Gesellschaft Philosophie

Freiheit in der Praktischen Philosophie – Teil I

Vor kurzem haben wir uns mit dem Unterschied zwischen Theoretischer und Praktischer Philosophie beschäftigt. Heute wenden wir uns letzterer zu, der Praktischen Philosophie – und dem, was Mensch und Tier unterscheidet – nämlich Freiheit.

In der Praktischen Philosophie, die sich mit den Handlungen von Vernunftwesen (Menschen) auseinandersetzt, da ist Freiheit der Schlüsselbegriff schlechthin. Ohne sie gibt es kein menschliches Handeln, sondern nur Verhalten, reagieren auf innere und äußere Reize.

Das, was Tiere tun.

Der Hund wedelt nicht mit dem Schwanz, weil er seine Freude ausdrücken will. Die Freude ist es, die sich durchs Schwanzwedeln ausdrückt – der Hund reagiert auf den inneren Reiz der Freude. Er verhält sich entsprechend seiner Natur. Auch der Mensch tut das. Wenn wir atmen oder blinzeln oder als Babys vor Freude quietschen, dann ist das Verhalten auf einem tierischen Niveau. Die Freude muss irgendwie raus. Also quietschen wir. Das ist Verhalten. Was uns als Menschen aber auszeichnet, ist die Möglichkeit zu Handeln. Handeln, das ist die gewollte Umsetzung eines bestimmten Ziels.

Der Mensch wedelt mit seiner Hand, weil er seine Freude ausdrücken will – darüber, einen Bekannten getroffen zu haben. Ein solches Wollen setzt voraus, dass man sich auch eine alternative Handlung denken könnte. Nicht zu winken zum Beispiel. Ein Wollen setzt also eine denkbare Handlungsalternative voraus – sowie die Freiheit, diese zu wählen. Damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt: Es gibt kein menschliches Handeln ohne die Freiheit. Ohne Freiheit ist es keine Handlung, sondern eine notwendige Kausalkette, Ursache und Wirkung. Wenn ein Roboter einen anderen Roboter sieht und grüßt, dann ist es keine Handlung, sondern Programmierung – der Wille der Programmiererin war es, dass der Roboter bei Ansicht eines anderen Roboters grüßt, Ursache und Wirkung.

Arbeitslose Philosophen

Während die Programmiererin den Faktor Freiheit aus dem Gegenstand ihres Interesses oft wegdenken kann, wären praktische Philosophen ohne Freiheit praktisch arbeitslos – eben weil menschliches Handeln „ihr Ding“ ist und sich die Praktische Philosophie auch als normative Wissenschaft versteht. Sie will nicht nur (deskriptiv) beschreiben, wie etwas ist, sondern (normativ) vorschreiben, wie etwas sein soll. Oder wie man handeln soll. Doch ohne Freiheit gibt es auch kein Sollen, also kein Ausrichten der Handlung nach Gut und Böse oder gerecht und ungerecht. Nun wird „sollen“ in unserem Sprachgebrauch etwas locker verwendet. Wenn der Hund den Stock apportieren „soll“, hat das nichts mit Handlungsfreiheit und Tugend zu tun, sondern ob man den Hund gut dressiert hat, sich entsprechend zu verhalten.

So, wie ein Roboter programmiert ist und nicht tut, was er tun soll, nach dem Motto: „Wir würden es begrüßen, wenn du mit der Heckenschere die Hecke scherst und nicht den Nachbarn enthauptest.“ Stattdessen tut er, was er tun muss, weil ihm seine Programmierung keine Handlungsoptionen gewährt. Achtung! Wenn ein Polizistensohn singt: „Ein Junge muss tun, was ein Junge tun muss.“ – dann steht das wieder unter dem Aspekt der Handlungsfreiheit, weil der Polizistensohn ja ein Mensch und somit ein Vernunftwesen ist, auch wenn er unvernünftige Sachen sagt oder macht. Wie wir alle. Zurück zum Roboter.

Freiheit für Roboter

Eine spannende Schnittstelle, an der jene Programmiererin mit praktischen Philosophen ins Gespräch kommt, ist etwa das selbstfahrende Auto. Die Programmiererin fragt sich: Was befehle ich dem Auto, wenn ein Unfall unausweichlich ist – soll es rechts den 75-jährigen E-Biker überfahren, oder links in das Auto crashen, mit drei Kindern auf der Rückbank? Die Programmiererin will das nicht entscheiden, das Auto soll es tun. Doch selbst die fortschrittlichste Technologie kann weder die genauen Auswirkungen eines Zusammenpralls ausrechnen, noch darf es überhaupt auf die Idee kommen, ein Menschenleben gegen ein anderes abzuwägen – da wir doch gemäß unserer Verfassung alle gleich (erhaltenswert) sind.

Eine interessante Idee in dieser fortlaufenden Diskussion lautet, dem Auto eine Art Zufallsgenerator für den Unfall-Fall einzubauen. Interessant deshalb, weil damit wieder die Freiheit ins Boot geholt wird. Zur Erinnerung: menschliches Handeln = denkbare Handlungsalternativen + die Freiheit, sie zu wählen.  Damit würde den Fahrzeugen der Zukunft sozusagen menschliche Fehlbarkeit implementiert werden. Jetzt dürfen sich die praktischen Philosophen die Zähne daran ausbeißen, wie man den Fahrzeugen menschliche Ethik in die Software schreibt.

Freiheit durch Unfreiheit

Wir bleiben beim Menschen, bei dir – oder besser: bei uns. Denn du bist ja nicht allein auf der Welt. Du hättest die Freiheit, statt dem, was du tust, etwas anderes zu tun, das du dir alternativ denken kannst. Du hättest die Freiheit, weil du frei bist von inneren und äußeren Zwängen – aber es gibt ja noch Gesetze, Normen und Regeln, die dein Leben bestimmen und deine Freiheit in Einklang bringen mit der Freiheit eines jeden anderen Vernunftwesen, deiner Mitmenschen. Wir sind umgeben von Imperativen („Du sollst dies nicht! Du sollst das nicht!“), doch dabei handelt es sich weniger um Zwänge, die deine Handlungsfreiheit einschränken, sondern vielmehr ermöglichen und erhalten.

Damit kommen wir zum Verhältnis von innerer und äußerer Freiheit, zu Kant und seinem sehr bekannten Imperativ und wie er uns zu einem Verständnis von Freiheit durch Unfreiheit führt – kurzum: Wir machen ein Riesenfass auf, aber erst beim nächsten Mal. Bis bald!

Den Blogbeitrag als Video gibt’s hier:


Als Lektüre zur Einstimmung auf den nächsten Teil empfehle ich:
Burghardt Kiegeland, „Freiheit von & Freiheit zu“ (PDF)

Als Student der Philosophie bin ich noch ein Neuling auf diesem ehrwürdig alten Gebiet, falls dir also Begriffe falsch gebraucht oder Ideen falsch vermittelt scheinen, bitte nutze die Kommentarfunktion und korrigiere mich! Ebenso im Falle etwaiger Fragen, die wir gemeinsam erörtern können.

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