Film Geschichte

Zeitreise in einer Kneipe – Tag 2

Zeitreise, Tag 2. Zurück im Wirtshaus. Ich sitze wieder in der düstersten Ecke. Draußen geht die Sonne auf, doch die Fenster sind schon abgehängt. Wir haben den Tag zur Nacht erklärt. Zwei Tische weiter von mir sitzen Soldaten und spielen Karten. Auf dem Tisch Bierkrüge, Brotkrümel und ein Schwung Spielkarten, die eigentlich nicht reinpassen. Amerikanisches Deck, ein Fehler in der preußischen Matrix. Fortsetzung eines Reiseberichts.

Insgesamt passt so einiges nicht ins Bild, wenn man genauer hinschaut. Der goldene Adler auf der Pickelhaube da vorne, der ist aus Silikon angefertigt, gestern erst draufgeklebt worden. Die goldenen Adler an den anderen Pickelhauben haben ausgebreitete, spitze Flügel, statt gebogene, wie es zu jener Zeit gebräuchlich war. Das habe ich gestern von einem Mann namens Manolo gelernt. Der Säbel von Gustav (Schauspieler Wolf Danny Homann), unserem männlichen Helden, steckt fest in der Säbelscheide, lässt sich nicht ziehen. Alles Attrappe. Die Schürze unserer Heldin Clara (Schauspielerin Stephanie Jost) ist mit Nadeln festgemacht, sie halten die Fassade zusammen. Und der Tabak für die Pfeife, der kommt aus einer Tüte, die vor den Gefahren des Rauchens warnt – etwas, worüber sich die Zeitgenossen im 19. Jahrhundert noch herzlich wenig Sorgen gemacht haben. Ach, und das Bier ist Apfelsaft.

Eine Männerhand, die eine Pfeife hält, dazu der Text: Zeitreise in einer Kneipe

Ein gewaltiger Logikfehler

Aber das sind alles nur winzige Unstimmigkeiten im Vergleich zum größten »Logikfehler« auf unserer Zeitreise. Ein Fehler, der alle anderen in den Schatten stellt. Wortwörtlich.

Was echt ist, nichtsdestotrotz, das sind die Menschen, die sich hier versammelt haben, um den Drehbuchseiten Leben einzuhauchen. Inzwischen hat sich längst sowas wie eine Team-Dynamik eingespielt, am zweiten Drehtag. Gestern setzten sich Cast und Crew noch aus jungen Filmleuten zusammen, von denen je zwei, drei, vier schonmal miteinander gearbeitet haben, irgendwann, an diesem oder jenem Projekt. Nun haben sie alle schon miteinander gearbeitet, gestern, und das merkt man.

Während die Soldaten also Karten spielen und die Kamera (eine ARRI Alexa) neben ihnen eingerichtet wird, passend zum Licht, spricht Regisseur Mark Lorei mit der Presse. Eine Redakteurin der Münsterländischen Volkszeitung hat es zum Dreh verschlagen. Den Gastgeber der Hofanlage kennt sie bereits, ist wohl eine regionale Bekanntheit, der gute Mann. Mit unseren rund 15 Leuten sind wir noch ein vergleichsweise kleines Filmteam, das hier am Wuseln ist. Er hat schon ganz andere Produktionen beherbergt. Hier geht es zum Bericht der Münsterländischen Volkszeitung über den Filmdreh (natürlich versteckt hinter einer Paywall, exklusiv für MV-Abonnenten).

Nostalgie hin oder her

Die Baupläne zu dieser Hofanlage wurden im Frühjahr 1985 erstmals vorgelegt. Anders als die Fachwerkhäuser vermuten lassen, halten sie hier nicht seit dem 19. Jahrhundert die Stellung. Weder handelt es sich bei der Anlage um ein Baudenkmal im herkömmlichen Sinne, noch um ein Museum. Die Gebäude sind in Privatbesitz und werden auch privat genutzt. Für diesen Nutzen wurden ist ein wenig an unsere Zeit angepasst. Denn Liebe zur Nostalgie hin oder her, so einen Donnerbalken mag ja doch niemand wirklich benutzen, im Alltag. Eine »museale Anlage mit Denkmalcharakter« wird der Fleck Erde genannt, von Dr. Andreas Eiynck, der das hier realisierte Konzept in einem Hofrundgang vorstellt, auf der Internetpräsenz unseres Drehorts.

Tatsächlich ist es so, dass die Bauwerke aus dem 19. Jahrhundert stammen. Nur wurden sie an ihren Ursprungsorten abgebaut und hier, Stein für Stein und Balken für Balken, wieder hochgezogen. Ein Eklat für Historiker: Die Gebäude stammen aus verschiedenen Ecken Nordwestfalens! WTF!? Na, man muss schon ziemlich im Bilde sein, um diesen Umstand zu bemerken. Aber das geschulte Auge sieht also schon beim Befahren der Hofanlage: Hier passt doch was nicht. Eben dieser gewaltige Logikfehler ist es, der ganz oben auf der Liste historischer Unstimmigkeiten steht. Gut möglich jedoch, dass die aktuelle Produktion aufgrund ihres Kammerspiel-Charakters diesen Fehler nicht mit in sich aufnimmt.

Perfektion und Platon

Warum überhaupt so viel Liebe ins Detail stecken? Von der Auswahl der Garderobe bis hin zum westfälischen Dialekt im Dialog geben Cast und Crew sich beste Mühe, die Vergangenheit möglichst authentisch ins Hier und Jetzt zu holen. Der Grund ist einfach: Nur so funktioniert das Zeitreise-Feeling im Medium Film überhaupt. Obwohl Perfektion – wie immer, im Leben, wenn man nur genau hinschaut – eben nie zu erreichen ist, misst sich die Qualität in der realen Annäherung an die gedachte Perfektion. Da sind wir wieder bei den platonischen Ideen.

Wenn man von der Ausstattung, den Kostümen und Requisiten und dergleichen mal absieht, dann ist das, was sich zwischen Clara und Gustav abspielt, indes zeitlos. Diese beiden jungen Leute, die sich in dieser Webserie begegnen, an einem Märzabend im Jahr 1871, kurz nach dem Krieg, die lernen sich kennen und mögen und wollen mehr voneinander. Egal, in welcher Mundart sie das artikulieren, welche Worte sie wählen, in welcher Mode sie es tun – es ist der wiederkehrende Stoff, aus dem unsere Geschichten gestrickt sind, weil sie das Menschenleben widerspiegeln. Auch auf einer Zeitreise, natürlich.

Ziel der Zeitreise

Nur so funktioniert jedwedes Feeling in jedwedem Medium überhaupt. Wir suchen nach und identifizieren uns mit menschlichen Verhaltensmustern und Handlungsweisen. Sei es in Robotern oder Spielzeugfiguren, animierten Tieren oder Monstern. Lasst sie handeln und sich verhalten auf eine Art und Weise, wie wir es von unseren Artgenossen kennen, mit Stolz und Scham, mit Wut und Wehmut, mit Lastern und Liebe, dann bleiben wir am Ball. Insofern sind wir Zeitreisende, die wir von hinter der Kamera zuschauen, wie Clara und Gustav sich in Zank und Flirt annähern, schon bald blind für die historische Kulisse, den angestaubten Sprachgebrauch. Im Prinzip verfolgen wir die spannenden Reaktionen mit, die sich aus der Chemie zwischen den beiden ergeben. Dass wir dabei noch etwas über Preußen lernen, ohne direkt auf Durchzug zu schalten – weil, na ja, Preußen halt – das ist der gewünschte Nebeneffekt.

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