Bücher Existenzgründung

KOPF SCHLÄGT KAPITAL von Günter Faltin | Buch 2008 | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 11. Juni 2018 um 12:10

Kopf schlägt Kapital war schließlich die richtige Wahl. Finger weg von Bakunin! Oder war es Chomsky? Vermutlich beide haben mir diesen Floh ins Ohr gesetzt: Das heutige Angestellten-Dasein sei ein Erbe der damaligen Sklaverei*. Das Fass will ich hier und jetzt nicht aufmachen – doch der Tropfen, der es zum überlaufen brachte, war eben dieser Gedanke…

Frei will ich sein, selbständig! Also habe ich vor kurzem gekündigt, um mir „was Eigenes“ aufzuziehen. Yeah! Und zack, ne Woche später sitz ich da, lese Existenzgründerratgeber und denke mir, oooh shit, was hast Du getan!? Dann, zum Glück, tauchte der orange-farbene Delfin auf. Ganz ohne Drogen.

Dieser Delfin ist, zugegeben, das dämlichste daran: An dem Buch Kopf schlägt Kapital von Günter Faltin. Das möchte ich aber dem Gestalter des Buchcovers (was hat der Delfin da zu suchen?) nicht anlasten, ist ne reine Geschmackssache. Manche haben ein Herz für diese schnatternden Grinsetiere, ich eher für die glubschäugigen Tiefseeviecher (die in unserer verdorbenen Gesellschaft immer nur thematisiert werden, wenn es um möglichst hässliche Wesen geht, das ist Mobbing, aber egal) – zurück zum Thema: Der Schritt in die Selbständigkeit. Wer diesen wagen will, droht von Beratungsangeboten totgeschlagen zu werden. Internetportale, Bücher, lokale Einrichtungen, Seminare, alles da, Problem nur: Es wird zu wenig wahrgenommen. Der oberste Grund, der dem Gründungswilligen ans Ohr dringt, warum jede x-te Gründung nix wird, ist der: Die Durchstarter lassen sich nicht zeigen, wie man fährt.

Guter Rat ist teuer heißt es – weil man ihn mit Aufmerksamkeit bezahlt, heutzutage einem raren Gut. Auch ich erwische meine Gedanken dabei, wie sie immer wieder abdriften, meist Richtung Smartphone, Problem 1: Zu wenig Fokus. Aber zwingt man sich dann einmal, Informationen aufzunehmen, kommen sie Schiffsladungen, Problem 2: Zu viel Zeugs. Wo soll man da anfangen?

Ein schlechtes Buch

Vor mir habe ich ein x-beliebiges Existenzgründungsbuch liegen, einen „Leitfaden“ nennt es sich selbst (Achtung, hier gehts noch nicht um das Delfinbuch!). In diesem Leitfaden dreht sich alles um Finanzierung und Förderung, Bedarfs-, Kosten-, Erfolgsplanung, Rechtsformen, Steuern, Rechnungswesen, Arbeitsorganisation, Marketing, Produkt-, Preis- und Vertriebspolitik … noch da? Ja natürlich sind das alles wichtige Themen, in denen sich eine Gründerin auskennen muss. ABER! Das sind auch mal eben ein Dutzend eigenständiger Berufe. Jemand studiert Marketing. Jemand spezialisiert sich auf Vertrieb. Wer jedoch gründen will, der soll das mal schön als selbst auf die Kette kriegen – und zwar vorher, und zwar schnell. Was man bei eierlegenden Wollmilchsäuen gerne vergisst: Ihre Eier sind klein, ihre ist Wolle ungepflegt und ihre Milch sauer.
Das Erste, was auf dem Weg in die Selbständigkeit dringend gebraucht wird, ist eine Denkhilfe, genauer: Eine Umdenkhilfe. Oder Neudenkhilfe? Jedenfalls: Das ist Kopf schlägt Kapital.

Ein gutes Buch

Was kriegt man für sein Geld? Ein verdächtig dünnes, handliches Taschenbuch. Es versteht sich als Ergänzung zum üblichen Existenzgründungslektürenkanon, klammert also alles aus, was anderswo tausendfach steht. Statt bekommt man: In sympathischer Schreibe eine Anleitung zum unternehmerischen Denken. Es fängt vorne an, bei der Idee. Klingt das nicht dramatisch sinnvoll? Angesichts der Tatsache, dass die Idee eben das ist, was die anderen Bücher zum Thema wiederum gerne auslassen. Hin und wieder wird mir der Stil zu anekdotisch, manche Beispiele wirken allzu passend, ein bisschen schönmalerisch – und doch, sein Versprechen…

Ich will zeigen, dass fast jeder Mensch in der Lage ist, von seinem Alltagswissen ausgehend ein unternehmerisches Konzept zu entwickeln. – S. 32

…das löst Günter Faltin ein. Zumindest ich, der ich mich schwer tue, auf business-mode umzuschalten, habe mich von dieser Lektüre sehr beschwingt gefühlt (in einem nicht Luftschlösser bauenden Sinne).

Fazit zu Kopf schlägt Kapital

Im Ernst, Du hast eine grobe Idee und spielst mit dem Gedanken, Dich damit selbständig zu machen, eine „Existenz zu gründen“ (über die Dämlichkeit dieser Redewendung lästern wir ein andermal) – dann lies zuerst dieses Buch. Und dann Outliers von Malcom Gladwell. Und dann How to Win Friends & Influence People von Dale Carnegie. Und dann die Nachrichten, ob Deine Idee noch aktuell ist. Das wars, los gehts! Jetzt lässt man sich auch viel zuversichtlicher und gezielter auf die dröge Pflichtlektüre ein – immer schön mit Macklemore im Kopf:

Make the money, don’t let the money make you
Change the game, don’t let the game change you
– Macklemore, Make the money (2012)


*apropos Sklaverei, hier gehts zur anarchistischen Onlinebibliothek – fühl Dich herzlich eingeladen, Dir selbst ein bisschen gesunde Empörung anzulesen, über den verdammten Kapitalismus (der solche freigebigen Onlineportale möglich gemacht hat).

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