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GOTT UND DER STAAT von Michail Bakunin | Buch 1882 | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 7. Juni 2018 um 20:06

»Das Volk«, schrieb der russische Revolutionär Bakunin, »ist leider noch sehr unwissend.« Stand: 1871. Im März dieses Jahres wurde sein Büchlein Gott und der Staat, aus dem diese Feststellung stammt, neu aufgelegt. Denn obwohl sich Bakunin darin redlich bemüht hat, das Volk aufzuklären, scheint es immer noch unwissend zu sein. Oder mehr denn je? Oder alles nicht so wild? Mal sehen…

Wer war überhaupt Bakunin? In aller Kürze: Als Michail erblickte er 1814 die Welt. Seine Familie, russischer Adel, erzog ihn einerseits liberal, andererseits erlebte der Junge seinen Vater als Gutsherrn mit über 500 Leibeigenen. Mit 14 Jahren gings zur Artillerieschule, mit 18 wurde er (bereits Leutnant) Zeuge von der Brutalität, mit der die russische Regierung den polnischen Aufstand niederschlug. Ob es da bereits um seine Gesinnung geschehen war? Michail kehrte dem Militär den Rücken zu, widersetzte sich dem Vater und wurde Mathelehrer in Moskau, wo er dann auch Philosophie studierte.

Hier treffen sich wohl unsere Wege. Na ja, zumindest würde ich gerne sagen können, übers Studium der Philosophie sei ich auf Chomsky aufmerksam geworden (tatsächlich: über Captain Fantastic) und über Chomsky lernte ich wiederum Bakunin kennen (tatsächlich!) … dennoch. Ohne eine erste Einführung in die Philosophie hätte ich Gott und der Staat nicht bestellt (das Studium hat mich kaufsüchtig gemacht, bücherkaufsüchtig – die Semestergebühren sind okay, aber derselbe Betrag landet nochmal in der Schatzkammer Amazons, insofern… drifte ich ab? Yo.)

Der Himmel der Religion ist also nichts als eine Lichtspiegelung, in der der Mensch, von Unwissenheit und Glauben überspannt, sein eigenes Bild wiedersieht, aber vergrößert und verkehrt, d.h. vergöttlicht. – Gott und der Staat, S. 16f.

Zurück zur Unwissenheit des Volkes. Voller Inbrunst prangert Bakunin – wir können nicht jeden seiner Schritte nachvollziehen, aber irgendwo auf seinem Weg hat er die Religion verachten gelernt – den Gottglauben an. Es sei die Frommheit leichtgläubiger Menschen gewesen, so Bakunin, durch die sich der Himmel bereichern konnte »durch das, was der Erde geraubt wurde, und konsequenterweise wurden die Menschheit, die Erde desto elender, je reicher der Himmel wurde.« Dass sich die Unwissenheit des Volkes über dieses Missstand so sattelfest hält, schreibt er den Anstrengungen aller Regierungen zu, »welche diese Unwissenheit sehr begründeterweise für eine der wichtigsten Bedingungen ihrer eigenen Macht halten.« Sie sind es auch, welche die Erdlinge berauben, während sie den Himmel reichreden.

Auf die Barrikaden also! … immer noch?

Ich möchte die Behauptung wagen, dass das Volk immer noch »sehr unwissend« ist. Als Repräsentant dieser unwissenden Masse kann ich natürlich nur mutmaßen und ja, unsere Zeit tickt gewaltig anders als das späte 19. Jahrhundert Bakunins. Religiöse Extreme sind nicht mehr fromm, sondern fanatisch und tragen eher »von unten« dazu bei, dass man sich nicht auf das Wesentliche konzentrieren kann. Wir reden über islamistischen Terror als ein großes Problem unserer Zeit und ignorieren darüber, wie groß überhaupt der Kuchen geworden ist, an dem ich alle knabbern. Kein Wunder, vielleicht, weil alle nur einen kleinen Teil des Kuchens sehen, aber das ist doch der bemerkenswerterer Unterschied zwischen damals und heute: Der Kuchen ist inzwischen längst so groß, dass man ihn so fair verteilen könnte, wie es sich Bakunin und andere Anarchisten seiner Zeit in ihren krümeligsten Träumen nicht hätten vorstellen können.

Will sagen: Auf die Barrikaden! Ja! Eigentlich! Wenns uns nicht so verflixt gut ginge. Oder: mir. Ich will da niemanden mit reinziehen, der oder die heute einen schlechten Tag hatte. Mir jedenfalls geht es zu gut, gestern, heute, morgen vermutlich, ich bin zu satt, zu zufrieden und zu ignorant, um mich um jenen versteckten Großteil des Kuchens zu kloppen – und sei es eben für die vielen Mitmenschen, die nichts vom Kuchen abkriegen. Tagsüber mache ich meine paar Sachen, die mich bei Laune halten (gerade: bloggen, später: vielleicht ein Kubrick-Film?) und glotze ungefähr zweitausendmal in vierundzwanzig Stunden auf mein Handy. Dabei wollte ich nie Materialist sein, hab mich immer für einen Idealisten gehalten… als ich noch dachte, Idealisten sind die Guten.

Die idealistische Abstraktion, Gott, ist ein ätzendes Gift, welches das Leben zerstört und zersetzt, fälscht und tötet. Der Hochmut der Idealisten, der kein persönlicher, sondern ein göttlicher ist, ist unbesiegbar und unversöhnlich. – S. 50

Idealismus vs. Materialismus in Gott und der Staat

Gott und der Staat beginnt mit einer Frage: Wer recht habe, die Idealisten oder die Materialisten? »Jede Entwicklung«, sagt Bakunin, »schließt die Verneinung des Ausgangspunktes ein.« Das heißt: Eine materielle Motivation strebe ein ideelles Ziel an. Eine ideelle Motivation wiederum lässt sich nur mit materiellen Mitteln durchsetzen. In Bakunins eigenen einzigartig herrlich ehrlich harten Worten:

Der Materialismus [geht] von der tierischen Stufe aus, um die Menschheit zu bilden; der Idealismus geht von der Gottheit aus, um die Sklaverei zu errichten und die Massen zu aussichtsloser Vertierung zu verurteilen. (…) Der Materialismus leugnet den freien Willen und führt zur Einführung der Freiheit; der Idealismus verkündet den freien Willen im Namen der Menschenwürde und gründet die Autorität auf den Ruinen aller Freiheit. – S. 31

Als Beispiel für »das Reinste, Übersinnlichste, was es an Idealismus gibt« führt Bakunin das Deutschland seiner Zeit an.  In seinen internationalen Beziehungen sei Deutschland (schreibt er ein knappes halbes Jahrhundert vor dem ersten Weltkrieg) »systematisch eindringend, erobernd, immer bereit, seine eigene freiwillige Knechtschaft auf die benachbarten Völker auszudehnen.«

Seit es sich als einheitliche Macht bildete, wurde es eine Drohung, eine Gefahr für die Freiheit von ganz Europa. Der Name Deutschland bedeutet heute brutalen und triumphierenden Sklavensinn. – S. 29

Bakunin hat Hitler nicht erlebt. Aber er hat ihn vorhergesehen. Hitler, den Idealisten.

Inzwischen denke ich, Materialisten sind die Guten. Aber was verstehe ich denn unter einem Materialisten, inzwischen? Und warum sind sie damals gescheitert? Und warum später, im Spanischen Bürgerkrieg, in den späten 1930er Jahren? Cliffhanger! Dave out.

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