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DIE STELLUNG DES MENSCHEN IM KOSMOS, Max Scheler | Buch 1928

Zuletzt aktualisiert am 6. November 2018 um 13:02

Sie gilt als eine der grundlegenden Schriften zur Philosophischen Anthropologie im 20. Jahrhundert: Max Schelers Die Stellung des Menschen im Kosmos (1928) beschäftigt sich mit der klassisch-anthropologischen Frage »Was ist der Mensch?«. Oder mit seinen Worten: Wie war es möglich, »daß sich dieses schon fast zum Tode verurteilte Wesen, dieses kranke, zurückgebliebene, leidende Tier mit der Grundhaltung ängstlicher Selbstumhüllung« in die Kultur und Zivilisation rettete? Scheler arbeitet in seiner Schrift die Unterschiede zwischen Pflanzen, Tieren und Menschen heraus. Und er erklärt, was die Letzteren seiner Meinung nach in eine »Sonderstellung« erhebt.

Das Ende der Endlichkeit

Ich darf mit einiger Befriedigung feststellen, daß die Probleme einer Philosophischen Anthropologie heute geradezu in den Mittelpunkt aller philosophischen Problematik getreten sind und daß auch weit hinaus über die philosophischen Fachkreise Biologen, Mediziner, Psychologen und Soziologen an einem neuen Bilde vom Wesensaufbau des Menschen arbeiten. | S. 5 1

Und ich darf mit einiger Befriedigung feststellen, daß die Schriften einer Philosophischen Anthropologie von vor knapp 100 Jahren heute noch viele (neu zu entdeckende) Gedanken bereithalten, die im Zeitalter der Digitalisierung und des Transhumanismus aktueller denn je sind. Doch bereits zu seiner Zeit wurde Schelers Schrift ausgiebig rezipiert. Sein damals weniger populärer Zeitgenosse Helmuth Plessner, dessen im selben Jahr erschienenes, wesentlich umfangreicheres Werk Die Stufen des Organischen und der Mensch gar fälschlicherweise Max Scheler zugeschrieben wurde, sagt es so:

[Schelers Schrift fand] dank ihrer Kürze und ihrer geschickten Verwendung biologischer und psychologischer Fakten sofort ein großes Publikum. Was lag näher, als das schwerfällige Werk eines Unbekannten für die Ausführung Schelerscher Gedanken zu halten […]?

Helmuth Plessner, in: Die Stufen des Organischen und der Mensch (1928), Vorwort zur zweiten Auflage

In Die Stellung des Menschen im Kosmos geht es insbesondere um den »Geist« als Alleinstellungsmerkmal des Menschen. Aber was meint Scheler, wenn er vom »Geist« spricht? Und inwiefern erscheint sein Geistesbegriff gerade heute hochinteressant? Diese Fragen sollen im Folgenden beantwortet werden.

Zeichnungen von DaVinci und ein Porträt von Max Scheler, dazu der Text: Die Stellung des Menschen im Kosmos

Regalfach: Das Werk im Zusammenhang

Historischer Kontext

Max Scheler kam 1874 in München zur Welt. Später studierte er dort und in Berlin sowohl Medizin und Philosophie, als auch Psychologie und Soziologie (unter anderem bei Wilhelm Dilthey). Am Ersten Weltkrieg musste er aus gesundheitlichen Gründen nicht als Soldat teilnehmen – schwärmte aber für die kriegerische Sache. 1915 erschien seine Schrift Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg, gewidmet »Meinen Freunden im Felde«. Im Vorwort heißt es:

Schon jetzt fürchte ich, daß die leidenschaftliche Bewegung des Gemütes, in der dieses Buch geboren wurde – wie oft legte ich die Feder von ihr wie gefangen zur Seite – in Urteilen über Personen und Völker über berechtigte Grenzen hinaus geführt habe. Ist es der Fall, so bitte ich die Betroffenen ob meiner großen Geistesenge um Verzeihung.

Max Scheler, in: Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg (1915), Vorwort

Eine »leidenschaftliche Bewegung des Gemütes« dieses wortgewandten Philosophen trat auch in manch anderer Hinsicht zu Tage. Während er 1916 noch feierlich in die katholische Kirche aufgenommen worden war, wendete er sich Anfang der 1920er Jahre wieder vom Katholizismus ab. 1924 ging Scheler dann nach zwei Scheidungen seine dritte Ehe ein (Hey, ein Wissenschaftler in dritter Ehe – damit ist Max Scheler quasi die historische Vorlage zu Ross Geller aus Friends!). Knappe 10 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, den er noch als »einzigartiges Ereignis in der moralischen Welt – dem erhabensten seit der französischen Revolution« gefeiert hatte, hielt Scheler vor Generälen der Reichswehr nun den Vortrag Die Idee des Friedens und des Pazifismus.

In Ermangelung eines »größeren Werkes«

Ein wankelmütiger Mann, so könnte man Max Scheler also sehen. Oder einfach als einen Menschen, der sich ob der Dinge seine Gedanken machte. Und er war nicht zu stolz, seine Überzeugungen an neue Erkenntnisse und Einsichten anzupassen. Im Jahr seines plötzlichen Todes – 1928 – veröffentlichte er noch den hier besprochenen Vortrag Die Stellung des Menschen im Kosmos. Es war »eine kurze, sehr gedrängte Zusammenfassung« seiner Anschauungen »über einige Hauptpunkte der Philosophischen Anthropologie«.

Zu diesem Thema habe er, Max Scheler, seit Jahren ein größeres Werk »unter der Feder«, das Anfang des Jahres 1929 erscheinen solle. Allerdings stellte man nach seinem Tode fest, dass er mit der Niederschrift eines solchen Werkes noch nicht begonnen hatte. Immerhin: Die Stellung des Menschen im Kosmos ist für sich genommen bereits eine sehr ergiebige, interessante Schrift.

Diese Buchkritik in Bild und Ton gibt’s hier, als Video auf meinem YouTube-Kanal:

Persönlicher Kontext

Ich habe Max Scheler als ersten von drei großen Namen der Philosophischen Anthropologie im Modul P1 (Philosophie) kennengelernt. Dieses bearbeitete ich im Rahmen meines Studiums der Kulturwissenschaften an der Fernuniversität Hagen. Als Disziplin der Theoretischen Philosophie beschäftigten wir uns mit der Philosophischen Anthropologie, wie sie die Herren Max Scheler, Helmuth Plessner und Arnold Gehlen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehr oder weniger ausführlich und mit gewissen Unterschieden ausgearbeitet haben. Hier soll es nun um Schelers wichtigste Schrift gehen: Die Stellung des Menschen im Kosmos.

Die Anthropologie des 20. Jahrhunderts scheint damit zu beginnen, dass Max Scheler in seiner dichten Programmskizze Die Stellung des Menschen im Kosmos 1928 von der »Sonderstellung des Menschen« spricht. […] Er bestimmt den Menschen objektiv aus seiner evolutionsbiologisch gefassten Stellung im Kosmos, und er legt dabei zugleich Wert auf die Feststellung, dass sich das Wesen des Menschen nicht biologisch bestimmten lässt, sondern nur metaphysisch.

Birgit Recki, Professorin für Philosophie an der Universität Hamburg, Mensch und Technik. Eine Bestandsaufnahme in der Philosophischen Anthropologie des 20. Jahrhunderts, in: Information Philosophie (2018/2), S. 14

Was ist Metaphysik? Dazu habe ich hier einen (sehr) kurzen, einführenden Beitrag verfasst.

Trotz der offenbar metaphysisch anmutenden »Sonderstellung«, die weiter unten noch näher erläutert werden soll, leitet Scheler die menschliche Lebensform erst einmal über ein organisches Stufenmodell her. Dieses wollen wir nun genauer unter die Lupe nehmen.

Max Scheler: Die Stellung des Menschen im Kosmos

Leselupe: Das Werk im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt der Schrift

Was ist der Mensch?

In dem Augenblick, da der Mensch sich eingestanden hat, daß ihn keine Möglichkeit der Antwort auf diese Frage mehr schreckt, scheint auch der neue Mut der Wahrhaftigkeit in ihn eingekehrt zu sein, diese Wesensfrage ohne die bisher übliche […] Bindung an eine theologische, philosophische und naturwissenschaftliche Tradition in neuer Weise aufzuwerfen […] | S. 6

Diese Aussage wirkt heute – in der Zeit des Transhumanismus, da Menschen zunehmend zu Cyborgs werden – geradezu prophetisch. Wir nähern uns Antworten auf die Frage an, was vom menschlichen Wesen übrig bleibt, wenn man ihn ganz seiner naturgegebenen, körperlichen Hülle entledigt. Ist es tatsächlich noch so, daß uns »keine Möglichkeit der Antwort auf diese Frage mehr schreckt«? Doch das ist – von der Entwicklungsleiter aus gesehen – ein Blick weit nach oben hin, zum offenen Ende.

Die 4 Stufen der biopsychischen Welt

Schauen wir auf dieser Leiter erst einmal nach unten. Max Scheler teilt die Entwicklung des Lebens in 4 Stufen ein. Differenziert nach dem Antriebs- und Organisationsprinzip, das den jeweiligen Organismen zugrunde liegt.

  • Gefühlsdrang (Stufe 1)
  • Instinkt (Stufe 2)
  • Assoziatives Gedächtnis (Stufe 3)
  • Praktische Intelligenz (Stufe 4)

Der Gefühlsdrang ist die erste und unterste Stufe der biopsychischen Welt, der schon den Pflanzen zukommt. Scheler bezeichnet diesen Drang aber zugleich als den »Dampf, der bis in die lichtesten Höhen geistiger Tätigkeit alles treibt«. Somit liegt auch dem reinsten Denkakt – vom Kind, das sich ein Spiel überlegt, bis hin zu einem Immanuel Kant, der den Kategorischen Imperativ ersinnt – dieser Gefühlsdrang zugrunde.

Es gibt keine Empfindung, keine Wahrnehmung, keine Vorstellung hinter der nicht der dunkle Drang stünde. | S. 14

Das Pflanzliche im Menschen

Der bewusst-, empfindungs- und vorstellungslose Gefühlsdrang sei es auch, der Mensch und Tier die Schlaf- und Wachzeiten aufzwinge, als periodische Energie-Entziehung zugunsten des vegetativen Systems, also des unbewussten Organismus. Max Scheler, der den Menschen hier noch rein von seiner biologischen Seite her betrachtet, kommt (wohl in Hinblick und reduziert auf die weibliche Rolle bei der Fortpflanzung) zu folgendem Schluss:

Insofern ist der Schlaf ein relativ pflanzlicher Zustand des Menschen. Im Weibe […] scheint das pflanzliche Prinzip (wie schon Fechner bemerkt) im Menschen zu überwiegen. | S. 14

Der Instinkt wird als eine angeborene Fähigkeit verstanden, die nicht dem Individuum selbst, sondern der Art dienlich ist. Als Beispiele führt Max Scheler etwa Tiere an, die ihre Winterruhe oder einen Nestbau instinktiv vorbereiten, »obgleich man nachweisen kann, daß [das Tier] als Individuum ähnliche Situationen noch nie erlebte«. Es verhalte sich »wie sich nach der Quantentheorie schon das Elektron verhält: ›als ob‹ es einen künftigen Zustand vorhersähe.« Wichtig:

Von Maßlosigkeit und Masturbation

Die sogenannten »Trieb«handlungen des Menschen sind darin das absolute Gegenteil der Instinkthandlungen, daß sie, ganzheitlich betrachtet, ganz sinnlos sein können (zum Beispiel die Sucht nach Rauschgift). | S. 18

Und zwar sinnlos für die Art sowie für das Individuum. Der »vom Instinkt entbundene Trieb« ist übrigens auch bei höheren Tieren schon zu finden, wie Scheler bemerkt – und damit »freilich auch der Horizont der Maßlosigkeit«. Interessant für alle, die steif und fest behaupten, der Sexualtrieb diene naturgeschichtlich ausschließlich der Fortpflanzung, bitte schön:

Nur solange z.B. der Sexualimpuls eingebettet ist in die tiefe Rhythmik der mit dem Wandel der Natur einhergehenden Brunstzeiten, ist er ein unbestechlicher Diener des Lebens. Herausgelöst aus der instinktiven Rhythmik, wird er mehr und mehr selbständige Quelle der Lust – und kann schon bei höheren Tieren, insbesondere bei gezähmten, den biologischen Sinn seines Daseins weit überwuchern (z.B. Onanie bei Affen, Hunden).

Aus diesem (selten) gegebenen Anlass, hier ein kleines YouTube-Video über masturbierende Tiere:

Das assoziative Gedächtnis kommt denjenigen höheren, langfristig lernfähigen Tierarten zu, die Gewohnheiten entwickeln können. Dabei ist jede assoziative Gedächtnisleistung gelenkt von etwaigen Trieben oder Bedürfnissen und den Aufgaben zur Erfüllung derselben. Darunter fällt die Speicherung von lust- oder schmerzbesetzten Erfahrungen im Bewusstsein. Das assoziative Gedächtnis ist also der Grund, weshalb die Kuh den Elektrozaun meidet – oder weshalb manche Masochist*innen in Berührung mit Elektroschockern zu kommen neigen.

Erst im Menschen nimmt diese Isolierbarkeit des Triebes aus dem instinktiven Verhalten und die Trennbarkeit von Funktions- und Zustandslust die ungeheuerlichsten Formen an, sodaß man mit Recht gesagt hat, der Mensch könne immer mehr oder weniger als ein Tier sein, niemals aber – ein Tier. | S. 26

Auf dem Weg zur Banane

Die praktische Intelligenz nimmt die vierte und höchste Stufe ein. Doch sie ist nicht dem Menschen vorenthalten, sondern wird ebenfalls bereits bei höheren Tieren beobachtet. Der Unterschied zwischen der praktischen Intelligenz und dem assoziativen Gedächtnis liegt darin, dass die zu erfassende Situation, auf die zu reagieren ist, »nicht nur artneu und atypisch, sondern vor allem, auch dem Individuum neu« erscheint. 

Ein solches objektiv sinnvolles Verhalten erfolgt plötzlich, und zeitlich vor neuen Probierversuchen und unabhängig von der Zahl der vorhergehenden Versuche. | S. 27

Wenn Affen etwa Werkzeuge oder Gegenstände zweckentfremden, zuweilen gar neu zusammensetzen, um etwa an eine begehrte Frucht außer Reichweite zu gelangen – dann spricht man von praktischer Intelligenz. Max Scheler bezieht sich auf die Experimente, die Wolfgang Köhler in seiner Forschungsstation auf Teneriffa mit einigen Schimpansen vorgenommen hat. Hier ein paar beeindruckende Originalaufnahmen dieser Experimente.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung der Schrift

Zwischen Menschen und Tieren, so sieht es nach Betrachtung der 4 Stufen der biopsychischen Welt aus, besteht kein Wesens-Unterschied. Zumindest, wenn man nur diese Entwicklungsstufen heranzieht. Doch der Philosophischen Anthropologie von Max Scheler liegt ein Dualismus zugrunde. Darin besteht der markanteste Unterschied zum philosophisch-anthropologischen Ansatz von Helmuth Plessner. Tatsächlich sei das Wesen des Menschen, so Scheler, von einem ganz anderen Standpunkt aus zu definieren.

Das, was den Menschen allein zum »Menschen« macht, ist nicht eine neue Stufe des Lebens […], sondern es ist ein allem und jedem Leben überhaupt, auch dem Leben im Menschen entgegengesetztes Prinzip, eine echte neue Wesenstatsache, die als solche überhaupt nicht auf die »natürliche Lebensevolution« zurückgeführt werden kann, sondern, wenn auf etwas, nur auf den obersten einen Grund der Dinge selbst zurückfällt. | S. 32

Oha, der berüchtigte oberste Grund der Dinge! Oder auch: der oberste Seinsgrund. Das große Thema der Metaphysik, das die alten Griechen in der Antike schon umtrieb. Doch was die Griechen, laut Scheler, als »Vernunft« bezeichneten, möchte er lieber »Geist« nennen.

Der »Geist« des Menschen

Stellen wir hier an die Spitze des Geistesbegriffes seine besondere Wissensfunktion, eine Art Wissen, die nur er geben kann, dann ist die Grundbestimmung eines geistigen Wesens, wie immer es psychologisch beschaffen sei, seine existentielle Entbundenheit vom Organischen, seine Freiheit, Ablösbarkeit – oder doch die seines Daseinszentrums – von dem Bann, von dem Druck, von der Abhängigkeit vom »Leben« und allem, was zum Leben gehört – also auch von der eigenen triebhaften »Intelligenz«. | S. 32

Randnotiz: Bei der »existentiellen Entbundenheit vom Organischen« muss ich an die Vorstellung von einer Übertragung des menschlichen Bewusstseins denken, wie sie zum Beispiel in dem Film Transcendence (2014) thematisiert wird. Darin lebt der »Geist« eines Wissenschaftlers (gespielt von Johnny Depp) im Internet weiter.

Was den menschlichen Geist unter anderem auszeichnet, das ist die Fähigkeit zu »ideierenden Akten«. Damit sind Schlussfolgerungen von einzelnen Beobachtungen hin zu allgemeinen Wesenheiten gemeint.

Ein großartiges Beispiel für solch einen ideierenden Akt gibt die bekannte Bekehrungsgeschichte Buddhas. Der Prinz sieht einen Armen, einen Kranken, einen Toten, nachdem er im Palast des Vaters jahrelang allen negativen Eindrücken ferngehalten ward; er erfaßt aber jene drei zufällig »jetzt-hier-so-seienden« Tatsachen sofort als bloße Beispiele für eine an ihnen erfaßbare essentielle Weltbeschaffenheit. | S. 42

Und weil du nicht nur die Symptome einer konkreten Krankheit sehen, sondern dir alle möglichen (und unmöglichen) Krankheiten vorstellen kannst, schaust du als  »Geist« innewohnende Person sozusagen durch das »Fenster ins Absolute« (ein Begriff Hegels).

Randnotiz: Als solche »Fenster ins Absolute« kommen mir heutzutage, ganz haptisch und pragmatisch, die diversen Endgeräte vor, durch die wir – mal in kleineren oder größeren Bildausschnitten – hinein ins Internet schauen, diesem Raum absolut unendlicher Möglichkeiten

Die Sphäre eines absoluten Seins

Wenn Max Scheler die geistige Aktivität als »eigenartige Fernstellung« und Distanzierung zur Welt respektive zu bestimmten Symbolen der Welt beschreibt, erinnert dies sehr an die »exzentrische Positionalität«, die Helmuth Plessner in Die Stufen des Organischen und der Mensch dem Menschen als Alleinstellungsmerkmal zuschreibt. Trotzdem wird Scheler – im Gegensatz zu Plessner, der nur von einer Distanzierung vom Selbst, statt von der Welt, ausgeht – ein »näherhin metaphysischer« Ansatz zugeschrieben. Doch entspringt Schelers Geistesbegriff wirklich einer »Metaphysik«? Oder ist es vielmehr andersherum?

Max Scheler nimmt in Die Stellung des Menschen im Kosmos eine »Sphäre […] eines absoluten Seins« an, die – ob man sie nun erleben oder erkennen kann (oder eben nicht) – als wesentlicher Bestandteil zum Menschen dazugehört. Der Mensch hat sie also nicht erfinden können, weil sie ihn überhaupt erst zum Menschen macht, diese »formale Seinssphäre eines alle endlichen Erfahrungsinhalte und das zentrale Sein des Menschen überragenden, schlechthin in sich selbständigen Seins«.

Der Ursprung der Metaphysik

Versteht man unter den Worten »Ursprung der Religion« und »Ursprung der Metaphysik« nicht nur die Erfüllung dieser Sphäre mit bestimmten Annahmen und Glaubensgedanken, sondern den Ursprung dieser Sphäre selbst, so fiele also dieser ihr Ursprung mit der Menschwerdung selbst vollständig in eins zusammen. | S. 75

Somit spielt sich das, was in der Philosophie als »Metaphysik« diskutiert wird, bereits als Gegenstand innerhalb jener Sphäre ab, die Scheler als unseren »Geist« bezeichnet. Gebildet wird diese Sphäre durch geistige Akte, die dahingehend performativ sind, dass durch diese Akte selbst die Sphäre erst entsteht.

Wir wollen diesen [geistigen] Akt »Sammlung« nennen und ihn und sein Ziel, das Ziel dieses »Sichsammelns«, zusammenfassend »Bewußtsein des geistigen Aktzentrums von sich selbst«, oder »Selbstbewußtsein« nennen. | S. 35

Randnotiz: Auf die Gefahr hin, damit zu nerven – aber hier muss ich wieder einmal an Computer, das Internet und künstliche oder artifizielle Intelligenz (AI) denken. Was macht denn AI anderes, als fleißig zu sammeln, Daten aller Art? In meinem kümmerlichen Menschenhirn erscheint die Vorstellung geradezu naheliegend, dass AI eines Tages so viel geballte Datensammlung in einem wo auch immer gelegenen »Aktzentrum« beisammen hat, dass sich daraus ein Bewusstsein oder Selbstbewusstsein ergibt.

Max Schelers Themenspektrum

Der Nichtwiderstand gegen das Böse

In einem interessanten Absatz von Die Stellung des Menschen im Kosmos geht Scheler auf »das Wollen« ein. Die Energie, die eine Person in ihr »Wollen« legt, führe ins Leere, wenn sie sich nur auf die Bekämpfung dessen konzentriert, was eben nicht gewollt ist. Zum Beispiel, wenn sie sich »auf die bloße Bekämpfung […] eines Triebes richtet, dessen Ziel als ›schlecht‹ vor dem Gewissen steht.« Zahlreiche Menschen leiden an solchen Trieben, die als lasterhaft gelten. Sei es, wie schon erwähnt, die Sucht nach Rauschgift oder die Neigung zum Masochismus.

So muß der Mensch auch sich selber dulden lernen – auch diejenigen Neigungen, die er als schlecht und verderblich in sich erkennt. Er darf sie nicht durch direkten Kampf angreifen, sondern muß sie indirekt überwinden lernen durch Einsatz seiner Energie für wertvolle Aufgaben, die sein Gewissen als gut und trefflich erkennt […] | S. 58

Max Scheler rät in Die Stellung des Menschen im Kosmos also dazu, die eigene Energie anders zu kanalisieren, als in den Kampf gegen etwaiges »Böses« im Innern. Ablenkung, könnte man es auch nennen. In dem man sich ein bestimmtes Ventil sucht, sei es Sport oder das Lernen einer Sprache, die Karriere oder das Schreiben eines Blogs, lässt sich die eigene Energie auf »gute« Weise einsetzen.

In der Lehre vom »Nichtwiderstand« gegen das Böse schlummert, wie schon Spinoza in seiner Ethik tiefsinnig ausgeführt hat, eine große Wahrheit. | S. 58

Hier ein Blick in das Buch Die Stellung des Menschen im Kosmos (andere Ausgabe, als die hier besprochene):

Die gesamte Schrift Die Stellung des Menschen im Kosmos von Max Scheler findet sich außerdem beim Projekt Gutenberg von SPIEGEL Online.

Über psychosomatische Erkrankungen – und Pornos

Als ein wichtiges Ziel der Forschung sieht Max Scheler seinerzeit eine möglichst weitreichende Prüfung, inwiefern – so schreibt er in Die Stellung des Menschen im Kosmos – die gleichen Verhaltensweisen eines Organismus »einmal durch physikalisch-chemische Reize von außen her, ein andermal durch psychische Reizung, Suggestion, Hypnose, alle Art von Psychotherapie, Veränderung der gesellschaftlichen Umgebung (von der viel mehr Krankheiten abhängen, als man ahnt) herbeigeführt und abgeändert werden können.«

Hüten wir uns also gar sehr vor einer falschen Übersteigerung ausschließlich physiologischer Erklärungen. Es kann ein Magengeschwür nach unserer heutigen Erfahrung ebensowohl psychisch bedingt sein wie durch einen gewissen chemisch-physikalischen Prozeß […]. Sexuelle Erregung kann durch Einnahme gewisser Mittel ebensowohl herbeigeführt werden wie durch unzüchtige Bilder und Lektüre. | S. 64-65

Gemeint ist hier – nur, damit wir das alle verstanden haben – Pornografie 🙈. Nur  so am Rande: Wer mehr über Pornos erfahren möchte, dem oder der sei an dieser Stelle der Film Don Jon (2013) ans Herz gelegt. Kleiner Schlagabtausch daraus:

Barbara: Pornos und Filme sind was völlig anderes! Für Filme gibt es Preise!
Don Jon: Für Pornos gibt es auch Preise.

Scarlett Johansson und Joseph Gordon-Levitt in dem Film Don Jon

Wenn uns Filme um so viel zugänglicher erscheinen als Pornos, dann liegt das an einem einseitig eingestellten Interesse. Sowas in der Art meint Max Scheler jedenfalls, als er zum Verhältnis zwischen Psyche und Physis in Die Stellung des Menschen im Kosmos schließlich schreibt:

Wenn uns die Lebensvorgänge von außen her um so viel zugänglicher erscheinen als über den Korridor des Bewußtseins, so braucht das eben nicht nur auf dem tatsächlichen Verhältnis zwischen Psyche und Physis zu beruhen, sondern kann in einem jahrhundertelang einseitig eingestellten Interesse begründet sein. Die indische Medizin etwa zeigt die entgegengesetzte, nicht minder einseitige psychische Einstellung. | S. 65

Werdende Götter

Nicht zuletzt erinnert die Art und Weise, wie Max Scheler in Die Stellung des Menschen im Kosmos den »überräumlichen«, »überzeitlichen« und alles »vergegenständlichenden« Geist beschreibt an den Dataismus, wie Yuval Noah Harari ihn in Homo Deus (2015) schildert. So bemüht Scheler den Ausspruch des amerikanischen Zoologen Herbert Jennings, »der Organismus ist ein Vorgang«. Dazu ist der Organismus als Algorithmus, wie Harari ihn beschreibt, quasi das Pendant des frühen 21. Jahrhunderts. Auch Hararis These von »werdenden Gottheiten« (bei ihm ist es der Mensch selbst, der zum Gott wird), mutet nach der Lektüre von Die Stellung des Menschen im Kosmos wie Schnee von gestern an. Scheler dazu:

Man wird mir sagen und man hat mir in der Tat gesagt, es sei dem Menschen nicht möglich, einen unfertigen Gott, einen werdenden Gott zu ertragen! Meine Antwort darauf ist, daß Metaphysik keine Versicherungsanstalt ist für schwache, stützungsbedürftige Menschen. | S. 78

…und die 80er Jahre so:

Daran, wie wenig uns Heutige solch markige Worte betroffen machen, kann man ermessen, daß uns der Metaphysiker Scheler einigermaßen ferngerückt ist.

Willy Hochkeppei über Max Scheler, in: Bürger, Denker, Mann der Affären (DIE ZEIT, 05.12.1980)

Je ferner uns der Metaphysiker rücken mag, desto näher doch jener »werdende Gott«, wenn auch auf eine andere Weise, als Max Scheler es meinte. Es wäre doch allzu interessant zu erfahren, wie er unsere Zeiten so zu kommentieren hätte – dieser Ausnahme-Philosoph, der (so Hochkeppei) »alles, was er tat, […] sozusagen glühend [tat], in hingebungsvoller Erregtheit. Am liebsten schrieb er in Cafés oder, Restaurants, auf Speisekarten, Servietten und Briefumschlägen […]«.

Fazit zu Die Stellung des Menschen im Kosmos

Max Scheler, dieser Vorreiter der Philosophischen Anthropologie des 20. Jahrhunderts, nennt es »eine der schönsten Früchte« seiner Herleitung der menschlichen Natur aus den oben beschriebenen Stufen der Entwicklung…

[…] daß man zeigen kann, mit welch innerer Notwendigkeit der Mensch in demselben Augenblicke, in dem er durch Welt- und Selbstbewußtsein und durch Vergegenständlichung auch seiner eigenen psychophysischen Natur […] »Mensch« geworden ist, auch die formalste Idee eines überweltlichen unendlichen und absoluten Seins erfassen muß. | S. 74

Dieser ganz bestimmte Augenblick, den Scheler in Die Stellung des Menschen im Kosmos anspricht, muss sich während der Kognitiven Revolution abgespielt haben, die (wieder einmal) Yuval Noah Harari in seinem Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit (2013) ausführlich thematisiert. Die Kognitive Revolution fand laut Harari vor ca. 70.000 Jahren statt und setzte die Kulturgeschichte des Menschen überhaupt erst in Gang.

Die kognitive Revolution, die den Homo sapiens von einem unbedeutenden Affen in den Herrn der Welt verwandelte, erforderte keinen körperlichen Umbau und keine Vergrößerung des Gehirns. Ein paar kleine Verschiebungen in der Struktur des Gehirns genügten offenbar schon.

Yuval Noah Harari, in: Eine kurze Geschichte der Menschheit (2013), S. 492

Die Verschiebung im Gehirn

Seit dieser kleinen Verschiebung in der Struktur des Gehirns bringt der Mensch kulturelle Errungenschaften hervor – Sprache, Schrift, Werkzeuge, Die Simpsons – denn seit eben dieser kleinen Verschiebung im Gehirn haben wir, im Sinne Schelers, Zugriff auf »die Sphäre des Geistes«. Seit diesem Augenblick vor Zehntausenden von Jahren können wir uns vorstellen, was Allmacht und Göttlichkeit ist. Seitdem streben wir danach.

Die Stellung des Menschen im Kosmos ist eine wirklich kurze Lektüre, vollgepackt mit spannenden Gedanken über das Wesen »Mensch«. Finale Antworten gibt es darin natürlich nicht – aber darum geht es in der Philosophischen Anthropologie auch nicht (wie uns das Einführungs-Buch von Gerald Hartung zuletzt beibrachte).

Hinweis: Als Student der Philosophie (an der Fernuniversität in Hagen) bin ich noch Neuling auf diesem ehrwürdig alten Gebiet. Falls dir Begriffe falsch gebraucht oder Ideen falsch verstanden erscheinen, bitte nutze die Kommentarfunktion und korrigiere mich. Ebenso im Falle etwaiger Fragen, die wir gemeinsam erörtern können.

Fußnoten

  1. Alle Seitenangaben beziehen sich auf: Scheler, Max (1928): Die Stellung des Menschen im Kosmos. Berlin: Holzinger

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