Cinemathek

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Zuletzt aktualisiert am 1. Dezember 2018 um 19:05

Die Stadt Ebbing in Missouri gibt es nicht. Nun, es gibt sie natürlich tausendfach, solche Städte, gewiss – doch sie sind so klein, dass es eine Provokation wäre, auf eine davon mit dem Finger zu deuten. Auf die zwei Dutzend Leute, die da wohnen. Und zeigen, wie merkwürdig sie sind. Denn das sind sie, die Figuren im Oscar-Favoriten „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“. Merk-würdig.

Worum geht’s? Eine Frau, die locker schon zwei heranwachsende Kinder und einen Ex-Mann haben könnte, fährt eine Landstraße entlang, an denen drei Billboards stehen. Große Anschlagtafeln für Werbung, völlig heruntergekommen und ungenutzt. Wir sehen der Frau an, dass sie – mit Blick auf das Hinweisschildchen zum Inhaber dieser Tafeln – eine Idee ausbrütet. Schnitt. Sie marschiert rein in den Laden, der die Billboards vermietet.

Frances McDormand vor ihren Anschlagtafeln, Standbild aus dem Film: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Werbung für ein Verbrechen

Jetzt sind wir schon mitten in Ebbing. Die Werbefirma liegt gegenüber des Polizeireviers, ich schätze die Kneipe und der Souvenirladen (und damit alles, was wir von der Stadt zu sehen bekommen werden) sind gleich um die Ecke. In Ebbing kennt also jede/r jede/n. Die Frau heißt Mildred. Die hat ihre Tochter an ein grausames Verbrechen verloren. Und die Polizei tut einen Scheiß, den Fall aufzuklären. Ein halbes Jahr ist vergangen, seit Mildred zuletzt von den Cops bezüglich ihrer Tochter gehört hat. Jetzt mietet sie die drei Billboards, um dafür zu sorgen, dass der Fall wieder in Fahrt kommt. Auf die Anschlagtafeln lässt sie schreiben:

RAPED WHILE DYING
(vergegewaltigt, während sie im Sterben lag)

AND STILL NO ARRESTS?
(und noch keine Festnahmen?)

HOW COME, CHIEF WILLOUGHBY?
(wie kommt’s, Chief Willoughby?)

Chief Willoughby kennt natürlich auch jede/r. Und viele mögen ihn sehr. Er ist der beliebte Chef einer ansonsten eher anscheinend etwas inkompetenten Polizeieinheit, die in Ebbing mehr abhängt denn für Ordnung sorgt. Obwohl also alles wahr ist, was dort steht – Mildreds Tochter wurde ermordet und es gibt keine Festnahmen – stehen die Leute im Dorf längst nicht nur auf Mildreds Seite.

Spirale der Gewalt, mal wieder

Ausgehend von den drei Billboards, die in der Exposition des Films „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ beklebt werden, entfacht sich ein Kleinkrieg in der Kleinstadt, der in eine Gewaltspirale führt. Wie man es schon zig mal gesehen hat, wenn die beteiligten Protagonisten Gewalt als naheliegende Handlungsoption sehen. Damit ist auch Mildred gemeint, deren angenehm stiller, böser Protest wie Anschlagtafel längst nicht ihr letzter Schachzug ist. Und folgende sind übler.

Als ich „Three Billboards“ gestern Abend im Apollo in Aachen gesehen habe (endlich mal wieder ein Langfilm, nach den ganzen 99-Sekündern der letzten zwei Wochen), wusste ich nicht mehr darüber, als auf dem Plakat stand. Es spielen mit: Frances McDormand als Mutter Mildred, Woody Harrelson als Polizeichef Willoughby und Sam Rockwell als brutaler, grenzdebiler, homophober, rassistischer Bulle. Aber irgendwie sollen ihm die Zuschauer am Ende doch was Sympathisches abgewinnen. Wie soll das gehen?

Three Billboards, zero Leerlauf

Der Weg dorthin ist in der Tat holprig. Wie gesagt, ich wusste nicht, dass der Regisseur dahinter Martin McDonagh ist, beziehungsweise, dass der auch „Brügge sehen… und sterben“ gemacht hat (welchen ich durchaus schätze). Ich wusste nicht, dass dieser Streifen von Filmstarts.de mit 5 von 5 möglichen Sternen bewertet wurde. Für mich war Filmstarts mal eine Institution. Hätte ich all die guten Dinge über „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ gelesen und gehört, die da draußen im Internet rumschwirren, ich hätte den Film sicher mit anderen Augen gesehen. Wohlgesonnener.

Stattdessen dachte ich zwischendurch: Hallo, leben in diesem Kaff nur fünf Leute, nur die Sprechrollen, die sich dementsprechend immer dann mehr oder weniger zufällig begegnen, wenn es der Story in den Kram passt, die dadurch natürlich rasant voranschreitet!? Das ist das Beste an dem Film: Es wird wirklich nicht langweilig. Die knapp zwei Stunden vergehen im Flug. Dauernd passiert etwas Krasses. Meist unnötig Brutales, aber es sind halt einfache Leute, augenscheinlich. Wenn man nur einen Hammer hat, sieht alles nach einem Nagel aus, oder wie geht dieser Spruch?

Figurentiefe gesucht

Peter Dinklage ist aus dabei, Tyrion aus „Game of Thrones“. Plötzlich wieder degradiert zum Parade-Kleinwüchsigen, der ob seiner Kleinwüchsigkeit der Kleinwüchsige im Film ist, irgendwie unschön, nachdem er sein irres Schauspiel in „Game of Thrones“ so vielfach unter Beweis gestellt hat. Braucht er diese Rollen noch, wie beinahe Sidekick-Charakter haben? Will er sie? Ich habe schon während des Films nach einer irgendwie rechtfertigenden Tiefe in dieser Figur gesucht, von der ich im Nachhinein hie und da gelesen habe. Ich persönlich konnte sie in „Three Billboards“ nicht finden.

Ein Streitthema in den USA – wo der Film wohlgemerkt auch für Empörung gesorgt hat – ist der Fokus auf den weißen Macho-Arsch-Brutalo-Cop gespielt von Sam Rockwell und dessen Wandlung vom Saulus zum (Naja-Fast-)Paulus. Am Ende steht der Film, der diese Figur so schön als blöden Rassisten zeichnet, selbst irgendwie als rassistischer Film da, der schwarzen Schauspielern kaum mehr Raum gibt als Rassismus-Zielscheiben zu sein. Dramaturgisch notwendige Elemente für einen ziemlich weißen Film. Dieses Problem stach mir gestern Abend ehrlich gesagt weniger ins Auge.

Bemerkenswert fand ich – natürlich – einen Oneshot irgendwo in der Mitte von „Three Billboards“, einfach weil mein Hirn mit Alarmglocken darauf reagiert, wenn die Kamera einer Figur schnittlos zu folgen beginnt: Wann kommt er, der nächste Schnitt, wann, wann? Geht es weiter, noch weiter? Es geht verdammt lange weiter, ohne Schnitt, während der Prügel-Cop jemanden verprügelt. Also wieder einmal Gewalt, davon sollte man bei Betrachtung dieses Films nicht ganz

Lohnt sich der Film?

Aller Zerrissenheit zum Trotz kann ich „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ empfehlen. Das Werk ist kurzweilig und unterhaltsam, das sind schonmal zwei Anforderungen, die selbst dem unbedarftesten Kinogänger sehr zugute kommen. Was die Schauspielerinnen und Schauspieler an Performance aufbieten, ist große Klasse. Zu guter Letzt: Die Geschichte und ihre Charaktere sind – wie sich gezeigt hat –  streitbar, man kann herrlich darüber diskutieren! Und alles, was Kontroversen in Gang hält, schleift die Gedanken aller Beteiligten!

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