Aktuelles Erfahrungsbericht Poetry Slam

SpokenWordClub mit Micha-El Goehre, Lena Liebkind & Co.

Am gestrigen Freitag, 8. Juni, lud der SpokenWordClub in Köln zur letzten Sause vor der großen Sommerpause. Drum bekam die Show das Thema »Abschied« verpasst und wurde tränenreich. Doch abgesehen von einem wirklichen Abschied gestern Abend, der traurig war und eine Lücke hinterlassen wird, abgesehen davon gab’s überwiegend Lachtränen. Neben Comedy außerdem im Programm: Live-Musik, Talk und Rap und eine Lesung mit Ekel-Faktor von Micha-El Goehre.

Performance-Potpourri zum Abschied

Apropos Ekel-Faktor: Im Backstage-Bereich des Club Bahnhof Ehrenfeld hätte man mit einem Duschabwischer den Schweiß eimerweise von den Wänden wischen können, so kuschlig-muffig war’s dank der hohen Außentemperaturen im Kabuff unter der Bahnhofsbrücke. Dagegen ist ein Affenkäfig ein Luftkurort. Zum Glück verfügt der Club Bahnhof Ehrenfeld in Köln über eine doch ziemlich fette Klimaanlage, so dass wenigstens das Publikum auf Wohlfühlklima gehalten wurde. Lag vielleicht auch daran, dass (eben wegen des grandiosen Wetters) die Show dieses Mal nicht ausverkauft war.

Lena Liebkind, Micha-El Goehre und ein am Boden zerstörter Norman Sosa beim SpokenWordClub.
Lena Liebkind, Micha-El Goehre und ein am Boden zerstörter Norman Sosa – nur ein kleiner Teil des Line-ups vom letzten SpokenWordClub vor der Sommerpause.

Hier geht es zu weiteren Fotos vom SpokenWordClub am Freitag, 8. Juni 2018.

Mehr Luft zum Atmen für die Anwesenden, mit denen Singer/Songwriter Dan O’Clock in geradezu familiärer Atmosphäre ein kleines Warm-up veranstaltete. Als wenn zum Warm-werden gestern irgendwer ne Anleitung brauchte… Aber es hat ja schon Tradition, dass Dan O’Clock erst ein paar Songs und Spökes abrockt, ehe er mit der Showband das Intro auf die Bühne legt und die Moderatoren aus ihrem Kabuff hervorruft (dieses Mal ein besonders spannender Moment: Liegen die beiden Moderatoren backstage überhitzt in der Ecke und brauchen erstmal Eiswürfel, oder können sie noch selbständig gehen? Siehe da: Letzteres!)

1 Jesse, 1 Norman, 0 Muffins

Der Schauspieler Jesse Albert und der Stand-Up-Comedian Norman Sosa haben sich erneut die Ehre gegeben, den SpokenWordClub als Moderatoren-Duo zu begleiten. Zur letzten Show vor der Sommerpause tauchte Norman sogar pünktlich auf! Locker ne Dreiviertelstunde vor Showbeginn stand er im Backstage-Bereich. Mein Tipp: Er hat darauf gehofft, irgendjemand habe zur Abschieds-Show Muffins gebacken. Oh, welch Enttäuschung müssen die Babytomaten und Haribo-Tüten gewesen sein. Ich glücklicher Mann habe aus der Catering-Ecke noch ne Mini-Pizza ergattern können (zumindest hoffe ich, dass sie zu unserem Catering gehörte – lag etwas abseits und schmeckte etwas ledrig, aber na ja, Pizza ist Pizza ist immer geil). Hab noch zwei Hände voll Weingummis hinterher geschüttet und das während der Show schön bereut, als ich hinter meiner Kamera spürte, wie sich im Magen ein Klumpatsch Gelatine um den Pizza-Happen legte. Klingt ekelhaft? Warte ab, bis ich zum Programmpunkt Lesung von Micha-El Goehre komme…

Comedian Jamie Wierzbicki beim SpokenWordClub im CBE Köln.
Comedian Jamie Wierzbicki beim SpokenWordClub im CBE Köln.

Den Auftakt machte der Comedian Jamie Wierzbicki, seinerseits schonmal zu Gast beim SpokenWordClub. Und ach, wenn ich mich so an seine Anekdoten erinnere, ging’s mit diesem ersten Akt schon gut los in Sachen Ekel-Faktor. Wobei Stuhlgang ja noch ganz menschlich und alltäglich ist. Jamie Wierzbicki berichtete von Kloerlebnissen mit Bewegungsmelder-Beleuchtung. Kennt man ja: Sitzte mal drei Minuten in Ruhe auf’m Pott, schwups, stockfinster in der Kabine. Wie man ein solches Problemchen löst, unter anderem darum ging’s bei Jamie Wierzbicki.

Nach Köln gekommen, um zu bleiben: Lena Liebkind

Ein solider Start in den Abend, dicht gefolgt von Lena Liebkind, die prompt ihre Vorfreude kundtat: In Kürze zieht es die Comedienne dauerhaft nach Köln! Dort hat sie schon am Freitagmittag vor der Show ganz entspannt die Sonne im Park genossen und »die Asozialen« beim Abhängen beobachtet, »oder wie nennt ihr sie hier? Studenten, genau.« Um gescheiterte Kuppelversuche und peinliche Marotten ging’s beim Auftritt von Lena Liebkind, die als Vollzeit-Komikerin gerade neue Stoffe erarbeitet. Ich habe sie mit der gestrigen Performance gerade erst kennengelernt und bin gespannt, mehr von ihr zu hören.

Hier geht’s zu Erlebnisberichten der zurückliegenden SpokenWordClub-Saison, jeweils mit Video vom Abend:

Video zum SpokenWordClub im Juni 2018:

Amin Afify mit der Showband

Nach Lena Liebkind gab es Musik von Amin Afify, bekannt aus The Voice of Germany, wenn man The Voice of Germany kennt. Ich glaube, das läuft im Fernsehen, diesem altmodischen Phänomen eines linearen Programms, für das sich die Zuschauer*innen festen Sendezeiten unterordnen müssen. Mit Werbeblocks, die man nicht skippen kann, was ja okay ist, weil sich die Endgeräte eh nicht gut mit auf Klo nehmen lassen. Also einfach Werbung und Pinkeln synchronisieren und schwups, Fernsehen macht Spaß? Nee, keine Ahnung, mir bleibt es ein Rätsel, wie Fernsehen sich immer noch behaupten kann, in Zeiten des Internets. Zum Glück ist Amin Afify auch im World Wide Web unterwegs. Sein Album Treehouse (2017) gibt’s zum Beispiel bei Spotify. Reinhören? Klar doch:

Auf dem Album singt er mal Deutsch, mal Englisch – und eben so gab er beim SpokenWordClub zwei Songs in den zwei Sprachen zum Besten, mit seiner wirklich bemerkenswerten Stimme und unterstützt von der fantastischen SpokenWordClub-Showband.

Def Benski im Talk und Musikvideo

Als Talkgast war in dieser Ausgabe der stimmgewaltige Porzer Jung am Start: Def Benski! Schön mit Norman Sosa über alte Zeiten, Die Firma und das Musikerleben geschnackt, noch ’n kleinen Rap abgeliefert und am Rande sein neues Musikvideo erwähnt, das »gerade erst online gegangen ist.« Hat mich doch neugierig gemacht. Und siehe da: Geiles Teil geworden!

Im letzten Akt gab’s dann noch mal Comedy vom Feinsten mit Sertaç Mutlu, der – nicht weniger stimmgewaltig als Def Benski – in diverse Rollen schlüpfte, um das Publikum mit lachverkrampften Bauchmuskeln in die laue Juni-Nacht zu entlassen. Damit geht eine SpokenWordClub-Saison zu Ende, die ich von hinter der Kamera mitverfolgen und ihre goldigsten Momente zusammenschneiden durfte. Lauter schöne Erlebnisse für Aug und Ohr waren das!

Der SpokenWordClub kommt wieder

Weiter geht’s erst im September, mit einem Spätsommer-Special im Odonien. Dann mit minimal anderer Besetzung hinter der Bühne, weil in dieser »Abschied«-Ausgabe vom SpokenWordClub tatsächlich Abschied genommen werden musste – von Aufnahmeleiterin und »Stage-Mutti« Ramona Schipler, die zum letzten Mal hinter den Kulissen für Recht und Ordnung sorgte. Mit Blumen und Sektchen wurde sie zwischen den Sketchen und Acts noch einmal von allen geherzt. Dieses Mal vor den Kulissen, mitten auf der Bühne, samt tosendem Applaus des gestern Abend großartig gestimmten Publikums.

Micha-El Goehre und das Problem mit dem Ohr

Oh, ich hab die Ekel-Lesung vergessen! Aber nicht doch: Den Autor, Blogger und Poetry-Slammer Micha-El Goehre muss man sich für das Schlusswort aufheben. Gestern »begeisterte« er beim SpokenWordClub noch mit einem Text über eine heiße Nacht, die am nächsten Morgen darin aufging, dass er seinem Date in Ohr gesabbert hat. Frage an die Leserschaft: Wie bekommt man einen Speichelteich unbemerkt aus dem Ohr eines schlafenden Menschen, mit dem man danach noch die Option auf romantische Liebe haben möchte? So viel sei verraten: Die Handlungsmöglichkeiten sind allesamt mehr oder minder ekelhaft – und es war ein herrlicher Spaß, die Zuschauer*innen im Publikum sich kräuseln zu sehen vor Ekeln und Lachen im Wechselspiel. Richtig toller Auftritt von Micha-El Goehre!

Micha-El Goehre beim SpokenWordClub im CBE Köln.
Micha-El Goehre beim SpokenWordClub im CBE Köln.

Aber ein gutes Schlusswort ist diese Ohr-Speichel-Anekdote eigentlich nicht. Schnurzpiep, denn Micha-El Goehre hat noch so viel mehr auf Lager. Moderator Jesse Albert wies im Interview mit dem Poetry-Slammer zu recht auf einen Text hin, der durchs Internet schwirrt und jedes offene Ohr wert ist: Völkerball (Ein Text für Europa). Dieser Text von Micha-El Goehre ist wichtig, denn wir leben (wie es vermutlich jede Generation jemals gesagt hat) in wirren, irren, bescheuerten Zeiten.

Was sollen die Aliens denken?

Heute morgen las ich noch DIE ZEIT und mir sträubten sich schon wieder die Nackenhaare, als in einem Artikel Donald Trump zitiert wurde. Tatsächlich mal zwei, drei völlig normale, zusammenhängende Sätze zum Thema Nordkorea, ein »Kommentar des US-Präsidenten«. Als handele es sich bei Donald Trump um einen Politiker, der eine kompetente Aussage zu Nordkorea (oder sonstwas) treffen könnte. Ich vermisse bei sowas den Kontext, dass es sich ja immer noch um einen verlogenen Clown handelt, der sexistisch redet und rassistisch handelt, wahlweise andersherum, und – ach! – mit dem stolzen Allgemeinwissen eines 5-Jährigen auftrumpft.

Wenn wir diesen Kontext nicht beharrlich mitliefern und solche Clowns wie ernst zu nehmende Politiker zitieren – was sollen denn dann unsere späten, späten Nachkommen oder etwaige Aliens irgendwann mal denken, wenn sie solche Zeitungsartikel ausgraben? Dass wir in dem Kommentar dieses Clowns, der zwischen unzähligen geistigen Totalausfällen zufällig auch mal was Zitierfähiges schwafelt, eine relevante Aussage sehen!?

emotional vs. sachlich

Ich weiß, in meiner blanken, einseitigen Antihaltung gegen einen gewählten Amtsträger wie der Donald komme ich nicht sehr sachlich daher. Aber scheiß auf sachlich. Sachlich können wir Menschen nicht. Menschen sind EMOTIONAL! Das ist ja das Problem und andererseits auch irgendwie schön. Emotionen machen uns aus, weit mehr als ein Gespür für Gerechtigkeit und Gemeinschaft. Und das ist schon wieder nicht schön. Ach, Menschen, hin-und-her-gerissene, irrationale, sich-selbst-überschätzende Wesen, die mit ihren Makeln und Trieben auf der Stelle treten… wie ich uns hassliebe.

Zum Schluss ne Runde Völkerball, von Micha-El Goehre:

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