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DON’T BREATHE, Home-Invasion-Thriller mit Jane Levy | Film 2016 | Kritik

Einbrechen, ausrauben, abhauen – wie viele ach so sichere Jobs hat’s in der Filmgeschichte nicht schon gegeben, die in einer dieser Phasen grandios schiefgingen? Die Idee bedient die Urängste und das Mitgefühl aller Menschen, die sich in irgendwelchen vier Wänden heimisch fühlen. Das sind in einer Wohlstandsgesellschaft wie der Unseren ziemlich viele. Für dieses große, mitfühlende, ängstliche Publikum lohnt sich ein eigenes Meta-Genre: die »Home-Invasion-Filme«. In diese Schublade fällt auch Don’t Breathe mit Jane Levy – und sticht sogleich aus ihr hervor.

Atemlos durch die Nacht

Inhalt: Drei junge Menschen haben es sich zum Hobby gemacht, in Häuser einzubrechen. Das Motiv: Geldnot, Langeweile und der Traum, mal aus dem eigenen kleinen dummen Leben auszubrechen. Besonders vielversprechend erscheint ihnen ihr nächster Job, der – wenn alles gut läuft – ihr letzter sein könnte. Oder eben, wenn alles katastrophal läuft. Ihr Opfer: ein blinder Kriegsveteran, der vor Jahren seine kleine Tochter verloren hat…

Hinweis: Dieser Blogbeitrag enthält keine Spoiler. Aktuelle legale Streaming-Angebote finden sich bei JustWatch. Don’t Breathe ist freigegeben ab 16 Jahren.

Schauspielerin Jane Levy in dem Film Don't Breathe | Bild: Sony Pictures

Totale: Don’t Breathe im Zusammenhang

Historischer Kontext

Die Schutzlosigkeit im eigenen Zuhause ist ein Spannungs-Katalysator im Film, seit es Filme überhaupt gibt. Die Liste der »Home Invasion Movies« geht zurück bis zu David W. Griffith, dem großen Spielfilm-Pionier, dessen Werke dieser Tage als cineastische Meilensteine gefeiert – und oft als rassistisch gerügt werden. So ist es in dem Kurzfilm The Lonely Villa (1909) bezeichnenderweise auch die »Gypsy Queen«, von der ein heroischer Familienvater eine Kutsche stiehlt, um rechtzeitig daheim zu sein. Bei Frau und Töchtern, die gerade Opfer eines Raubüberfalls werden. Dieser Film gilt heute als erster Home-Invasion-Thriller.

Der rund 10-minütige Stummfilm The Lonely Villa mit Marion Leonard als Ehefrau und Mutter ist hier zu sehen:

In der Tat handelt es sich meistens um Thriller oder Horrorfilme, die sich eine »home invasion« – also das Eindringen eines oder mehrerer Menschen in ein bewohntes Haus – zum Thema nehmen. Klassiker des Meta-Genres sind Bei Anruf Mord (1954) mit Grace Kelly oder Straw Dogs (1971) mit Susan George. Auch in Uhrwerk Orange (1971) gehören die Home-Invasion-Szenen mit Adrienne Corri und Miriam Karlin zu den bedrückendsten des ganzen Films.

Die gefährliche Welt da draußen

Solche Filme reflektieren die zunehmende Angst vor zerbröckelnden Grenzen zwischen Privatsphäre und öffentlichem Raum […]. Diese Filme spiegeln ebenso das Gefühl wieder, dass die Außenwelt gefährlicher und unberechenbarer ist, als jemals zuvor. 1

Und so werden »diese Filme« auch nie alt, im Gegenteil: In der laufenden Dekade – den 2010er Jahren – sind so viele Home-Invasion-Filme herausgekommen, wie in keinem Jahrzehnt zuvor. Von brutalen Horrorstreifen à la Martyrs (2016) und Ghostland (2018), über Dystopien wie The Purge (2013) und Remakes wie Straw Dogs (2011) bis hin zu knallharten Thrillern, wie nun Don’t Breathe (2016) einer ist.

Persönlischer Kontext

Ich persönlich habe ein großes Faible für Home-Invasion-Filme, seien sie nun unterhaltsam wie Lady Killers (1955, 2004) und Kevin – Allein zu Haus (1990) oder klaustrophobisch wie Panic Room (2002). In meinen Teenager-Jahren waren Funny Games (1997, 2008) und The Strangers (2008) die Filme, die mir mehr Angst machten, als ganze Franchises wie Paranormal Activity (Dämonen… buhu…) oder Saw (Torture-Porn… bähä…). Vor ein paar Jahren schwappte meine Faszination für Home-Invasion-Thriller so hoch, dass ich meinte, selbst einen machen zu müssen. Seitdem schwirrt Jenes innere Wesen (2015) durchs Internet.

Unser höchst eigener Home-Invasion-Thriller mit Anni C. Salander, Carolin Stähler, Nina Kierdorf und Jesse Albert in den Hauptrollen:

So war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mir auch den Genre-Vertreter Don’t Breathe (2016) ansehen wollte – bevor vielleicht schon im nächsten Jahr das Sequel zu dem Erfolgshit kommt. Dieser Fortsetzung soll die »großartigste Idee für ein Sequel« zugrunde liegen, die Produzent Sam Raimi jemals gehört hat. Und das ist ein Mann, der selbst schon so einige Sequels gemacht hat…

Close-up: Don’t Breathe im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Don’t Breathe beginnt mit einer Luftaufnahme – die Totale einer Straße in der ruhigen Wohngegend, in der dieser Film spielen wird. Ganz langsam senkt sich die Kamera herab. Das Licht der gerade aufgehenden Sonne berührt die Baumwipfel. Der Asphalt liegt noch im Schatten. Eine Gestalt geht dort entlang, einsam und allein, scheinbar, mitten auf der Straße. Doch je näher die Kamera kommt, desto mehr erkennen wir, dass die Gestalt etwas hinter sich herzieht. Und zwar eine augenscheinlich leblose, junge Frau. Schnitt in die Halbnahe der Gestalt, von hinten, schräg unten, im Gegenlicht. Mehr als die dunkle Silhouette eines Mannes sehen wir nicht. Dazu ein dezenter, heran schwellender Score, der abrupt abbricht.

Schnitt zum Titel, der so trashig 3D-mäßig gestaltet ist, wie er klingt: DON’T BREATHE. Wer hat sich diesen Abtörner denn ausgedacht? Warum nicht The Blind Man and the Three – oder The Girl, the Blind and the Clumsy – oder 13 Reasons Why to rob a Blind Man, Dylan!

Die Lücke im System

Ich hab doch gesagt, dass das abgefahren ist. | Rocky

Das ist der erste gesprochene Satz in diesem Film, kurz bevor der erste Raubzug beginnt. Los geht’s mit einem Bruch, der eigentlich kein richtiger Bruch ist. Drei Kleinkriminelle Anfang/Mitte zwanzig betreten ein fremdes Haus durch die Vordertür. Einer dieser Drei – Alex – ist der Sohn eines Firmenchefs, der sich auf Gefahrenmelde-Anlagen spezialisiert hat. Mit der kleinen »Lücke im System«, dass sein Sohn diese Melde-Anlagen zu umgehen weiß. Aber Alex ist von dem Räuber-Trio wohl der liebste Verbrecher. In dieser ersten Einbruchs-Szene des Films werden die Hauptdarsteller*innen ohne viele Worte prägnant porträtiert.

Alex (Dylan Minnette) ist der vergleichsweise Gewissenhafte, der Effiziente von den Dreien. Und der, der bei einem Einbruch auch mal in einem Buch blättert – ob er darin nun nach Geldscheinen oder Weisheiten sucht… Rocky (Jane Levy) bedient sich am Kleiderschrank, freut sich gender-stereotypisch über die Schuhe, probiert eine Jacke an, lässt sich aufs kuschlige Bett fallen – und sieht doch nicht erfüllt aus. In ihrem Blick zur Zimmerdecke sehen wir Sehnsucht oder Aussichtslosigkeit oder beides. Und dann ist da noch Money (Daniel Zovatto). Der spricht und gibt sich noch am Gangster-mäßigsten von dieser kleinen Bande – und er pinkelt auch erstmal genüsslich ins Wohnzimmer. Da ahnt man schon, mit wem man mehr und weniger sympathisieren darf, im folgenden Fiasko…

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Nach dem gelungenem Auftakt macht der Film dramaturgisch gekonnt weiter. Das Drehbuch räumt den Figuren genug Platz ein. Diejenigen, an deren Schicksal wir Anteilnahme entwickeln sollen, werden uns in kompakten Szenen näher gebracht. Show, don’t tell, dieser Storyteller-Grundsatz ist hier Programm. Und wenn nach einer Viertelstunde die Haupthandlung beginnt, wissen wir genug über die drei Kleinkriminellen, um (zumindest zwei von) ihnen gegenüber nicht gleichgültig oder gar verachtend eingestellt zu sein. Immerhin wollen sie einen blinden Mann die Entschädigung für seine verstorbene Tochter stehlen. Ziemlich niederträchtige Angelegenheit…

Natürlich ist der blinde Mann nicht so hilf- und harmlos, wie es scheint. Doch wie sehr die Kids den Alten unterschätzt haben, das entpuppt sich erst Wendung für Wendung in diesem facettenreichen Plot. Das Kammerspiel beschränkt sich zum größten Teil auf das Haus des blinden Mannes, großartig gespielt von Stephen Lang. Für den Schauplatz entwickelt man als Zuschauer*in dank einer gelungenen Arbeit von Kamera und Schnitt ein räumliches Gefühl. Orientierungslos fühlt man sich immer nur genau dann, wenn es gewollt ist… mehr soll hier nicht verraten werden.

Fazit zu Don’t Breathe

Wer auf Home-Invasion-Thriller steht, wird Don’t Breathe feiern. Der Film ist temporeich und kurzweilig, nach einer gekonnten Exposition pausenlos spannend, zwischenzeitlich richtig perfide. Dabei kommt Don’t Breathe ohne einen hohen Blutzoll aus, was man vom Regisseur Fede Alvarez – der das Remake von Evil Dead (2013) gemacht hat – eher nicht erwartet hätte. Brutal geht es trotzdem zur Sache, daher: Nichts für zarte Gemüter.

Kein zartes Gemüt ist – das stellt sie mehrfach eindrucksvoll unter Beweis – die Hauptdarstellerin Jane Levy, die der Figur Rocky eine tolle Mischung aus Herz und Härte gibt. Auch wenn Don’t Breathe 2 ziemlich nach B-Movie klingt, wäre ich auf eine Fortsetzung dieses Thrillers extrem gespannt. Die Art und Weise, wie sich dieser Film die Möglichkeiten für ein Sequel offen hält, sind angenehm ausgewogen – obwohl runder, geschlossener Handlungsbogen, gibt es da ein kleines Türchen für neuen Thrill.

Fußnoten

  1. Leitch, Thomas; Poague, Leland (Hg.): A Companion to Alfred Hitchcock (2011), S. 136 – übersetzt aus dem Englischen

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