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FRONTIER(S), Backwoods-Horror mit Karina Testa | Film 2007 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 2. Dezember 2018 um 16:55

»Es ist unmöglich und zu pervers!«, mit diesen Worten hielt die Produktionsfirma Xavier Gens davon ab, eine der beiden Szenen zu drehen, die es vom Original-Drehbuch nicht in den Film geschafft haben. Was für eine Szene das gewesen wäre und wie Frontier(s) – Kennst du deine Schmerzgrenze? trotzdem so pervers werden konnte – darum geht’s in dieser Filmbesprechung.

Schlachtende Nazi-Kannibalen

Zum Inhalt: Ein rechtsextremer Kandidat gewinnt die Präsidentschaftswahl in Frankreich. Gewaltsame Ausschreitungen sind die Folge: Feuer und Straßenschlachten in Paris. Eine Bande französisch-arabischer Jugendlicher nutzt das Chaos, um auf einen Raubzug zu gehen – und danach vor den Aufruhen zu fliehen. Doch während schon zu Beginn ihrer Flucht aus der Hauptstadt einiges schief läuft, landen sie nahe der niederländischen Grenze in einer Absteige, deren Inhaber*innen weit schlimmer sind als alles, was der Clique in Paris gedroht hätte. Weit schlimmer.

Hinweis: Der folgende Text enthält keine Spoiler. Aktuelle Streaming-Möglichkeiten des Films Frontier(s) finden sich bei JustWatch.

Die Schauspielerinnen Karina Testa und Maud Forget in Frontier(s)

Totale: Frontier(s) im Zusammenhang

Historischer und cineastischer Kontext

Als sich Xavier Gens im Jahr 2002 daran machte, ein Drehbuch zu schreiben, wollte er etwas zur politischen Lage der Nation machen. Es war Wahljahr in Frankreich – und im ersten Wahlgang hatte Jean-Marie Le Pen, Kandidat des Front National, mehr Stimmen bekommen als der amtierende Premierminister, womit Le Pen in der Stichwahl war. Ein Mann, dessen rechte Gesinnung schon damals wohlbekannt war – und der Jahre später die Gaskammern des Dritten Reichs als »Detail« des 2. Weltkriegs verharmlosen sowie europäische Juden offen anfeinden würde (wofür er sich 2017 vor Gericht verantworten musste):

Da machen wir das nächste Mal eine Ofenladung!

Jean-Marie Le Pen über europäische Juden

Le Pen wurde damals nicht Präsident – er verlor im zweiten Wahlgang haushoch gegen Jacques Chirac. (Als seine Tochter, Marine Le Pen, 2017 gegen Emanuelle Macron unterlag, war der Abstand zwischen den beiden schon weniger groß.)

Doch nicht nur einen politischen Film hatte der zu jener Zeit etwa 27-jährige Xavier Gens im Sinn. Es sollte auch ein cineastischer »Liebesbrief an die Filme der 70er und 80er Jahre« werden – die Horrorfilme, wohlgemerkt. Und ganz besonders sollte diese Verneigung offenbar dem Genre-Klassiker Blutgericht in Texas (1974) gelten, Tobe Hoopers kannibalisches Schlachtfest mit Scream-Queen Marilyn Burns.

Und so kam es, liebe Kinder, dass der Xavier ein Drehbuch über eine Kannibalen-Familie und der Führung eines Nazi-Opas schrieb. Was auch sonst? Dieser Nazi-Opa übrigens, der auch im französischen Original ein paar Sätze (eher gebrochenes) Deutsch spricht (»Arbeit macht frei!«), der wird von dem Schauspieler Jean-Pierre Jorris verkörpert und hat – Zufall oder nicht – eine gewisse Ähnlichkeit mit Jean-Marie Le Pen.

Persönlicher Kontext

Vor Jahren mal gesehen und in weiten Teilen wieder vergessen, habe ich Frontier(s) im Rahmen einer Aufarbeitung von Xavier Gens‘ bisherigem Œuvre noch eine Chance gegeben. Anlass war dessen jüngstes Werk Cold Skin – Insel der Kreaturen (2018). Tiefpunkt der Aufarbeitung war im Übrigen Hitman – Jeder stirbt alleine (2007). Von Frontier(s) hatte ich bloß noch in Erinnerung, dass er extrem brutal war – und doch sollte keine Szene so richtig hängen bleiben. Schlechtes Zeichen, eigentlich. Wie besteht der Film bei einer zweiten Sichtung, 10 Jahre nach seiner Veröffentlichung in Deutschland?

Kurzfilm zur Einstimmung

Zuvor habe ich mir noch den Kurzfilm Au petit matin (2005) (zu deutsch: Im Morgengrauen) angesehen – der Film ist auf YouTube verfügbar und nach Angaben des Uploaders »1st Xavier GENS short film adapt from a true story«. Dieser Uploader ist niemand Geringerer als ein gewisser xavier gens. Sein 15-minütiger Kurzfilm basiert also »auf wahren Begebenheiten« und zeigt in der männlichen Hauptrolle bereits den Schauspieler Aurélien Wiik, der in Frontier(s) die Figur des Alex gespielt hat, den Exfreund der Hauptfigur Yasmine (gespielt von Karina Testa). Bereits der Kurzfilm Au petit matin ist übermäßig brutal, in Anbetracht der Geschichte, die da vermittelt werden soll. Insofern: Eine gute Einstimmung auf Frontier(s), den Gens noch im selben Jahr realisiert hat.

Close-up: Frontier(s) im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Frontier(s) beginnt mit einer Ultraschallaufnahme – die Andeutung eines neuen Lebens. Dazu aus dem Off eine Frauenstimme, die uns sagt, dass sie im dritten Monat schwanger ist. Es handelt sich um Yasmine, die Hauptfigur dieser Geschichte. Schnitt vom Ultraschall zu verwackelten Nachrichtenbildern. Ausschreitungen in Paris nach einem Wahlsieg für die Rechtsextremen. Autos in Flammen, Wasserwerfer, die Demonstranten wegschleudern. Schnitt zu ein paar Jugendlichen auf der Flucht vor der Polizei. Extrem verwackelt und sehr brutal, als es zur Konfrontation kommt. Die Jugendlichen verstecken sich und schmieden einen Plan, der die Filmhandlung in Gang setzt: Raus aus Paris, über die Grenze, Hauptsache weg. Es gibt noch eine Schusswunde zu heilen und Geld zu verteilen, die Beute eines Raubzugs.

Schon auf der Flucht aus der Hauptstadt zeigt sich das schmale Budget des Films. Etliche Außenszenen, die bei Nacht spielen sollen, wurden offensichtlich bei Tage gedreht und – Day-for-Night – in einen nächtlichen Blaustich gehüllt. Auch einem später zum Einsatz kommenden Aufzug, der hinab in einen Minenschacht rattert, sieht man deutlich an, dass er zum Teil am Computer entstanden ist.  Tatsächlich hatte Xavier Gens einige Schwierigkeiten, seine Filmidee zu finanzieren. Es sei unmöglich, einen solchen Film in Frankreich zu machen. Einen »solch brutalen« Film, muss damit gemeint gewesen sein, denn das ist das einzige herausstechende (mehr oder weniger) Alleinstellungsmerkmal des Films: Krasse Tötungs- und Folter-Szenarien, voll im Fokus der Kamera.

Dass eine Filmfinanzierung in Frankreich am Gewalt-Gehalt scheitern soll, das verwundert angesichts der Welle von brutalen Schockern, die Frankreich etwa seit der Jahrtausendwende am Rollen ist. Diese Welle hat längst einen eigenen Namen: Unter New French Extremism werden die jüngeren französischen Hardcore-Filme gefasst (mehr dazu in der Filmkritik zu Pascal Laugiers Martyrs). Vielleicht war es ja auch eben dieser Gruppenzwang, der Xavier Gens nach dem Gore trachten ließ. Der Regisseur war auf jeden Fall bereit, für den Blutzoll seines Films die »extra mile« zu gehen.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Als die Dreharbeiten anfingen, filmten wir noch keine der Gewaltszenen – weil die Produktionsfirma uns bat, diese Gewaltszenen nicht zu drehen. Erst über Nacht haben wir dann eine zweite Unit aufs Set geholt und all die Gore- und Gewaltszenen gedreht, hinter dem Rücken der Produktionsfirma. Später in der Postproduktion habe ich die zusätzlichen Aufnahmen dann reingeschmuggelt und in den Film geschnitten. Es war eine rebellische Aktion.

Was Xavier Gens im Interview mit Screen Anarchy so erzählt, bringt gut auf den Punkt, wo ganz offensichtlich die Prioritäten dieses Regisseurs liegen. Auch bei späteren Filmen in seiner Vita – etwa dem Endzeit-Horror The Divide (2011) oder dem Kurzfilm X is for XXL für den Episoden-Horror The ABCs of Death (2012), in dem übrigens wieder einige Frontier(s)-Schauspieler mitmachen – stehen die jeweiligen Geschichten ganz im Dienste der Gewaltideen. Was war noch gleich eine der Szenen, die Xavier aus seinem Frontier(s)-Drehbuch nicht umsetzen durfte?

In der Szene hätten wir jemanden gezeigt, der einen langen Spieß hervorholt. Sie spießen ihn in den Arsch des toten Körpers, schieben ihn soweit rein, dass er zum Mund wieder herauskommt, wie ein gestopftes Schwein. | Xavier Gens

Das Gewalt-Ventil

Nun ist es nichts per se Verbotenes, in Kunst etwaige Gewaltfantasien auszuleben. Bestenfalls funktionieren solche Werke als Ventile für uns zuweilen gewalttätig veranlagten Menschen. Auf dass die Fantasien eben solche bleiben. Doch gerade bei der Umsetzung solch extremer Filme ist zwischen der zu erzählenden Geschichte und dem tatsächlichen Geschehen nicht selten ein schmaler Grat.

Das wussten schon die Beteiligten an besagtem Horror-Klassiker Blutgericht in Texas, in dem Tobe Hooper einen maskierten Mörder seinen Opfern hinterherrennen lässt – mit wild geschwungener, röhrender Kettensäge. Dass bei den Dreharbeiten ein Stolpern gereicht hätte, um einen schlimmen Unfall zu verursachen, das wird in späteren Making-ofs zu dem Film fast reumütig reflektiert. Hardcore-Horror-Fanboys wie Xavier Gens oder Pascal Laugier (Haus der StimmenMartyrs, The Tall Man) kennt solch Trivia ganz bestimmt.

Doch in einer Hinsicht unterscheiden sich die beiden Musterknaben des New French Extremism offenbar.

Bei den Dreharbeiten zu Martyrs trat Pascal Laugier als Regisseur bereits sehr fordernd gegenüber seinen beiden Hauptdarstellerinnen auf. Beide Schauspielerinnen, Morjana Alaoui und Mylène Jampanoï, sagten später in Interview, dass sie mit Laugier nie wieder zusammenarbeiten wollten. Während des Drehs zu seinem jüngsten Film Ghostland (2018) ist nun etwas passiert, das nicht hätte passieren dürfen, wenn Industriestandards bezüglich der Sicherheit – gerade an einem Horrorfilm-Set – eingehalten worden wären: Ein Unfall mit bösen Folgen.

Vom Umgang mit den Schauspieler*innen

Grund ist eine Szene, in der die Schauspielerin Taylor Hickson (geboren 1997) gegen eine Glastür hämmern sollte. Der Regisseur forderte, dass sie heftiger hämmerte – bis das Glas schließlich brach. Dabei handelte es sich um kein spezielles Filmglas, das gefahrlos zerbricht, sondern echte Scherben. Hickson fiel durch die Tür und zog sich einen Schnitt durchs Gesicht zu, der mit 70 Stichen genäht werden musste. Die Narbe trägt die junge Schauspielerin ein Leben lang. Welche Schuld die Produktionsfirma daran trägt, wird – während der Film im Kino läuft – im Gericht ausgehandelt. Der Name von Pascal Laugier ist in der Anklageschrift nicht zu lesen.

Was die Arbeitsweise mit seinen Schauspieler*innen angeht, so scheint es, kann Pascal Laugier von Xavier Gens noch was dazulernen.

Meiner Erfahrung nach gibt es, wenn man Kinofilme dreht, einige wirklich befremdliche Regisseure, die ihr eigenen Sternsysteme kreieren. Xavier hingegen ist, finde ich, sehr selbstlos und einfach – und sehr angenehm im Umgang mit Schauspieler*innen. | Karina Testa

Wenn solche Worte von einer Schauspielerin kommen, die für den Film dieses Regisseurs durch eine tiefe Pfütze voller Schweinemist getaucht ist – dann soll das schon was heißen. Warum hat Karina Testa sich zu diesem Projekt, für das sie auch einen ziemlich rabiaten Kurzhaarschnitt wegstecken musste, überhaupt hinreißen lassen? Im Screen-Anarchy-Interview sagte Testa dazu:

Für mich war’s mal was Anderes. Ich bin bloß eine junge Schauspielerin, die erst seit vier Jahren im Geschäft ist. Meine bisherigen Rollen waren die eines frischen, süßen jungen Mädchens in Komödien. Als ich Xavier traf und sein Drehbuch mit Blick auf die weibliche Hauptrolle las, gefiel mir der sportliche Einsatz – und es war eben eine echte Herausforderung, mal etwas Neues auszuprobieren. […] Mit dem Haarschnitt war ich im Übrigen wirklich happy! | Karina Testa

Fazit zu Frontier(s)

Ein Nischen-Film für Freund*innen des ganz harten Tobaks. Die Jungs auf der Opfer-Seite werden zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise so sympathisch dargestellt, dass man sehr mit ihnen mitfiebern würde – andererseits, dermaßen brutale Qualen wünscht man doch niemandem. Auch Karina Testas Charakter der toughen Yasmine erhält gerade so viel Tiefe, dass man sich mit ihr identifizieren mag – andererseits, dermaßen tough wie sie im Finale auftritt, das kann mulmig stimmen… unterm Strich: Der Film ist genau das, was er sein möchte, und was seine Zielgruppe sehen möchte. Mir persönlich zu krass.

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