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DIE GROßE WÖRTERFABRIK von Agnès de Lestrade | Kinderbuch 2018

Zuletzt aktualisiert am 21. August 2018 um 10:09

Mein Vater ist ein kluger Mann. Als Pubertierende gab er mir den Rat, in der Ruhe des gesprochenen Wortes liege mehr Kraft als im Flehen des Lauten. Und was ich für mich selbst herausfand: Im geschriebenen Wort schwingt ein Zauber mit, den manch schiefe Stimme brechen kann. Dass es aber weniger auf die Worte ankommt, als auf die Art und Aufrichtigkeit, mit der wir sie vortragen, zeigt das Kinderbuch Die Große Wörterfabrik von Agnès de Lestrade.

Im Land der kostbaren Wörter

Zum Inhalt: Paul mag Marie. Aber er kann es ihr nicht sagen. Denn in dem Land, wo er wohnt, darf nur sprechen, wer sich Wörter leisten kann. Und schöne Wörter sind teuer. Hat man sie erstmal gekauft, gefangen oder aus dem Müll gefischt, schluckt man sie, um sie aussprechen zu können. Wie kann der arme Paul Marie nur seine Liebe gestehen?

Bloggerin Sonia Lensing mit dem Kinderbuch Die große Wörterfabrik

Zur Wirkung des Buchs

Von der Liebe sprechen, vom Wert der Wörter, von der Kraft ehrlicher Gefühle, von Schmetterlingen, die dann fliegen – das ist nicht einfach, ohne kitschig zu werden. In »Die große Wörterfabrik« gelingt es.

Silke Schnettler (DIE ZEIT)

Große Worte von Silke Schnettler über so ein kleines Buch. Zumindest, wenn man das Hardcover-Format in den Händen hält (rund 15 x 15 Zentimeter). So zärtlich das handliche Format und die filigranen Illustrationen, so eindrucksvoll und einfühlsam erzählt Agnès de Lestrade die Geschichte des kleinen Pauls und der seltsamen Welt, in der er lebt.

Apropos seltsame Welt: Schon Herr Anders (2011) gelesen?

Weise Worte wehen wundervoll

Die Prämisse: Das Land mit der großen Wörterfabrik, das die preisgekrönte Französin so einfach und präzise auf 40 Seiten erschaffen hat, zieht Kinder, aber auch erwachsene Vorleser*innen unweigerlich in seinen Bann. Was für eine schräge Vorstellung, für Wörter bezahlen zu müssen. Wo wir doch in unserem Alltag oft ungefragt unsere Gedanken an einem offenen oder auch weniger offenen Ohr abladen und wir manchmal gerne fürs Schweigen zahlen würden. Protagonist Paul wäre vermutlich entsetzt darüber, wie inflationär wir mit Wörtern – auch den großen – umgehen. Und wie selten diese genauso gemeint sind.

Es ist das Umkehren des Alltäglichen, was bei der Story direkt Faszination und kindliche Neugier auslöst. Das ideale Sprungbrett für die Lesemotivation. Eine verstärkende Nebenerscheinung: Die Kinder entwickeln beim Lesen ein Überlegenheitsgefühl. Im Gegensatz zu Paul und den Figuren aus der Geschichte können sie jederzeit sprechen, ohne dafür ihr Sparschwein zu schütteln.

Schluss mit der Schimpfwort-Phase

Doch welche der Lieblingsworte würden wohl wie teuer sein? Katzenkotze wäre wahrscheinlich gratis in der Mülltone zu finden. Aber was ist mit Schokoladentorte? Fragen, die sich hervorragend als Anschlusskommunikation mit den Kindern eignen – ob im Kindergarten, in der Schule oder Zuhause. Das in Die große Wörterfabrik behandelte Thema der Sprache und wie wir mit ihr umgehen, regt auch die Kleinsten dazu an, ihren eigenen Wortschatz zu beleuchten. Und das idealerweise so nebensächlich, dass der pädagogische Wert die Kinder nicht abschreckt. Zur Arbeit mit den Kindern bietet sich das Kinderbuch in der Version als Lehrbuch an, sei es um mit den Kindern dem Wert der Sprache nachzugehen oder deren Lust auf Schimpfwörter beiläufig abzustellen.

Zur Visualität:  Die bildhafte und aufs Wesentliche besonnene Sprache von Agnès de Lestrade setzt sich in den Illustrationen von Valeria Docampo fort. Der Blick aufs Cover von Die große Wörterfabrik reicht bereits, um der Bildsprache der Illustratorin ein »Oha!« entgegen zu hauchen. Ein Hauch von Melancholie, in dunklen und hellen Brauntönen gehalten, verleiht der Bildergeschichte Tiefe. Diese für ein Bilderbuch ab 3 Jahren untypischen Farben (Rosa, Glitzer, Quietsche-Bonbonfarben: Fehlanzeige) lässt erahnen, dass sich zwischen den Seiten eine Botschaft ihren Weg bahnt.

Details zum Entdecken

Wer so wunderschön und stimmungsvoll den Text in Bilder übersetzt, muss selbst etwas für die Geschichte übrig haben. Die Illustrationen bieten kontrastreiche Farben, liebevolle Details (zum Beispiel Paul, der hinter einer Hauswand hervorlugt), die die Kinder zum Entdecken einladen. Und dann ist da eine solche Ästhetik, dass selbst Erwachsene ihre Freude an dem Kunstwerk haben. Diese Illustrationen erwecken die Geschichte erst richtig zum Leben.

Neugierig geworden? Dann lohnt sich ein Blick in die Kinderbuch-App, die von der Stiftung Lesen zur Leseförderung empfohlen wird:

Fazit zu Die große Wörterfabrik

Kirsche! Staub! Stuhl!  Ein Kinderbuch, das mit diesen 3 Wörtern ins Herz der Kinder und Erwachsenen trifft, ist kaum zu übertreffen. Obwohl der Humor in Die große Wörterfabrik in den Hintergrund rückt und stattdessen der Poesie und Fantasie den Vortritt lässt, ist das Bilderbuch ein rundum berührendes Buch, das an die Aufrichtigkeit der Sprache und die Empathie füreinander appelliert. Für so ein großartiges Kunstwerk vergebe ich 10 Sterne! 

TitelDie große Wörterfabrik
Erscheinungsjahr2018 (4. Auflage)
Autor*in, Illustrator*inAgnès de Lestrade (Autorin)
Valeria Docampo (Illustratorin)
VerlagMixtvision 
Umfang40 Seiten
Altersempfehlungab 3 Jahren
ThemaSprache, Liebe

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