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BÖSE ZELLEN von Barbara Albert | Film 2003 | Kritik, Review

»Deshalb, finde ich, kann man Film auch nicht nacherzählen.« Das sagt die Regisseurin Barbara Albert in einem Interview anlässlich ihres zweiten Spielfilms, Böse Zellen. Sollen wir es trotzdem versuchen und erzählen, worüber es in Alberts mosaikartigen Episodenfilm geht? Darin passieren vielen Figuren diverse Dinge, in scheinbar lauter kleinen Lebenswelten für sich, die doch irgendwie alle im Zusammenhang stehen. Nach Nordrand (1999) hat Barbara Albert damit einmal mehr bewiesen, dass sie eine virtuose Erzählerin ist. Dabei geht es ihr persönlich gar nicht so sehr um den Plot.

Eine Windböe aus Rio

Zum Inhalt: Ein Mensch stirbt. Zurück bleibt eine Lücke im Leben anderer, die mal näher, mal ferner mit diesem Menschen verbandelt waren. Irgendwie gehen sie ihre eigenen Wege weiter, die mal zueinander hin, mal voneinander weg führen. Der Umgang mit der Traurigkeit, die Angst vor dem Tod. Um solche gewichtigen Themen geht es in Böse Zellen. Und um Unendlichkeit. »Grundsätzliche Dinge«, wie Barbara Albert sie nennt.

Hinweis: Der folgende Text enthält keine Spoiler. Aktuelle Streamingangebote finden sich, wenn vorhanden, bei JustWatch. Hier geht es zu Böse Zellen im Film Archiv Austria.

Die Schauspielerin Bellinda Akwa-Asare in Barbara Alberts Film Böse Zellen | Bild: Coop 99

Totale: Böse Zellen im Zusammenhang

Cineastischer Kontext

Im TV-Abendprogramm füllt der Wettermensch meistens das letzte langweilige Segment, bevor das Drama, der Krimi, die Komödie beginnt. Doch im Jahr 1972 hielt ein Wettermensch – der Meteorologe Edward N. Lorenz – (wenn auch nicht im Fernsehen, sondern vor einem Fachpublikum) einen Vortrag, dessen Grundidee seither so manch Drama, Krimi, oder Komödie inspiriert hat. Der Titel dieses Vortrags lautete: Löst der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas aus? Aus diesem Vortrag stammt der Begriff »Schmetterlings-Effekt«. Er steht für eben diesen Gedanken aus der Chaostheorie: Wie sehr setzen kleinste Begebenheiten größte Veränderungen in Gang? In der cineastischen Popkultur hat sich dieser Effekt auf Filme wie Donnie Darko (2001), Mr. Nobody (2009), oder (wenn auch falsch verstanden) Butterfly Effect (2004) ausgewirkt. Barbara Alberts Film Böse Zellen handelt ebenfalls vom Schmetterlings-Effekt.

Vom Sandkorn zum Sohn

Der Gedanke hinter diesem Effekt ist natürlich viel älter, als der fesche Begriff selbst. Schon der Philosoph Johann Gottlieb Fichte schrieb in Die Bestimmung des Menschen (1800):

In jedem Momente ihrer Dauer ist die Natur ein zusammenhängendes Ganze; in jedem Momente muss jeder einzelne Theil derselben so seyn, wie er ist, weil alle übrigen sind, wie sie sind; und du könntest kein Sandkörnchen von seiner Stelle verrücken, ohne dadurch, vielleicht unsichtbar für deine Augen, durch alle Theile des unermesslichen Ganzen hindurch etwas zu verändern.

Fichte betont, dass jeder solcher »Momente ihrer Dauer« durch alle vergangenen Momente bestimmt werden. Und sie bestimmen wiederum selbst alle voraus liegenden Momente. So könne man sich kein Sandkörnchen woanders denken, ohne die ganze Geschichte und des Sandkorns Rolle im komplexen Gebilde der Zeit zu bedenken. Der Philosoph lädt zum Selbstversuch.

Denke es [irgendein Sandkorn] dir um einige Schritte weiter landeinwärts liegend. Dann müsste der Sturmwind, der es vom Meere hertrieb, stärker gewesen seyn, als er wirklich war. Dann müsste aber auch die vorhergehende Witterung, durch welche dieser Sturmwind und der Grad desselben bestimmt wurde, anders gewesen seyn, als sie war, und die ihrvorhergehende, durch die sie bestimmt wurde; […] Wie kannst du wissen, […] ob nicht bei derjenigen Witterung des Universums, deren es bedurft hätte, um dieses Sandkörnchen weiter landeinwärts zu treiben, irgend einer deiner Vorväter vor Hunger oder Frost oder Hitze würde umgekommen seyn, ehe er den Sohn erzeugt hatte, von welchem du abstammest?

Johann Gottlieb Fichte, in: Die Bestimmung des Menschen (1800)
Das andere Geschlecht

Vorväter und Söhne im Text und männliche Leser im Sinn. Damit spiegelt dieser Auszug aus Fichtes Werk ganz nebenbei die phallogozentrische Sprache einer patriachalen Gesellschaft wider. (Fichte, anderswo: »[Das Weib] ist unterworfen durch ihren eigenen fortdauernden notwendigen und ihre Moralität bedingenden Wunsch, unterworfen zu sein.« – aus: Grundlage des Naturrechts)

Bei der Regisseurin Barbara Albert sind es die Frauen und Töchter, die im Fokus stehen (wohlgemerkt ohne dabei das andere Geschlecht per se zu verunglimpfen). Dass Albert sich weniger auf den Philosophen Fichte, als auf den Meteorologen Lorenz und seinen Vortrag bezieht, macht der Prolog des Films Böse Zellen überdeutlich. Da sehen wir einen Schmetterling in Rio de Janeiro (Brasilien), während eine Frau, die diesen Urlaubsort gerade verlassen hat, auf dem Rückflug in einen Sturm gerät – über dem Golf von Mexiko, nahe Texas.

Persönlicher Kontext

Warum schreibe ich heute über Böse Zellen? Auch wenn diese Handlung, in Wetter übersetzt, keinem Tornado gleichkommt, eher einer allmorgendlichen Böe. Der Flügelschlag welchen Schmetterlings hat diese Böe, diese Handlung in Gang gesetzt? Die ersten Filme von Barbara Albert wollte ich gezielt aufarbeiten, weil ich den Auftrag bekam, eine Rezension zu ihrem neuen Film Licht (2018) zu schreiben, für das Deutsche Kinder- und Jugendfilmzentrum. Mit diesem stehe ich, um ein paar Ecken zurückgedacht, heute noch in Kontakt, weil ich im Jahr 2012 zum ersten Mal einen Kurzfilm bei deren Festival eingereicht habe.

Dieser Kurzfilm – Käfighaltung (2011) – bezieht sich auf diverse mehr oder weniger zeitgenössische Themen (wie die damals kontroverse Todesstrafe von Trevor Davis) und beinhaltet Filmmaterial von Zoobesuchen und Ausflügen an den Strand. War es die Thematisierung der Ermordung eines schwarzen Mannes durch den amerikanischen Staat oder der Blick ins Hai-Becken, der dazu führte, dass der Kurzfilm damals ins Festivalprogramm aufgenommen wurde? Oder war es eines der Sandkörner an jenem Strand, den ich da mal gefilmt habe? Irgendwie haben all diese schweren und leichten Komponenten dazu beigetragen, dass ich hier und heute über Böse Zellen schreibe.

Wie kommt es denn, dass du diese Zeilen nun gerade liest? Wie bist du auf diesen Blog gestoßen? Und wer hat dir überhaupt Lesen beigebracht? Erwischt es dich im richtigen Moment, kann der Schmetterlings-Effekt ziemlich ins Grübeln verführen… und ebenso der Film Böse Zellen.

Close-up: Böse Zellen im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films


Das Assoziative ist mir näher als das, was durch den Dialog erzählt wird.

Barbara Albert im Interview

Das Assoziative ist es auch, dass schon im Prolog die kunstvolle Montage der Bilder anleitet. Von einem Schmetterling im Wald über eine Urlauberin auf Rückreise hin zu einem Kirchenchor bei der Probe. Im Probenraum hängt das Gemälde eines knienden Kindes, das hoch zum bewölkten Himmel zu beten scheint. Die Kamera fährt nah heran auf die gemalten grauen Wolken, die zu echten grauen Wolken werden, in einem Sturm, der das Flugzeug der Urlauberin erfasst. Todesangst steht ihr ins Gesicht geschrieben. Schnitt. Der Titel: Böse Zellen.

Hinter diesem Titel hatte ich – ohne vorher Sichtung sonst irgendetwas über den Film in Erfahrung zu bringen – ein Krebs-Drama vermutet. Weit gefehlt. Überhaupt ist der Film viel mehr als nur ein einzelnes Drama, sondern eine Komposition zahlreicher Dramen.

Sackgassen, wie es sie eben gibt

Es geht um einen Jugendlichen, der große Schuld auf sich lädt; um ein Mädchen, das seine Eltern verloren hat und Anschluss sucht; es geht um Affären in einer Discothek und Liebe in Zeiten der Trauer, um Lottogewinner und Alles-Verliererinnen… »Der Film aber ist nicht reich, sondern überladen«, lautet das Urteil von Bert Rebhandl (FAZ). Hätte man ganze Erzählstränge daraus streichen können? Gewiss. Doch das wäre Barbara Alberts Idee nicht gerecht geworden.

Was mich […] beschäftigte, war, eine Struktur zu bauen, wo es manchmal Sackgassen gibt, es manchmal nicht weiter geht und keine Lösung da ist. Einfach so, wie das Leben ist – eine vielschichtige Struktur von Figuren, Menschen und Personen. Manches führt an ein Ziel, manches nicht, aber man ist immer auf der Suche, logische Zusammenhänge zu finden, zu verknüpfen, nur manchmal funktioniert es einfach nicht.

Barbara Albert im Gespräch mit Karin Schiefer (AFC)

Wir sind dramaturgische Spannungsbögen gewohnt, die sich über jahrhundertelange Erzähl-Traditionen bewährt haben. In Geschichten von Schuld, Reue und Vergebung. In Romanzen vom einander Begegnen, Verlieben und am Ende auch Kriegen. Oft genug wird mit den Erzähl-Traditionen gebrochen – und es liegt im Geschick dieser Regelbrecher*innen, ob das Experiment gelingt.

Für Herrn Rebhandl hat es das nicht. Er bemerkt: »Die kleinen Fluchten  am Ende sind nur Aufbrüche in neue Ausweglosigkeiten.« Ja, aber ebenso spielt das Leben. Für mich ist das Experiment gelungen, ich habe Böse Zellen als grandiosen Versuch empfunden, die Vielfalt und Verbundenheit menschlichen Seins einzufangen. Gut möglich, dass wir beide – der Herr Rebhandl und ich – diesen Film in 10 Jahren noch einmal sehen werden und – nach allem, was in der Zwischenzeit geschehen mag – am Ende mit umgekehrten Eindrücken dastehen.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

In jedem Fall ist der Film Böse Zellen viel lebensnäher als zahlreiche andere Werke zum Thema Schmetterlings-Effekt, obwohl dieser Effekt an sich doch lebensnäher kaum sein könnte. Man muss wohl, vermute ich, eine gewisse Faszination für die Chaos-Theorie oder den wirren Zusammenhang aller Dinge aufbringen, um auch Böse Zellen in all seinen Facetten zu mögen. 

Eine Tanzszene aus dem Film Böse Zellen:

Bildsprachlich und atmosphärisch ist dieser zweite Film dem Debüt von Barbara Albert – Nordrand (1999) – trotz anderer Kamera-Besetzung (Martin Gschlacht statt Christine A. Maier) so ähnlich, dass ich in meiner Erinnerung zuweilen Szenen durcheinander werfe und Momente aus Nordrand schon in Böse Zellen verortet hatte. Beide Filme atmen denselben Sinn für kleine Gesten und Beobachtungen, für unscheinbare Randfiguren der Gesellschaft, die – in den Fokus gerückt – ihre Innenleben schmerzhaft offen legen. Besonders bewegt hat mich dabei die Geschichte um Belinda, die im Kirchenchor singt und Lotto spielt, Wunder-Diäten mitmacht und sich in einen Polizisten verliebt. Keine Filmfiguren sondern echte Menschen scheinen das zu sein, die Barbara Albert da näher bringt.

Sobald ich meine Themen und Figuren kenne, kann ich Momente aufschreiben, in denen ich beides miteinander verknüpfe: Ich bastle sehr gern Geschichten.

Barbara Albert im Gespräch mit Dominik Kamalzadeh (2003, Viennale-Standard)

Fazit zu Böse Zellen

Die Freude am Basteln von Geschichten und der Montage von Momenten, die merkt man Barbara Alberts Filmen an. Ob man sie nun reich oder zu reich an Ideen, Figuren, Geschehen findet – arm sind sie in keiner Hinsicht. Böse Zellen verlangt den Zuschauer*innen einiges an Aufmerksamkeit ab und bietet wenig Erfüllung im klassisch-dramaturgischen Sinne als Gegenleistung. Gerade das macht den Film jedoch außergewöhnlich und für mein Empfinden auch außergewöhnlich gut.

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