Film

TITANIC mit Kate Winslet | Film 1997 | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 9. November 2018 um 15:31

Anfang dieses Monats – am 5. Mai 2018 – lud die Sängerin Adele zu einer Mottoparty ein. Im Stil ihres Lieblingsfilms Titanic feierte sie den Tag, an dem sie vor 30 Jahren geboren wurde, in ihrer Heimat England. Dazu schlüpfte Adele in die Rolle von Rose DeWitt Bukater, jenem fiktiven Mädchen, das im Alter von 17 Jahren England in Richtung ihrer Heimat Amerika verlassen wollte. Im Folgenden soll es um diese herausragende Filmheldin gehen – und das Werk, das ihre Geschichte erzählt.

Die Unschuld der Rose

Derzeit drängelt sich das Marvel-Mammutprojekt Avengers: Infinity War in der Liste der weltweit größten Kinokassenschlager aller Zeiten nach oben. Seinen kleinen Bruder, Avengers: Age of Ultron, hat das Superhelden-Mashup bereits verdrängt. Die spannende Frage ist, ob an die Spitzenränge ranzukommen ist, also Star Wars (Platz 3), Titanic (2) und Avatar (1). Angesichts dessen, was Marvel Studios an Budget, Stars und Marketing auffährt, um seinen Siegeszug zu bestreiten, erkläre ich den Kampf jetzt schon für verloren.

Hinweis: Liebe Leser*innen, was Spoiler betrifft – das Schiff geht unter. So, jetzt ist es raus. Über das Schicksal von Rose und Jack verrate ich im Abschnitt »Bleibender Eindruck«, nochmals mit eigenem Spoiler-Alert. Aber wenn ihr’s wirklich noch nicht wisst, gibt es nur zwei Antworten:

[geboren vor 2005] Schande über euer Haupt! Dieser Film gehört zum grundlegenden kulturellen Allgemeinwissen (der westlichen Welt, aber immerhin). Schaut ihn euch gefälligst an, bevor ihr so mir nichts, dir nichts in irgendeinen Filmblog reinstolpert, der Titanic-Enthusiasmus voraussetzt!

[geboren nach 2005] Herzlich Willkommen auf der Welt, ihr jungen Leser*innen, die ihr gerade offiziell die geistige Reife erreicht habt, euch drei Stunden legendäre Schiffskatastrophen-Schnulze zu geben. Glaubt mir, Titanic wird euch in diesem Leben vermutlich noch einige Male begegnen, also schaut den Film, bringt’s hinter euch – vielleicht, wer weiß, findet ihr ihn voll dope (oder was ihr Kids heutzutage zu großem Kulturgut so sagt). Aktuelle legale Streamingmöglichkeiten gibt’s via JustWatch.

Kate Winslet als Rose DeWitt Bukater in »Titanic« | Bild: Twentieth Century Fox
Kate Winslet als Rose DeWitt Bukater in »Titanic« | Bild: Twentieth Century Fox

Historischer Kontext

Anders als die Katastrophen im Marvel-Universum, in denen Superhelden den Menschen zur Hand gehen, basiert Titanic auf einer Katastrophe in der realen Welt. Es gibt keine Superheld*innen, nur Menschen – und über 1.500 von ihnen starben, als die Titanic am 14. April 1912 einen Eisberg rammte und sank. Daran scheint Adele nicht gedacht zu haben, als sie ihre Themenparty plante. Entsprechende Kritik ließ in den vergangenen Tagen nicht lange auf sich warten. Tatsächlich muten ihre Instagram-Fotos von der Feier – Tanzen in Rettungswesten, siehe Bild 3 – etwas makaber an.

Aber Taktgefühl mal beiseite gelassen: Den Rose-Lookalike-Contest gewinnt die Sängerin Adele allemal. Unglaublich, wie ähnlich sie Kate Winslet in ihrer berühmtesten Rolle sieht!

Für das kollektive Gedächtnis

Auch James Cameron musste sich im Laufe der vergangenen 20 Jahre seit dem Kinostart von Titanic mit Kritik auseinandersetzen. Ein Vorwurf lautet, mit dem Fokus auf die Romanze habe der Regisseur die Katastrophe für seine dramaturgischen Zwecke instrumentalisiert.

Doch seien wir ehrlich: Der Untergang der RMS Titanic wäre längst vergessen in einer Gesellschaft, die sich nicht einmal um die Hunderten von Ertrunkenen im Mittelmeer der Gegenwart schert. Man kann den Film finden, wie man will – doch er hält die Erinnerung an das Unglück von damals wach, wie kaum ein anderes Medium je etwas für das kollektive Gedächtnis bewahrt hat.

Die unerzählten Geschichten

Natürlich gibt es etliche Bücher und Filme, die sich mit den Geschichten der echten Passagieren der Titanic befassen. Den Verstorbenen, wie den Überlebenden. In diesem Jahr noch soll ein Dokumentarfilm erscheinen, der bis dato nicht erzählte Geschichten in den Fokus nimmt: Die von sechs überlebenden Passagieren chinesischer Herkunft, die nach dem Schiffsuntergang scheinbar spurlos verschwunden sind. Wer sich über das spannende Projekt auf dem Laufenden halten möchte: hier geht’s zur offiziellen Website des Dokumentarfilms The Six (auf der es bereits einen Trailer gibt).

Persönlicher Kontext

Titanic habe ich zum ersten Mal am Silvesterabend 2001 gesehen. Damals war ich 12 Jahre alt und mit dem grünen FSK-Siegel auf der Videokassette nicht mehr abzuschrecken. Meine Mutter gab meinem hartnäckigen Willen (seit locker 2 Jahren wollte ich diesen Film endlich sehen) also nach und wir sahen den Titanic zum Jahresausklang. Dass meine kleinen Geschwister den Film prompt mit anschauen durften, das war eine der Ungerechtigkeiten, mit denen sich älteste Geschwisterkinder im Leben abzufinden lernen. Meine Schwester (8) schlief nach ein paar Minuten ein, meine Mutter (besorgt) spulte in der zweiten Filmhälfte über jeden Filmtod hinweg das Band weiter (»Das Schiff geht jetzt eine Stunde unter«).

Jungenschwarm Leo DiCaprio

Warum war ich mit 12 Jahren überhaupt so fixiert auf den Film, der Jungs in dem Alter eher nicht zur Zielgruppe hat? Das lag an der Glorifizierung von Leonardo DiCaprio (Romeo + Julia, The Wolf of The Wall Street), der in den späten 90er Jahren – für meine Wahrnehmung – omnipräsent war. Ich kannte ihn bereits aus Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa. Der war FSK 6, also frühes Filmfutter, und während wir uns Titanic später als Original-Videokassette geliehen haben, hatte Mama Gilbert Grape als FreeTV-Ausstrahlung mit dem Videorekorder aufgenommen. Diese illegale Raubkopie sahen mein Bruder und ich etliche Male.

Leo war dutzendfach in unseren Stickeralben und auf den Titelseiten von Zeitschriften, die seine Story vom Kinderschauspieler zum Megastar schilderten. Ich schätze, durch diese Erzähl-Perspektive vom etwa 10, 11, 12 Jahre alten Jungen, der später mit Titanic berühmt werden würde, war das Identifikations-Potential für mich in dem Alter zur Genüge gegeben.

Später habe ich Titanic noch etliche Male auf DVD gesehen und als 3D-Fassung im Kino – und begriffen, dass Leonardo DiCaprio in der Rolle des Jack Dawson eigentlich nur als love interest dient, für die eigentliche Heldin des Films: Rose. Mein persönlicher Bezug zu dem Gesamtwerk Titanic: Ich liebe es. (Winslet und DiCaprio traten erst viele Jahre später wieder als gemeinsames Paar vor der Kamera auf, in Sam Mendes‘ Zeiten des Aufruhrs.)

Fahren wir nun mit der objektiven Filmkritik völlig ungewissen Fazits fort…

Close-up: Titanic im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Wie gesagt, ich war zu jung, um mich an meinen wirklichen ersten Eindruck zu erinnern. Doch damals wie heute beginnt der Film mit Aufnahmen von der RMS Titanic am Kai, umgeben von winkenden Menschen, kurz vor der Abfahrt. In Sepia-Farben muten die Bilder wie historische Originalaufnahmen an, begleitet von einem rührselig-romantischen Score. Der Establishing Shot zeigt uns den Gegenstand und Handlungsort des folgenden Films und gibt den bestimmenden Ton vor.

Eine weiche Blende überführt vom vermeintlichen Archivmaterial zur Meeresoberfläche bei Nacht, der schwarzen See, auf der in weißen Großbuchstaben der Titel zu lesen ist: TITANIC. Episch wird’s, kein Zweifel soweit. Die Opening Scene von Titanic wurden zahlreiche eigene Reviews gewidmet. Ich überspringe die Rahmenhandlung vom Tiefseetaucher-Team auf Schatzsuche und komme direkt zu besagter Heldin, um die sich der Film dreht: Rose DeWitt Bukater.

Einmalig in der Filmgeschichte

Geboren am 5. April 1895 betritt sie als Teenagerin mit ihrer Mutter, ihrem Personal und dem Mann, den sie heiraten soll, das größte Schiff der Welt. Gespielt wird dieses Mädchen, das vielmehr als junge Frau in Erscheinung tritt, im Laufe des Films von zwei Schauspielerinnen. Beide von ihnen, sowohl Kate Winslet (die junge Rose) als auch Gloria Stuart (die alte Rose), wurden für ihre Rolle jeweils mit dem Oscar geehrt.

Das gab es vorher noch nicht, in der Filmgeschichte – und seitdem auch nur ein weiteres Mal. 2001 wurde Judi Dench als Hauptdarstellerin in dem Film Iris mit dem Oscar ausgezeichnet, gemeinsam mit (für dieselbe Rolle in jung) wieder mal Kate Winslet! Hut ab!

Titanic erzählt die Geschichte von Rose aus der Retrospektive, wie sie sich als alte Dame (eine Künstlerin und Mutter) an die damalige Überfahrt von England nach Amerika erinnert. Wir verfolgen ihre Geschichte vom Besteigen des Schiffs bis zu ihrer Ankunft am anderen Ufer – mit allen schönen und schrecklichen Erfahrungen, die dazwischen liegen. Durch ihr Schicksal und ihre Perspektive wird das Drama, dass sich damals für Hunderte von Passagieren auf hoher See abgespielt hat, für uns heute noch in hohem Maße nachempfindbar.

Die entfernte Szene

Während die konkrete Filmhandlung den meisten Leser*innen hinlänglich bekannt sein dürfte, möchte ich den Fokus mal auf eine Szene mit Kate Winslet, Amy Gaipa (als Dienstmädchen Trudy) und Billy Zane richten, die es nicht in die finale Schnittfassung geschafft hat – obwohl oder weil sie den Film beträchtlich verändert hätte. Sie trägt den Titel The First und ist auf YouTube zu sehen:

Die Szene zeigt einen intimen Moment zwischen Rose und ihrem Verlobten Cal. Er betritt das Zimmer, gerade als Trudy gerade fröhlich mit Rose spricht.

Trudy: Es duftet so neu! Als hätten sie alles nur für uns gebaut. Ich meine… nur daran zu denken, dass ich heute Nacht, wenn ich unter die Bettdecke krabbele, die Erste sein werde-

Cal (Rose anschauend): Und wenn ich unter die Bettdecke krabbele, heute Nacht, dann werde ich immer noch der Erste sein.

Trudy (wird rot und verschwindet): Entschuldigen Sie, Miss.

Cal (nähert sich Rose): Der Erste und der Einzige, für immer.

Diese Szene impliziert, das Rose noch Jungfrau ist.

Vom Wert einer Frau

Denken wir an die Szene, in der Rose von ihrer Mutter das Korsett zugeschnürt bekommt. Die Mutter (Frances Fisher) redet von dem »guten Namen«, der ihren Berg von Schulden verstecken. Sie sagt: »Dieser Name ist die einzige Karte, die wir noch ausspielen können.« Neben der Reputation eines Familiennamens war Jungfräulichkeit ebenfalls ein »Wert«, der Frauen zu jener Zeit zugeschrieben wurde.

Denken wir nun an Cal und Rose beim Frühstück auf dem privaten Deck. Es ist der Morgen, nach dem Rose streunen gewesen ist. In der Dritten Klasse – mit Jack. Cal erzählt ihr, er habe sie erwartet, vergangene Nacht. Ohne die Szene The First impliziert dieses Tischgespräch, dass die beiden bereits intim miteinander sind. Cal »besitzt« Rose in dem vollen Verständnis eines besitzergreifenden Macho-Arschs, als der er hier in Erscheinung tritt.

Lesetipp: Eine feministische Analyse von Titanic gibt es hier zu lesen: 7 Ways that the Movie Empowers Women (englisch)

Befreit aus dem Korsett

Mit der Szene The First im Film hingegen, hätte sich Rose in der Nacht ihres Streunens bewusst ihrem Gatten verweigert – und ihre Jungfräulichkeit (sonst ebenfalls bloß eine »Karte«, die man ausspielen kann) für sich behalten, beziehungsweise selbst entschieden, wem sie zu geben sei.

Jungfrau oder nicht, in jedem Fall befreit sich Rose im Laufe des Films aus dem Korsett, das ihr ihre Familie aufzwängt. Sie löst sich von dem Mann, den sie heiraten soll, und sie gibt nicht auf, als der Mann, den sie liebt…

– Achtung, Spoiler! –

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

…stirbt. Ja, Jack stirbt. Man kann das Werk schauen, so oft man mag, auf das Ende klarzukommen fällt schwer. Warum zum Geier passen nicht zwei Personen auf dieses blöde Brett im Wasser! Jack hätte doch locker überleben können, wenn die beiden bloß ein bisschen zusammengerückt wären!

Warum also – warum, warum!? – musste Jack sterben?

Regisseur James Cameron gibt darauf eine betörend einfache Antwort:

Es steht auf Seite 147 im Drehbuch, dass Jack stirbt. So einfach.

Zum Glück geht die Antwort noch weiter:

Wenn er überlebt hätte, wäre das Ende des Films bedeutungslos gewesen. Der Film handelt von Tod und Trennung – er musste sterben. Also entweder so, oder indem einer der Schiffsschornsteine wäre auf ihn gestürzt. Man nennt es Kunst, Dinge passieren aus künstlerischen Gründen – nicht aus physikalischen!

Fazit zu Titanic

Ein Film über Tod und Trennung, im Kontext einer realen Katastrophe, am Beispiel eines fiktiven Liebespaares. Völlig egal, welche Comic-Helden und Fantasy-Wesen an Titanic vorbei an die Spitzen etwaiger Hitlisten klettern – dass überhaupt so viele Jahre lang die vergleichsweise schlichte Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen als kommerziell erfolgreichster Film aller Zeiten galt, ist beachtlich. Titanic spricht Werte an, die zeitlos sind, und konserviert ein Ereignis der Zeitgeschichte. Grandioser Film!

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