Philosophie

WAS IST FREIHEIT? | Grundbegriff | Praktische Philosophie (2)

Zuletzt aktualisiert am 2. Dezember 2018 um 17:08

Der zweite Teil meiner Beschäftigung mit Freiheit in der Praktischen Philosophie kommt etwas verspätet. Weil ich keine Zeit hatte, möchte ich sagen. Aber das ist natürlich Unfug. Ich hatte in den letzten Wochen an jedem einzelnen Tag genauso viel Zeit wie auch sonst zur Verfügung. Jeweils 24 Stunden. Ich habe die Zeit einfach anders verwendet. Damit sind wir auch schon mitten im heutigen Thema.

In Teil I habe ich mich zum Einstieg recht allgemein mit der Freiheit des Einzelnen als Mensch und Vernunftwesen überhaupt beschäftigt. Im Gegensatz zum tierischen Verhalten oder der Programmierung eines Roboters. In dem Exkurs über innere und äußere Freiheit ging es im Anschluss daran um Willensfreiheit und Determinismus. Also inwiefern unser Leben als vorbestimmt betrachtet werden kann. Im Wesentlichen ging es dabei immer um die „Freiheit von“ etwas, sei es inneren Zwängen oder äußeren Gegebenheiten.

Schwalben an ihrem Nest, dazu der Text: Freiheit in der Praktischen Philosophie

Negative und positive Freiheit

»Freiheit von« nennt man auch negative Freiheit. Das heißt, wir können uns ihrer nicht bewusst werden und auch nicht aus der Erfahrung auf sie schließen. Und das heißt: Sie betrifft noch nicht die äußere Welt, um uns herum, sondern verbleibt in unserem Bewusstsein. Dass wir uns dieser negativen Freiheit, obwohl im Bewusstsein, nicht bewusst werden können, darf man sich der Einfachheit halber mit einem Bild aus der äußeren Welt veranschaulichen: Unser Bewusstsein ist hier wie ein Augapfel zu verstehen, der ja auch nicht sehen kann, was in ihm selbst steckt.

Die negative Freiheit – mit Immanuel Kant gesagt: die »Unabhängigkeit der Willkür durch die Antriebe der Sinnlichkeit« (die Freiheit des Willens über unsere Neigungen und Triebe) – ist Voraussetzung für die positive Freiheit. Damit ist die Fähigkeit unserer Vernunft gemeint, sich selbst Gesetze zu geben. Gesetze wie Kants berühmten kategorischen Imperativ, stets nur so zu handeln, dass die Maximen meines Willens stets zum Prinzip einer allgemeinen Gesetzesordnung werden könnten. Aber auch weniger strenge Gesetze wie: Ich will gesünder leben, deshalb verzichte ich auf Fastfood.

Zur Erinnerung: dass es in der Praktischen Philosophie ohne Freiheit nicht viel zu tun gibt, zeigt ein wiederholter Blick auf ein paar Themen der Praktischen Philosophie. Als da wären:

  • Ethik: Wer nicht frei ist, überhaupt zu handeln, kommt gar nicht erst in die Verlegenheit, ethisch zu handeln.
  • Rechtsphilosophie: Käme der Mensch nicht mit dem Urrecht der Freiheitlichkeit zur Welt, wäre er gar nicht fähig gewesen, eine Rechtsordnung zwischen sich und anderen Menschen zu etablieren. Ohne Freiheit gäbe es kein Recht.
  • Politische Philosophie: Wenn Menschen nicht die Freiheit hätten, ihre Handlungen auf ein Gemeinwohl hin auszurichten, dann bliebe auf die politische Philosophie überflüssig.

Zum Unterschied und den jeweiligen »Zuständigkeitsbereichen« von Theoretischer und Praktischer Philosophie gibt’s hier einen Blogbeitrag.

Denken in Allgemeinbegriffen

Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte sieht die Freiheit des Menschen darin begründet, dass er in Allgemeinbegriffen denken kann. Ein Allgemeinbegriff umfasst (wie »allgemein« schon andeutet) potentiell einfach alles. Sowohl das, was es gibt, als auch das, was es (noch) nicht gibt. Beispiel: Du gehst ins Kino und schaust dir den neuen Black Panther Film an. Bevor es losgeht, glotzt du auf die weiße Leinwand. Du hast einen Begriff für das Ding, das da vor dir hängt. Es heißt »Leinwand«. Da du dir diesen Begriff denken kannst, kann du dir auch dessen Negation vorstellen, ganz einfach: dass da keine Leinwand hängen würde.

Wenn der Film losgeht, schaust du dir das Abenteuer in dem afrikanischen Staat Wakanda an. Wieder gibt es einen Begriff dafür, »Wakanda«, und du kannst dir auch vorstellen, dass es Wakanda nicht gibt. In diesem Fall sogar ganz einfach, weil es den Staat Wakanda in echt eben nicht gibt. Seine Bewohner sind Schauspieler, das ganze Ding eine Kulisse. Aber irgendwer hat irgendwann seine Fähigkeit, in Allgemeinbegriffen denken zu können, dazu genutzt, um etwas zu erdenken, dass es noch nicht gab. Wakanda halt, den Staat, den es jetzt zumindest im Marvel-Universum gibt.

Wieder zurück in der wirklichen Welt: In Allgemeinbegriffen denken können, das heißt zu wissen, dass es auch anders sein könnte. Weil ich in Allgemeinbegriffen denken kann, steht mir ein Möglichkeitshorizont zur Verfügung: Ich sehe, was ist, und begreife, dass es auch anders sein könnte. Dieses Bewusstsein, überhaupt oder auch anders zu können, nennt man Könnensbewusstsein. Ein solches unterstellen wir Menschen, beziehungsweise berücksichtigen (wieder!) die Möglichkeit einer Einschränkung dieses Könnensbewusstseins, Stichwort: Unzurechnungsfähigkeit. Doch darum soll es hier nicht gehen.

Am Beispiel vom Black Panther

Wir wollen endlich über die positive Freiheit sprechen, die »Freiheit zu«. Denn das Könnensbewusstsein mag zwar darstellen, dass wir – frei von inneren und äußeren Zwängen – alles können, wahlweise. Doch damit ist noch nichts über die tatsächliche Wahl gesagt: Was tun wir denn nun?

Die positive „Freiheit zu“, führt uns zur sogenannten qualifizierten Freiheit. Damit ist, im Gegensatz zur bloßen Möglichkeit das Moment der Verwirklichung von Freiheit gemeint. Wenn du tatsächlich ins Kino gehst, um Black Panther zu sehen, hast du die qualifiziert freiheitliche Entscheidung getroffen, deinen Abend so und nicht anders zu verbringen. Du kannst nicht gleichzeitig auf der Couch abhängen und Netflix schauen. Oder gar etwas weniger Faules machen, an diesem Abend. Du hast dich fürs Kino entschieden.

Das klingt jetzt nicht nach einer dramatischen Einschränkung, aber im Prinzip hast du damit schon deine Freiheit eingeschränkt, um deine Freiheit zu vergrößern. Du hast dich gewissen Unfreiheiten unterworfen – in diesem Kino sitzen, still sein zu müssen, rund 135 Minuten lang – um im Anschluss neue Freiheiten zu genießen. Mal abgesehen davon, dass du jetzt um das Wissen über den Inhalt dieses Films an sich reicher geworden bist, qualifiziert es dich dazu, an der öffentlichen Diskussion darüber teilzunehmen.

Von Fremdsprachen und Super Mario

Im Studium ist uns die qualifizierte Freiheit anhand einer Fremdsprache nähergebracht worden. In der Tat unterstreicht dieses Beispiel das Maß der Unfreiheit und Freiheit, von der hier die Rede ist, umso deutlicher: Wenn du dich entscheidest, eine Fremdsprache zu lernen, unterwirfst du dich damit diversen Unfreiheiten. Da ist etwa ein großer Teil deiner freien Zeit, den du zur Beschäftigung mit der Sprache aufwenden musst – und natürlich die Regeln dieser Sprache selbst. Du kannst dir die Grammatik nicht nach eigenen Vorstellungen gestalten, wenn du von anderen Sprechern der Sprache verstanden werden willst.

Die große Tragik am Leben ist bekanntlich dessen Kürze: Wir können unsere Fähigkeit zu qualifiziert freiheitlichen Entscheidungen nur auf eine kleine Auswahl an Themen und Tätigkeiten ausrichten – im Vergleich zur unglaublichen Vielfalt an Möglichkeiten. Da hat Super Mario einen klaren Vorteil, mit seinen vielen Leben.

Den Horizont erweitern

Sobald du nun die Fremdsprache einmal beherrscht, kannst du (je nach Sprache) mit vielen Millionen Menschen mehr auf der Welt in Kontakt treten und ein ganz neues Universum an Kulturgut erkunden. Der Horizont deiner Freiheit hat sich erweitert.

Im gleichen Sinne kann man die Unterordnung unter geltende Rechtsgesetze verstehen. Indem sich das Individuum entscheidet, sich an die Gesetze eines Rechtsstaates zu halten, schränkt es seine persönliche Freiheit ein. Dann ist nix mehr mit dem Nachbarn sein Auto klauen und bei Rot über die Ampel brettern. Durch diese Einschränkung meiner eigenen Freiheitlichkeit vergrößere ich im gleichen Zug die Freiheit aller Menschen, die ja irgendwie miteinander klarkommen müssen.

Darunter falle auch wieder ich selbst: Indem mein Nachbar sich entscheidet, sich an die Gesetze zu halten, kann ich unbesorgt bei Grün über die Ampel gehen, ohne Angst haben zu müssen, vom Nachbar mit meinem eigenen Auto weggeprescht zu werden. Durch die Anerkennung (also das Einverständnis) aller anderen gesetzestreuen Menschen habe ich persönlich die Freiheit, Dinge als mir zugehörig anzusehen: meine Straße, mein Zuhause, mein Blog.

Der Horizont eines jeden Menschens Freiheit hat sich erweitert. Jippie!


Mein Gedankengang zur Freiheit und die drei Blogbeiträge, die daraus resultierten, orientieren sich lose an dem Kapitel Freiheit als Grundbegriff der Philosophie überhaupt aus einem Skript des Moduls P2 der Fernuniversität Hagen. Diese hat besagtes Kapitel als PDF-Auszug hier öffentlich verfügbar gemacht.

Als Student der Philosophie bin ich noch ein Neuling auf diesem ehrwürdig alten Gebiet, falls dir Begriffe falsch gebraucht oder Ideen falsch vermittelt respektive verstanden scheinen, bitte nutze die Kommentarfunktion und korrigiere mich. Ebenso im Falle etwaiger Fragen, die wir gerne gemeinsam erörtern können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.