, FAZ, taz und Co): Isle Of Dogs ist ein wunderschöner Animationsfilm von beispielloser Detailverliebtheit. Die Handlung spielt in einem fiktiven Japan der nicht so fernen Zukunft, in etwa 20 Jahren. Die Geschichte des Films indes bedient sich der zurückliegenden Geschichte der Menschheit – mit ihren totalitären Systemen, Propaganda und Hetze, Abschottung und Ausrottung. Ob die Zuschauer*innen bei gewissen Kulissen, Charakteren oder Twists an Ausschwitz, Stalin oder Trump denken, ist letztlich austauschbar. In Sachen historischer Assoziationen ist jede*r mal wieder eingebettet in ihre oder seine kulturelle Standortverbundenheit. Egal wann und wo, das Böse wohnt in uns. Auch in etwa 20 Jahren in einem fiktiven Japan, daran kein Zweifel.

Persönlicher Kontext

Ich persönlich stecke all meine Hoffnung in künstliche Intelligenz und Roboter, um uns Menschen die Makel auszutreiben. Aber das ist ein anderes Thema (mit dem man bei Grillabenden und anderen alltäglichen Gelegenheiten nicht gut landet, nur so am Rande). Den Film Isle Of Dogs habe ich spontan auf Einladung eines Kumpels im Aachener Apollo Kino gesehen, Original mit Untertitel. Tatsächlich hat mich die Bildgewalt so eingenommen, merke ich gerade, dass ich mich an gar keine Untertitel erinnern kann. Auf meiner Liste stand der Film im Übrigen wegen Greta Gerwig (Frances Ha, Hannah Takes The Stairs, Lady Bird), über die ich in letzter Zeit so viel gelesen und geschrieben habe, dass ich mir ihr neustes Projekt nicht entgehen lassen wollte. Greta Gerwig leiht in Isle Of Dogs jenem politisch ambitionierten Mädchen die Stimme, das sich in den Filmhelden verliebt.

Close-Up: Isle Of Dogs im Fokus

Erster Eindruck | zum Auftakt des Films

Als Greta Gerwig auf der Berlinale von kinowetter nach ihrem ersten Eindruck vom fertigen Film gefragt wurde, erzählte sie, dass sie ihren Part an nur einem Nachmittag (!) vor über zwei Jahren eingesprochen hat, auf Grundlage von Animatics. Greta Gerwig hat also selbst erst mit dem Trailer einen Eindruck von der visuellen Kraft bekommen, die diesen Film schon im Vorspann und herrlich komischen Prolog begleitet.

Es ist absolut faszinierend: Irgendwann rund um die Dreharbeiten seines ersten Animationsfilms Fantastic Mr. Fox (2009) wurde der Regisseur Wes Anderson in London auf ein Straßenschild zur Isle Of Dogs aufmerksam (die es tatsächlich gibt, als Ort, wo irgendein König einst seine Jagdhunde hielt, wie Anderson beim Q&A im Lincoln Center erzählt). Diese kleine Beobachtung war der Auslöser dafür, dass Anderson mit seinem Team die Idee zum Film Isle Of Dogs entwickelte und Jahre später eine Hundertschaft von Künstlerinnen die Insel der Hunde als Kulisse für ein Stop-Motion-Spektakel erschufen – mit atemberaubendem Aufwand.

Die Künstler hinter den Kulissen

So sehr man Wes Andersons visionären, markanten Stil feiern mag, der seine ganze Filmografie wie eine sehr dominante Handschrift durchzieht und auch Isle Of Dogs von den ersten Sekunden an prägt, muss man gerade bei diesem Film die Künstlerschar im Hintergrund mal nach vorne holen. Nick Chen hat für Dazed ein Interview mit dem Kameramann Tristan Oliver, dem animation director Mark Waring sowie Angela Kiely geführt, ihrerseits head of puppet painting. Sie sagt zum ersten Eindruck vom Gesamtwerk:

Angela Kiely: […] man sieht den Film immer nur in Fragmenten. Man sieht eine bestimmte Sekunde immer und immer wieder, aber nicht das große Ganze. […] Als wir den Film endlich gesehen habe, hat er uns weggefegt!

Selbst ohne, dass man Jahre an intensiver Arbeit in dieses Projekt gesteckt hat, fegt es mich weg. Was für ein Augenschmaus, was für ein toller Humor! Dieser Humor durchzieht übrigens auch das Making-of, das FOX Searchlight in Ausschnitten veröffentlicht hat. Es lohnt sich wirklich, mal in diese Playlist reinzuschauen, um einen klitzekleinen Eindruck davon zu bekommen, was für ein Mammutprojekt Isle Of Dogs eigentlich ist!

Hinter den Kulissen von Isle Of Dogs:

Bleibender Eindruck | Zur Wirkung des Films

Aber wie eingangs angedeutet: higher standards! Wir sollten mit höheren Ansprüchen an ein Kunstwerk herantreten können, das im Jahr 2018 von einem gestandenen Meisterregisseur kommt, der nicht zum ersten Mal in der Kritik steht. Schon nach Darjeeling Limited (2007) machte man Anderson zum Vorwurf, sich der indischen Kultur in einem geradezu kolonialistisch anmutenden Kunstgriff nur zu ästhetischen/visuellen Zwecken zu bedienen. Ähnliches kann man ihm nun nach Isle Of Dogs bezüglich Japan an den Kopf werfen. Die japanische Kultur wird durch die Touristenbrille durch seine Must-Haves definiert: Sumo, Sushi, Yoko Ono!? Dadurch, dass alles japanische Gesprochene nicht übersetzt wird, bleiben uns die Kultur und Charaktere auf Distanz. Und ausgerechnet die amerikanische Austauschschülerin – das von Greta Gerwig synchronisierte Mädchen – mausert sich zur Retterin ihrer japanischen Freunde.

Gebärende Hündinnen und schwärmende Mädchen

Immerhin ein Mädchen, mag man jetzt munkeln, da ich schon das Sexismus-Problem von Isle Of Dogs angedeutet habe. Ich frage mich, mit welchen Gefühlen Greta Gerwig, nachdem sie den Film in Berlin erstmal als Gesamtwerk gesehen hat, diesbezüglich das Kino verlässt: Der Haupt-Cast des Films ist komplett männlich, sowohl die fünf Vierbeiner als auch Atari, der Junge, um dessen Heldenreise es im Großen und Ganzen geht. Die einzigen weiblichen Hunde sind Nutmeg, das schöne, Tricks aufführende Show-Hündchen mit der lasziv anmutenden Stimme von Scarlett Johansson (dass ich diese Stimme als lasziv empfinde, ist vermutlich sexistisch meinerseits) sowie die Hündin, deren Name mir nicht mal einfällt, die aber ohnehin nur dazu da ist, um dem Alpha-Hund einen Schwung Welpen zu gebären.

Unter den menschlichen Vertretern ist da eben noch die Wissenschaftlerin, die von Yoko Ono gesprochen wird, und in ihrer einzigen größeren Szene einem verstorbenen Mann nachtrauert. Kurzum: Greta Gerwigs Rolle ist die einzige nennenswerte weibliche Hauptrolle, deren Motivation nicht etwa rein idealistischer Natur ist, sondern natürlich die Schwärmerei für den Jungen Atari.

Es mag kleinlich wirken, offensichtliche Kino-Meisterwerke auf solch scheinbar banale Rollenverhältnisse zu inspizieren. Es mag zufällig wirken, dass es jetzt halt ausgerechnet mal so ist, dass alle Haupt-Hunde männlich sind. Doch je öfter ich darauf achte, desto weniger scheint mir Zufall als vielmehr tradiertes Storytelling zugrunde zu liegen. Und damit werden gerade den jüngeren Zuschauer*innen bestimmte Rollenverhältnisse weiterhin als Norm etabliert: Männchen handeln heldenhaft und Weibchen sehen gut aus, gebären Welpen und himmeln ihre Männchen an.

Fazit zu Isle Of Dogs

Als Kind habe ich Wile E. Coyote und Road Runner geliebt, der liebenswert-dämliche Koyote auf der Jagd nach dem komischen Vogel. Meep meep! Diesen harmlosen Humor finde ich im Film Isle Of Dogs wieder. Auch einen Hauch von der Poesie des kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry und überdeutlich eine Parabel à la Farm der Tiere von George Orwell. Für andere Kinogänger*innen offenbaren sich Referenzen an das japanische Kino eines Akira Kurosawa, kurzum: Es ist für jede*n was dabei! Isle Of Dogs ist ein unterhaltsames Kunstwerk mit bewussten und unfreiwilligen Messages, die es zu diskutieren lohnt. Daher: Absolut sehenswert!


Weblinks:
  • Filmkritik | Anke Westphal (epd) über den Film Isle Of Dogs
  • Filmkritik | Julie Bindel (The Spectator) über den Film: Isle of Dogs is a sexist disgrace (englisch)
  • Filmkritik | Ann Hornaday (Washington Post) über den Film: Wes Anderson brings his jewel-box aesthetic to Japan with ‘Isle of Dogs’ (englisch)

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