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BILLY ELLIOT mit Jamie Bell, Julie Waters | Film 2000 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 17. Dezember 2018 um 10:08

In einer rauen, Krawall-geplagten Kleinstadt geht ein Kind seinen Weg – vorbei am Boxsack, auf den es einschlagen soll, hin zur Ballettstange, um daran zu tanzen. Und weil das Kind ein Junge ist, kann man ein Selbstfindung-Drama draus machen: Billy Elliot – I Will Dance erzählt eine zweifache Vater-Sohn-Geschichte zwischen Tradition und Verzweiflung und dem Ausbruch aus beidem. Inszeniert wurde der Film von Stephen Daldry, der seit über 15 Jahren mit Schauspielerin Lucy Sexton verheiratet ist und mit ihre eine gemeinsame Tochter hat, sich aber der Einfachheit halber weiter als »schwuler Mann« bezeichnet. Immerhin war er früher mal 13 Jahre lang mit einem Bühnenbildner zusammen. »Die Leute mögen die Verwirrung nicht«, sagt Daldry. Willkommen in der Welt von Billy Elliot, dem Debütfilm des Regisseurs.

Bis das Kind sich dreht

Zum Inhalt: Mitte der 80er Jahre in Nordengland. Die kleine Stadt Durham ist ein Schauplatz des Bergarbeiterstreiks, der Männer auf die Barrikaden bringt. Straßenkämpfe zwischen Streikenden, Streikbrechern und der Staatsgewalt sind an der Tagesordnung. Während sein Vater und sein großer Bruder an diesen Kämpfen teilnehmen, schwänzt der 11-jährige Billy (Jamie Bell) den Box-Unterricht. Stattdessen nimmt er an den Ballettstunden der Mädchen teil und hat bald die volle Aufmerksamkeit der Tanzlehrerin Mrs. Wilkinson (Julie Waters). Sie sieht in ihm ein großes Talent, das nur einen Stoß in die richtige Richtung benötigt.

Hinweis: Folgender Blogbeitrag enthält keine Spoiler. Aktuelle Streaming-Angebote finden sich via JustWatch.

Jamie Bell und Julie Waters in dem Film Billy Elliot

Totale: Billy Elliot im Zusammenhang

Historischer Kontext

Als der Film Billy Elliot im Jahr 2000 herauskam, jährte sich der darin thematisierte Bergarbeiterstreik (Miner’s Strike) bereits zum 15. Mal – und war als bedeutender Arbeitskampf längst in die Geschichte Englands eingegangen. Ein ganzes Jahr über hatten sich die Bergarbeiter aufgelehnt, ehe sie vor der Politik der »Eisernen Lady« Margaret Thatcher einknicken mussten. Während der Film einerseits eine sympathisierende Haltung zu den streikenden Bergleuten einnimmt, hat diese Sympathie doch klare ideologische Grenzen: Die Hauptfigur Billy drängt es raus aus diesem Milieu. Das von Männern dominierte Arbeiterstädtchen steht auch als Sinnbild für eine in festen Geschlechterrollen gefangene Gesellschaft, aus der es Richtung Metropole als Ort der Möglichkeiten zu entfliehen gilt.

Allerdings macht es sich Billy Elliot mit seinem schematischen Umgang mit der Geschichte etwas zu einfach, warnt der Akademiker David Alderson. So seien jegliche Beteiligungen am damaligen Zeitgeschehen durch Arbeiterfrauen, Feminist*innen und homosexuelle Aktivist*innen in dem Film ausgeklammert. Alderson hat diesem Blickwinkel einen wissenschaftlichen Artikel gewidmet, unter dem Titel: Making Electricity: Narrating Gender, Sexuality, and the Neoliberal Transition in Billy Elliot (2011).  Die »Neoliberal Transition« bezieht sich auf die Auswirkungen dieses Werks die eigene Gegenwart, in der Billy Elliot – als Film, sowie später als Musical – zu einem Bedeutungszuwachs individueller Talente beitrug.

Persönlicher Kontext

Billy Elliot – I Will Dance war einer der Filme, die meine Mutter via VHS-Kassette aufgezeichnet hat, um sie uns Kindern zu zeigen. Ich war selbst gerade 13 Jahre alt, als sie mir diesen jungen Ballett-Tänzer ans Herz legte – zufällig in dem Jahr, in dem ich selbst mit dem Tanzen begann. Allerdings mit hetero-normativem Standard-Paartanz, wie alle Kids meiner Klasse damals… wer da aus der Reihe tanzen wollte, musste das Tanzen verweigern.

Filmtipp: Ein weiterer Film, dessen Hauptfigur sich dem Ballett verschrieben hat, ist das Transgender-Drama Girl (2018).

Apropos Tanz, hier mal eine Szene aus Billy Elliot – Vater und Sohn im Stand-Off:

Close-up: Billy Elliot im Fokus

Erster Eindruck | zum Auftakt des Films

Durham Coalfield, North East England, 1984 – mit dieser Text-Einblendung beginnt Billy Elliot. Die erste Detailaufnahme zeigt einen Schallplattenspieler. Zittrige, quirlige Kinderhände legen eine Platte auf und platzieren die Nadel. Mit dem Erklingen der Musik zucken die Finger weg. Im Hintergrund, in der Unschärfe, springt das Kind aufs Bett. Wir sehen nur die nackten Beine, weiße Socken, Schuhe an den Füßen. Die Stimme von Marc Bolan – jenem Frontsänger der britischen Band T. Rex, der noch vor seinem 30. Geburtstag bei einem Unfall starb – erhebt sich und singt:

I was dancing when I was twelve
I was dancing when I was out

Kleinigkeit mit Ausdruckskraft

Schnitt zur Mustertapete, immer noch unscharf. Im Vordergrund springt Billy ins Bild. Zeitlupe, Nahaufnahme. Ein schmächtiger Junge im gelben Unterhemd. Schnitt zur Halbnahe, wir sehen etwas mehr von dem Jungen, der sich dramatisch zur Musik bewegt. Dann Details, grazile Gesten, kurze Hose, alles in Zeitlupe. Ein wirklich schöner Auftakt ist das, der so etwas Einfaches wie einen Jungen, der auf seinem Bett herum hopst, in all seiner Ausdruckskraft einfängt.

I danced myself right out the womb
Is it strange to dance so soon?
I was dancing when I was eight
Is it strange to dance so late?

Hier gibt’s den Soundtrack zu Billy Elliot – der erste Track, Cosmic Dancer von T. Rex, eröffnet auch den Film:

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Die Mustertapete im Hintergrund der Auftaktszene ist auch schon das erste Merkmal, das auf die visuelle Vorlage des Films hinweist. Jedes Mitglied des Design-Teams, so verriet es Drehbuchautor Lee Hall später, rund 10 Jahre nach den Dreharbeiten, habe damals einen ganz bestimmten Fotoband mit sich herumgetragen. Dabei handelte es sich um die Schwarzweiß-Bilder der finnischen Fotografin Sirkka-Liisa Konttinen, die in den 80er Jahren Mütter und ihre Töchter in Ballettschulen ablichtete – unter dem Titel Step by Step.

Diese Impressionen beeinflussten Lee Hall maßgeblich beim Schreiben des Drehbuchs (das zunächst Dancer hieß, aber später umbenannt wurde, um sich besser von dem Musical-Drama Dancer in the Dark mit Björk, aus demselben Jahr, zu unterscheiden), sowie letztlich auch visuell »jeden Frame dieses Films«. Hier geht es zu einem Einblick in die Fotoserie Step by Step von Sirkka-Liisa Konttinen.

Unter Strom gegen den Strom

Aus feministischer Sicht, so urteilt Peter Bradshaw (The Guardian), biete Billy Elliot wenig Grund zur Freude: Immerhin gehe es um einen Jungen, der sich als all den Mädchen überlegen herausstellt und die Aufmerksamkeit der Tanzlehrerin komplett monopolisiere. Tatsächlich fällt Billy Elliot durch den Bechdel-Test: Es gibt in dem Film keine zwei weiblichen, Namen tragende Figuren, die miteinander reden (Mrs. Wilkinsons Ballett-Kommandos an Tochter Debbie gehen nicht als Konversation durch). Dennoch setzt der Film – auch mit der Figur Michaels, Billys von Frauenkleidern fasziniertem Freund – deutliche Akzente gegen etablierte Gender-Rollen und -Aktivitäten und entlarvt sie damit als so willkürlich wie destruktiv. In seinem Aufbrechen der Heteronormativität, so beschreibt es auch Orli Matlow für Bustle, steht der Film immerhin für eine Sache ein, um die auch Feministinnen wie Judith Butler und Donna Haraway bemüht sind.

[Folgende Szene ist ein Spoiler, zum Ausweichen einfach beim Fazit weiterlesen.]

Als Billy gefragt wird, wie er sich fühlt, wenn er tanzt, klingt das so:

Keine Ahnung. Ein ganz gutes Gefühl. Erst ist alles steif und so, aber wenn ich loslege, dann vergesse ich alles. Und… irgendwie verschwinde ich. Als würde sich mein ganzer Körper verändern, als wäre Feuer in meinem Körper. Und ich bin einfach da und fliege wie ein Vogel, wie Elektrizität… ja, wie Elektrizität.

Persönliches Fazit zu Billy Elliot

Grimmige Gesichter, enge Räume, bedrückende Umstände – Billys Leben in Durham erscheint anfangs wie eine düstere Sackgasse. Dann aber bahnt sich zunehmend das Tanzen seinen Weg in den Film. Es gelingt Billy so leichtfüßig, dass man den Schauspieler Jamie Bell dafür einfach feiern muss. Und er tanzt nicht nur fantastisch, er spielt auch überzeugend, ebenso wie der weitere Cast. Begleitet von flotter Musik und einigen schönen, inszenatorischen Ideen (siehe: die Flucht vor der Polizei, der Tanz im Innenhof, der Übergang zum Winter, etc.) hinterlässt Billy Elliot das Eindruck eines Herzensprojekt. Die Emotionen jedenfalls – seien sie durch Tanz oder Tränen vermittelt – kommen an: Billy Elliot bewegt.

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