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GENDER TROUBLE (PDF) von Judith Butler | 1991 | Vorwort im Fokus

Zuletzt aktualisiert am 9. November 2018 um 9:06

Der englische Titel von Judith Butlers Buch Gender Trouble (1990) setzt sich zusammen aus dem Unbehagen (trouble) über das Wesen der Geschlechtsidentität (gender). Die Geschlechtsidentität bezeichnet Aspekte der erlebten Zugehörigkeit zu einem Geschlecht. Also ob ich mich in meiner Identität zum Beispiel eher als Frau oder Mann fühle. Das sind zwei fest etablierte Geschlechter-Kategorien, festgemacht an körperlichen Merkmalen. Der Gender-Begriff ist recht jung. Dass er nicht fest bestimmt ist, so vermutet Judith Butler, sei für manche Grund zur Sorge. Die feministische Sache könne an der Unbestimmtheit eines solchen Kernbegriffs scheitern. Dieses bange Gefühl versucht Butler in Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble aufzulösen.

Feminismus, hier und jetzt

Im Folgenden steht das Vorwort zu Judith Butler Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble im Fokus. Hier geht es zu einer kommentierten Kapitelübersicht zum Buch. Ein PDF der englischen Original-Fassung Gender Trouble von Judith Butler stellt die Mexikanerin Laura González Flores bereit.

Feminismus. Unter diesem Begriff tummeln sich soziale Bewegungen mit dem Ziel, Frauen zu gleichberechtigten und selbstbestimmten Mitgliederinnen von traditionell patriarchalen (von Männern dominierten) Gesellschaften zu machen. Diese Strukturen wurden über Jahrtausende gefestigt. Sie lassen sich nicht mit einer Demonstration, Rede oder Begegnung wegwischen. Der Wandel erfordert viel Arbeit und Aufmerksamkeit, zumal unser Bewusstsein für die Problematik gerade erst einige Jahrzehnte zurückreicht.

Wer ist Feminist*in? Im weitesten Sinne: All diejenigen, die von der Idee überzeugt sind, dass Menschen unabhängig von ihrem körperlichen und/oder sozialen Geschlecht in unserer Gesellschaft gleichermaßen gerecht behandelt werden sollten, sind Feminist*innen. In diesem weitesten Sinne ist das jede Person, die das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland anerkennt.

Artwork von Drag-Queen Divine, dazu der Text: Zum Wort von Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble

Immer im Trouble

Die Philosophin Judith Butler sieht im Unbehagen (trouble) ob des vagen Begriffs der Geschlechtsidentität kein Problem für den Feminismus. Im Gegenteil: »trouble« sei unausweichlich. Butler schreibt über ihre »erste kritische Einsicht in die subtile List der Macht« als noch junge Denkerin.

Das herrschende Gesetz drohte, einem »Ärger [trouble] zu machen«, ja einen »in Schwierigkeiten [trouble] zu bringen«, nur damit man keine »Unruhe [trouble] stiftete«. | S. 71

Die Aufgabe sei also herauszufinden, was der beste Weg ist, in »trouble« zu sein.

Judith Butler | Bild: University of California, Berkeley
Judith Butler | Bild: University of California, Berkeley (Wikipedia)

Die Illusion männlicher Autonomie

Eine bestimmte Schwierigkeit für eine Frau in einer von Männern dominierten Kultur bestehe darin, für diese Männer eine Art »weibliches Mysterium« zu sein. So gibt Butler einen Gedanken der Philosophin Simone de Beauvoir wieder, bekannt für die Zeile:

Man kommt nicht als Frau zur Welt. Man wird es.

Auch bei Beauvoirs Lebensgefährten Jean-Paul Sartre findet sich die Vorstellung vom »weiblichen Mysterium«. Sartre setzte jedes Begehren als heterosexuell und männlich bestimmt voraus. Dieses Begehren werde gestört, wenn das Objekt der Begierde (die Frau) den Spieß umdreht. Das geschieht durch ihre bloße Aktivität. Etwa durch Erwidern eines Blickes. Damit kann die Autorität zwischen den sich Sehenden schon die Seiten wechseln. Diese Abhängigkeit im Subjekt-Objekt-Verhältnis entlarvt die männliche Autonomie gegenüber des weiblichen »Anderen« als Illusion.

Gibt es das »schwache Geschlecht«? Hier eine biologische Annäherung an diese Frage, auf Grundlage von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht (1949).

Das Wesen der Macht

Macht umfasst mehr als das Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt. Für Judith Butler offenbart sich Macht im Schaffen eines »binären Rahmens, der das Denken über die Geschlechtsidentitäten bestimmt«. Binär heißt zweiteilig. Gemeint ist die Vorstellung, es gäbe in Fragen der Geschlechtsidentität nur zwei Antworten. Bekanntermaßen Mann und Frau.

[…] diese Differenz, die als Machtapparat operiert, ist von der ständigen Schwierigkeit gekennzeichnet, »zu bestimmen, wo das Biologische, das Psychische, das Diskursive, das Soziale anfangen und aufhören«, ein Problem, das streng genommen nicht eindeutig gelöst werden kann, denn die Geschlechterdifferenz hat, so nimmt Butler an, »psychische, somatische und soziale Dimensionen, die sich niemals gänzlich ineinander überführen lassen, die aber deshalb nicht endgültig voneinander abgesetzt sind«.

Hannelore Bublitz, in: Judith Butler zur Einführung (2002), S. 77

Die Beschränkung auf die Kategorien »Männer« und »Frauen« beschert solange kein Unbehagen, solange man sich innerhalb dessen befindet, was Judith Butler die »heterosexuelle Matrix« nennt. 

Der Begriff heterosexuelle Matrix steht in diesem Text für das Raster der kulturellen Intelligibilität [die Fähigkeit, Zusammenhänge nur durch den Intellekt zu verfassen, ohne sinnliche Wahrnehmung], durch das die Körper, Geschlechtsidentitäten und Begehren naturalisiert werden. Ich stützte mich auf Monique Wittigs Begriff des »heterosexuellen Vertrags«, und weniger stark auf Adrienne Richs Begriff der »Zwangsheterosexualität«. | S. 219

Die heterosexuelle Matrix

Mit der »heterosexuellen Matrix« meint Butler eine Welt, in der man davon ausgeht, dass es zwei Geschlechtsidentitäten gibt (Frauen, Männer). Zu passend existieren zwei körperlicher Geschlechter (weiblich, männlich), die einander natürlich begehren. Mit dieser Weltsicht geht also eine Zwangsheterosexualität einher. Das ist die normative Kombination von Frauen und Männern als Geschlechtspartner. Im Vorwort zu Das Unbehagen der Geschlechter fragt Judith Butler:

Wie kann man am besten die Geschlechter-Kategorien stören, die die Geschlechter-Hierarchie (gender hierarchy) und die Zwangsheterosexualität stützen? | S. 8

Female Trouble

An dieser Stelle kommt Butler in Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble auf den Begriff »female trouble« zu sprechen. Das ist im Englischen eine umgangssprachliche Beschönigung weiblicher Unpässlichkeiten, wie sie etwa mit der Menstruation, beziehungsweise gynäkologischen Untersuchungen einhergehen können. Oder es sind andere intime Körper-Angelegenheiten gemeint, die man je nach Situation gerade nicht beim Namen nennen möchte. Daher, in aller Diskretion: »female trouble«. Dass in diesem Begriff die Vorstellung mitschwingt, dass »weiblich sein« an sich eine Art Unpässlichkeit ist, macht deutlich, wie durch den Gebrauch bestimmter Floskeln solch Vorstellungen tradiert werden.

Die Destabilisierung des Diskurses

Female Trouble (1974) ist auch der Titel eines Films von John Waters. Durch diesen Hinweis will Butler eine mögliche Angriffsfläche vermeintlich in Stein gemeißelter Geschlechtsidentitäten aufzeigen. Sowohl in Female Trouble als auch später in Hairspray (1988) – unter anderem – spielt der Schauspieler Harris Glenn Milstead, besser bekannt als Drag-Queen Divine, jeweils Doppelrollen als Mann und Frau. Seine Frauenrollen nehmen wohlgemerkt stets den größeren Teil ein. Divines Spiel mit Geschlechtsidentitäten lassen diese als schieren Akt der Nachahmung erscheinen, die als real wahrgenommen wird. Man sehe sich nur ein paar Filme mit Divine an und entscheide dann, ob die Person hinter den mal männlichen, mal weiblichen, meist schrillen Figuren nun eine Frau oder ein Mann ist?

Divine und ihr Bräutigam Gator heiraten, eine Szene aus Female Trouble (1974) | Bild: Pinterest
Divine und ihr Bräutigam Gator heiraten, eine Szene aus Female Trouble (1974)

Judith Butler stellt in Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble fest, dass Divine durch seine Auftritt unsere vermeintlich festen Unterscheidungen von natürlich/künstlich, Tiefe/Oberfläche, Innen/Außen destabilisiert. Über diese Unterscheidungen funktioniere meist der Diskurs über die Geschlechtsidentitäten. Durch besagte Destabilisierung werde eben dieser selbst erschüttert.

Könnte es etwa sein, dass »männlich sein« oder »weiblich sein« keine »natürliche Tatsache«, sondern eine kulturelle Performanz ist? Damit ist nicht etwa eine rein schauspielerische Leistung gemeint. Stattdessen geht es um ein bestimmtes Verhalten, das an den Tag gelegt wird. Und was ist schon »natürlich«? Judith Butler fragt im Vorwort von Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble:

Wird die »Natürlichkeit« durch diskursiv eingeschränkte performative Akte konstituiert, die den Körper durch die und in den Kategorien des Geschlechts (sex) hervorbringen? | S. 9

Der performative Akt

Ein performativer Akt ist eine Sprachhandlung. Also eine Handlung, die durch das Sprechen selbst geschieht. Beispiel: »Hiermit ernenne ich euch zu rechtmäßigen Eheleuten.« Durch die gesprochenen Worte der Pastorin wird der Akt vollzogen und das Paar ist verheiratet. Mit »diskursiv eingeschränkt« meint Butler, dass solche performativen Akte nur innerhalb der Schranken dessen möglich sind, was wir im Diskurs (unserer fortwährenden Erörterung der Dinge) erschlossen haben. Wenn unser Diskurs nur zwei Kategorien des Geschlechts hervorgebracht hat, neigen wir dazu, diese Kategorien – durch performativen Akte, also ständig wiederholte Sprachhandlungen – für »natürlich« zu erklären.

Ein performativer Akt kann also sein…

…die Pastorin, die sagt: »Hiermit taufe ich dich Eva.« Durch ihre gesprochenen Worte wird der Akt der Taufe (samt dem rituellen Drumherum) vollzogen. Das Kind trägt fortan einen Namen, der mit reichlich Bedeutung aufgeladen ist. Und zwar in verschiedenen Sprachen und Kontexten, nicht nur dem biblischen.

…die Hebamme, die sagt: »Es ist ein Mädchen.« Durch ihre gesprochenen Worte wird das weibliche Kind aufgrund seines primären körperlichen Geschlechtsmerkmals der von uns konstruierten Kategorie »Mädchen/Frau« zugeordnet. Dieser Kategorie haften etliche Bedeutungen und gesellschaftliche Vorstellungen an, samt einer Geschlechtsidentität. (In der heterosexuellen Matrix gehen wir davon aus, dass dieses Kind später einen Menschen männlichen Geschlechts begehren wird, einen »Jungen/Mann«.)

Das, was gemeinhin als »natürlich« gilt, ist in homosexuellen Kulturkreisen ein beliebter Stoff für Parodien. Ziel sei, so Butler in Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble, die Entlarvung vermeintlich »ursprünglicher« oder »wahrer« Geschlechter als reine Konstruktion, die wir durch performative Sprechakte tradieren.

Damit stellt sich die Frage, welche anderen grundlegenden Kategorien […] als Produktionen dargestellt werden können, die den Effekt des Natürlichen, des Ursprünglichen und Unvermeidlichen erzeugen. | S. 9

Die Enthüllung der Effekte

Um die Kategorien des Geschlechts, der Geschlechtsidentitäten und des Begehrens als solche Effekte kenntlich zu machen, bedarf es einer genealogischen Kritik. Eine solche »richtet das Wissen um die Gewordenheit eines Objekts gegen dieses, um es durch einen Hinweis auf seinen Ursprung zu kompromittieren« (Quelle: Information Philosophie). Der hinterfragende Ansatz müsse lauten: Welche politischen Einsätze sind davon abhängig, dass die bekannten Identitätskategorien als Ursprung oder Ursache gelten, statt als Effekte »von Institutionen, Verfahrensweisen und Diskursen« vielfältigen, undurchschaubaren Ursprungs?

Diesen Beitrag in Bild und Ton gibt’s auf meinem YouTube-Kanal, here you go:

Das Ziel von Gender Trouble

Damit kommen wir zu der Aufgabe, die Judith Butler mit Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble erfüllen möchte. Ihre Schrift soll den Fokus auf die besagten Effekte prägenden Institutionen richten. Namentlich auf die Zwangsheterosexualität und den Phallogozentrismus, demnach Weiblichkeit aus rein männlicher Perspektive betrachtet und definiert wird. Diese Institutionen müssen, so Butler, dezentriert werden.

Die Begriffe »weiblich« und »Frau« sind in ihrer Bedeutung längst verworren. Sie existieren zudem nur in Relation zu »männlich«, »Mann«. Butler geht es nicht darum, die Frage der primären Identität zu klären. Stattdessen geht es um die politischen Möglichkeiten, die sich im Hier und Jetzt ergeben, wenn man die bestehenden Identitätskategorien einer Kritik unterzieht. Judith Butler fragt:

Welche neue Form von Politik zeichnet sich ab, wenn der Diskurs über die feministische Politik nicht länger von der Identität [als »Frau«] als gemeinsamen Grund eingeschränkt wird? | S. 10

Der Versuch, feministische Politik auf einer solchen gemeinsamen Identität zu begründen, könne eine Behinderung sein. Er schließe womöglich »die Erforschung der politischen Konstruktion und Regulierung der Identität selbst aus«. Mit dieser Mahnung geht Judith Butler im Vorwort von ihrer Einleitung in die Erläuterung der Struktur ihrer Schrift Das Unbehagen der Geschlechter über.

Fußnoten

  1. Alle Seitenangaben beziehen sich auf: Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main

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