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THE LURE, Musical von Agnieszka Smoczyńska | Film 2015 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 2. Dezember 2018 um 18:39

The Lure (zu deutsch: Die Verlockung, deutscher Verleihtitel: Sirenengesang) ist ein vielfach preisgekröntes, polnisches Horror-Musical aus dem Jahr 2015. Der Originaltitel – Córki dancingu – bedeutet in etwa »die Töchter des Tanzes«, in Anlehnung an Barbara und Zuzanna Wrońskie, deren Lebensgeschichte das Drehbuch ursprünglich inspiriert hat: Die Wrońskie-Schwester verbrachten ihre Kindheit in dem Warschauer Nachtclub Adria, in dem ihre Eltern als Performer aufgetreten sind. Erst auf die Reaktion der Schwestern hin, das Drehbuch sei ihnen etwas »zu persönlich« geraten, verwandelte man die beiden Hauptfiguren kurzerhand in Meerjungfrauen…

Sirenen im polnischen Nachtleben

Zum Inhalt: Irgendwann in den 80er Jahren, da treffen zwei Meerjungfrauen namens Gold (Michalina Olszańska) und Silber (Marta Mazurek) am Strand auf die dort abhängende Rockband Figs’n’Dates (Feigen und Datteln). Die Meerjungfrauen begleiten die Band zu einem Nachtclub, in dem diese regelmäßig auftritt – oft als Hintergrundmusik zu Tänzerinnen. Bald bekommen die Meerjungfrauen so ihre eigene Show, The Lure. Eines Nachts ermordet Gold einen Stammgast des Clubs und frönt auch weiterhin ihren blutrünstigen Trieben. Denn in dieser Geschichte fressen Meerjungfrauen Menschenherzen. Silber hingegen verliebt sich in Mietek, den Bassisten. Der jedoch sieht in Silber nur einen Fisch, ein Tier, keine Frau, womit das Dilemma seinen Lauf nimmt…

Was hier im Meere gerade schön ist, dein Fischschwanz, finden sie dort auf der Erde hässlich […]; man muss dort zwei plumpe Stützen haben, die sie Beine nennen, um schön zu sein! | aus: Die kleine Meerjungfrau

Schauspielerin Kinga Preis in dem Film The Lure

Bei The Lure handelt es sich um eine Neubearbeitung des Stoffes Die kleine Meerjungfrau (1837) von Hans Christian Andersen, jenes Märchen, das heranwachsenden Mädchen eine grausame Botschaft mit auf den Weg gibt: Willst du den Mann deiner Träume, musst du nur dein Wesen aufgeben. Aufgemischt wird diese Idee aus dem 19. Jahrhundert mit Erfahrungen aus der jüngeren Zeitgeschichte, unter anderem von Regisseurin Agnieszka Smoczyńska (*1978). Sie ist selbst in einem Tanz-Restaurant groß geworden, das ihre Mutter leitete, noch in Zeiten der Sowjetunion. The Lure ist Agnieszka Smoczyńskas Spielfilm-Debüt.

Totale: The Lure im Zusammenhang

Historischer Kontext

Hans Christian Andersens Märchen Die kleine Meerjungfrau aus den 1840er Jahren erzählt von einem Meeresvolk, das tief unten in der See lebt – beherrscht von einem König mit sechs Töchtern.

[…] die Jüngste war die schönste von allen. Ihre Haut war so rein und fein wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie die tiefste See, aber ebenso wie alle anderen hatte sie keine Füße; der Körper endete in einem Fischschwanz […] Es gab keine größere Freude für sie, als von der Menschenwelt dort oben zu hören. Die alte Großmutter musste alles erzählen, was sie von Schiffen und Städten, Menschen und Tieren wusste. […]  »Wenn ihr euer fünfzehntes Jahr vollendet habt«, sagte die Großmutter, »dann sollt ihr die Erlaubnis bekommen, aus dem Meere empor zu tauchen […]«

Mit den erwachsenen Töchtern des Meereskönigs verstrickt Andersen den Mythos der Sirenen, der schon in der griechischen Antike erzählt wurde. Bereits Homer lässt seinen Odysseus zwei Sirenen begegnen – weiblichen Fabelwesen, deren Gesang Schiffsleute anlockt und zugrunde richtet. Die jüngste Tochter aber möchte die Menschen nicht in den Tod treiben, sondern recht lieb haben…

Wer schön sein muss, will leiden

»Sieh, nun bist du erwachsen«, sagte die Großmutter […]. »Komm nun, lass mich dich schmücken wie deine anderen Schwestern!« […] und die Alte ließ acht große Austern sich im Schweife der Prinzessin festklemmen, um ihren hohen Rang zu zeigen. »Das tut so weh!« sagte die kleine Seejungfrau. »Ja, für seine Schönheit muss man leiden!« sagte die Alte.

An der Meeresoberfläche stößt die kleine Meerjungfrau auf ein Schiff. Die Matrosen feiern an Deck gerade des Prinzen 16. Geburtstag. Als das Schiff plötzlich in einen Sturm gerät und sinkt, rettet die Meerjungfrau dem Prinzen das Leben. Sie bringt ihn an Land, wo er von anderen Menschenmädchen gefunden wird. Die betrübte Meerjungfrau verliert ihn aus den Augen, bis sie von ihren Schwestern ermutigt wird, selbst an Land zu gehen und den Prinzen aufzusuchen.

»Komm, kleine Schwester!« sagten die anderen Prinzessinnen, und sich umschlungen haltend, stiegen sie in einer langen Reihe aus dem Meere empor, wo sie das Schloss des Prinzen wussten. Dieses war aus einer hellgelben, glänzenden Steinart gebaut, mit großen Marmortreppen, deren eine gerade in das Meer hinunterging.

Was aber, wenn das Schloss ein polnischer Nachtclub ist? So wandelt das Horror-Musical The Lure das klassische Kindermärchen ab – als Schauplatz dient dabei tatsächlich jener Warschauer Nachtclub Adria. Wir erfahren nicht viel über die Beweggründe der beiden Meerjungfrauen-Schwestern, die in der Menschenwelt dieses Films auftauchen. Doch die Parallelen zu Andersens Geschichte sind unverkennbar. Sie dient als literarische Grundlage dieser sehr freien, blutig-bösen Interpretation.

Hier die Musik zum Film:

Mehr über Meerjungfrauen im Allgemeinen erfährt man übrigens auf der »größten deutschen Website über Meerjungfrauen« – und für die selbstverständliche Existenz solch spezieller Interessenseiten muss man das Internet doch einfach lieben.

Persönlicher Kontext

Als zweiter Streifen eines Filmabends kurz vor Halloween habe ich The Lure im Kreise einiger leicht angeheiterter Filmnerds (6 Jungs, 1 Mädel) gesehen, kurz nach Mitternacht. Vorausgegangen war der meisterhafte Horrorfilm Hereditary – Das Vermächtnis (2018) mit Toni Collette, vielleicht nicht das geeignetste unmittelbare Vergleichsmoment für The Lure. Das Musical stieß schon nach wenigen Minuten eher auf Ablehnung aus besagter Runde und wurde anlässlich etwaiger (zuweilen unfreiwillig) komischer Szenen quasi live audio-kommentiert. Das war sehr unterhaltsam, schadete aber gewiss der Wirkung des Films.

Meeresschaum und Menschenseelen

Nun habe ich den Disney-Film Arielle, die Meerjungfrau (1989) zuletzt in Kindheitstagen gesehen – und das dem Horror-Musical zugrunde liegende Märchen von Hans Christian Andersen kannte ich an diesem Double-Feature-Filmabend  mit The Lure noch nicht. Der darin vermittelte Mythos jedenfalls bleibt in allen drei Werken mehr oder minder ähnlich erhalten:

»Wenn die Menschen nicht ertrinken«, fragte die kleine Meerjungfrau, »können sie dann ewig leben? Sterben sie nicht wie wir hier unten im Meere?«

»Ja«, sagte die Großmutter, »sie müssen auch sterben, und ihre Lebenszeit ist sogar noch kürzer als unsere. Wir können dreihundert Jahre alt werden, aber wenn wir dann aufhören, hier zu sein, so werden wir nur in Schaum auf dem Wasser verwandelt […]. Die Menschen dagegen haben eine Seele, die ewig lebt, nachdem der Körper zur Erde geworden ist; sie steigt durch die klare Luft empor, hinauf zu all den glänzenden Sternen! So wie wir aus dem Meere auftauchen und die Länder der Menschen sehen, so steigen sie zu unbekannten, herrlichen Stätten auf, die wir niemals zu sehen bekommen.«

Close-up: The Lure im Fokus

Erster Eindruck | zum Auftakt des Films

Der Vorspann von The Lure – mit den Eröffnungstiteln – ist ein Kunstwerk für sich: Eine Animation von Aleksandra Waliszewska, die für ihre schauerhaften Bilder bekannt ist (siehe: Waliszewska auf Tumblr). Von Disneys Arielle, soviel ist auf den ersten Blick klar, wird das Folgende weit entfernt sein…

In The Lure möchte die kleine Meerjungfrau nicht einfach nur Beine haben, um mit ihrem Schwarm gehen zu können – sondern um diese Beine breit machen und mit ihm schlafen zu können. Die Liebe mag besungen werden, in der Menschenwelt, doch Sex ist das, worauf es ankommt. In der Nacht zum Auftakt des Films, als die beiden Schwestern vom Ufer in den Club geführt werden, sehen sie aus wie zwei junge Mädchen in übergroßen Mänteln. Sie sollen sich ausziehen.

Halb Mädchen, halb Muräne

Nackt führt man sie dem alten, schnurrbärtigen Nachtclub-Besitzer (Zygmunt Malanowicz) vor, von vorne, von hinten, siehe da: Die Mädchen haben keine Öffnungen zwischen den Beinen. Glatt wie Barbie-Puppen sind sie. Erst als ein Glas Wasser über ihre Körper ergossen wird, verwandeln sich ihre asexuellen Unterleiber in mächtige Fischhälften. Die Meerjungfrauen sehen weniger wie Arielle aus – halb Mensch, halb süßer Delfin oder so. Sie sind Mischwesen aus Menschen und sowas wie graubraunen, schleimigen Aalen oder Muränen.

Doch die wundersame Verwandlung ist nur der halbe Zweck der Vorführung im Hinterzimmer des Nachtclubs. Dessen Besitzer wird sogleich auf die kleinen Schlitze in den Fischhälften hingewiesen. Wie Wunden im Schuppenkleid – die, so wird angedeutet, zur Penetration dienen mögen… Die Fischschwänze, diese große visuelle Attraktion dieses Films, wurden ebenfalls von Aleksandra Waliszewska entworfen.

»Das beste Goth-Musical über menschenfressende Meerjungfrauen, das je gemacht wurde« – so betitelt David Ehrlich (IndieWire) sein Review des Films. Stimmt natürlich.

Hier eine Szene aus dem Film The Lure, eine der vielen Musik-Einlagen mit Tanz, Gesang und bizarren Bildern:

Bleibender Eindruck

Was ist ein Mädchen, wenn es noch keine Frau ist? Diese Frage stellt die Beststeller-Autorin Angela Lovell zum Auftakt ihres aufschlussreichen Essays One is Silver and the Other Gold (2017), das auch der Criterion-DVD-Edition des Films beiliegt. Lovell fragt weiter: Was ist, wenn das Mädchen ein Fisch ist – und gleichzeitig nach dem Geschmack menschlicher Herzen lechzt?

Die Meerjungfrauen erheben sich singend aus der See, in Vollbesitz ihrer fremdartigen Mächte über männliche Menschenwesen. Sie betreten das Land ahnungslos darüber, dass unsere Welt als »a man’s world« gilt. […]

Angela Lovell, in: One is Silver and the Other Gold
Anziehung und Abstoßung

Angela Lovell beschreibt die Transformation von geschlechtslosen Barbie-Puppen zu Meerjungfrauen als deutliche Metapher für die Pubertät, mit »all der Anziehung und Abstoßung, dem Geruch und dem Schleim, der damit einhergeht – ebenso, wie die bedrohliche Kraft über Männer«. Die häufige Nacktheit der Schwestern beschreibt Lovell als anfangs »unbewusst, auf kindliche Weise«, bald »im Bewusstsein über die Anziehungskraft ihrer Körper«.  

Eine Nacht verbringt das Mädchen namens Gold mit einer Militär-Offizierin. Der Sex zwischen ihnen ist voller erotischer Kraft, nicht nur wegen der umwerfenden Frauen, sondern aufgrund der gegenseitigen Akzeptanz zwischen ihnen. Anders als die Männer in diesem Film empfindet die Offizierin keinen Ekel vor den weiblichen Genitalien […]

Angela Lovell

Das und mehr lässt sich aus dem Film The Lure lesen, der voller interessanter Aspekte steckt. Leider gelingt es kaum, den Ideenreichtum in eine runde Dramaturgie einzubinden. Anders als etwa der Amphibien-Mann aus Shape of Water (2017) bleiben die Meerjungfrauen trotz ihres menschlichen Antlitzes blasse Figuren, zu denen ein emotionaler Bezug schwer fällt.

Persönliches Fazit zu The Lure

Starke Einzelszenen in einem konfusen Kontext, so hat Brianna Zigler (ScreenQueens) das Musical The Lure schon sehr gut auf den Punkt gebracht. Dem kann ich nur zustimmen: Zwischenzeitlich mutet der Film wie ein überlanges Musikvideo à la Florence + The Machine – The Odyssey (apropos Sirenen!) an. Das Gefühl eines stringent verfolgten Handlungsbogen mag dabei nicht recht aufkommen. Mit seinen rund 90 Minuten ist The Lure jedenfalls ein kurzweiliges, abwechslungsreiches Musical mit zahlreichen Songs und garantiert überraschenden Wendungen. 

Kombi-Tipp: A. O. Scott (NY Times) empfiehlt, »The Lure würde sich prima in Kombination mit Anna Billers The Love Witch anbieten – als feministisches, Genre-aufwühlendes Exploitation-Double-Feature.«

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