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HERZEN SCHLAGEN LAUT mit Kiersey Clemons | Film 2018 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 1. Dezember 2018 um 19:07

Um manche DVD-Cover würde ich einen so großen Bogen machen, dass es mich wiederum innehalten und fragen lässt: Wen spricht das wohl an? Irgendwer hatte ja die Idee, es so zu gestalten – und damit eine Zielgruppe im Sinn. Das Cover von Herzen schlagen laut ziert die beiden Hauptfiguren, mit Keyboard und Gitarre, wie sie einander unerträglich harmonisch-heiter (oder einfach high?) angrinsen. Zwischen ihnen in fetten gelben Lettern der Titel samt Unterzeile: Musik – Liebe – Familie. Vor meinem inneren Auge blinkt’s alarmrot. Kitsch – Kitsch – Kitsch.

Flügge werden, Fliegen lassen

Die erste Assoziation gebührt Mitten ins Herz (2007). Doch da, wo man auf dem DVD-Cover eben eher einen Hugh Grant vermutet hätte, der sein Œuvre nur um eine weitere Schnulz-Performance ergänzen würde, steht stattdessen Nick Offerman im Baumfäller-Hemd. Genau, der Nick, besser bekannt als Ron Swanson aus der Serie Parks and Recreation. Mr. »Jeder Hund unter 50 Pfund ist eine Katze und Katzen sind nutzlos.« Dieser beinharte Comedy-Hase in einer Rom-Com mit Singen und Klatschen und so? Na, das macht zumindest neugierig…

Sasha Lane und Kiersey Clemons in Herzen schlagen laut

Zum Inhalt: Sam Fisher (Kiersey Clemons) wird flügge. Die 17-Jährige verbringt ihre letzten freien Tage in Brooklyn damit, bereits für das bevorstehende Studium zu büffeln. Sie will ans College an die Westküste, sehr zum Leidwesen ihres Vaters Frank (Nick Offerman). Der muss nicht nur seine Tochter ziehen lassen, sondern auch seinen Plattenladen schließen, in dem Sam quasi aufgewachsen ist. Um all diesen Kummer zu kompensieren, komponieren Vater und Tochter ein Lied, das ungeahnten Erfolg hat…

Die Musik zum Film zum Reinhören:

Peter Bradshaw (The Guardian) bezeichnet diesen Film als »Hornby-esk«. Damit trifft er die Grundstimmung ziemlich gut. Obwohl Herzen schlagen laut nie so zynisch ist wie High Fidelity (2000). Auch nie so deprimierend wie About a Boy (2002) und nie so schwarzhumorig wie A Long Way Down (2014). Hornby ohne Ecken und Kanten, könnte man sagen. Oder Hornby ohne Eier, wenn man’s unbedingt plump und phallogozentrisch braucht. Doch dafür ist der Film Herzen schlagen laut viel zu gender-sensibel.  

Toleranz? Kein Thema.

Die zentrale Liebesgeschichte ist die zwischen zwei jungen Frauen. Neben Nick Offerman und – in einer kleineren Lach-doch-mal-Rolle – Ted Danson als kiffender Barkeeper mit Regenbogenfahne im Laden sind es auch maßgeblich Frauen, von denen dieser Film erzählt. Quer durch die Generationen: Tochter, Geliebte, Vermieterin, Mutter. Dieses Ungleichgewicht zugunsten weiblicher Figuren – in cooler Selbstverständlichkeit umgesetzt, ebenso die Fokussierung auf eine gleichgeschlechtliche Liebesbeziehung, ohne die Homosexualität wie so oft zum Problem oder auch nur zum Thema zu küren – ist immer noch so selten, dass man in ganz uncooler Unselbstverständlichkeit drauf hinweisen möchte: Guck doch mal, so, so wird das gemacht! 

Die Schauspielerin Kiersey Clemons, hier als Tochter Sam Fisher zu sehen, ist mir erstmals als »Diggy« in der Coming-of-Age-Tragikomödie Dope (2015) begegnet – ein Mädchen mit maskuliner Attitüde und Vorliebe für Frauen. Ein Tomboy. Clemons, die sich bereits früh in ihrer jungen Karriere als schwul geoutet hat (wie auch Schauspielerin Sasha Lane, die in Herzen schlagen laut ihre Freundin spielt), nimmt seither gleichermaßen viele hetero- wie homosexuelle Rollen an. In der Anthologie-Serie Easy von Joe Swanberg (Hannah Takes the Stairs) täuscht ihre Figur etwa vor, eine Veganerin zu sein, um eine Frau zu beeindrucken.

Die Welt, in der wir leben

Besagte Selbstverständlichkeit, mit der Homosexualität in Herzen schlagen laut eingebunden wird, findet sich auch bei den Ethnien. Dass mit Nick Offerman ein weißer Mann als Vater für die schwarze Hauptdarstellerin besetzt wurde, veranlasste Internet-User dazu, den Trailer auf YouTube als »zu bemüht« zu kommentieren. Clemons dazu, in einem IndieWire-Beitrag (aus dem Englischen übersetzt):

Was heißt hier »zu bemüht«? Denkst du, als meine Mutter mich bekam, wollte sie damit ein Zeichen setzen? Was soll das heißen? Wir sind nicht »zu bemüht«. Es ist das Leben, es ist eine Reflexion der Welt, in der wir leben. Wir sollten mehr von all diesen Dingen sehen, weil wir diese Dynamiken nicht verstehen – und deshalb denken Leute, sie betrachten etwas Bizarres. Es sollte nicht bizarr sein.

Kiersey Clemons im Gespräch mit Jude Dry (IndieWire)

Abgesehen von diesen vorbildlichen Aspekten gesellschaftlicher Repräsentation in Herzen schlagen laut, gelingt es dem Film auch noch, all den erwarteten Wendungen auszuweichen, die ich als skeptischer Filmkritiker schon bei Ansicht des DVD-Covers zu wittern meinte. Obwohl es am Ende ein Feel-Good-Movie bleibt, verweilt er dabei in Bahnen des Wahrscheinlichen – und bietet damit so wenig Angriffsfläche, dass DAS schon wieder angriffslustig stimmt. Aaargh, dieser Film kann einfach nur gefallen!

Fazit zu Herzen schlagen laut 

Kurzum: Mit Herzen schlagen laut lässt sich einfach ein schöner Abend verbringen. Wem die Musik von Keegan DeWitt (Dance Party, USA, Quiet City) gefällt, wird der Film gar Gänsehaut oder ein Tränchen entlocken. Ach ja, und Nick »Ron Swanson« Offerman meistert die Rolle des ganz normalen Papas mit normalen Emotionen und Reaktionen und so ziemlich super – ohne dabei seine humorvolle Art einzubüßen.  

Apropos Humor. Zwischen Nick Offerman und Kiersey Clemons stimmt in dieser Hinsicht offensichtlich die Chemie. Hier bringt Kiersey dem alten Mann ein bisschen Jugendsprache bei (Englisch):

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