Cinemathek

PAPA GOLD von Tom Lass | Film 2011 | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 1. Juni 2018 um 7:11

Kürzlich gesehen: Papa Gold von Tom Lass – und mit Tom Lass. In einer Rolle, die ich so schnell nicht vergessen werde. Als abgehalfterter, abgerockter Weiberheld schlawinert er durch Berlin. Trinken, tanzen, turteln, nur bloß nicht erwachsen werden. Bis der Papa kommt. Das Ergebnis nennt Tom Lass selbst »ein Stück Filmgeschichte – wenn ich das jetzt so vermessen sagen darf.« Kommt drauf an, Tom – wie ist dein Film?

Der nicht objektifizierbare Mensch

Produziert mit minimalem Budget (2500 Euro), ohne Drehbuch. Über das Leben eines Typs Anfang zwanzig, dessen größtes Problem es ist (oberflächlich, zumindest), dass er mit zu vielen Frauen schläft. Für solche Filme wurde, nach meinem bisherigen Kenntnisstand, der Begriff »Mumblecore« überhaupt erfunden. Aber wozu? Dieser Film hat wenig bis nichts gemein mit amerikanischen Vertretern wie Funny Ha Ha (30.000 Dollar Budget, was auch als very low gilt – andere Länder, andere Mittel) oder Hannah Takes the Stairs gemein. Trotzdem hätte Papa Gold sicher sein Platz in der EDITION german mumblecore aus dem Jahr 2016, wenn da nicht schon Tom Lass‘ neuerer Film drin wäre, Kapt’n Oskar.

Papa Gold ist also ein Spielfilmregiedebüt. Mal abgesehen von etwaigen Genre-Zuweisungen, wie ist es geraten?

Hinweis: Liebe Leser*innen, im Absatz »Erster Eindruck« gehe ich ein wenig auf Anfang und Verlauf des Films ein. Zu viel verraten wird nicht, deshalb wünsch‘ ich spoilerfreies Lesen! Zu sehen gibt es Papa Gold aktuell bei Amazon Prime und alles kino (Stand: April 2018).

Ein junger Mann lässt sich von einer jungen Frau mit einem Apfel füttern, Standbild aus dem Film »Papa Gold« | Bild: 2011 Lass Bros Filmproduktion
Romantik in »Papa Gold«: Die Fütterung mit dem Sündenapfel | Bild: 2011 Lass Bros Filmproduktion

Totale: Papa Gold im Zusammenhang

Cineastischer Kontext

Papa Gold erschien im selben Jahr wie Dicke Mädchen von Axel Ranisch. 2011, das Jahr von Vincent will Meer (Deutscher Filmpreis in der Kategorie Bester Film) und Tom Tykwers Drei (in der Kategorie Beste Regie). Auch das Jahr von Til Schweigers Kokowääh, dem 2011 in deutschen Kinos dritterfolgreichsten Film nach Harry Potter und Fluch der Karibik. Dicke Mädchen und Papa Gold hingegen atmen keinerlei Blockbuster-Charme, da wollten einfach mal zwei Jungs je ihr Ding drehen. Axel Ranisch tritt übrigens im Film von Tom Lass auf, als Zahnarzt.

Und unübersehbares Bindeglied zwischen den beiden Filmen: der wunderbar unprätentiöse Peter Trabner in der Hauptrolle. In Dicke Mädchen spielte er noch den Altenpfleger von Axel Ranischs Großmutti, in Papa Gold nun den Vater von Tom Lass. Welch lustiger Mischmasch in der jungen deutschen Filmszene.

Tom Lass ist übrigens der kleine Bruder von Jakob Lass, der im selben Jahr den Film Frontalwatte herausgebracht hat. Die Produktionsfirma hinter diesen und vielen folgenden Filmen, Lass Bros, genau, die haben die Lass Brothers zusammen gegründet.

Hier geht’s zur Pressemappe zum Film Papa Gold (PDF)

Persönlicher Kontext

Ich habe gerade erst in diese Traube aus Filmen und Filmemachern gebissen, die da seit den 2010er Jahren so hochinteressante Filme macht. Nach Dicke Mädchen und Love Steaks (2013) bin ich über Papa Gold im Zuge meiner Recherchen zu besagten Filmen wie automatisch gestolpert. Fühlt sich alles in allem an wie das Frühwerk derjenigen neuen Generation von Filmemachern, die deutsches Kino in den 2020er oder 2030er Jahren womöglich maßgeblich mit prägen könnten.

Andererseits… wollen die ernst genommen werden? Hier mal Tom Lass im Interview zu Papa Gold. Angenehm verschroben und sich selbst eben nicht allzu ernst nehmend. Gefällt mir.

Close-up: Papa Gold im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Aufblende von Papa Gold: Der Schauspieler Peter Trabner sitzt an einem Bahnhof. Er spielt den Papa. Sitzt da im blauen Poloshirt und wird von Hand gefilmt. Die Kamera wackelt leicht. Es folgen drei, vier unsauber wirkende Jumpcuts, irgendwie beliebig. Der Papa nimmt sein Handy ans Ohr, dann doch nicht, die Schnitte raffen die Zeit. Der erste Nicht-Jumpcut katapultiert uns in den Zug, der Papa im Gegenlicht, eine schwarze Silhouette, bis Sonnenlicht von außen auf ihn fällt.

Handkamera und natürliche Lichtverhältnisse also. Vom geringen Budget lese ich erst später, sehen tu ich’s schon jetzt.

Vom Papa Schnitt zum Sohn, der auf einem Roller durch die Stadt düst. Denny ist mit Frauen unterwegs, verschiedenen, sie wechseln von Schnitt zu Schnitt. Wieder Jumpcuts, in denen der junge Mann und mit je einer Frau durch die Nacht torkelt, flirtet, tanzt – und sich dabei eher benimmt, wie ein etwas nerviger Junge. Denny zieht ihr an den Haaren, sie gibt ihm die Flasche. Er lupft ihren Rock, dann liegt sein Kopf an ihrer Brust. Er schlägt sie im Armdrücken, sie zieht ihn aus. Wie gesagt, immer eine andere.

Dann wird gevögelt bis der Papa kommt. Beziehungsweise, der Stiefvater. Frank sein Name. Als es an der Tür klingelt und der Junge öffnet, kommt der Papa die Treppe hoch. Erste Begegnung, ersten Gespräch:

Sohn: Eeeh… kann ich Ihnen helfen?
Papa: Mein Name ist Frank. Vielleicht kennst du mich?
Sohn: Ne.
Papa: Ich bin der zweite Mann von deiner Mutter.
Sohn: Was willst du?
Papa: Ich wollt mal gucken, wie du so lebst.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Dieser improvisierte Dialog stimmt bereits – noch keine vier Minuten des kurzen Films (77 Minuten) sind rum – aufs Folgende ein. »Mal gucken, wie er so lebt«, das macht der Stiefpapa und bleibt beim ersten Sohn der Frau, deren zweiter Mann er ist. Ob gewollt oder nicht, verbringt er einige Zeit in dieser Stadt. Berlin, natürlich. Dabei nähern sich Frank und Denny auf spannende Weise an, die Magneten, die mal falsch, mal richtig zueinander ausgerichtet sind.

Im oben verlinkten Interview drückt Regisseur und Hauptdarsteller Tom Lass es interessant aus, dass es angenehm für Denny sei, mal von jemandem umgeben zu sein, den er »nicht so objektifizieren kann«. Tatsächlich ist es genau das, was Denny ständig mit den Menschen um sich herum macht, wohl schon aus Gewohnheit. Er tastet sie auf ihre Verfügbarkeit ab und ist beleidigt, wenn die nicht gegeben ist. Selbst Frank schiebt er herum wie einen Spielball – der jedoch zuweilen die Kontrolle übernimmt, was Kindskopf Denny wiederum gegen den Strich geht.

Das führt zu einigen spannenden Szenen, spannend im Sinne von: Da besteht ein regelrecht unangenehmes Spannungsverhältnis zwischen den Figuren. Dafür mag ich den Film. Technisch bleibt er mir als unsauber, geradezu schlampig in Erinnerung. Dialoge, in denen von einem Gesprächspartner zum anderen geschwenkt, aber dann noch im Schwenk zurückgeschnitten wird – das widerfährt nicht nur meinen Sehgewohnheiten, sondern meinem ästhetischen Empfinden.

Der geradezu dokumentarische Schnittprozess, so kommentiert es Lass in der Pressemappe, habe 14 Monate in Anspruch genommen. Über 44 Stunden Material seien gedreht worden, wobei kein Text einstudiert und – das fasziniert mich am meisten – kein Take wiederholt wurde (!). Das ist ungewöhnlich und tatsächlich, irgendwie, quasi-dokumentarisch. Auf jeden Fall ein reizvoller Ansatz. Tom Lass dazu: »Improfilm als Methode ist noch lange nicht erschöpft. Ich schon. Und trotzdem werde ich es wieder tun.«

Fazit zu Papa Gold

Man sollte schon in der richtigen Stimmung sein, um Querkopf Denny zu ertragen. Dazu muss man einfach mal reinschauen. Mir persönlich ging der Hauptcharakter zwischendurch gewaltig auf die Nerven (was ja eine intensive Empfindung ist – prinzipiell super, bei einem Filmerlebnis). Tatsächlich war ich nach einer Weile so drin in dieser zart aufkeimenden Beziehung zwischen Papa Gold und Sohn Bronze, dass die technisch eher lieblose Inszenierung für mich nicht mehr negativ ins Gewicht gefallen ist. Roh und gewöhnungsbedürftig, das Ding, aber sehenswert!


Weblinks:

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