Film

MY BEST FRIEND’S BIRTHDAY von Quentin Tarantino | Film 1987 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 28. August 2018 um 11:33

1987. Im K-Billy Radio Studio hängt die US-Flagge. Davor sitzen, am Plattenspieler, Lenny Otis vom lokalen Eddie-Cochran-Fanclub und ein DJ in Hemd und Krawatte. Die Art von Krawatte, die 5 Jahre später ein paar wilde Hunde bei einem Raubüberfall tragen werden. Zwischen den beiden steht ein Mikro. Sie plaudern über den Todestag des Rockabilly-Musikers Eddie Cochran. Die Art von Smalltalk, die 7 Jahre später zwei Auftragskiller über Big Kahuna Burger führen werden. Dieses Radiointerview, im Schmalbild-Format schwarzweiß auf 16 Millimeter geschossen, eröffnet das filmische Lebenswerk von Quentin Tarantino – der Schauspieler, der besagten DJ spielt. My Best Friend’s Birthday ist sein erster Film, noch vor seinem großen Spielfilmdebüt…

Quentin Tarantino in seinem ersten Film My Best Friend's Birthday
  • Regie, Drehbuch: Quentin Tarantino
  • Kamera: u.a. Roger Avary, Scott McGill
  • Laufzeit: ca. 36 Min.

Kapitel 1: Amateurfilm

Bevor Tarantino sich 1992 auf dem Sundance Film Festival mit seinem mäßig budgetierten, aber professionell produzierten offiziellen Erstlingswerk Reservoir Dogs einen Namen machte, drehte er My Best Friend’s Birthday. Zusammen mit Freunden aus der Videothek, in der er arbeitete. Und aus dem Schauspielunterricht, den er besuchte, noch auf Amateurbasis. Genau genommen handelt es sich dabei auch nicht um Tarantinos erstes Spielfilmprojekt.

Liebesvögel in Fesseln

Bereits 1983 – im Alter von 20 Jahren – arbeitete Tarantino mit Scott McGill an Love Birds in Bondage. Das war eine schwarzen Komödie über ein Mädchen, das durch einen Autounfall einen Hirnschaden erleidet. Infolge unberechenbarer Stimmung-Schwankungen wird sie in eine Anstalt eingewiesen. Dicht gefolgt von ihrem devoten Freund, der sich aus freiem Willen einweisen lässt, um dem Mädchen nah zu sein.

Neben seiner Beteiligung an Buch und Regie wollte Tarantino sich schon in diesem Film als Schauspieler beweisen. Stattdessen wurde das Filmprojekt aufgegeben und das bereits abgedrehte Material vernichtet. Ob von Scott McGill selbst oder von dessen Mutter, wer weiß das schon?

Die Videotheken-Jahre

Zurück ins Jahr 1987: Tarantinos Kumpel Scott McGill begeht Selbstmord. Seine Gründe bleiben im Dunkeln. Rückblickend wirkt es makaber, dass My Best Friend’s Birthday damit beginnt, dass Tarantino ausgerechnet Späße über Suizid macht. Der Film in diesem Jahr wird vor einem kleinen Publikum uraufgeführt. Zumindest das, was nach einem Laborbrand von dem bereits abgedrehten Film übrig geblieben ist. 36 von ehemals 70 Minuten. Dieser unvollendete Streifen wurde inzwischen auf etlichen Filmfestivals gezeigt. Er weist schon eindeutig die Markenzeichen Tarantinos auf, obwohl die ursprüngliche Idee zum Film von Craig Hamann kam.

Bereits 1984 begann Hamann, der wie Tarantino den Schauspielunterricht von Allen Garfield besuchte, ein teils autobiografisches Drehbuch zu verfassen. Dieses baute Tarantino später als Co-Autor auf 80 Seiten aus. Damit waren die Startvoraussetzungen gegeben. Mit einem Budget von 5.000 US-Dollar begannen 1985 die Dreharbeiten unter der Regie des 22-jährigen Tarantino. Zu der Zeit arbeitete er hauptberuflich in der Videothek „Video Archives“ in Manhattan Beach. So viel zur Entstehungsgeschichte von My Best Friend’s Birthday – man sollte sie bei der Betrachtung des Films im Hinterkopf behalten. Worum es geht, lässt der Titel schon erahnen.

Comedy à la Tarantino

Weil Mickey (Craig Hamann) an seinem Geburtstag von seiner Freundin (Linda Kaye) verlassen wird, versucht sein bester Kumpel Clarence (Quentin Tarantino), den Geburtstag irgendwie zu retten. Er sucht nach dem perfekten Geschenk. Klingt nicht nach den Geschichten, mit denen Tarantino die jüngere Filmgeschichte bereichert hat – und in der Tat handelt es sich bei diesem halbfertigen Werk praktisch um seine einzige, waschechte Komödie (mal abgesehen von seiner Episode in Four Rooms). Tarantino selbst nannte den Film »a Martin and Lewis kind of thing« und »amateurish, and not in a charming way« – eine lobenswerte Selbstkritik und nicht ganz unangebracht.

My Best Friend’s Birthday ist eben ein Amateurfilm, den Tarantino gerne als seine Filmschule bezeichnet. Vielleicht hat er aus diesem Film gelernt, dass sein Schauspiel ein bisschen over the top und er besser auf dem Regiestuhl aufgehoben ist. Oder, dass die Dramaturgie, soweit sie sich anhand des ersten Aktes beurteilen lässt, mehr Feinschliff vertragen hätte. Bei der Dialog-Lastigkeit, die für Tarantino typisch ist, steht und fällt die Güte einer Szene mit dem Timing und der Dosis des verbalen Schlagabtausches.

Popkultur im Schlagabtausch

Schon in diesem Amateurprojekt reden sich die Protagonist*innen (der Cast umfasst 8 Männer und 3 Frauen) um Kopf und Kragen. Doch was Tarantino später zur Charakterisierung einsetzt, dient hier ausschließlich der Besprechung popkultureller Themen. Dafür ist der Plot des Films, die Suche nach einem Geburtstagsgeschenk, nicht packend genug. Über ein Jahrzehnt später schlug Tarantino mit seinen Dialogen in Death Proof (2007) wieder über die Stränge, allerdings sind hier die exzessiven Smalltalks eingeflochten in ein Roadmovie um einen eiskalten Muscle-Car-Killer – sowas hält das Publikum schon eher bei der Stange.

My Best Friend’s Birthday eröffnet Tarantinos Universum

Da man My Best Friend’s Birthday eher als Fragment, denn als fertigen Film betrachten muss, entzieht sich dieser Streifen jedoch geradezu einer Rezension. Viel zu dankbar sind Tarantino-Begeisterte für einen Einblick in das frühe Schaffen des heutigen Altmeisters – immerhin legt er damit quasi den Grundstein für sein Filmuniversum. Einige der sogenannten Tarantino-Brands gehen auf diesen Film zurück. Zum Beispiel das K-Billy Radio, das auch in Reservoir Dogs läuft. Die Protagonist*innen plaudern über den Schauspieler Aldo Ray, der später als Namensvetter für Brad Pitts Rolle in Inglorious Basterds (2009) herhalten wird und Clarence alias Tarantino sagt (O-Ton):

See, I look at him, I’d wanna be him so bad, I mean, Elvis looked good – I mean, I’m no fag, but Elvis was good-lookin’… I always said, you know, if I ever, I – had to fuck a guy? I mean, had to ‘cause like, my life depended on it? I’d fuck Elvis.

Wiederkehrende Gesichter und musikalische Motive

Sinngemäß dasselbe lässt die Rolle von Christian Slater in True Romance (1993) vom Stapel, einem Film von Tony Scott, zu dem Tarantino das Drehbuch schrieb. Er verarbeitete darin damals eine ganze Reihe weiterer Ideen aus My Best Friend’s Birthday. Bemerkenswert ist noch die musikalische Untermalung, die einen passenden Auftakt zu Tarantinos Werk bietet, in dem Musik immer eine große Rolle spielt. Unter anderem Johnny Cash und Elvis Presley sind im Hintergrund zu hören.

Der Film My Best Friend’s Birthday ist in voller Länge auf YouTube verfügbar:

Übrigens: Mickeys Exfreundin wird von Linda Kaye gespielt, der Frau, die in Reservoir Dogs vom Auto weggeschubst wird und in Pulp Fiction (1994) einen Schuss ins Bein abbekommt (hier ist sie als Stuntfrau im Interview). Das ist nur einer von zahlreichen Cameos, die sich die Schauspieler*innen aus My Best Friend’s Birthday in späteren Tarantino-Filmen liefern würden. Augen auf – dieser Streifen ist der inoffizielle Startpfiff einer sehenswerten Filmografie!

Weiterer 80er-Jahre-Film gefällt? Hier geht’s zu einem Blogbeitrag über Hairspray (1988) mit Ricki Lake.

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