Film Geschichte

AUFBRUCH ZUM MOND mit Claire Foy | Film 2018 | Kritik

Wenn Menschen heute zuweilen heftigst darüber diskutieren, ob man mit Big Data oder Gentechnik dieses oder jenes denn unbedingt machen müsse oder dürfe oder besser bleiben lasse, dann lohnt es sich, tief Luft zu holen. Eine Pause einzulegen. Einen Film anzusehen. Aufbruch zum Mond. Rund 140 Minuten mit Artgenossen, die sich in bebenden Blechbüchsen unter Lebensgefahr ins Ungewisse schießen ließen – einfach nur so, als teures Wettrennen – das rückt heutige Streitfragen in Relation. Natürlich müssen wir dieses oder jenes unbedingt machen. Unser Fähnchen steckt im Mond, ey!

Große Taten, kleine Gesten

Wenn ich nun für einige Zeit den letzten Schritt eines Menschen vom Mond Richtung Heimat machen werde, dann möchte ich sagen […]: Amerikas Herausforderung von heute hat das Schicksal des Menschen von morgen geschmiedet.

Eugene Cernan, der letzte Mann auf dem Mond (Dez. 1972)

Die Mondlandungen von 1969 bis 1972 sind das ultimative Beispiel. Bei jenen Diskussionen um Big Data oder Gentechnik geht es oft darum, unsere Lebensumstände zu optimieren, Krankheiten zu heilen, Arten vor dem Aussterben zu bewahren oder das Sterben komplett abzuschaffen – krasse Motivationen jedenfalls. Und was müssen die »first men« und »first women« dieser Tage dafür riskieren? Knöpfe drücken, Programmzeilen schreiben, Zellen sezieren. Wenn uns besagte Blechbüchsen mit (qualvoller) Todesgefahr nicht davon abhielten, ein Ziel um seiner selbst willen zu erreichen – was soll uns, allen Ernstes, heute und in Zukunft noch von irgendwas abhalten? Die eindringliche Inszenierung des Films Aufbruch zum Mond rückt diese Frage der bizarren Notwendigkeit unseres Seins und Treibens mal wieder ins Bewusstsein.

Schauspielerin Claire Foy in dem Film Aufbruch zum Mond

Zum Inhalt: Im Jahr 1962 stirbt die zweijährige Tochter von Janet und Neil Armstrong an einem Gehirntumor. Die Mutter kümmert sich um die zwei verbliebenen Söhne. Der Vater bewirbt sich für das Project Gemini – und wird von der NASA als Pilot für das Weltraumprogramm rekrutiert. Die Familie zieht nach Houston, in die Nachbarschaft mehrerer Angehöriger von Astronauten. Während Janet dort versucht, ein normales Leben aufzubauen, strebt Neil nach der Ferne…

Hinweis: Dieser Blogbeitrag enthält keine Spoiler. Abgesehen davon, dass das Ende verraten wird. Wer das mies findet, kann sich übrigens auch den Beitrag zu Titanic (1997) schenken, der ist ähnlich enttäuschend.

Totale: Der Film im Zusammenhang

Historischer Kontext

In Minute 3:30 betritt Neil Armstrong die Mondoberfläche.

Keiner der Millionen Zuschauer auf der ganzen Welt, die diese Ereignisse verfolgten, wird je den Augenblick vergessen, in dem Armstrong den ersten Schritt auf die Oberfläche des Mondes hinaus machte. Auf den verschwommenen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von einem Ort, der über 400.000 Kilometer entfernt war, schien es eine Ewigkeit zu dauern, bis Neil schließlich – die rechte Hand an der Leiter – den linken Fuß im Stiefel vorstreckte und den Mond betrat.

James R. Hansen, in der autorisierten Biografie über Neil Armstrong

So dokumentiert der Historiker James R. Hansen den ersten Schritt auf dem Mond – 4 Tage, 13 Stunden, 24 Minuten und 20 Sekunden seit dem Start der Apollo-11-Mission. Für eine Biografie des scheuen Neil Armstrongs erhielt Hansen erstmals Zugang zu persönlichen Quellen und privaten Dokumenten, um aus dem Leben des ersten Mannes auf dem Mond erzählen zu können. Dieses Buch aus dem Jahr 2005 diente als literarische Vorlage zum Film. Das Drehbuch adaptierte der Oscarpreisträger Josh Singer (Spotlight, Die Verlegerin) jedoch vielmehr auf der Grundlage eines 72-seitigen Treatments von Damien Chazelle.

Der Blick hinter die Erfolgsstory

Als das Projekt erstmals auf dem Radar des Jung-Regisseurs erschien – im Jahr 2014, kurz nach Fertigstellung des Musikdramas Whiplash – da war Chazelle zunächst gar nicht so interessiert an Armstrong und der NASA-Geschichte überhaupt. Es bedurfte eines Blicks in besagte Biografie und einige Dokumentationen, ehe Chazelle sich für das Projekt Aufbruch zum Mond begeisterte.

Ich weiß nicht, wann es Klick machte, aber an einem Punkt dachte ich einfach: »Wow, wie hab ich’s für selbstverständlich gehalten, dass – damit wir die Erfolgsstory von Menschen auf dem Mond haben – diese Menschen Fantasie in Realität verwandeln und ihr Leben dafür aufs Spiel setzen mussten.»

Damien Chazelle, in: Variety, 3. September 2018

Persönlicher Kontext

Mir geht’s da ähnlich wie Chazelle: Ich hatte bis dato eher wenig Interesse an Nationalhelden wie Armstrong und der NASA-Geschichte. Mein Herz schlägt eher für die Filmgeschichten und deren Helden, wie – na ja – Damien Chazelle halt. Dessen Filme Whiplash (2014) und La La Land (2016) habe ich gefeiert [hier gibt’s die Videokritik zu La La Land]. Den Film Aufbruch zum Mond nahm ich nun für KinoFilmWelt genauer unter die Lupe.

Close-up: Der Film im Fokus

Erster Eindruck | zum Auftakt des Films

Der Film beginnt mit einem Testflug des X-15. Oder für Nicht-Experten (wie mich): Mit Ryan Gosling in einer Blechkapsel auf bestem Weg durch die Stratosphäre – und dem vagen Gefühl, »oha, geht’s schon los?« Aber nein, in einem halsbrecherischen Manöver landet Neil Armstrong wieder auf der Erde. Ohne eine einzige Außenaufnahme vom All, der Erde, dem Flug. Die Kamera bleibt ganz nah bei Armstrong und die Geschichte ebenfalls: Wir erleben ihn zunächst im Umfeld seiner Familie, die schwere Zeiten durchmacht.

Mit dem frühen Tod der Tochter setzt Aufbruch zum Mond gleich zum Auftakt des Films einen Ton, den er bis zum Ende beibehält. Leise ist er, angenehm unpatriotisch. In diesem Biopic geht es nicht um Helden, sondern um Menschen. Den großen Taten werden die kleinen Gesten gleichgestellt. Und mag der Mut noch so groß sein – die Trauer ist größer. 

Obwohl die Erzählung durchaus bemüht scheint, den Familien der Männer möglichst viel Raum zu geben, kann dieser Ansatz nur mäßig gelingen. Aufbruch zum Mond besteht den Bechdel-Test, so gerade eben: Es kommen darin mehr als eine weibliche Sprechrolle mit Namen vor – und auch Szenen, in der zwei Frauen über etwas andere als ihre Männer sprechen. Allerdings verweilen sie dabei in der Immanenz des Hausfrauen-Daseins. Als Teil der Rezeptions-Geschichte eines überwiegend von Männern gestalteten 20. Jahrhunderts bleibt der Fokus von Aufbruch zum Mond auf Seiten der Männer und ihrem Handeln – wobei die stärksten Szenen des Films doch die zwischen Neil und Janet sind.

Im Gespräch mit Janet Armstrong

Drehbuchautor Josh Singer führte ein Interview mit der echten Janet Armstrong, ehe sie am 21. Juni 2018, zwei Monate vor der Veröffentlichung des Films, verstarb. Diesen Interviews lauschte die Schauspielerin Claire Foy stunden- und tagelang, um den Akzent der historischen Figur möglichst genau zu treffen. Janet Armstrong war es auch, die Josh Singer durch ihre Gespräche zu dem Filmende führte, mit dem Aufbruch zum Mond nun abschließt. Auf einer so stillen wie hoffnungsvollen Note (mehr dazu in einem Artikel von Elena Nicolaou). 

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Auf einen Moment wartet man in Aufbruch zum Mond vergeblich: Den des Flagge-in-den-Boden-Steckens. Empörung unter Patriot*innen: Filmfuzzi, wie kannst du nur! Nimmst uns diesen denkwürdigen Augenblick der AMERIKANISCHEN Eroberung des Mondes! Hach, darüber könnte ich mich jetzt in epischer Länge auslassen, aber Trevor Noah hat dazu (wieder einmal) bereits alles gesagt, was ich zu sagen hätte – nur in wesentlich eloquenter, guckste hier:

Um ehrlich zu sein, wir Menschen vom »Rest der Welt«, wir wollen keine Anerkennung für Amerikas Mondlandung. Denn ich hab keine Ahnung, was da draußen passiert ist. Wir sahen [in den Original-Aufnahmen] die Astronauten aussteigen, die Flagge aufstellen und Ende. Nach allem, was wir wissen, haben sie – als die Kamera aus war – einen Genozid an den einheimischen Mondmenschen verübt und sie in Massengräbern auf der dunklen Seite des Mondes vergraben. Und eines Tages kommen einige Überlebende der Mondmenschen auf die Erde und sagen: »Ihr habt uns das angetan!« Und wir so: »Nicht wir waren’s, die AMERIKANER waren’s – seht ihr nicht die Flagge!?«

Trevor Noah, in: American Politics Landed On The Moon

Persönliches Fazit zu Aufbruch zum Mond

Rund 50 Jahre nach der ersten Mondlandung sind wir immer noch ein kleingeistiger Haufen, wenn man Potential und Faktenlage mal vergleicht. Kaum auszumalen, wohin wir schon im Weltall unterwegs wären, wenn Osten und Westen zusammenarbeiteten. Gemeinsam hätten wir eine bessere Staatsform ausgetüftelt – despotensicherer als die Diktatur, idiotensicherer als die Demokratie – und dann ab dafür, bis zur Unendlichkeit und noch vieeel weiter. Aber nein, stattdessen stehen wir uns im Kalten Krieg hochgerüstet gegenüber und riskieren grauenhafte Tode in einem bescheuerten Space Race.

Aufbruch zum Mond lässt nicht nur protestierende Stimmen zu Wort kommen, die Sinn und Zweck des Weltraumprogramms in Frage stellten. Der Film vermittelt auch dieses Gefühl tiefer Verunsicherung: Was soll das alles? Wem nutzt es? Ist das eine Mission oder reiner Selbstmord oder ein Fluchtversuch? Wovor rennen diese Männer davon? Statt die x-te Hymne an Heldentaten heraus zu trompeten, bleibt Aufbruch zum Mond am Boden der Tatsachen. Wir sind in erster Linie Menschen, die hier auf Erden miteinander klarkommen müssen. Danke, Damien & Co., für diesen Film!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.