Bücher Geschichte

COLONIA IM MITTELALTER von Dieter Breuers | Buch 2011 | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 7. Juni 2018 um 20:05

»Über das Leben in der Stadt«, so der Untertitel. Wer nun ein paar lockere Anekdoten erwartet, heiter bis blutig, aus einem Köln, das noch von Rittern und Mönchen und holden Maiden bevölkert wurde, der oder die möge das Buch schön wieder zurück ins Regal schieben. Der Autor Dieter Breuers geht ins Detail und gibt Geschichtsunterricht. Hochinteressant, aber halt auch… Geschichtsunterricht.

I don’t get history. If I wanted to know what happened in Europe a long time ago, I’d watch Game of Thrones. – Troy Barnes, in: Community | S04, E04: Alternative History of the German Invasion (hier gehts zu einem epischen Serientrailer)

Ja, wir sind alle traurig, dass das Mittelalter nicht ganz so cool war, wie Game of Thrones uns glauben macht (es liegt an den Drachen). Trotzdem war diese Zeitspanne, circa von Jahr 500 bis Jahr 1500, ziemlich spannend. Das kommt im Buch von Breuers nicht immer so rüber, denn der Autor feiert nicht einfach die Top 30 (random number) der brutalsten Foltermethoden und Ritterschlachten ab oder schreibt darüber, was professionelle Henker so als Nebenerwerb treiben. Darum gehts zwar auch, aber einen großen Teil seines Werks sind den Alltagsthemen gewidmet: Hygiene etwa, Essen und Trinken und Betteln. Du möchtest Dir das Mittelalter gerne durch die rosa Romantik-Brille vorstellen, mit glänzenden Rüstungen und stattlichen Typen, die um die Gunst ihrer Herzdame kämpfen. Okay. Aber berücksichtige bitte die Scheiße, die sich in den Kölner Gassen türmte. In Rosa, meinetwegen, aber stell Dir für einen Moment vor, wie irre infektiös diese Stadt war. Bevor Du den Fluxkompensator anschmeißt.

Stilistisch liefert Breuers eine Mischung aus szenischen Rahmenerzählungen, die das Thema eines jeden Kapitels anhand zeitgenössischer Protagonisten einführen (fiktiv zwar, und doch fest in der damaligen Wirklichkeit verankert) sowie Abschnitte, da man ein Fachbuch in der Hand zu halten meint: Daten, Namen, Zahlen zu diversen Großereignissen des Mittelalters, von Kreuzzügen (und Kinderkreuzzügen) über Belagerungen bis hin zu Intrigen, die keinen Zweifel daran lassen, dass sich George R. R. Martin nicht nur in Sachen Kulisse vom europäischen Mittelalter hat inspirieren lassen. Im Prinzip ist Game of Thrones ne spektakuläre Doku, zusammengesetzt aus den Elementen jener Epoche, eben auch damaligen Mythen, die es einfach für wahr nimmt.

Ach, und da ich unlängst über Ethik schrieb – Thomas von Aquin begegnete mir im Philosophie-Studium zuletzt im Zusammenhang mit christlicher Ethik und ganz nebenbei als größter Denker seiner Zeit, wenn ich mich recht entsinn. Genau, der hier:

Thomas von Aquin lehrte, dass Selbstbefriedigung unausweichlich zur Schädigung des Gehirns und zu Schwindsucht führe. Onanie, Homosexualität, Sodomie und sogar der Coitus interruptus seien sogar größere Sünden als Ehebruch und Vergewaltigung. – S. 227

Ein Kind seiner Zeit, mag man ihn verteidigen, und doch eines, dass seine Zeit maßgeblich geprägt hat, möchte man annehmen. Die Lektüre von Colonia im Mittelalter ist nicht (!) kurzweilig, eher tiefgreifend. Sie erweitert den Horizont über die magische Grenze der Zeit hinaus. Je besser du die Vergangenheit kennst, desto besser kannst du die Gegenwart einordnen. Wie weit haben wir es gebracht? Und wo treten wir auf der Stelle? Thomas‘ Lehre da oben, die wird heute noch von Republikanern in Amerika verbreitet. Und nicht zu vergessen…

Wisst Ihr, wie man heutzutage Krieg führt? Was unser Kaiser etwa im Fall der abtrünnigen Städte der Lombardei macht? Genau das Gleiche, was auch jener Welfenherzog tun wird, wenn es ihm gelänge, bis hierher vorzustoßen. Er wird die Stadt, die er nicht erobern kann, einschließen. Er wird den Rhein sperren und die ganze Gegend verwüsten. Er wird alle Bäume fällen und in den Weingärten die Rebstöcke zerhacken, die Äcker verseuchen und die Brunnen vergiften lassen. Und das alles nicht nur in der unmittelbaren Umgebung, sondern im weiten Umfeld. – S. 109

Das ist auch noch up to date. Wer auch immer stolz auf die Errungenschaften der Neuzeit zeigen möchte: Allein, dass wir jetzt mit Drohnen statt Kanonen schießen, macht uns noch nicht über Sadisten und Kriegstreiber aus dem Finsteren Mittelalter erhaben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.