Schreiben Serien

Gute und schlechte Cliffhanger

Ein Cliffhanger kann Lust auf Mehr machen – oder Frust über das Weniger schüren. Weniger, als man erwartet hat, sei es von einer Serienepisode oder einem Buchkapitel oder gar einer ganzen Staffel oder ganzem Werk. Die Rede ist vom berühmten offenen Ende. Was unterscheidet einen guten Cliffhanger von einem schlechten?

Zwischen dem grasbedecktem Abhang und der gigantischen, senkrechten Felswand lagen eine Reihe wettergeplagter, zerklüfteter Ecken (…). Während er weiter langsam Stück für Stück abrutschte, machte Knight einen letzten verzweifelten Griff zum niedrigsten Büschel der Vegetation – packte den letzten hervorragenden Knoten ausgehungerter Kräuter, ehe der Felsen in all seiner Nacktheit erschien. Es hielt sein weiteres Abrutschen auf. Knight hing jetzt buchstäblich an seinen Armen.

Von Scheherazade bis zur Lindenstraße

Ein Mann, der an einer Klippe hängt. Ein Klippenhänger. Im Englischen: ein Cliffhanger. Dieser Begriff hat Einzug in den Fachjargon des Storytelling gefunden, aber auch in den alltäglichen Sprachgebrauch, sogar in den deutschen. Wir sprechen von einem Cliffhanger, wenn die Netflix- oder TV-Serie uns mal wieder mit einem offenen Ende hängen lässt – bis zum nächsten Mal. Schon die erste Folge der Vorabendserie „Lindenstraße“ vor ungefähr vier Milliarden Jahren im Präkambrium (gefühlt, tatsächlich war’s 1985) endete mit einem krassen Cliffhanger:

Tochter Marion kommt viel zu spät abends nach Hause, Vater im Pyjama springt aus dem Bett, um ihr eine Standpauke zu halten, an der Garderobe – doch als sie sich zu ihm dreht, ist ihr Gesicht ganz blutig und verheult. „Marion, was ist denn passiert!?“ „Nichts“, sagt Marion. Schnitt, Abspann, WHAT THE FUCK, MARION – ICH SEH DOCH DAS WAS PASSIERT IST! Hier geht’s zu diesem kultigen Cliffhanger der Folge 1 – Lindenstraße (und hier, weil Cliffhanger einfach zu krass ist: die Auflösung, was Marion denn nun passiert ist).

Eine Klippe, dahinter das Meer, dazu der Schriftzug: Gute und schlechte Cliffhanger

Ein Cliffhanger sichert also das erneute Einschalten der Zuschauer. Dabei ist das offene Ende zwecks Spannungshaltung keine Erfindung des Fernsehzeitalters, mitnichten. Schon die Königsgattin Scheherazade schaffte es bekanntlich nur deshalb, mit ihrem mordlustigen, frauenhassenden König Scheherban 1001 Nächte zu erleben, weil sie die Kunst des Cliffhangers beherrschte. Der König war nämlich einmal von einer Frau betrogen worden. Seine leichte Überreaktion auf den Akt der Untreue:

Alsdann ging der König zu den Sklavinnen, zog sein Schwert, erschlug sie alle, ließ dann andere kommen und schwur: daß er jede Nacht eine andere sich erwählen wolle, die er dann des Morgens hinrichten lassen werde, denn es gäbe auf der ganzen Erde kein tugendhaftes Weib.

1001 Cliffhanger

Scheherazade nun, gut unterrichtet über das Temperament des Königs, erzählte ihm in der ersten Nacht eine Geschichte, die „Geschichte des Kaufmanns mit dem Geiste“ – bis zum packenden Höhepunkt:

Da flehte der Kaufmann: »Kann es nicht anders sein?« »So muß es geschehen,« antwortete der Geist, und hob wieder das Schwert auf, um ihn zu töten. Hier bemerkte Schehersad den Tagesanbruch und erzählte nicht weiter; das Innere des Königs Scheherban glühte aber vor Verlangen nach der Fortsetzung der Erzählung.

So ging das 1000 Nächte lang und zack, hatte der König seine Erzählerin so lieb, dass er sie nicht mehr umbringen, sondern Kinder von ihr wollte. Während die Tradition des Cliffhangers also so urig alt ist, dass sich seine Anfänge der Sache nach nicht mehr rekonstruieren lassen, weiß man immerhin, seit wann man diesen Kniff des Geschichten-Erzählens eben so nennt: Cliffhanger.

Nämlich seit dem Roman „A Pair of Blue Eyes“ von Thomas Hardy, veröffentlicht in Form eines Fortsetzungsroman in einem Magazin, von 1872 bis 1873 – also als Serie, sozusagen. Aus diesem Roman stammt der obige Auszug über den Helden Knight, der abrutscht und an einer Klippe hängt (mir liegt aktuell keine deutsche Ausgabe vor, daher der eigenhändige, dementsprechend dürftige Übersetzung).

Quantität verdirbt Qualität

Auf diese Szene jedenfalls, mit der natürlich ein Kapitel zu Ende geht – die Leser mussten damals auf die nächste Ausgabe des Magazins warten, um ihren Ausgang zu erfahren – auf diese Szene geht der Begriff „Cliffhanger“ zurück. Ist doch eine schöne Sache, wenn man das Kind beim Namen nennen kann. Nun haben Cliffhanger in einer Zeit, da wenige Mediengiganten mit ihrem Content um die Aufmerksamkeit der Weltbevölkerung ringen, absolute Hochkonjunktur. Während einst Content als King und Distribution als King Kong Hand in Hand gingen, scheint es mir, als seien die Rollen vertauscht. Jetzt, da in Sachen Distribution ein paar wenige Platzhirsche ihre Reviere abgesteckt haben.

Wie so oft schadet die Quantität der Qualität – auch, wenn massenhaft Eigenproduktionen in Serie gehen, um Abonnenten zu halten. Längst nicht alle Cliffhanger erreichen dabei die Intensität des zweiten Staffelfinales der BBC-Serie „Sherlock Holmes“, das ist okay. Ich schreibe diesen Blogbeitrag, weil ich aktuell in der fünften Staffel der Serie „Orange is the New Black“ stecke, an der sich, denke ich, ganz gut die Spreu vom Weizen trennen lässt. Was macht einen guten Cliffhanger aus? Und woran erkennt man einen schlechten?

Beispiel: „Orange is the New Black“

Achtung, Spoiler zu Staffel 1-4 der Serie „Orange is the New Black“.

Meine These: Ein gutes Episoden-Ende oder Staffel-Finale führt einige Handlungsstränge zusammen und bestenfalls zu einer Art von Abschluss. In einem erkennbaren Showdown lösen sich Fragen und Erwartungen auf, mit denen die Zuschauer bis dahin bei der Stange gehalten wurden. Das braucht es, um einer Geschichte – also einer Abfolge von Szenen (egal ob Episode, Film oder Staffel) – einen Rahmen zu geben.

Zur Unterscheidung von Szenen und Rahmen: Wie kommt man auf eine Idee? – Teil II

Erst dann, also nach dem geschlossenen Rahmen, kann man eine neue Szene eröffnen (oder vielmehr: andeuten) und als Cliffhanger seine Wirkung entfaltet lassen. Will sagen: Ein Cliffhanger darf nicht als Ersatz für ein ordentliches Ende stehen. Im Fall von „Orange is the New Black“ nun gibt es ein Hin und Her zwischen starken und miesen Schlussszenen.

Gewalt & Feel-Good

Staffel 1 hatte einen narrativen Bogen, einen Feel-Good-Ending, gefolgt von einer unerwarteten Schlussszene, die in einer Gewalt-Explosion ausblendet. Klassischer Cliffhanger.

Staffel 2 hatte ebenfalls einen narrativen Bogen und ein Feel-Good-Ending (Ausbruch der Sterbenskranken + Tod der Ausgebrochenen, zwei unterschiedlichen Charakteren, wohlgemerkt!). Einen dramatischen Cliffhanger hat man sich einfach mal gespart, warum auch nicht?

Staffel 3 war der narrativen Bogen weniger erkennbar und das Feel-Good-Ending hart übertrieben (Planschen im See). Als wenig dramatischen, etwas kontextfreien Cliffhanger gab es eine Schlusseinstellung mit einer Busladung neuer Figuren für die nächste Staffel, okay.

Staffel 4 war dementsprechend überladen mit neuen Charakteren und Handlungssträngen. Ich persönlich habe darin den Überblick verloren. Das Finale dieser Staffel dient schließlich als Paradebeispiel für das, was ich einen schlechten Cliffhanger nennen möchte, um nicht zu sagen: faul. Es gibt kein Ende (schon gar kein Feel-Good-Ending, immerhin!) – stattdessen wurde, ähnlich wie in der Staffel 1, in einem Gewalt-Ausbruch ausgeblendet.

Nichts leichter als das

Warum war dieses Ende so viel unbefriedigender, als in der ersten Staffel? Erstens: Die Entwicklung der Figur Daya von der harmlosen Comic-Zeichnerin zur Möchtegern-Killerin am Abzug geschieht etwas rasant und unglaubwürdig. Zweitens: Es gibt wie gesagt kein Ende. Stattdessen wird mitten in einer Szene ausgeblendet, die – wenn sie in einem Film unterzubringen wäre – den zweiten Plot Point vom zweiten in den dritten Akt ausmachen könnte. Dem Bruch von der Konfrontation in die Auflösung, in der Handlungsstränge einem Ende zugeführt werden.

Es gibt nichts Leichteres für Autoren, als in dem Moment, da eine Waffe auf einen Kopf ausgerichtet wird, auszublenden. Das ist schwaches, einfallsloses, effekthascherisches Storytelling. Andererseits, mit der richtigen Musik ist Gänsehaut natürlich trotzdem garantiert. Um diese Szene geht es:

Man kann argumentieren, dass eigentliche Ende gehöre der Figur Poussey Washington, die in einer ungewöhnlichen Schluss-Einstellung die vierte Wand durchbricht – und sich damit aus der Serie verabschiedet. Mag sein. Hier soll es nur um die Art und Weise gehen, wie der Cliffhanger eingebaut wurde. Für mein Empfinden ein paar Sekunden zu früh oder spät. Vielleicht bin ich durch „Game of Thrones“ an ein angenehmes Maß von Konsequenz gewöhnt worden, wenn es um ein ordentliches Finale geht.

…und was macht der Klippenhänger?

Wie sieht es mit jenem „originalen“ Klippenhänger aus, dem Herren Knight, der immer noch am Felsen baumelt? Er ist nicht allein, Elfride ist bei ihm, oberhalb des Abhangs. Das Kapitel endet wie folgt, Knight hängt am Wurzelbüschel und fragt:

„Ist da oben ein Stock oder sowas?“ Sie sah sich um, sah nichts als Heide und Gras. Eine Minute – vielleicht mehr Zeit – verstrich schweigend, beide in Gedanken versunken. Plötzlich verschwand die nackte und hilflose Verzweiflung von ihrem Gesicht. Elfride verschwand hinter dem Abhang aus seiner Sicht. Knight fühlte sich in der Gegenwart personalisierter Einsamkeit.

Absatz, neues Kapitel – mit dem schönen Titel: „A woman’s way“.

Wo ist der Unterschied, zwischen einer Waffe, die auf einen Kopf ausgerichtet ist, und einem Körper, der an einer Klippe hängt? Stimmt, schwer zu sagen. Auch hier werden die Leser mitten in der Szene, da es um Leben und Tod einer Figur geht, hängengelassen. In diesem Sinne scheint es sich auch beim Finale der Staffel 4 von „Orange is the New Black“ um einen klassischen Cliffhanger zu handeln. Nun heißt klassisch nicht gut und gut ist Geschmackssache.

 

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