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EINE KURZE GESCHICHTE DER MENSCHHEIT | Buch 2013 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 2. Dezember 2018 um 17:18

In Die Gutenberg-Galaxis (1962) beschreibt der Medientheoretiker Marshall McLuhan eine Zeit, in der das Buch als Leitmedium die Welt beherrschte. Später wurde sein Werk in Kontrast zur »Internet-Galaxis« gesetzt, als das World Wide Web damit begann, unser Weltwissen zu archivieren. McLuhan scheint das Internet vorhergesehen zu haben und sprach auch bereits – 30 Jahre, bevor alle damit anfingen – vom »Surfen« als Metapher für die Bewegung »auf der elektronischen Welle«. Heute rollt die Welle über einen gewaltigen Ozean des Wissens – und obwohl wir alle surfen, gehen viele darin unter. In solch einer Zeit zeigt Eine kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Noah Harari, dass das Buch, wenn nicht mehr Leitmedium, so doch mindestens ein Brett sein kann, auf dem wir Stand halten – und ein Kompass sowieso, in der digitalen Ära.

Weltherrschaft der bewaffneten Schafe

Inhalt: Wie sind die Menschen zu dem geworden, was sie heute sind? Wie kam es, dass wir Zehntausende von Jahren als affenartige Tiere unser Dasein in der afrikanischen Wildnis fristeten, nicht bemerkenswerter als »Gorillas, Libellen oder Quallen» – doch uns dann geradezu plötzlich anschickten, den Planeten zu erobern? Was hat es mit der »kleinen Verschiebung in der Struktur des Gehirns« auf sich, die wir die Kognitive Revolution nennen – und was geschah seitdem in der wirklichen und imaginären Welt des Homo sapiens, der in vergleichsweise kurzer Zeit an die Spitze der Nahrungskette geklettert ist? Yuval Noah Harari liefert eine Zusammenfassung der Menschheitsgeschichte – in 20 Kapiteln, auf rund 500 Seiten.

Andere Raubtiere wie Löwen oder Haie hatten sich über Jahrmillionen hinweg hochgebissen und angepasst. Die Menschen dagegen fanden sich fast von einem Tag auf den anderen an der Spitze wieder und hatten kaum Gelegenheit, sich darauf einzustellen. Viele Katastrophen der Menschheitsgeschichte lassen sich mit dieser überhasteten Entwicklung erklären […]. Die Menschheit ist kein Wolfsrudel, das durch einen unglücklichen Zufall Panzer und Atombomben in die Finger bekam. Die Menschheit ist vielmehr eine Schafherde, die dank einer Laune der Evolution lernte, Panzer und Atombomben zu bauen. Aber bewaffnete Schafe sind ungleich gefährlicher als bewaffnete Wölfe. | S. 21 1

Das Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit, im Hintergrund menschliche Schädel.

Regalfach: Das Werk im Zusammenhang

Literarischer Kontext | zum Autor des Buchs

Yuval Noah Harari ist 1976 in der israelischen Küstenstadt Haifa geboren und wuchs in einer jüdischen Familie mit libanesischen und osteuropäischen Wurzeln auf. Seit seinem 30. Lebensjahr lehrt er an der Hebräischen Universität Jerusalem. Zu dieser Zeit kannte er bereits seinen späteren Manager und Ehemann Itzik Yahav, den er in Kanada heiratete, da in Israel gleichgeschlechtliche Eheschließungen untersagt sind. Im Ausland geschlossene, gleichgeschlechtliche Ehen werden jedoch anerkannt – anders als schräg gegenüber am saudi-arabischen Ufer des Roten Meeres, wo auf gleichgeschlechtliche Eheschließungen die Todesstrafe steht. Harari über schwulenfeindliche Gesetze:

Die Kultur behauptet gern, sie verbiete »unnatürliche« Dinge. Aber aus biologischer Sicht ist nichts unnatürlich. Alles was möglich ist, ist definitionsgemäß auch natürlich. Eine unnatürliche Verhaltensweise, die den Gesetzen der Natur widerspricht, kann es gar nicht geben, weshalb es völlig sinnlos ist, sie verbieten zu wollen. Keine Kultur hat sich je die Mühe gemacht, Männern die Photosynthese oder Frauen die Fortbewegung mit Überlichtgeschwindigkeit zu verbieten. | S. 184

Gespickt mit spitzen Bemerkungen wie diesen ist Eine kurze Geschichte der Menschheit 2011 zunächst in Israel erschienen, auf Hebräisch. 3 Jahre später folgte eine Übersetzung ins Englische – und inzwischen liegt das Buch in über 45 Sprachen vor. Als Amerika noch einen Präsidenten hatte, der Bücher las, fand dieser für Hararis Werk lobende Worte: »Interessant und provokant« nannte Obama das Buch gegenüber Fareed Zakaria (CNN).

Es bespricht einige Kernelemente, die uns ermöglicht haben, diese außerordentliche Zivilisation aufzubauen, die wir für gegeben hinnehmen.

Barack Obama

Ja, ja, für gegeben hinnehmen… wie heißt es so schön? »Vieles lernt man erst zu schätzen, wenn man es nicht mehr hat.« – und nein, das ist kein Trump-Tweet.

Persönlicher Kontext

Es war im November 2016 – nach jenem traurigen Wednesday Morning nach der US-Wahl, den Macklemore später mal wieder weit besser in Worte fasste, als ich mich hätte artikulieren können – als ich unter dem frischen Eindruck meines Glaubensverlustes an die Menschheit (Trump, Brexit und London Has Fallen, dieser Schrottfilm des Jahres!) nach Antworten suchte. Unterm Strich auf die Frage: Sind wir immer schon so blöd gewesen? Auf globale Krisen mit nationaler Isolation reagieren, ernsthaft, das ist gerade Phase – schon wieder!? Aus dieser (schlechten) Laune heraus tätigte ich einen Lustkauf. Der Name Harari war mir noch unbekannt, bloß Cover und Titel sprachen mich an und ich hatte eine lange Autofahrt vor mir, also her mit dem Hörbuch!

Was seither geschah: Ich habe Eine kurze Geschichte der Menschheit erst gehört, dann gelesen, dann Hararis nächstes Buch Homo Deus noch im Original verschlungen, ehe es im April 2017 endlich auf Deutsch herauskam, um es auch dann noch einmal in deutscher Übersetzung zusammen mit einem syrischen Kumpel zu lesen und zu diskutieren – von zwei unterschiedlichen kulturellen Standpunkten aus, das machte die Lektüre umso spannender. Mit Sonia besuchte ich die Ausstellung in Bundeskunsthalle in Bonn, Eine kurze Geschichte der Menschheit – 100.000 Jahre Kulturgeschichte, basierend auf Hararis Veröffentlichungen. Ach ja, und seither ist (Spoiler-Alert!) jedes Geburtstagspräsent, das ich verschenke, entweder das eine oder das andere Buch von Yuval Noah Harari.

Ein Blick hinter die Kulissen der Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle – auch der Autor Yuval Noah Harari kommt hier zu Wort:

Die Experten-Falle

Bin ich ein Fan? Ja und nein. Ich habe durchaus die Befürchtung, dass dem Autor sein Kultstatus zu Kopf wachsen könnte und er in die »Experten-Falle« tappt, was etwaige Interviews und Gesprächsrunden über die Zukunft angeht.

Bei der Bewertung der intuitiven Urteile von Experten sollte man immer erwägen, ob der Experte hinlänglich Gelegenheit hatte, seine Fähigkeit zur Mustererkennung zu üben, auch in einem regelmäßigen Umfeld.

Daniel Kahneman, in: Schnelles Denken, langsames Denken (2017), S. 300

Es gibt kein unregelmäßigeres Umfeld, als die menschliche Geschichte und Gesellschaft, was nunmal Hararis Themen sind. Gewiss, er schreibt sehr Fakten-orientiert und betont immerzu, dass man keine sicheren Vorhersagen treffen kann; andererseits geht er zuweilen leichtfertig mit großen Begriffen und Fragen um. Daniel Kahneman hat in Schnelles Denken, langsames Denken (2017) überzeugend dargelegt, wie schnell Menschen, denen man einen Experten-Status zuspricht, zu voreiligen oder verfehlten Urteilen neigen, weil alle (sie eingeschlossen) schnell mal ihre Expertise überschätzen. Trotzdem bin ich sehr gespannt auf Hararis nächstes Buch!

Aktuell: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert von Yuval Noah Harari ist ab heute (30. August) auf Englisch verfügbar und ab dem 18. September dann auch in deutscher Übersetzung.

Leselupe: Das Werk im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Buchs

Ob es uns gefällt oder nicht, wir gehören der großen und krawalligen Familie der Menschenaffen an. | S. 13

Nach einem kurzen biologischen Diskurs kommt Harari recht zügig auf das Thema seines Buchs zu sprechen. Denn das ist weder die Geschichte des Universums (Physik), noch die Geschichte der Atome und Moleküle (Chemie), oder die Geschichte der Organismen (Biologie), wie den besagten Menschenaffen in tierischer Hinsicht. Stattdessen geht es ihm um die Geschichte der menschlichen Kulturen – von den Techniken und Wissenschaften über die Religionen und künstlerischen Erzeugnisse bis hin zu den Funktionsweisen und Ideologien, die unseren Gesellschaften im Laufe der Geschichte zugrunde lagen und liegen.

Eine Menschheitsgeschichte, die sich nicht in Antike, Mittelalter, Neuzeit gliedert – das ist für notorische Geschichtsmuffel doch schonmal hochsympathisch! Statt der üblichen Epochengliederung fächert sich Eine kurze Geschichte der Menschheit in 4 Teile auf, überwiegend benannt nach Revolutionen, die einen anderen Charakter haben, als etwa die Französische Revolution von 1789 oder die Russische Revolution von 1917. Vielmehr geht es um schleichende, übergeordnete Veränderungen wie die Industrielle Revolution – doch auch dieser ist kein Kapitel explizit, namentlich gewidmet. Die Gliederung schaut im Groben wie folgt aus:

Gliederung nach Revolutionen

  • Teil 1: Die kognitive Revolution (der Mensch wird fähig, in größeren Gruppen von über 150 Individuen zu kommunizieren und Pläne zu schmieden – es geht darum, wie unsere urzeitlicher Alltag ausgesehen hat und wie wir uns ausbreiteten, über den gesamten Planeten)
  • Teil 2: Die landwirtschaftliche Revolution (der Mensch wird sesshaft und entwickelt die Schrift – wir bauen Pyramiden, behandeln einander jedoch ungerecht; hier rücken Sklaverei und Geschlechterrollen in den Fokus)
  • Teil 3: Die Vereinigung der Menschheit (der Mensch erschafft Geld, Götter und andere große Ideen, die Gemeinschaften zusammenhalten – aber warum funktioniert Geld überhaupt? Und was ist ein Imperium? Solche Fragen werden in diesem Teil beantwortet)
  • Teil 4: Die wissenschaftliche Revolution (der Mensch schaut über den Horizont hinaus, entdeckt Kontinente und Keimzellen – die Weltbeherrschung durch Homo sapiens nimmt an Fahrt auf; legendäre Entdeckungsreisen und der Siegeszug des Kapitalismus stehen im abschließenden Teil im Mittelpunkt)

Geschichte als Abenteuerroman

Hararis Erzählung beginnt in grauer Urzeit – und nimmt zum Beispiel die ersten Menschen in den Fokus, die einen Fuß auf australischen Boden setzten. Harari beschreibt die verheerenden Folgen für die dortige Fauna in so schlichter und schöner Sprache, als lese man einen Abenteuerroman:

Auf ihrem Weg trafen die Menschen auf eine sonderbare Welt voller unbekannter Lebewesen: Sie stießen auf Kängurus, die 200 Kilogramm wogen und zwei Meter hoch aufragten, und auf Beutellöwen, die so groß waren wie die heutigen Tiger und die größten Raubtiere des Kontinents darstellten. […] Und in den Wäldern hausten das Zygomaturus trilobus, das gewisse Ähnlichkeit mit einem Zwergnilpferd hatte und eine halbe Tonne wog, und das gigantische, zweieinhalb Tonnen schwere Diprotodon. […] Innerhalb weniger Jahrtausende verschwanden diese Riesen. Von den 24 australischen Tierarten, die über 50 Kilogramm wogen, starben 23 aus. | S. 88

Der Autor wird nicht müde zu betonen, dass er bei seiner Beweisführung oft auf Indizien zurückgreift und dass es, je weiter man zurückschaut, desto weniger Gewissheiten gibt – und doch sind Hararis Argumente, die Homo sapiens etwa als Massenmörder und Artenvernichter darstellen, sehr überzeugend.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Buchs

Am Ende von Eine kurze Geschichte der Menschheit läuft alles auf eine »permanente Revolution« hinaus. Eine solche sieht Harari gegeben in unserer stetig im Wandel begriffenen Gegenwart, zu der er immer wieder einen Bezug herstellt, wenn er auch längst vergangene Geschehnisse und Systeme bespricht. Ausgerechnet eines meines liebsten Beispiel dafür ist aus der deutschen Übersetzung gestrichen worden (!?) – nämlich der letzte Satz aus diesem Abschnitt (den ich jetzt mal notdürftig selbst ins Deutsche übersetzt habe):

Imperien bringen in der Regel Mischkulturen hervor, die dem Einfluss der eroberten Völker viel zu verdanken haben. Die Kultur des Römischen Reichs war beispielsweise fast so griechisch wie römisch. Die Kultur des Abbasidenreichs speiste sich aus persischen, griechischen und arabischen Quellen. Und das Mongolenreich war eine Kopie des chinesischen Kaiserreichs. In den imperialen Vereinigten Staaten kann ein amerikanischer Präsident mit kenianischem Blut eine italienische Pizza mampfen, während er seinen britischen Lieblingsfilm Lawrence von Arabien anschaut, über die arabische Rebellion gegen die Türken. | S. 243

Warum ist dieser letzte Satz nicht in der deutschen Übersetzung von Eine kurze Geschichte der Menschheit? Nicht mehr aktuell, oder was? Bitte schön:

In den imperialen Vereinigten Staaten kann ein amerikanischer Präsident mit deutsch-schottischem Blut einen mexikanischen Taco mampfen, während er seinen italienischen Lieblingsfilm The Good, The Bad, The Ugly anschaut, über den Sezessionskrieg zwischen den Nord- und Südstaaten.

Man muss ja nicht dazuschreiben, dass dieser Präsident ein debiler Nationalist ist, der nach dem Film sein (vermutlich in China produziertes) Handy zückt und »BUILD THE WALL!!! AMERICA FIRST!!!« an die Weltbevölkerung hinauszwitschert. (Kann man aber ruhig dazuschreiben. Finde ich.)

Apropos Menschen mit sehr kurzer Aufmerksamkeitsspanne: Eine noch kürzere Geschichte der Menschheit bietet die Animationsschmiede Kurzgesagt aus München. In Ergänzung zum Buch sehr sehenswert, das Webvideo: Woher kommen wir?

Er und Sie – und zu kurze Schlüsse

In einem Punkt möchte ich Harari vehement widersprechen. In dem Kapitel »Die Geschichte ist nicht gerecht« schreibt der Autor über die Geschlechterrollen im Laufe der Menschheitsgeschichte. Vorweg bringt er in Eine kurze Geschichte der Menschheit zwei prägnante Beispiele für den tradierten Frauenhass: Sei es, dass die ältesten chinesischen Texte aus dem 12. Jahrhundert die Geburt eines Mädchens als Unglück bezeichnen, oder dass in der Bibel die Vergewaltigung einer Jungfrau damit »gebüßt« wird, dass der Vergewaltiger dem Vater die entjungferte Frau zur Strafe abkaufen und sein Leben lang behalten muss. Nach diesen Beispielen wirft Yuval Noah Harari eine Frage auf:

Ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen ein Fantasieprodukt […]? Oder handelt es sich um einen natürlichen Unterschied? Anders gefragt, gibt es biologische Gründe für die Privilegien, die Männer gegenüber Frauen genießen? | S. 182

Anders gefragt: Gibt es das schwache Geschlecht? Eine Beantwortung aus biologischer Sicht haben wir vor kurzem Mithilfe von Simone de Beauvoir vorgenommen. Hier zu lesen.

Harari kommt da ziemlich rasch auf eine ziemlich flache Antwort: 

Das biologische Geschlecht ist Kinderkram […] Nichts ist einfacher, als biologisch ein Mann zu werden: Man wird mit einem X- und einem Y-Chromosom geboren, und fertig. Eine Frau zu werden, ist nicht schwieriger: Ein Paar von X-Chromosomen reicht vollkommen aus. | S. 187

Wilde Spekulation, statt weiterführender Literatur

So weit, so vereinfacht. In sozialer, respektive gesellschaftlicher Hinsicht eine Frau oder ein Mann zu werden, das ist ungleich schwieriger – darin sind Harari und Beauvoir d’accord. Als Harari dann zu ergründen versucht, warum die Frau zu allen Zeiten und in allen Kulturen unterdrückt wurde, geht er die klassischen Argumente durch: Muskelkraft, Aggressivität, Patriarchat. Nach ein paar Seiten zieht Harari sein Fazit:

Wie kam es, dass in einer Art, deren Erfolg vor allem von der Kooperation abhängt, eine vermeintlich kooperativere Gruppe, nämliche die Frauen, von einer vermeintlich weniger kooperativen Gruppe, nämlichen [sic!] den Männern, beherrscht wird? Das ist die große Frage in der Geschichte der Geschlechter, und auf sie haben wir bislang keine überzeugende Antwort. | S. 197

Doch, haben wir. Ziemlich überzeugend sogar, finde ich – nur eben viel zu ausführlich, als dass sie in Eine kurze Geschichte der Menschheit passt. Die Philosophin Simone de Beauvoir erklärt in ihrem Standardwerk Das andere Geschlecht (1949) sehr detailliert, wie es kam, dass die Männer die Frauen beherrsch(t)en. Es ist eine komplexe Mischung aus besagten Argumenten, der Muskelkraft, der Aggressivität und (vor allem) des Patriarchats. Statt aber auf weiterführende Literatur zu verweisen, spekuliert Harari:

Zufällige Sensibilität für Schwachstellen

Vielleicht ist ja schon die Grundannahme falsch. Könnte es sein, dass sich die männlichen Angehörigen der Homo sapiens gerade nicht durch überlegene Körperkraft, Aggressivität und Konkurrenzfähigkeit auszeichnen, sondern durch überlegene Sozialkompetenz und größere Kooperationsbereitschaft? | S. 197

Es tut mir ein bisschen weh, dieses Zitat aus Eine kurze Geschichte der Menschheit hier zu platzieren – weil es mir mein Loblied auf dieses (trotzdem…) großartige Buch kaputt macht. Eine beschämend hanebüchene Behauptung ist das, die aus dem Nichts kommt und ohne Erläuterung stehen gelassen wird. Es drängt sich der Verdacht auf, dass mir diese Schwachstelle nur deshalb auffällt, weil ich in Sachen Gender Studies aktuell wegen einer anstehenden Philosophie-Prüfung bloß zufällig ein bisschen tiefer im Thema bin – und mir andere Schwachstellen deshalb nicht auffallen, weil mein Allgemeinwissen schlicht zu oberflächlich ist. Andere Schwachstellen, wie Hararis »Nazis sind Humanisten«-Gleichung vielleicht?

Ein kurzes Statement zur Ver(w)irrung

Googelt man »Harari«, stolpert man recht schnell über Die große Harari-Ver(w)irrung – ein Text des Philosophen und Schriftstellers Michael Schmidt-Salomon, veröffentlicht auf der Website des Humanistischen Pressedienst. Es handelt sich dabei um einen gnadenlosen Zerriss beider Bücher von Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit und Homo Deus werden darin anhand eines einzigen (aber wichtigen) Aspekts vernichtend abgefrühstückt. Dieser Aspekt ist Hararis Humanismus-Auffassung. Der Auftakt zu Schmidt-Salomons »Warnung« vor Harari mutet etwas banal an:

In beiden Büchern meint Harari auch, den Humanismus als eine »Religion« charakterisieren zu müssen (eine Differenzierung zwischen »Religionen«, »Weltanschauungen« oder »Philosophien« sucht man vergeblich) […]

Michael Schmidt-Salomon, in: Die große Harari-Ver(w)irrung | 01. August 2017

In Homo Deus nennt Harari den Humanismus zwar auch mal eine »Weltsicht« (S. 336), aber egal, interessanter ist seine Bemerkung in Eine kurze Geschichte der Menschheit:

Die Moderne erlebte den Aufstieg zahlreicher neuer Naturgesetz-Religionen, zum Beispiel des Liberalismus, des Kommunismus, des Kapitalismus, des Nationalismus und des Nationalsozialismus. Die Anhänger dieser Religionen reagieren zwar sehr allergisch auf das Wort »Religion« und bezeichnen sie lieber als »Ideologien«. Doch das ist lediglich ein Wortspiel […] | S. 277-278

Für und gegen ein und dieselbe Sache?

Dass sich Schmidt-Salomon auf dieses Wortspiel einlässt und daran stößt, den Humanismus (der in der eben zitierten Aufzählung fehlt, aber im selben Kapitel diskutiert wird) als »Religion« bezeichnet zu sehen, macht Sinn: Michael Schmidt-Salomon ist seinerseits dezidierter Humanist und Religionskritiker. Er hat sogar ein Manifest für den Humanismus und ein Kinderbuch gegen Religionen geschrieben – da wäre ich auch stinkig, wenn jemand sagen würde: »Ist doch dasselbe.«

Harari zählt in Eine kurze Geschichte der Menschheit ein paar »wichtige Splittergruppen« des Humanismus auf – namentlich: den liberalen, sozialistischen und evolutionären Humanismus. Gemeinsam sei ihnen die Ansicht, dass der Mensch über eine einmalige Natur verfügt, die ihn wesentlich von allen anderen Organismen unterscheidet. Ihr höchstes Gut sei das Wohl des Menschen. Der evolutionäre Humanismus im Speziellen besagt, so Harari:

Die menschliche Natur unterliegt Veränderungen. Die Menschen können zum Untermenschen degenieren oder sich zum Übermenschen entwickeln. […] Das oberste Gebot ist der Schutz der Menschheit vor der Degeneration zum Untermenschen und die Züchtung des Übermenschen. | S. 283

Da schrillen alle Alarmglocken, verständlicherweise. Ausgerechnet der evolutionäre Humanismus muss in Eine kurze Geschichte der Menschheit herhalten, um die Ideologie der Nazis in Relation zu anderen Glaubensvorstellungen darzustellen, mit historisch aufgeladenen Begriffen wie dem »Übermensch«, den man auch dieser Tage noch weniger auf Nietzsche als die Nazis zurückführt. Das rückt den evolutionären Humanismus in ein sehr schlechtes Licht.

Dabei ist (ausgerechnet!) dieser Humanismus doch das Steckenpferd von Michael Schmidt-Salomon. Sein Manifest heißt: Manifest des evolutionären Humanismus: Plädoyer für eine zeitgemässe Leitkultur (2006). Ich hatte keine Zeit (und Muße) es vor diesem Blogbeitrag noch zu lesen, weshalb ich hier vielmehr auf Schmidt-Salomons Kritik hinweisen, als Harari gegen ihn verteidigen möchte – nichtsdestotrotz:

Der evolutionäre Humanismus der Gegenwart

Als Yuval Noah Harari zu Besuch in Facebook’s Buchclub war (das klingt romantischer, als es ist: Eine Facebook-Gruppe mit dem Titel A Year of Books, benannt nach der entsprechenden Website), fragte Mark Zuckerberg den Historiker, ob der evolutionäre Humanismus eine zunehmend verbreitete Philosophie werde – angesichts des technologischen Fortschritts. Harari antwortete:

In der Gegenwart scheint der evolutionäre Humanismus zurück im Rennen zu sein. Nachdem es nach dem Zweiten Weltkrieg in Verruf geraten war, kommt es plötzlich wieder in Mode, über das Upgraden von Menschen zu sprechen. Natürlich sind die Methoden und die Ethik heute grundverschieden. Ich habe überhaupt keine Intention, den evolutionären Humanismus der Gegenwart mit den Nazis zu vergleichen. Aber ich tippe, dass irgendeine Variante des evolutionären Humanismus die dominierende neue Religion des 21. Jahrhunderts sein wird.

Yuval Noah Harari, in: A Year of Books, Q&A | 30. Juni 2015

Hararis Begriffsverwirrung

Mal abgesehen davon, dass Harari hier wieder von »Religion« spricht (Dude!) – zieht er sich mit dieser Antwort (die übrigens schon 2 Jahre vor Schmidt-Salomons Artikel durchs Internet schwirrte) denn aus der Affäre? Nein, die Kritik Schmidt-Salomons ist grundlegender: Er wirft Harari eine »Begriffsverwirrung« vor, dafür, dass der Historiker den »evolutionären Humanismus« als Begriff überhaupt bemüht. Und Schmidt-Salomon ist insofern recht zu geben, als der evolutionäre Humanismus begrifflich schon aus der Gegenposition des Rassismus kommt (1935 verwendete ihn der Begründer des Begriffs, Julian Huxley, in dem Buch We Europeans: A Survey on Racial Problems).

Fakt ist jedoch, dass es für ihn einige dramaturgische Vorteile mit sich brachte, den evolutionären Humanismus kontrafaktisch mit Hitler und den sozialistischen Humanismus kontrafaktisch mit Stalin zu verbinden. Denn ohne diesen Kniff hätte die Geschichte, die Harari seinen Leserinnen und Lesern verkaufen wollte, nämlich die Geschichte vom nahenden Untergang des Humanismus, gar nicht funktioniert.

Michael Schmidt-Salomon, in: Die große Harari-Ver(w)irrung | 01. August 2017

Nun hat Harari – wie zitiert – nicht für den nahenden Untergang, sondern vielmehr den Aufstieg des (evolutionären) Humanismus getippt. Dieses Hin und Her lasse ich an dieser Stelle so stehen: Die Gefahr, dass eine (sehr) kurze Geschichte der Menschheit mit einigen Kürzungen und notwendigen Vereinfachungen danebengreift, ist groß. Auch in der »Ver(w)irrung«-Kritik drängt sich wieder der Verdacht auf, dass Schmidt-Salomon diese Schwachstelle bei Harari gerade deshalb entdeckt hat, weil es zufällig sein eigenes Fachgebiet ist, auf dem Schmidt-Salomon sich entsprechend auskennt. Ich kann nicht beurteilen, wie viele weitere Schwachstellen in dem Buch schlummern – doch nach jetzigem Kenntnisstand, unter Berücksichtigung der gegeben Kritikpunkte, behalte ich dennoch eine hohe Meinung von Eine kurze Geschichte der Menschheit: Die großen Vorzüge der Lektüre überwiegend die Schwächen.

Fazit zu Eine kurze Geschichte der Menschheit

In Der futurologische Kongreß (1977) beschreibt der Science-Fiction-Autor Stanisław Lem eine Zukunft, in der man seinen Wissensdurst stillen kann, indem man Bücher schluckt. Das liest sich im Tagebuch des Raumfahrers Ijon Tichy so: 

04.09.2039. Endlich habe ich erfahren, wie man sich Enzyklopädie beschafft. Ja, noch mehr, ich besitze schon eine. Sie füllt drei gläserne Ampullen. Im wissenschaftlichen Bauchladen gekauft. Bücher liest man jetzt nicht mehr; man verschlingt sie. Sie bestehen nicht aus Papier, sondern aus einer Informationssubstanz mit Hülle von Zuckerguß.

Stanisław Lem, in: Der futurologische Kongreß (1977)

Wer ebenfalls gerne ein Buch verschlingen möchte, das beinahe die Informationswucht einer Enzyklopädie in sich bündelt, auf jeden Fall aber den Unterhaltungswert eines Abenteuerromans, der oder die ist mit Eine kurze Geschichte der Menschheit gut bedient. Harari macht uns durch seinen ausdrucksstarken Schreibstil die Geschichte der eigenen Spezies schmackhaft.

Ein völlig neues Wesen

Die Auswahl seiner Beispiele und das Aufzeigen von Sinnzusammenhängen – auch wenn man nie versäumen darf, diese trotz oder gerade wegen ihrer unmittelbaren Überzeugungskraft für sich nochmal zu hinterfragen – machen komplexe Vorgänge und Strukturen begreifbar. Am Ende seiner kurzen Geschichte, die mit der Kognitiven Revolution begann, stellt Yuval Noah Harari in Aussicht, was auf dieses Werk folgen muss:

Die kognitive Revolution, die den Homo sapiens von einem unbedeutenden Affen in den Herrn der Welt verwandelte, erforderte keinen körperlichen Umbau und keine Vergrößerung des Gehirns. Ein paar kleinere Verschiebungen in der Struktur des Gehirns genügten offenbar schon. Vielleicht ließe sich mit einer weiteren kleinen Veränderung eine zweite kognitive Revolution anstoßen und eine neue Form des Bewusstseins erzeugen, die den Homo sapiens in ein völlig neues Wesen verwandelt. | S. 492

Homo Deus, so heißt Hararis nächstes Buch – mit dem Untertitel: Eine kurze Geschichte von morgen. Es knüpft direkt an Eine kurze Geschichte der Menschheit an und handelt, nach dem Blick in unsere Vergangenheit, von der näheren und fernen Zukunft der Menschen.

Fußnoten

  1. Alle Seitenangaben beziehen sich auf: Harari, Yuval Noah (8. Auflage, 2015): Eine kurze Geschichte der Menschheit. München: Pantheon Verlag

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