Film Interview

Regisseur Benjamin Teske im Interview

Zuletzt aktualisiert am 13. März 2018 um 10:44

Bei der Werkstatt der Jungen Filmszene in Wiesbaden sah ich am Sonntagabend einen Kurzfilm von so tragischer Schönheit, dass ich wenige Tage danach den Regisseur anschrieb. Ich wollte Kopf und Herz hinter diesem Projekt kennenlernen. So kam es zu einem Interview mit dem Filmemacher Benjamin Teske, geboren im Jahr 1983 und jüngst an der Hamburg Media School in den Regie-Studiengang gestartet.

Reklame der FilmBühne Caligari, dazu der Schriftzug: Benjamin Teske im Interview

David Johann Lensing: Dein Kurzfilm Try A Little Tenderness , der am Sonntag bei der Werkstatt der Jungen Filmszene gezeigt wurde, basiert auf einer literarische Vorlage – welche war’s?

Benjamin Teske: Hinter Try A Little Tenderness steht die französische Kurzgeschichte Un peu de tendresse von Martin Page. Diese hatte ich 2007 das erste Mal gelesen und fand sie großartig, weil sie sofort Bilder in meinem Kopf entstehen ließ. Ich schlug meiner Kamerafrau Constanze Schmitt vor, daraus einen Kurzfilm zu machen. Unsere Vorgabe in der Uni (damals Beuth Hochschule für Technik, „Audiovisuelle Medien/Kamera“, 3. Semester) war, einen szenischen Kurzfilm zu drehen. Der deutsche Verlag stellte Kontakt zu Martin Page her. Er fand unsere Idee toll und erlaubte uns, seinen Text zu verwenden. Ich habe mich auch sehr nah an das Original gehalten, als ich die Geschichte adaptierte, da das schon sehr filmisch war und ich den vorgegeben Stil mochte.

Dann gab es noch den gleichnamigen Song von Otis Redding. Musikrechte im Film sind eine sehr nervige Angelegenheit, weil es verschiedene Rechteinhaber gibt. Auf jeden Fall konnte ich mich mit dem Musikverlag darauf einigen, die Rechte für die nicht-kommerzielle Verwertung auf Festivals für ein bisschen Geld zu bekommen.

Als „Neuling“ ernstgenommen werden

Adolfo Assor und Cosma Shiva Hagen standen für dich vor der Kamera – dein erstes Mal mit professionellen Schauspielern? Wie lief die Zusammenarbeit?

Benjamin Teske: Try A Little Tenderness war unser erster eigener professioneller Filmdreh. Natürlich haben wir davor schon einige Kurzfilme gemacht und bei diversen Projekten mitgearbeitet, das hatte aber einen ganz anderen Umfang. Bei Try A Little Tenderness haben wir auch zum allerersten Mal mit Profis vor der Kamera gearbeitet. Adolfo und Cosma sind zwei sehr erfahrene Schauspieler. Ich hatte natürlich unheimlich viel Respekt. Man hofft, von ihnen als „Neuling“ ernst genommen zu werden. Constanze und ich haben uns da einfach reingestürzt und gemacht.

Irgendwann ist das Projekt sehr groß geworden. Wir haben von der Vorproduktion, dem Casting, Drehbuch schreiben, Dispos erstellen, Technik buchen, Sponsoren anfragen, Catering organisieren und, und, und fast alles selbst gemacht, auch weil wir keinen guten Produzenten finden konnten. Viel später haben wir dann entsprechend Leute mit in die Produktion geholt. Und sobald man dann mit dem Dreh beginnt, hat man schon so viel Energie aufgebraucht, dass man seiner Aufgabe, in meinem Fall dem Regie führen, nur noch mit sehr viel Anstrengung gerecht wird. Und wenn du dich dann nebenbei noch um so Kram wie Catering kümmern musst, hält dich das von deiner eigentlichen Arbeit ab. Du wirst nicht nur als Regisseur gefördert und gefordert, sondern in allen Bereichen. Ich habe bei diesem Dreh so viel gelernt, wie noch nie zuvor, in keiner Vorlesung in der Uni.

Inwieweit möchtest du als Regisseur denn in ein Projekt involviert sein, was all die dazugehörigen Abläufe angeht?

Benjamin Teske: Ich denke, bei mir läuft schon sehr viel zusammen. Am liebsten bin ich von Anfang an bei einem Projekt dabei. Also schon beim ersten Schritt, der Stofffindung und der Entwickelung des Drehbuchs. Damit meine ich nicht, dass ich das Drehbuch zwangsläufig selber schreiben muss. Meine Vorstellung vom Filmemachen geht allerdings weit darüber hinaus, nur eine Funktion zu haben.

Mit der Geschichte steht die Grundlage

Da ich ein sehr visuell denkender Regisseur bin, ist mir zum Beispiel die Auflösung des fertigen Drehbuchs in Bildern zusammen mit meiner Kamerafrau auch ein sehr wichtiger Schritt. Hier wird schließlich sehr viel entschieden, was den später fertigen Look und Stil des Films angeht. Dabei sollte natürlich nie die Schauspielführung vergessen werden. Film ist zu einem Teil sehr technisch. Aber man muss versuchen, den Schauspielern so viel Freiraum wie nur möglich zu geben. Proben und gemeinsam an den Figuren arbeiten ist einer der wichtigsten Punkte. Wenn die Geschichte gut ist und die Arbeit mit den Schauspielern stimmt, dann steht die Grundlage. Erst dann kann man alles andere drum herum bauen.

Aber dann möchte ich, dass auch die Kulissen, die Kostüme, die Requisiten, alles andere eben, auch passt. Man muss auch Verantwortung an die anderen Bereichen abgeben können. Das natürlich immer in Form einer Zusammenarbeit. Und so entwickelt sich dann vielleicht eine Handschrift. Ich glaube, dass das automatisch passiert. Man hat eben seine eigene Art als Person und das fließt alles in ein Projekt mit ein, da kann man sich gar nicht dagegen wehren. Uns so wird es dann zu einem Stil.

Schon ein Jahr vorTry A Little Tenderness hast du mit „ein paar Verrückten“ von der Beuth Hochschule für Technik eine Produktionsfirma/ein Filmkollektiv mit dem Titel DAS KIND MIT DER GOLDENEN JACKE gegründet. Was hat es damit auf sich?

Benjamin Teske: Die Gründungsmitglieder vom KIND MIT DER GOLDENEN JACKE sind Esther Bialas, Nathan Nill, Maxim Kuphal-Potapenko, Constanze Schmitt und ich. Nach einigen Semestern des gemeinsamen Studierens in Berlin haben wir festgestellt, dass wir, was das Filmemachen angeht, gut zusammenpassen und gleiche Vorstellungen und Ziele haben. Wir alle haben die gleiche Rolle, wir sind gleichwertige Teammitglieder. Im Moment ist es so, dass wir vier Regisseure und eine Kamerafrau sind.

Benjamin Teske und DAS KIND

Wenn es um klassische Departementaufteilung geht, dann bin ich in erster Linie natürlich Regisseur und ich entwickle Stoffe. DAS KIND MIT DER GOLDENEN JACKE fasst als Namen unsere Truppe ziemlich gut zusammen. Von jedem von uns steckt etwas drin und es ist eben das Kind von uns allen. Und das Kind hat eine goldene Jacke an. Es wurde angeblich auch schon öfter gesichtet. Manch einer hat es in Reutlingen gesehen, andere wiederum in Bamberg und in vielen anderen Orten auf der ganzen Welt.

Ich würde auch sagen, dass das Team mittlerweile größer geworden ist, da wir regelmäßig mit gleichen Leuten zusammenarbeiten, wie zum Beispiel mit Florian Mag, einem weitern Kameramann oder Henrike Dosk, die schon beim dritten Projekt als Cutterin dabei ist. Und die sind natürlich auch ein Teil vom KIND. Wir fünf sind alle sehr unterschiedlich, was die Art angeht, Filme zu machen und Stoffe zu erzählen und alle haben auch eine unterschiedliche Herangehensweise. Das ist toll, weil es eine große Bandbreite schafft und an manchen Stellen zur nötigen Reibung führt.

Esther hat einmal schön formuliert und gesagt, dass DAS KIND MIT DER GOLDENEN JACKE eigentlich wie eine Familie ist. Wir alle wollen Filme machen und unterstützen uns gegenseitig dabei. Wir beraten uns und stehen einander bei.

Dein Kurzfilm Rummel lief in Rostock auf dem Fish-Festival. Dabei geht es um ein Liebespaar im Auf und Ab – wortwörtlich, denn die Handlung spielt in diversen Karussellen. Klingt nach turbulenten Dreharbeiten. Wie liefen diese ab? 

Benjamin Teske: RUMMEL wurde gedreht im letzten Jahr auf drei verschiedenen Rummelplätzen in Berlin und Hamburg. Fertig gestellt wurde er dieses Jahr im Januar und feierte seine Uraufführung in Saarbrücken beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis und er lief unter anderem auch in Rostock.

Drehen im Rummel

Die Dreharbeiten waren wirklich verrückt. Da wir so gut wie kein Budget hatten, mussten wir versuchen, ohne Geld auszukommen und möglichst viel umsonst zu organisieren. Ich konnte Canon für das Projekt begeistern, die uns dann eine Kamera und Objektive zur Verfügung gestellt haben. Auf einem Rummelplatz Drehgenehmigungen zu bekommen ist äußerst schwierig bis unmöglich. Es gab einige Probleme, die man im Vorfeld abarbeiten musste: wie lösen wir das technisch mit der Kamera und mit dem Ton? Welche Fahrgeschäfte eignen sich am besten? Finden wir Schauspieler für so ein Projekt?

Der Film sollte im Dunkeln spielen, es war allerdings Hochsommer, was bedeutet, dass es erst gegen 22:15 Uhr dunkel wird. Die Rummelplätze schließen unter der Woche allerdings schon um 23 Uhr. Reicht die Drehzeit aus? Wir entschieden uns mit einer möglichst kleinen Kamera zu drehen, um so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf uns zu ziehen, da die einzelnen Fahrattraktionen nicht speziell für uns geschlossen wurden, sondern wir nur während des normalen Betriebs drehen durften. Mit meinem Kamerateam entschieden wir uns dagegen, die Kamera an den Fahrgeschäften zu befestigen, da ich es nicht mag, wenn die Kamera die gleichen Bewegungen macht wie zum Beispiel der Wagen in dem die Schauspieler sitzen sollten.

Nach den ersten Testdrehs stellten wir fest, dass Constanze und Florian in allen gewählten Fahrgeschäften rückwärts oder halb rückwärts mitfahren und alles aus der Hand filmen konnten. Janna Horstmann hab ich das erste Mal in Berlin im Theater auf der Bühne gesehen. Ich wusste sofort, dass ich mal mit ihr zusammen arbeiten möchte, da sie genau den Wahnsinn besaß, den man für so eine Rolle braucht. Ihr Freund wird gespielt von Axel Hartwig. Ihn sah ich in dem Kurzfilm Kalt ist der Osten. Beide hatten während des Drehs wirklich gute Einfälle und die Zusammenarbeit hat riesigen Spaß gemacht.

Mit der U-Bahn zum Set

Nachdem Try A Little Tenderness ein relativ aufwändig produzierter Film war, beschlossen wir außerdem, auf alles, was möglich war, zu verzichten. Wir hatten keine Autos, um die Darsteller ans Set zu fahren, es gab keine Maske, kein Catering. Wir fuhren immer alle zusammen gemeinsam mit der U-Bahn zu den Drehorten. Es war großartig zu sehen, dass ein Filmdreh auch so funktioniert. Insgesamt waren am Set immer ca. sechs bis sieben Personen dabei. Die Schnittphase danach war auch sehr zeitintensiv, da es sehr viele Möglichkeiten bei der Montage gab. Henrike und ich haben sehr viele Stunden gemeinsam verbracht.

Jetzt studierst du Regie an der Hamburg Media School. Ist von dir in diesem Jahr noch ein Kurzfilm zu erwarten? Und wie kommst du auf deine Ideen?

Benjamin Teske: Seit Oktober studiere ich an der Hamburg Media School im Masterstudium Regie. Das wird zwei Jahre gehen, in denen ich drei Kurzfilme drehen werden. So ist zumindest der Plan. Der erste soll im Juni/Juli 2011 fertig werden und da wird dann gleich der zweite hinterher gedreht. An der Schule arbeiten wir mit Autoren zusammen, was bedeutet, dass wir nicht zwangsläufig unsere eigenen Stoffe verfilmen können. Die anderen Regisseure vom KIND MIT DER GOLDENEN JACKE sind auch alle dabei, was wirklich sehr toll ist. Natürlich werde ich trotzdem weiterhin an eigenen Stoffen arbeiten, die ich mir dann für nach dem Studium aufhebe. Aber es ist generell immer gut, Ideen vorzubereiten.

Woher meine Ideen kommen…hm, die Frage stelle ich mir auch manchmal. Inspirationen sind, glaube ich, keine anderen als bei anderen: in der U-Bahn sitzen, Zeitung lesen, auf Partys gehen, Musik hören…alles Alltägliche eigentlich.

[Nachtrag: Wie kommt man auf eine Idee? Dieser Frage habe ich mal einen eigenen Blogbeitrag gewidmet.]

Im nächsten Leben Rockstar

Du bist mit dem Kulturgut Film groß geworden und hast schon früh Eastern, Western und allerlei zu sehen bekommen. Brennst du auch für andere Kunstformen? Und welche Filme haben dich in deinem Wunsch, selber was in dem Bereich zu machen, bestärkt?

Benjamin Teske: Ich interessiere mich auch für andere Kunstformen, Fotografie zum Beispiel. Ich schreibe auch sehr gerne und hab eine Zeit lang auch ein Instrument gespielt. Ich bin aber einfach zu faul dafür. In meinem nächsten Leben werde ich Rockstar. Aber in diesem werde ich definitiv Filme machen.

Ich bin schon relativ früh ins Kino gegangen. Der erste Film war von Disney Bernhard und Bianca – Die Mäusepolizei. Der Film, den ich am häufigsten gesehen habe, war, glaube ich, Die Goonies von Richard Donner. Den habe ich irgendwann in den Sommerferien jeden Tag einmal geschaut. Und seitdem gibt es eine lange, lange Liste an Filmen und Regisseuren und Schauspielern und so weiter…

Kleine Liebesgeschichte im großen Stil

Ein fettes Budget und alle kreativen Freiheiten – was würdest du tun? Oder anders: irgendein Herzensprojekt, der Traum vom großen Geld oder der Wunsch, die Kulturgeschichte bereichern zu wollen – was treibt dich an?

Benjamin Teske: Warte ab, bis ich das Budget habe – dann wirst du den Film hoffentlich zu sehen bekommen. Sagen wir: Ja, ich habe ein paar Ideen, die ich noch sehr gerne umsetzen möchte und ich hoffe, dass ich das Budget dafür zusammen bekommen werde. Aber ich habe mich auf kein Genre festgelegt. Die Frage ist auch schwierig zu beantworten, weil sie mit Zeit zu tun hat. Ich würde jetzt vermutlich etwas ganz anderes antworten, als in zehn Jahren. Und wer weiß, wann ich das Geld zusammenhabe.

Gerade im Moment würde es vermutlich eine verschwenderische, lustige, traurige, skurrile, kleine Liebesgeschichte in großem Stil werden. Reich wird man mit dem Filmemachen nur sehr selten und „Kulturgeschichte bereichern“ klingt für mich nach einem viel zu unberechenbaren Ziel. So etwas passiert oder eben nicht, so etwas sollte man nicht planen. Ich möchte einfach meine Geschichten erzählen, am liebsten für die große Leinwand, fürs Kino. Und wenn ich ehrlich bin, dann freut es mich auch immer, wenn jemand meine Geschichten mag.


Nachtrag: Im Jahr 2016 hat der Regisseur Benjamin Teske seinen ersten Spielfilm realisiert – Strawberry Bubblegums.

Im selben Jahr hat der Filmfestblog ein kleines Portrait von Benjamin Teske in Bewegtbild festgehalten. Hier ist der kreative Kopf mal in Bild und Ton zu sehen:

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