Aktuelles Gesellschaft

10.000-Stunden-Regel trifft Winter-Olympiade

Mit seinem Buch „Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht“ hat Malcolm Gladwell auch mich gepackt. Er stellt spannende Thesen über Erfolg, (soziale) Intelligenz und Potential auf, serviert mit Beispielen, die keinen Zweifel an der Richtigkeit dieser Thesen lassen, scheinbar. Insbesondere die 10.000-Stunden-Regel des Psychologen Anders Ericsson, die Gladwell mit überzeugenden Argumenten bekannt machte, begeisterte seine Leser. Inzwischen wurde die Regel widerlegt – und wird trotzdem immer wieder diskutiert, aktuell im Rahmen der Olympischen Winterspiele 2018.

Eine Schneekugel in der Sonne, dazu der Schriftzug: 10.000-Stunden-Regel trifft Winter-Olympiade

Genies entzaubern

Namen wie Bill Gates und die Beatles sind es, die Malcolm Gladwells Beweisführung begleiten. Eine Beweisführung, die darauf abzielte, die Genies mit der sogenannten 10.000-Stunden-Regel zu entzaubern. Was besagt die 10.000-Stunden-Regel? Gladwell selbst zitiert zur Erläuterung den amerikanisch-kanadischen Kognitionspsychologen und Neurowissenschaftler Daniel Levitin, der schrieb (frei übersetzt):

Das aus den Studien hervortretende Bild ist, dass 10.000 Stunden Übung erforderlich sind, um dasjenige Level von Meisterschaft zu erreichen, das man mit einem Weltklasse-Experten assoziiert – egal worin.

10.000 Stunden, das entspricht etwa 10 Jahren harter Arbeit. Der Gedanke scheint nicht neu, sondern sogar ziemlich abgelatscht zu sein: Übung macht den Meister, weiß man ja. Üben sei nicht nur das, was Profis in jedwedem Bereich regelmäßig machen, Üben sei vielmehr das, was Menschen überhaupt zu Profis mache.

Da 10.000 Stunden aber nun eben rund 10 Jahren entspricht, ist es für junge Erwachsene kaum möglich, dieses Maß zu erreichen. Gladwell zufolge bedürfe es Eltern, die ihre Kinder ermutigen und unterstützen – und man dürfe nicht arm sein. Wer einen Zweitjob bräuchte, um den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, könne schlichtweg nicht die Zeit zum Üben aufbringen, der es bedürfe, um die 10.000 Stunden vollzumachen.

Tatsächlich erreichen die meisten Menschen diese Zahl nur, wenn sie in besondere Förderprogramme aufgenommen werden. | Malcolm Gladwell, Outliers, p. 46

Malcolm Gladwells Buch „Überflieger/Outliers“ widmete ich bereits einen eigenen Blogbeitrag, hier zu lesen.

Gladwell selbst entzaubert

Mittlerweile wurden Gladwells Aussagen vielfach in Frage gestellt, gar widerlegt. Es verwundert kaum, denn für jede Studie über eine Auswahl erfolgreicher Leute, lässt sich eine Studie über eine andere Auswahl erfolgreicher Leute erstellen – oder eben eine Studie über fleißige Menschen, die 10.000 Stunden Übung investiert haben und trotzdem noch im Mittelfeld dümpeln. Mit diesem Phänomen beschäftigte sich die Karrierebibel (siehe den Abschnitt: Übung macht den Meister nur zu 12 Prozent).

Tatsächlich kann man Gladwell den Vorwurf machen, dass sein simplifizierender Schreibstil zumindest den Schein erweckt, als sei die Wirklichkeit in Wirklichkeit weniger komplex, als sie wirklich ist. Das Erkennen von Mustern ergibt noch lange kein Ausmalbild, keine Schablone für Erfolg. Regeln und Ausnahmen gehen bekanntlich Hand in Hand.

Willkommen in Pyeongchang

Damit kommen wir zu Mikaela Shiffrin, den Star der Olympischen Winterspiele. Entspricht diese junge Frau nun der Regel, oder ist sie eine Ausnahme? Kurz zur Person: 1995 geboren gilt sie im Alter von heute 22 Jahren bereits als eine der erfolgreichsten Läuferinnen der Geschichte – besonders im Slalom, eine Disziplin, in der sie die jüngste Olympiasiegerin ever ist, und die erste dreifache Weltmeisterin seit Christl Cranz (Letztere hat immer noch den cooleren Namen) sowie Weltcup-Siegerin in der Saison 2016/17.

Was hast du so gemacht, in der Saison 2016/17? Ich möchte dazu keinen Kommentar abgeben.

Mikaela Shiffrin ist also krass. Bei den olympischen Winterspielen in Pyeongchang hat sie aktuell einen schlechten Lauf, hat Medaillen knapp verpasst und aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl gemacht. Doch den Ruhm, den sie bereits innehat, den kann ihr so schnell keiner nehmen. Gold in Olympia bekam sie bereits im Alter von 18 Jahren. Die 10.000 Stunden dürfte sie da noch nicht voll gehabt haben, in Sachen Wintersport.

Shiffrin dechiffriert

Und doch kann man Mikaela Shiffrin als Parade-Beispiel für die 10.000-Stunden-Regel anführen – wenn man diese nicht missversteht. Brad Stulberg, der Co-Autor des Buchs „Peak Performance“, wies im Gespräch mit Business Insider darauf hin, dass es weniger um das Zeit-Aufbringen an sich geht – sondern vielmehr den Fokus, den man einer Sache zukommen lässt. Statt der bloßen Übungsstundenzahl liegt der Schwerpunkt auf dem Konzept „deliberate practice“, bewusstem Üben. Die Hingabe Shiffrins für ihren Sport sei dementsprechend der eigentliche Schlüssel zum Erfolg der jungen Sportlerin.

Dem New Yorker gegenüber ging Mikaela Shiffrin selbst auf die 10.000-Stunden-Regel ein – und sagte klipp und klar:

Hier ist das Ding: Beim Ski-Fahren kriegst du deine 10.000 Stunden nicht voll. Du verbringst zu viel Zeit auf dem Ski-Lift. Mein Coach hat das mal kalkuliert: (…) Wir kommen auf etwa 11 Stunden Ski-Fahren auf Schnee pro Jahr. Das sind sieben Minuten am Tag. Im Alter von 22 Jahren hab ich trotzdem vermutlich mehr Zeit im Schnee verbracht, als die meisten. Ich übe ständig, selbst auf den cat tracks (besondere Sohlen für Ski-Schuhe) oder in den Überbrückungsphasen. Mein Vater sagt, ‚Sogar wenn du nur stoppst, mach es richtig, behalte eine gute Position (…)‘. Wenn es nur sieben Minuten am Tag sind, dann bedenke diese 30 Sekunden, die Andere damit verbringen, geradewegs unten von der Rennbahn ans obere Ende des Aufzugs zu kommen. Ich benutze diesen Part, um an meinen Bewegungen zu arbeiten. Das sind Extra-Minuten.

Das Interview im New Yorker kann man hier nachlesen (im englischen Original).

 

Ursprung der 10.000-Stunden-Regel

Es geht also um die Geisteshaltung, nicht um die Stunden. Während Malcolm Gladwell nun zuweilen vorgeworfen wird, er habe die 10.000-Stunden-Regel missverstanden bzw. falsch wiedergegeben, kommt doch eine Leseempfehlung, die zum richtigen Verständnis führen sollte, direkt von ihm. Nämlich der Hinweis zu demjenigen Artikel, auf den die 10.000-Stunden-Regel zurückzuführen ist. Gladwell am Ende seines Buchs „Überflieger“:

Einer (von vielen) wundervollen Artikeln von Ericsson und seinen Kollegen über die 10-Tausend-Stunden Regel ist dieser: The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance (PDF, englisch)

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