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ALL OF THIS IS TRUE von Lygia Day Peñaflor | Jugendbuch 2018 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 2. Dezember 2018 um 16:41

Dass man für Ruhm und Anerkennung zuweilen Grenzen überschreitet, ob als Polizistensohn oder Präsident – das gehört zur gepflegten Sensationsgeilheit der Mediengesellschaft. Persönlichkeitsrechte verletzen auch die Jugendlichen aus All of this is true von Lygia Day Peñaflor. Ein Jugendbuch über eine Freundschaft, die alle Geheimnisse teilt und ein tödliches Ende anlockt.

Bloggerin Sonia Lensing mit dem Jugendbuch All Of This Is True

Seelenstriptease trifft Sensemann

»Everybody wants to be famous« singt die 2017 gegründete und via Internet bekannt gewordene Band Superorganism. Und fasst sich damit selbst ans Näschen. Zumal sich die 18-jährige Sängerin Orono mit der damals in Japan tourenden Band The Eversons anfreundete und per virtuellem Musikaustausch zu ihrer eigenen Band machte. So ähnlich wundersam mutet auch die Geschichte um die Romanfiguren aus All of this is true an. Das sind Miri, Soleil und Penny, die sich mit ihrem großen Vorbild anfreunden. Es geht um die exzentrische und populäre Autorin Fatima Ro. Mit ihr geraten die Mädchen in einen Strudel intimer Geheimnisse und verhängnisvollen Ruhms.

Buchempfehlung einer Engländerin

Meine Urlaubslektüre Mehr Schwarz als Lila (2017) zu Ende gelesen, schlenderte ich in die nächstgelegene Buchhandlung in Padstow (hier ein kleiner Reisebericht). Auf persönliche Empfehlung einer knapp 20-jährigen Buchhändlerin kaufte ich mir das in verführerischem Rot gehaltene Coming-of-Age Buch All of this is true. Zu meiner Freude sogar drei ganze Monate vor dem Erscheinen hierzulande – im Arena-Verlag (Erscheinungstermin: Oktober 2018). Also, wie war’s?

Zum Inhalt von All of this is true

Mit ihrem Roman Undertow katapultiert sich die junge Autorin Fatima Ro in die Herzen ihrer Leserschaft. Durch die unzensierte Preisgabe ihrer Gefühlswelt hinsichtlich des Todes ihrer Mutter und des eignen Selbstbildes, fühlen sich die Freundinnen Miri, Soleil und Penny der Schriftstellerin nah. Zu deren Glück verbringen sie den Abend nach der Autogrammstunde mit der Autorin selbst. Sie werden von Jonah begleitet, dem neuen und introvertierten Mitschüler. Schnell macht Fatima Ro deutlich, dass sie komplette Offenheit erwartet. Sie will mit ihren neuen Freunden sowohl Zeit als auch intime Geheimnisse teilen.

This is what it means to be transparent.

Fatima Ro

Durch den Freimut und das Vertrauen, das Fatima ihren neuen Homies entgegenbringt, wird sie in die Lebenswelten der Freundinnen integriert: während Miri Erfüllung darin findet, den Fatima-Fanclub zu vergrößern und mit Insider-Infos zu füttern, füttert Penny Fatimas Kater. Und Soleil und Jonah kommen sich Kapitel für Kapitel näher, fast auf dieselbe Weise wie das Paar in Fatimas Undertow. Dabei hüten Soleil, Jonah und Fatima bald gemeinsam ein Geheimnis, um Jonah zu schützen. Um sich nicht ausgeschlossen und nutzlos zu fühlen, unternimmt Penny eigene Nachforschungen zur geheimnisvollen Vergangenheit von Jonah. Was sie dabei herausfindet, zündet einen Skandal. Mit tödlichen Folgen, die Fatima Ro zur Bestsellerliste verhelfen.

Die vier Seiten der Medaille

Soweit die oben skizzierte Geschichte. Denn wer was gesagt, getan und intendiert hat, lässt der zweite Roman von Autorin und Kinderstar-Lehrerin Lygia Day Peñaflor im Zwielicht und macht die Leser*innen damit unfreiwillig selbst zu Ermittler*innen. Aufgrund des medialen Aufruhrs schildern Miri und Penny in Interviews jeweils ihre Sichtweise der Geschichte. Wohingegen Soleil, welche eine bestimmte Tragödie besonders mitnimmt, ihre Perspektive in einer Kolumne veröffentlicht. Von Fatima Ro fehlt jede Spur, um sie zur Rede zu stellen. Stattdessen liefert ihr neuer Roman, der die Story um die Freundinnen und um Jonah in einer eignen Geschichte wiedergibt, einige Hinweise. Hinweise und Aussagen, die Realität der Protagonisten mit der Fiktion verschmelzen.

Zur Wirkung des Buchs

Für Autor*innen im Segment Jugendbuch ist es das Ziel, eine Geschichte zu entwickeln, die das Interesse der als leseschwach etikettierten Jugendlichen weckt und hält. Hierfür muss die Story sowohl an der Lebenswelt angelehnt als auch andersartig sein. Vor allem aber müssen Protagonist*innen auftreten, die man mit dem eigenen Freundeskreis oder bestenfalls mit dem eigenen Ich verkuppeln könnte.

Betrachtet man die unterschiedlichen Figuren von Lygia Day Peñaflor, müsste die Chance relativ hoch sein, sich mit der ein oder anderen Figur zu identifizieren. Nur sucht man diesen Effekt vergeblich, solange sich die Charaktere eindimensional wie Scherenschnitt-Silhouetten durch die Geschichte bewegen. Selbst das multiperspektivische Erzählen hinterlässt bei den Lesern kaum den Eindruck facettenreicher Charaktere. Und wieso sich die Freundinnen in Hysterie für die Figur Fatima üben, bleibt den Leser*innen ein weiteres Rätsel.

Gut gemeint, gelinde gemacht

Das Konzept, eine Story mittels diverser journalistischer Formen wie E-Mails, fiktiven Buchseiten, Interviews und Hashtags erzählen zu lassen, ist ein wunderbarerer Ansatz, der am Transmedia Storytelling anknüpft. Das heißt, eine Geschichte parallel auf mehreren Kanälen zu erzählen, so dass ein fiktives Universum entsteht. Auch die Idee, fiktive Ebenen zu überlagern und verschmelzen zu lassen, wie etwa in dem Film Inception (2010), ist eine spannende Erzähltechnik, das Lesepublikum intellektuell anzuregen.

Doch der gutgemeinte Kunstgriff ist zum Scheitern verurteilt, wenn die Kunst als solche nicht selbst überzeugt. In diesem Punkt enttäuscht mich das Buch, da das Wechseln der Perspektiven und der Ebenen Fiktion und fiktive Fiktion (intradiegetisch, ums mit Genette zu sagen) vom Wesentlichen ablenken, so dass die jugendliche Leserschaft an der Oberfläche schwimmt und sich von den Figuren nicht wirklich mitreißen lassen kann. 

Fazit zu All of this is true

Drei Freundinnen, ein mysteriöser neuer Mitschüler und eine berühmte Autorin werden Freunde, bis ein Skandal ans Licht kommt und eine Figur ins Krankenhaus befördert. Zu allem Übel berichten die Betroffenen alle etwas anderes. Wem soll man also Glauben schenken? Was nach einer wilden Geschichte aussieht, entpuppt sich als Dschungel fiktiver Elemente. Das Verblenden von fiktiver Realität – die Welt von Miri und Co – und der fiktiven Fiktion – den Figuren in Fatimas Roman – strickt einen Mantel, durch den sich das eigentliche Geschehen und der emotionale Zugang zu den Figuren nur erahnen lässt. Ein Umstand, der die Jugendlichen mit etwas Glück zum Selber-Schreiben anregt. Ich vergebe 6 Sterne.

Titel
All of this is true
Erscheinungsjahr
2018
Autor*inLygia Day Peñaflor
Verlag
Arena Verlag
Umfang360
Altersempfehlung12
ThemaAnerkennung, Freundschaft, Geheimnisse

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