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URZĄD / DAS AMT von Krzysztof Kieślowski | Kurzfilm 1966 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 2. Dezember 2018 um 16:57

Urząd / Das Amt ist ein dokumentarischer Kurzfilm des Regisseurs Krzysztof Kieślowski (Przypadek / Der Zufall möglicherweise) aus dem Jahr 1966. Es handelt sich um die erste Regie-Arbeit im Dokumentarischen des zu der Zeit etwa 24-jährigen Studenten an der Staatlichen Hochschule für Film, Fernsehen und Theater in Łódź. Dieses Debüt wirft einen beobachtenden Blick auf die Mitarbeiter*innen und Bürger*innen in der polnischen Sozialversicherungsanstalt – und ein schonungsloses Licht auf die dort herrschende Bürokratie, stellvertretend für die Staatsbürokratie in der Volksrepublik Polen (1944-1989).

Blick in ein völlig überfülltes Akten-Archiv, Standbild aus dem Film Urząd / Das Amt
Regie, SkriptKrzysztof Kieślowski
KameraLechosław Trzęsowski
SchnittJanina Grosicka
Dauer / Produktionsjahr6 Minuten / 1966

Papier ist geduldig

Die Kurz-Doku Urząd / Das Amt zeigt den ganz normalen Alltag in der Sozialversicherungsanstalt – in der Abteilung, die für Rentenbescheinigungen zuständig ist. Zu Beginn beobachten die Bürger*innen die Büroarbeit aus der Perspektive der Bittsteller. Die Kamera zeigt, aus nächster Nähe, die am Schalter wartenden Leute. Sie alle halten Dokumente in den Händen – einige checken noch ihre Angaben und Bescheinigungen. Man hört das Gespräch einer Beamtin mit einer alten Frau. Die Büro-Mitarbeiterin lehnte es entschieden ab, der Dame einen Zuschuss auszuzahlen:

Wir haben hier zwei unterschiedliche Bescheinigungen, deshalb ist es uns eine Ausgabe nicht gestattet. […] Sie müssen eine neue Bescheinigung bringen, um diese Bescheinigung zu annullieren.

Der Film ist in voller Länge auf YouTube verfügbar:

Der Blickpunkt verlagert sich auf die andere Seite des Schalters – jetzt sieht die Kamera die Bittsteller aus Perspektive der Beamten. Das Büro ist abwechselnd von den verschiedenen Seiten zu sehen. Es folgt ein Moment der Stille, während dem aus der Ferne andere Mitarbeiter*innen am Telefon zu hören sind. Die Kamera zeigt Details: Das Anspitzen eines Bleistifts, das Stempeln von Dokumenten. Ein Mann beugt sich am Schalter vor und überreicht eine Bescheinigung von dem Gymnasium, das seine Tochter besucht.

– Gibt die Schule nicht Bescheinigungen mit einem runden Stempel aus?
– Ich habe auch eine mit einem runden Stempel.
– Warum haben Sie die nicht gleich gezeigt?
– Ich wusste nicht, dass der quadratische Stempel nicht gültig ist.

Das Leben quillt aus den Akten

Eine Büromitarbeiterin verweigert einer Frau, die gerade ihre Mutter beerdigt hat, die Herausgabe von Geld. Eine anderen Frau erklärt sie, dass das Amt das Urteil bezüglich der gewährten Rente widerrufen hat und das Geld deshalb einbehalten wird. Die meisten Bürger*innen gehen unverrichteter Dinge wieder fort. Derweil zeigt die Kamera weitere Nahaufnahmen: Man sieht die Hand einer Frau, die einen Tauchsieder ans Stromnetz anschließt und in den Teekessel steckt. Später füllt sie Teegläser mit heißem Wasser und süßt es mit Zucker. 

Die Büromitarbeiterin macht Pause. Während die Bürger*innen schweigend in der Schlange verharren, schauen sie noch einmal, nervös, ihre Papiere durch. Die Kamera zeigt die Nahaufnahme der Beamtin, die Tee schlürft. Während es vor dem Schalter immer mehr Menschen werden, wechselt die Kamera ins Archiv – das überfüllt ist mit Dokumenten in Aktenmappen. Sie quellen aus den Regalen. Die Kamera schaut in die Tiefe eines Korridors, an dessen Wänden sich Akten türmen. Nahaufnahmen einzelner Regalfächer sind zu sehen. Dann werden abwechselt Archiv und Bittsteller gezeigt. Die Stimme der Beamtin wiederholt jetzt – immer schneller – die Anforderungen zum Ausfüllen eines Formulars, in das man allerlei Daten eingeben soll:

Geben Sie an, was Sie im Verlauf Ihres Lebens gemacht haben.

Das letzte Geräusch, das die weiteren Bilder aus dem verlodderten Archiv begleitet, ist das laute Schließen einer Tür. Mit einem Rums endet der Film.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Urząd / Das Amt entstand im Jahr 1966 unter der Betreuung des Kameramanns und Filmregisseurs Kurt Weber und des Dokumentarfilmemachers und Journalisten Jerzy Bossak sowie von Kazimierz Karabasz. Letzterer war ebenfalls Dokumentarfilmemacher und Mitglied der Akademie der Künste Berlin – noch über Kieślowskis Ausbildung hinaus übte er einen großen Einfluss auf den jungen Regisseur aus. Kieślowski war in seinem zweiten Studienjahr an der Staatlichen Hochschule für Film, Fernsehen und Theater in Łódź, als er Urząd / Das Amt realisierte. Nach Tramwaj / Straßenbahn (aus demselben Jahr) handelt es sich um Kieślowskis zweite Regie-Arbeit.

Fazit zu Urząd / Das Amt

Ein scharfer und kritischer Blick hinter die Kulissen eines dysfunktionalen Staatsapparates. Das gelingt Kieślowski mit einem so unaufgeregten wie empörten Film: Die Kamera, mal hier, mal dort, beobachtet nur, scheint kaum zu kommentieren – doch in dem Arrangement, im Schnitt der auf diese dokumentarische Weise eingefangenen Bilder drücken der junge Filmemacher und die Cutterin Janina Grosicka etwas aus, das sich schwer in Worte fassen lässt: Das Gefühl der Ohnmacht, ja, des Ausgeliefertseins gegenüber einer Behörde, die solange deine Zeit und Nerven frisst, bis du unverrichteter Dinge von dannen ziehst. So werden Menschen im Alltag zermürbt, ganz nebensächlich und dafür umso grausamer.

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