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MEHR SCHWARZ ALS LILA von Lena Gorelik | Jugendbuch 2017 | Kritik

Sei es Wahrheit oder Pflicht, Never have I ever oder simples Flaschendrehen. Es sind Spiele, die uns an Grenzen locken, uns mit Adrenalin berauschen und eben auch hinbrettern lassen. Es geht um Lena Goreliks für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiertes Jugendbuch Mehr Schwarz als Lila über rote Linien, hinter denen keiner mehr lacht. Und Freundschaften, die Risse zeichnen.

Bloggerin Sonia Lensing mit dem Buch Mehr Schwarz als Lila

Ein Kuss in Auschwitz

Zum Inhalt: Mehr Schwarz als Lila ist die Geschichte der 17-jährigen Alex, die lieber Schwarz als Lila trägt und im Beisammensein mit ihren besten Freunden Paul und Ratte (eigentlich Nina) auf das Leben wartet. Seitdem ihre Mutter an einem Hirnschlag verstorben ist, gibt es außer ihrer innigen Freundschaft zu Paul und Ratte nicht viel, das die Heranwachsende mit Glück erfüllt. Dann tritt eines Tages der attraktive wie interessante Herr Spitzing als Referendar in Alex‘ Leben.

Und aus dem gähnenden Unterricht, der alltäglichen Wartezeit und den leeren Gesprächsfetzen wird ein lebendiges Staunen, Hoffen und Spüren. Gefühlsregungen, die bei Alex emporklettern, als sich dem Dreierteam »Johnny« Spitzing privat anschließt. So beginnt das Chaos: Alex verliebt sich in Johnny, Ratte in ein unbeliebtes Mädchen und dann geht es auch noch auf die Abschlussfahrt nach Auschwitz, wo die Leichtigkeit ihrer Freundschaft endgültig aus den Fugen gerät.

Randnotiz: Hier findet ihr einen Blogbeitrag zu Davids Besichtigung der Frauen-KZ-Gedenkstätte in Ravensbrück im Spätsommer 2016.

Skandal um Alex und Paul

Unter dem Hashtag #auschwitzkuss wird die virtuelle Welt Augenzeuge, wie sich Alex und Paul vor einem Galgen in Auschwitz küssen. An einem Ort, wo Millionen Menschen skrupellos ermordet worden. Der Skandal ist enorm, so dass Abtauchen angesagt ist. Was dieser Kuss tatsächlich bedeutet, weiß nur Alex. Doch die spricht nicht mehr, seitdem sie mit einem Spiel alles zerstört hat, das ihr wichtig war. Lena Goreliks Coming-of-Age-Roman über die Freundschaft in allen Facetten, die junge Liebe und das böse Spiel mit dem Ernst.

Urlaubslektüre, aber bitte mit Tiefe

Für unseren Cornwall-Urlaub mit gewissem Niederschlagsrisiko entschied ich mich für ein Jugendbuch, das mich mit mehr Lesestoff als die Kinderbuchsparte und mit stärkerem Identifikationspotential versorgen würde. Wie man schnell die richtige Buchauswahl im Jugendbereich trifft? Eine bewährte Quelle für Buchempfehlungen im aktuellen Kinder- und Jugendbuchmarkt sowie für den Deutschen Jugendliteraturpreis Nominierte bietet der Arbeitskreis für Jugendliteratur e. V. Von den diesjährigen Nominierungen sprach mich das in diversen Medien gehypte Buch The Hate U Give von Angie Thomas, aber eben auch Lena Goreliks Mehr Schwarz als Lila an. Die Jurybegründung, insbesondere die »ästhetische Literaturerfahrung«, und die flotte Buchlieferung waren es schließlich, die Lena Goreliks Mehr Schwarz als Lila den Platz in meinem Handgepäck sicherten (hier geht’s zur Website der Autorin).

Zur Wirkung des Buchs

Ungeachtet des überraschend paradiesischen Wetters und unseren zahlreichen Tagesausflügen hab ich Mehr Schwarz als Lila in knapp 3 Tagen durchgelesen. Mein Antrieb galt vor allem dem ästhetischen Schreibstil von Lena Gorelik und der Sätze, die sich Poeten einrahmen können. Als da wären:

Sie leben in Pausen, deren ganzes Leben, als fände das Leben in Zwischenzeiten statt. | S. 53

 

Eines Tages rettet Paul die Welt. Und ich stehe dann daneben. | S. 98

 

Liebe, in Berührungen verpackt, und man gibt ihnen eine Bedeutung, wie man Zucker in den Kaffee gibt. | S. 127

 

Sind nicht alle Geschichten Liebesgeschichten? | S. 105

Letzteres Zitat bringt das Wesen von Goreliks Roman auf den Punkt. So handelt es sich im Wesentlichen um eine Liebesgeschichte, in Freundschaft verpackt, im Spiel ausgezogen, aus der Hand gefallen und Scherben aufsammelnd. Womit die aus St. Petersburg stammende Autorin ein Themenkollektiv bedient, mit dem sich die Jugendlichen in ihrer Lebenswelt beschäftigt und identifizieren kann.

Bloggerin Sonia Lensing liest Mehr Schwarz als Lila

Monologe aus der Ferne

In abgehakten Sätzen beziehungsweise Alex‘ gern eingesetzten Ellipsen tauchen die Leser*innen von Mehr Schwarz als Lila in die Gedankenwelt der 17-Jährigen ein. Darin beschreibt, reflektiert, kommentiert und bewertet sie sowohl ihr eigenes Handeln und Denken als auch das Verhalten ihrer Freunde. Durch die Ich-Perspektive und die Monologe hören wir Alex zwischen unseren Ohren denken und beschreiben. Aber eben auch schweigen. Denn ihre Gedankenschnipsel, die zwischen Gegenwart und Vergangenheit und ihren Gefühlen hin und her flippen, sich wiederholen und weigern, lassen oftmals Fragen offen. Fragen, die Alex teilweise unnahbar und deshalb umso lesenswerter machen.

Wir spielten Spiele, um zu spüren und zu fliehen, aber wir sagten fliegen dazu. Wir spielen, um zu fliegen. So war das, bevor du kamst und bevor wir wussten, wer wir waren. | S. 33

Alex und ihre Freunde fliehen gerne in Spiele. Denn im Spiel fühlen sie sich lebendig und können abtasten, wer sie sind und wie weit sie gehen. Während sie sich gegenseitig herausfordern, ob in provokanten Taten oder Gedankenspielen, nimmt die sonst eher ruhige Handlung Fahrt auf. Dieser aufgeweckte Geist, der in zwanglosen Dialogen zwischen den Freunden durchschimmert, erinnert daran, wieso Wahrheit oder Pflicht oftmals so einen Reiz auf das junge Ich ausübt. Sind solche Experimente doch eine wichtige Form der Identitätsstiftung.

»Jedes Spiel hat ein Ende«

Letztlich ist es eben dieser verhängnisvolle Spieltrieb, der in einer Katastrophe endet. Unbeholfen mit ihren Emotionen für »Johnny« und ihren Verlustängsten gegenüber ihren Freunden verspielt Alex das, was ihr lieb ist. Lässt sich das wieder gut machen? Wo uns die Geschichte doch lehrt, dass manche Dinge nicht repariert werden können.

Fazit zu Mehr Schwarz als Lila

Lena Gorelik erzählt in poetischer und kluger Sprache von Alex, ihren Sehnsüchten, ihren Freunden und den Konsequenzen von Spielen, die Leid statt Spaß evozieren. Lässt man die in Mehr Schwarz als Lila dargestellte, etwas altbacken wirkende jugendliche Mediennutzung außer Acht (wer unternimmt heute ohne Vorab-Messages Überraschungsbesuche und bevorzugt analoge Spiele als das eigene Smartphone-Universum?), ist der Roman ein moralisch wie stilistisch anregender Jugendroman, durchaus auch für ältere Leser*innen. Mit seiner melancholischen und verspielten Note bereitet das Buch nicht nur Lesefreude, sondern zeigt auch, wie Kurzschlussreaktionen in virtuellen Zeiten zum Verhängnis und Affront werden können. Ich vergebe 8 Sterne.


Infobox
Titel Mehr Schwarz als Lila
Erscheinungsjahr 2017
Autor/Illustrator Lena Gorelik (Autorin)
Verlag Rowohlt Berlin
Seiten 256 Seiten
Altersempfehlung Ab 14 Jahre
Thema Freundschaft, Heranwachsen, Verliebtsein

 

 

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