Existenzgründung Tagebuch

Existenzgründung, ja oder nein?

Mal angenommen… Du gehst steil auf die 30 zu und hast »dein Leben lang« (also die paar Jahre seit Ausbildung/Studium) in fester Anstellung gearbeitet. Der Job läuft ganz gut, aber lastet dich nicht so sehr aus, dass da kein Platz mehr für Flausen wäre, in deinem Kopf. Außerdem könntest du mal einen Tapetenwechsel gebrauchen und wolltest sowieso schon immer »was Eigenes« machen: Existenzgründung! Was spricht dafür, was spricht dagegen? Und warum ist beides egal?

Der Arbeitsmarkt sieht gut aus. Im Herbst 2017 heißt es, die Chance auf eine Festanstellung sei allgemein so aussichtsreich, dass vergleichsweise wenige Leute auf die Idee kämen, sich in Existenzgründung zu versuchen. Ob das nun an der (fast) Vollbeschäftigung liegt, oder daran, dass »ne Existenz gründen« so sehr nach »Kinder kriegen« klingt, das sei mal dahingestellt. So dämlich der Ausdruck ist, irgendwie passt er doch: Ist ja auf eine gewisse Art ein eigenes Baby, das man da auf den Weg bringt, wenn man sich für die Selbständigkeit entscheidet. Einzelunternehmen, oder was weiß ich. Man hat da so eine Idee, man peilt noch nicht genau, was es werden könnte, aber man will alles tun, um später stolz drauf zu sein. Ich kann sehr empfehlen, das Vorhaben, eine Existenz zu gründen, einfach als ein Kind anzusehen. Das macht es verdammt viel schwerer, dieses Vorhaben aufzugeben.

Also, ich nenne es mal Karl. Kam mir als Erstes in den Sinn. Bei dem Namen denke ich (als der Geschichtsstudent, der ich bin) leider nicht an Karl den Großen, sondern an Karl das Lama, aus Lamas mit Hüten, egal. Noch ist Karl also eine Idee, die langsam konkret wird, aber halt erst im… dritten Monat. Es ist noch zu früh, um zu wissen, was es wird – und so ganz genau, seien wir mal ehrlich, wird man es eh nie wissen. Ist okay. Deshalb:

Erste Maxime einer Existenzgründung:
Egal was es wird, ich werde es lieben!

Ist das schonmal geritzt. Jetzt können wir auch entspannt über Vor- und Nachteile reden, ohne direkt zwischen Loslegen und Weglaufen abzuwägen. Das Blöde an der Sache ist, dass die Vorteile und die Nachteile so ein bisschen im »Ja aber…«-Zusammenhang zueinander stehen.

Der Zeitfaktor

Keine festen Arbeitszeiten mehr, kein morgens einstempeln oder Überstunden beantragen oder nachhalten oder sonstwas – wenn ich ne eigene Existenz gründe, bin ich mehr Herr über meine Zeit. JA ABER: Eigentlich braucht Karl ziemlich viel davon, von meiner Zeit, und manchmal auch dann, wenn ich eigentlich schon napflixen möchte (das Wort habe ich im Zuge einer verbalen Verjüngungskur in meinen Sprachgebrauch aufgenommen; das ist beschämend? Wie Botoxlippen? … geht altern, Hater.)

Die meisten Gründungsberater hatten mir eine Arbeitsbelastung von bis zu 14 Stunden pro Tag vorhergesagt. Die Realität sieht jedoch anders aus: Mehr als eine halbe Stunde pro Tag ist es nicht, was Routinetätigkeiten angeht. – Günter Faltin, Kopf schlägt Kapital (2017) > hier gehts zum Buchtipp

Ist das nicht ein total geiles Zitat? Ja! Ist das eventuell die Ausnahme von der Regel? Maybe! Es macht Spaß, über Ausnahmen zu reden und sich selbst als Ausnahme zu denken. Aber man muss wenigstens in Erwägung ziehen, dass Karl nicht der nächste Elon Musk wird, sondern Hans Müller vom Kiosk schräggegenüber. Wichtig ist, sie trotzdem zu lieben. Karla. Mir ist eben aufgefallen, das Karl eine sie sein müsste – es geht schließlich um eine Idee, eine Existenz, eine Gründung, die, die, die… und jetzt ist mir aufgefallen, dass mir diese Gender-Festlegung hart auf den Keks geht. Karl/a ist beides. Weiter:

Der Cheffaktor

Klare Ansage: Ich will mein eigener Chef sein. JA ABER: Eigentlich sagt Karla, wo es langgeht. Ist ja schön, dass da jetzt niemand mehr über mir steht und dumme Aufgaben nach unten durch delegiert. Stattdessen kommen die Kommandos von innen nach außen. Die Existenz, die frisch gegründete, braucht gewisse Dinge, um laufen zu lernen … oder wie Vaddi so schön zu sagen pflegt: »Von nix kommt nix« und »Man will ja die Kinder am Kacken halten«. Also ja, eigener Chef, jippieh. Von jetzt an renn ich nur noch Geld, Kunden und Marktentwicklungen hinterher. So zumindest eine immer wieder hoch blubbernde Befürchtung, während gute Ratgeber sagen: Nein, nein, renn nicht der Kohle hinterher.

Make the money, don’t let the money make you.
– Macklemore, Make The Money (2012)

Der Risikofaktor

Kann sein, dass Karl nicht packt. Obwohl ich mir alle Zeit der Welt genommen habe und (mir selbst) ein guter Chef war. Dieser Gedanke ist grauenhaft. Ob Karla nun im Keim erstickt wird, oder als gescheiterte Existenz durch die lichtlosen Gassen der (Unternehmens)welt torkelt, egal, das Risiko ist jedenfalls real. Ich will hier gar keine Prozentzahlen raushauen, wie hoch der Anteil derjenigen Gründungen ist, die früher oder später scheitern. JA ABER: Die meisten Unfälle passieren im Haushalt, trotzdem hältst du dich meistens dort auf, oder? No risk, no fun(damental chance for a new beginning!)

Warum ist es nun egal, ob die Vorteile überwiegen, oder die Nachteile? Weil ich Karla inzwischen so lieb gewonnen habe, dass ich dieser meiner Kopfgeburt eine Chance geben will. Horch in dich rein und sei ehrlich zu dir selbst: Gefällt dir die Vorstellung, diese Existenz zu gründen, die noch als Gedanke in dir weilt? Und wie lange wächst sie schon so vor sich hin? Ein paar Wochen, oder bereist Monate? Kannst du es verantworten, all die Zeit, die über das Grübeln verstrichen ist, für verloren zu erklären?

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .