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WHALE RIDER mit Keisha Castle-Hughes | Film 2002 | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 11. November 2018 um 20:06

Hin und wieder verirrt sich ein Wal in die Gefilde der Menschen. In die Buchten und Flüsse entlang der Städte, unter denen wir die Natur begraben haben. Der Wal macht uns dann Staunen, als Sinnbild für die Kraft der Natur, wie groß und stark doch ihre Kreaturen sind. Staunen macht auch Whale Rider, ein Film über Wale und Menschen und ihre Beziehung zueinander. Allein, dass darin schlussendlich nicht nur Wale als Naturgewalten zu sehen sind – sondern auch ein einfaches Mädchen.

Paikeas Kampf um Koros Herz

10.000 Kinder sprachen für die Rolle der Paikea vor. Die Wahl fiel auf die damals 11-jährige Keisha Castle-Hughes, die einigen Serienfans inzwischen als Obara Sand bekannt sein dürfte. Das ist eine der Bastardtöchter aus Game Of Thrones, die mit ihren Schwestern in den Staffeln 5, 6 und 7 mitmischt. Während ich die Serie Game Of Thrones mehr als alles andere für ihre Drachen feiere, treten bei Whale Rider die Wale tatsächlich in den Schatten jenes kleinen Mädchens Paikea, dem Keisha Castle-Hughes mit ihrem Spiel wahre Größe verleiht.

Hinweis: Liebe Leser*innen, dieser Text enthält keine Spoiler. Allein der unten verlinkte Filmausschnitt zu Paikeas Rede deutet ein wichtiges Geschehen im Film bereits an. Aktuelle legale Streamingangebote finden sich bei JustWatch. Viel Spaß beim Lesen!

Keisha Castle-Hughes in dem Film Whale Rider. | Bild: PANDORA FILM
Keisha Castle-Hughes in dem Film Whale Rider. | Bild: PANDORA FILM

Totale: Whale Rider im Zusammenhang

Historischer Kontext

Auf wundersame Weise wurde uns dieser Film tatsächlich von einem Wal gebracht. Er verirrte sich im Jahr 1985 in den Hudson River, an dessen Mündung in den Atlantik New York City liegt. Dort wohnte damals der Schriftsteller Witi Ihimaera, in einem Apartment mit Blick auf den Hudson.

Ich hörte Helikopter herumschwirren und die Sirenen von all den Schiffen aufheulen. Ein Wal war den Hudson River hinaufgeschwommen und spie Wasser. Das erinnerte mich an meine Heimatstadt Whangara und den Wal-Mythos dieser Gegend.

Witi Ihimaera gilt als erster Verteter der Māori (dem indigenen Volk Neuseelands), der als Schriftsteller veröffentlicht wurde. Irgendwann fragten ihn seine Töchter, mit denen er einige Actionfilme im Kino sah, weshalb all die Helden immer Jungs und die hilflosen Dinger die Mädchen seien?

Inspiriert von der indirekten Wal-Begegnung in New York und motiviert durch seine fragenden Töchter schrieb Witi Ihimaera also den Roman The Whale Rider. Dieses Werk liegt der Verfilmung von Regisseurin Niki Caro zugrunde. Ein Actionfilm ist es zwar nicht geworden, doch zum Kämpfen kommt die Heldin, das Mädchen Paikea, darin allemal.

Übrigens: Der Neffe von Witi Ihimaera heiratete im Jahr 2004 die Nummer 29 in der britischen Thronfolge, Lady Davina Lewis. Schauspielerin Meghan Markle war also nicht die Erste, die trotz ethnischer Unterschiede in das Königshaus einheiratete.

Persönlicher Kontext

Als ewiger Sammler habe ich in meiner Jugend irgendwann damit angefangen, Filme zu horten. Meine erste DVD war Road To Perdition mit Tom Hanks. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war (nicht alt genug für den Film, das weiß ich noch). Road To Perdition erschien zufällig im selben Jahr (2002) wie Whale Rider, über den ich erst viel später stolperte, als ich mir die ersten Filme der Arthaus Collection zulegte (sie trug den Untertitel: Die 50 besten guten Filme – ich frag mich, ob Arthaus auch Die 50 besten schlechten Filme herausbringt, eines Tages?).

Als Film 01 dieser Collection durfte Whale Rider im Regal natürlich nicht fehlen. Für mich ist der Film inzwischen ein Klassiker, den ich fast so oft gesehen habe wie Titanic (1997) oder Oldboy (2003). So sehr ich es begrüße, dass man inzwischen Zugriff auf Online-Mediatheken hat und legal streamen kann – solche Perlen wie Whale Rider, die damals noch in liebevoll aufgemachten DVD-Reihen erschienen, gehen dabei unter. Aus der schieren Masse an Filmen sticht vielleicht ein Tom Hanks heraus. Nicht aber Paikea, diese grandiose kleine Heldin.

Close-up: Whale Rider im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Whale Rider beginnt im Meer. Wir sehen die sich wogende Oberfläche von unten, die Schatten der Wellen, darauf in weißen Großbuchstaben der Vorspann. Schließlich der Titel: WHALE RIDER. Begleitet von mystischen Klängen und der Stimme eines Mädchens:

In den alten Zeiten herrschte im Land eine große Leere. Es wartete. Es wartete darauf, erlöst zu werden. Wartete darauf, von jemandem geliebt zu werden. Es wartete auf einen Anführer…

Schnitt zu einer Frau in Wehen. Der Mann an ihrer Seite streicht über ihre Stirn, doch kann gegen die großen Schmerzen nichts ausrichten. Sie schreit. Ein Arzt ist bei ihnen. Schnitt zurück ins Meer, in die Tiefe dieses Mal, aus der sich ein gewaltiger Körper abzeichnet.

Er kam, auf dem Rücken eines Wales. Ein Mann, der ein neues Volk anführen sollte. Unser Vorfahr, Paikea.

Der Körper entpuppt sich, natürlich, als Wal. Majestätisch schwimmt er über die Kamera hinweg.

Das Mädchen, das überlebte

Und jetzt warteten wir auf den Erstgeborenen der neuen Generation. Auf den Nachkommen des Walreiters. Auf den Jungen, der Häuptling werden würde.

Wieder in den Wehen. Die Frau verliert das Bewusstsein, ihr Mann in Sorge, der Arzt in Hektik. Sie wird künstlich beatmet. In einer Detailaufnahme sehen wir schweißglänzende Lippen, hören sie den Namen hauchen: »Paikea… Paikea«. Eine weiche Blende zum Gesichtlein eines Neugeborenen.

Es herrschte keine Freude, als ich geboren wurde. Mein Zwillingsbruder starb und nahm unsere Mutter mit sich… Alle warteten auf den erstgeborenen Sohn, der unser Anführer werden sollte. Aber er starb, und ich lebte.

Damit endet der Monolog des traurigen Mädchens. Schon in der ersten Szene nach dem Prolog erleben wir, wie der Großvater Koro nur nach dem Jungen fragt. Prompt redet er auf seinen Sohn ein, der gerade Witwer geworden ist, rät ihm, nochmal neu anzufangen. Der Sohn, in Rage, sagt, nein, nein, NEIN! 

Ich hab ein Kind! Sie heißt Paikea.

Der Großvater ist schockiert, »nein«, sagt er – nicht dieser Name.

Das gesamte Drehbuch zum Film Whale Rider findet sich in der englischen Fassung via Drew’s Script-O-Rama.

Doch der alte Koro kann sich nicht mehr durchsetzen. Das Mädchen, dessen Stimme uns in den Film einführte, trägt den Namen des Urahnen ihres Volkes. Sehr zur Empörung ihres Großvaters, der von seiner Frau zwar maßgeregelt wird, aber stur bleibt. In Whale Rider geht es darum, wie das Mädchen Paikea versucht, das Herz ihres Großvaters zu gewinnen. Dafür muss sie über sich hinauswachsen und in die Fußstapfen des legendären Urahnen treten.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Zurückweisung ist ein prägendes Gefühl, das sich Kindern tief ins Gedächtnis brennt. Wer an die ersten Schuljahre denkt, wird sich kaum an die Noten erinnern, in Mathe oder Sport damals, oder die Themen zwischen den Stunden, auf dem Schulhof. Worüber haben wir Kinder geredet, jeden Tag? Ich weiß es nicht mehr. Die Male jedoch, in denen mich Lehrer oder andere Kinder spüren ließen, dass ich nicht gut genug sei (in Mathe oder Sport war das, so ein Zufall), diese Male blieben im Gedächtnis. Ich kann mich noch daran erinnern, vor der Tafel zu stehen, während in mir die Hitze aufstieg. Kein Plan, was zu tun, unfreiwilliger Hauptdarsteller einer komischen Vorführung, die Klasse als lachendes Publikum. Oder in Sport: oft als Letzter gewählt, weil man so sagenhaft schlecht traf, beim Fußball. Hach ja… Pausenhofprobleme.

Die meisten werden solche oder ähnlich banale Erinnerung an Zurückweisungen im Kindesalter haben. Die wenigsten haben sie so stark erfahren, wie Paikea vonseiten ihres Großvaters und den paar Dorfjungen, die der alte Mann mit seinem Weltbild angesteckt hat: Mädchen sind keine Anführer. Paikea lässt sich davon nicht unterkriegen – und in Whale Rider erleben wir sie sich immer und immer wieder ihren Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen. Dabei sind Drehbuch, Schauspiel und Inszenierung so kraftvoll, so intensiv, dass Paikeas Kindheitserfahrungen im Gedächtnis bleiben, wie eigene.

Die traurigste Szene

Vor ein paar Tagen wählten die Autor*innen und Leser*innen von The Guardian ihre traurigsten Filmszenen. Darunter findet sich auch eine Szene aus Whale Rider, die sich einfach ins Gedächtnis brennt: Paikeas tränenreiche Rede vor der versammelten Gemeinde, gewidmet ihrem Großvater, der sich dem nach seiner Anerkennung strebenden Mädchen gegenüber kaum ignoranter verhalten könnte.

Wer einen kleinen Eindruck davon bekommen möchte, wofür Keisha Castle-Hughes im Jahr 2003 als damals jüngste Nominierte der Geschichte für den Oscar als »Beste Hauptdarstellerin« in Frage kam, hier gibt es diesen Eindruck:

– dieser Ausschnitt deutet eine wichtige Wende im Filmgeschehen an, kein richtiger Spoiler, aber ein Spoilerchen –

Fazit zu Whale Rider

Whale Rider handelt von Generationenkonflikten im größeren und kleinen Rahmen, in einer Dorfgemeinschaft und in einer Familie. Er handelt auch von Mensch und Natur und ihrem miteinander verstrickten Wesen. Und nicht zuletzt geht es um Selbstbehauptung und Anerkennung, kurzum: Whale Rider geht die ganz großen Themen an. Allerdings aus Sicht eines jungen Mädchens, dass die Welt, so wie sie ist, nicht hinnehmen will. Der Pathos hält sich wirklich in Grenzen, stattdessen findet der Film einen Mittelweg zwischen Poesie und Lebensnähe. Es lohnt sich, diesen Weg mit zu gehen und Whale Rider zu sehen.

Aktuell arbeitet die Regisseurin Niki Caro an der Realverfilmung von Mulan, dem Disney-Film über die Tochter eines legendären Kriegers. Na, das passt doch!


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