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OLDBOY im Original, Remake | Film 2003, 2013 | Vergleich

Zuletzt aktualisiert am 11. November 2018 um 20:04

In den 90er Jahren erschien ein japanischer Manga unter dem Titel Old Boy. Er erzählt die Geschichte eines Mannes, der scheinbar grundlos entführt und jahrelang gefangen gehalten wird. Sein einziges Fenster zur Außenwelt ist in dieser einsamen Zeit ein TV-Gerät. Als der Mann endlich freikommt, hat er nur noch eines im Sinn: Seine Peiniger finden und richten – ein Rachefeldzug, also. Und damit das perfekte Mittelstück für eine Rache-Trilogie des Regisseurs Park Chan-wook. Der adaptierte 2003 den Manga für die große Leinwand: Oldboy mit Choi Min-sik und Kang Hye-jeong war geboren. Eine Dekade lang ein vermutlich unnachahmlicher Thriller der Extraklasse.

Was man alles fressen muss

Nun ist es gewiss: Oldboy lässt sich nicht nachahmen. Spike Lee hat’s versucht und hätt’s lassen sollen. Das amerikanische Remake des südkoreanischen Films ist – im direkten Vergleich zum Original – kaum zu ertragen. Aber mehr dazu im folgenden Beitrag, der ausnahmsweise mal aus zwei Briefen besteht. Hat sich so angeboten…

Die Schauspielerinnen aus »Oldboy«, dem Original und dem Remake

Schon vor einigen Jahren verfasste ich – damals noch empfindlicher Fanboy in Sachen Oldboy –  Antwort auf die Rezension der Filmkritikerin Manohla Dargis (The New York Times). Ja, sie hat mich entzürnt, weil sie meinen Lieblingsfilm zerriss. Das konnte/wollte/durfte mein Teenager-Selbst nicht auf sich sitzen lassen. Rückblickend… vielleicht etwas übertrieben.

Oldboy ist guter, wenn auch trivialer Genre-Film, nicht mehr, nicht weniger.

manohla Dargis

Kein Auge zudrücken

Liebe Manohla Dargis,

die Frage, was ein Mann, der einen lebenden Kalmaren verspeist und anderen Männern mit einem Hammer den Schädel einschlägt, mit Kunst zu tun hat, ist keine gute Herangehensweise an den Film Oldboy. Was den Vergleich mit Pasolini und Peckinpah angeht, eine Gegenfrage: Haben ein nacktes Mädchen, das zur Koprophagie gezwungen wird, oder ein Kerl, der einem Anderen mit einer Bärenfalle das Genick bricht, mehr mit Kunst zu tun?

Klar, es kommt immer auf den Kontext an, aber bei manchen Filmen macht es – auch wenn es angesichts der visuellen Kraft schwerfällt – Sinn, sich vom Kunstbegriff zu lösen. Oldboy ist so ein Film, denn ob er mehr sein will oder nicht, Park kombiniert im zweiten Teil seiner Rache-Trilogie einen hakenschlagenden Plot mit einem beeindruckenden Bilder-Reigen zu Unterhaltungskino auf so hohem Niveau, dass er sein Publikum spaltet: In diejenigen, die den Streifen bedingungslos lieben, und diejenigen, die ihn eben dafür zerreissen.

Ein Hauch von Monte Christo

Dafür, dass er vor allem mit virtuosen Kameraideen begeistert (als sei dies für das Medium Film ein billiges Ablenkungsmanöver?) und mit ästhetischen Stärken dramaturgische Schwächen verschleiert. Dafür, dass er als »Kino der Kalendersprüche« schöne Worte findet, wo natürlich auch Plattitüden die Handlung vorantreiben würden. Und dafür, dass er seine innere Logik mit so vagen Mitteln wie Hypnose zu erhalten versucht und mal wieder eines dieser von europäischer Seite so überwerteten Asia-Meisterwerke sei. Aber das ist der Film Oldboy: Ein Meisterwerk. Sagt ein cinephiler Kinosesselpupser, leicht zu begeistern, schwer zu bekehren. Dieses Urteil ist sicher nicht so fundiert wie das eines Roger Ebert oder Ihres, aber mindestens so objektiv – nämlich kein bisschen.

Jede jetzt aufgeführte Begründung dieser Meinung käme wie eine Rechtfertigung meiner Begeisterung für den durchaus kontroversen Film daher. Drum lassen wir’s dabei und halten uns an die Fakten: Oldboy erzählt die Geschichte eines Mannes, der auf offener Straße entführt und 15 Jahre lang gefangen gehalten wird. Wieder auf freiem Fuß macht er sich auf die Suche nach seinen Kidnappern, um sich für die verlorene Zeit zu rächen. Klingt nach dem Grafen von Monte Christo? Dessen ist sich Park bewusst und spielt darauf an.

Entwirrung zu Vivaldi

Im Zuge seines Rachefeldzuges lernt besagter Mann die junge Mido kennen und lieben. Was es mit dieser Liason auf sich hat, wird von Kritiker*innen gerne als konstruiert bezeichnet. Gut beobachtet, aber kein Punktabzug. Nicht für eine Geschichte, die Betrachtende beeindruckt, wie große Architektur zu beeindrucken weiß – eine Geschichte, die alles andere als aus dem Leben gegriffen ist, sondern wie fürs Kino geschrieben wurde. Park Chan-wook will nicht die kulturgesellschaftspolitische Auseinandersetzung unter Berücksichtigung ethischer Aspekte, sondern einfach nur ungeteilte Aufmerksamkeit. Die bekommt er, denn über seine Laufzeit von 120 Minuten kommt vielleicht Empörung oder Abneigung, aber sicher keine Langeweile auf.

Selbstverständlich ist es ein Leichtes, sein Publikum mit der richtigen Musik emotional zu packen. Trotzdem bleibt es ein Schweres, die richtige Musik zu finden. Das ist Oldboy gelungen: Der Soundtrack – unter anderem von Vivaldi – spielt in diesem Werk, das mehr Wert auf das Entwirren eines Rätsels als auf die Entfaltung eines Charakters legt, neben der eindrucksvollen Kameraarbeit von Jung Jung-hoon die erste Geige. Letztendlich muss jede*r für sich selbst entscheiden, ob der Film Oldboy nun ein Meisterwerk ist, das persönlich gefällt – oder eines, dass es eben nicht tut.

Danke, dass Sie bis zum Ende dieser schrecklichen Kritik ausgehalten haben.

Lesetipp: Weitere Werke, die mehrmals verfilmt und hier mehr oder weniger sachlich verglichen werden, sind etwa Romeo und Julia (1968, 1996, 2013), Planet der Affen (1968, 1970, 2014) und Hairspray (1988, 2007).

Und jetzt ist es an der Zeit, ein Schreiben an Spike Lee aufzusetzen. Weil guck mal, Spike, wat haste denn da gemacht!? Ist immer noch mein Lieblingsfilm, Mann…

Augen zu und durch

Herrje, Spike!

Die News waren grauenhaft: Ein Remake, es soll ein Remake geben! Es gibt tausende Remakes, eines schlechter als das andere und doch hin und wieder ein paar gute dazwischen. Trotzdem, wenn es um den eigenen Lieblingsfilm geht, dann kommt einem das Reproduzieren des Stoffes im amerikanischen Gewand doch wie eine Vergewaltigung des Kunstwerks vor. Sei’s drum, es ließ sich wohl nicht verhindern.

Fight Club vom Thron geschubst

Also habe ich am Donnerstag zum x-ten Mal Oldboy – das Original! – gesehen. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, wann ich den Streifen erstmals gesehen habe, aber seitdem ist er alle paar Monate fällig. Schon »beim ersten Mal« hat er meinen damaligen Lieblingsfilm Fight Club (Nachtrag: Welcher 16-jährige Junge feiert diesen Film eigentlich nicht als größte Offenbarung ab? Shit, wir sind eben keine einzigartigen Schneeflocken…) abgelöst und meine Sehgewohnheit oder meinen Sehgenuss oder was auch immer so nachhaltig beeinflusst, dass es Fight Club nicht mal mehr unter die Top 5 schafft. Oder doch? Wurscht.

Oldboy hat mich wieder einmal sehr beeindruckt. Für mich der Inbegriff filmischer Kunst und Wucht. Dann, später am Abend, mal deine Version eine Chance gegeben. Klar: Erwartungen ganz nach unten geschraubt. Das Poster-Artwork zum Remake hat mir zugegebenermaßen gefallen, weshalb in mir die stille Hoffnung keimte, eine zumindest ähnlich wuchtige, anders interpretierte Variante des Stoffes zu sehen.

Das Poster zum Remake:

Oldboy: Steak oder Burger

Stattdessen: Als hättest Du als Regisseur auf Mindestlohn gearbeitet! Weder Bock, noch Ideen. Eine peinlich kahle, konventionelle Pflichtnummer ist dieses Remake geworden. Das Original Oldboy ist – im kulinarischen Vergleich – ein Drei-Gänge-Menü mit blutigem Steak und saftigen Beilagen, das Remake Oldboy ein drei Tage alter McDonalds-Burger ohne alles. Traurig, aber wahr, die niedrigsten Erwartungen wurden nach unten korrigiert. Vielleicht hätte ich Chan-wook Parks Variante nicht direkt vorweg schauen sollen. Der Kontrast war einfach lächerlich.

Selbst Du kannst Dir nicht vormachen, hier etwas ansatzweise Originelles, Großartiges, Mitreißendes geschaffen zu haben. Ich war verwundert, dass der Film tatsächlich bis zum Schluss dauerte. Wäre erst zwischendurch einfach abgebrochen und mit einer Texttafel »Ab hier hatten wir gar keinen Bock mehr« beendet worden, hätt’s mich auch nicht gewundert.

PS: Rückblickend habe ich meine kleine Wutrede mit etwas wenigen Beispielen aus Deinem Film belebt… das ist echt unfair und schickt sich nicht für eine Filmkritik.

Nachtrag: Noch ein Vergleich gefällt? Airman Xley hat auf seinem Filmblog Drive in Zeppelin ebenfalls die beiden Oldboys gegenübergestellt – hier zu lesen (Englisch)

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