Geschichte Zeit

Zeitreise in einer Kneipe – Tag 1

Zwei Mittzwanziger begegnen sich in einer Kneipe, an der Theke. Sie, eine junge Frau, die Haare zum losen Dutt hochgesteckt, steht dahinter. Er, ein junger Herr mit Hipsterbart und adrett gekleidet, tritt heran, bestellt ein Bier bei ihr. Worüber mögen die beiden wohl reden, an diesem Abend – im Jahr 1871? Eine Zeitreise nach Preußen.

Ein preußischer Soldat trinkt einen Schnaps, dazu der Text: Zeitreise in einer Kneipe

Ein befreundeter Regisseur hat mich zu dieser Zeitreise eingeladen. Los ging’s bereits Anfang des Jahres. Da war noch gar nicht klar, wer sich wie begegnen würde. Fest stand: Es soll eine Webserie entstehen, die im Westmünsterland spielt und Preußen thematisiert. Ich wurde als Drehbuchautor engagiert, um in diesem vage gesteckten Rahmen ein Bild zu malen, bildlich gesprochen.

Irgendwie durch

Besagter Regisseur, selbst studierter Historiker, ist in derselben Stadt aufgewachsen wie ich. Eine kleine Stadt, eigentlich, doch offensichtlich gerade groß genug, dass sich die Wege zweier junger Kreativer über Jahre des Filmschaffens dort nicht kreuzen. Erst, als wir beide in gegensätzliche Himmelsrichtungen weggezogen waren, haben wir uns irgendwie kennengelernt. Kneipe, Theke, Bierchen, das war auch immer das Setting, in dem wir uns alle paar Monate in der Heimat über aktuelle Projekte austauschten.

Vielleicht war Kneipe, Theke, Bier deshalb meine erste Assoziation, um irgendwie mit den Preußen warm zu werden. Randnotiz: Wenn mein ehemaliger Geschichtslehrer von meinem Engagement als Historien-Drehbuch-Autor lesen würde, schlüge er die Hände überm Kopf zusammen. Er hat mir damals – in weiser Voraussicht – von der schriftlichen Abiturprüfung in Geschichte abgeraten. „Mach’s mündlich“, war sein Rat, „dann kriegen wir dich da irgendwie durch.“ Irgendwie durch, darunter kann man wohl die komplette Abi-Performance verpacken.

Vom Hier und Jetzt ins Damals

Jahre später hat sich meine Wissbegier dann doch vom Hier und Jetzt auch ins Damals verlagert. Inzwischen studiere ich an der Fernuniversität Hagen Kulturwissenschaften, mit Geschichte und Philosophie als zwei Fächern, zwischen denen die Schwerpunktsetzung noch nicht entschieden ist. Zwar bin ich erst Studi-Küken, habe jüngst die Module P2 und L1 hinter mich gebracht, aber als Qualifikation fürs Preußen-Drehbuch reicht es offenbar. Anfang des Jahres wälzte ich Bücher und Websites und schrieb das Skript für die Zeitreise, die wir heute angetreten sind.

Apropos Zeitreise: Am heutigen Tag, dem 14. März, feiern die Japaner schon wieder Valentinstag, wie vor einem Monat erst! Ob es sich dabei um eine kollektive Zeitreise handelt, oder doch etwas anderes, erfährst du in meinem Valentinstag-Experten-Report.

Drehbuchautor am Set, das wird als tendenziell ätzend empfunden, wenn Regie und Drehbuch nicht zufällig in einer Person zusammenfallen, was ja nicht der Fall ist. Meine Duldung am Drehort hängt damit zusammen, dass ich nicht als Drehbuchautor in Erscheinung trete, sondern als Setfotograf und Videograf fürs Making-of. Aus dem Schatten heraus knipse und filme ich mit und behalte dabei geflissentlich meinen Senf bei mir. Abgesehen davon ist jener befreundete Regisseur ohnehin sehr umgänglich und behandelt das Drehbuch, das er als Co-Autor mitbetreut hat, so respektvoll wie die Preußen ihr Vaterland. Sein Name ist Mark Lorei – ein ruhiger, belesener Mann Anfang 30 – und ich bin gespannt, seine Arbeitsweise als Filmemacher kennenzulernen.

Säbel und Kreuz

Heute fuhr ich also drei Stunden gen Norden, zu einer Fachwerkhofanlage auf dem platten Land. Hinterland. Hier stehen ein paar Holzgebälk-Backstein-Bauten in uriger Heimeligkeit beisammen. Kaum traue ich mich, diese Anlage mit einem Automobil zu befahren. Rechne mit einer Horde wütender Dorfbewohner, die mir mit Mistgabeln die Reifen durchsticht. Das knatternde Hexenwerk abfackelt.

Stattdessen stoße ich in einem von außen verdächtig abgehängten Wirtshaus – schwarzer Molton vor allen Fenstern, na, wenn darin nicht Nachtszenen gedreht werden! – auf eine herzliche Crew. Man ist im Verzug, hinkt ein bisschen der Dispo hinterher. Den Drehstart habe ich trotz Verspätung nicht verpasst. Und unter der großen leuchtenden Softbox, die oben vom Gestänge baumelt, stehen am Tresen jene zwei Mittzwanziger, die einander an diesem Ort kennenlernen sollen. Sie sind Schauspieler. Er trägt eine Uniform mit Säbel am Gürtel. Sie eine Schürze und am Halse ein Christuskreuz.

Zeitreise ins Schicksaljahr

1871. Das ist das Jahr, in dem die deutschen Staaten den Kriegsgegner Frankreich zurückschlagen. Siegreich kehren junge Soldaten aus dem Westen zurück, Jungs aus Berlin, die sich als stolze Preußen verstehen. Im Januar erst, vor wenigen Wochen, da ist ihr preußischer König Wilhelm I. zum Kaiser proklamiert worden – Kaiser des Deutschen Reiches, das in diesem schicksalhaften Jahr gegründet wurde. Jetzt ist es März, und die Jungs auf dem Rückweg in die Heimat durchqueren Westfalen. An einem – an diesem – Abend, kehren sie in eine Kneipe ein, und einer von ihnen, Gustav sein Name, bändelt mit der Wirtin an.

Gustav wird von dem Schauspieler Wolf Danny Homann verkörpert.

Die Wirtin spielt die Schauspielerin Stephanie Jost.

Mit dieser Ausgangssituation haben wir unsere Zeitreise beginnen lassen. Die erste Herausforderung bestand darin, in der langen Geschichte Preußens einen Blickwinkel und eine Blickrichtung zu finden. Denn diese Geschichte zieht sich über Jahrhunderte, ist komplex und wirr und voller einzelner Binnengeschichten, eine spannender als die andere (natürlich, langweilige gibt’s da auch, die lassen wir mal außen vor).

Krieg gegen Frankreich

Das Jahr 1871 stellt mit der Deutschen Reichsgründung eine derartige Zäsur da, dass wir diesen Einschnitt als Blickwinkel gewählt haben. Und die Blickrichtung, für diese kleine Webserie, war nach hinten ausgerichtet: In die Vergangenheit, die zum Schicksalsjahr geführt hat.

Wie so viele historische Einschnitte ging auch dieser mit einem Krieg einher. Der Deutsch-Französische Krieg war es dieses Mal, der von 1870 bis 1871 ausgetragen wurde. Auf der einen Seite stand Frankreich – auf der anderen Seite der Norddeutsche Bund unter der Führung von Preußen. Letzteren haben sich überraschend die süddeutschen Staaten angeschlossen. Aus dieser Allianz bildete sich nach dem raschen Sieg das Deutsche Reich. „Rasch“ klingt schwach. Tatsächlich hat dieser Krieg knapp 200.000 Soldatenleben gefordert.

Gefallen ist auch der Ehemann von unserer Wirtin, der jungen Frau hinterm Tresen. Ein fiktiver Gefallener für eine fiktive Geschichte, die sich so, wie wir sie erzählen, hundertfach in Preußen abgespielt haben kann: In den Nachwehen eines Krieges geraten sich Kriegsteilnehmer und Kriegsgegner darüber in die Haare, ob der Sieg nun ein Grund zum Feiern ist.

Clara und Gustav

Unsere Wirtin – und Witwe – kann die Laune der jungen Soldaten nicht nachvollziehen. Sie serviert ihnen ihr Bier, hört sie singen und schwafeln und frisst ihren Frust in sich rein. Hätte den ganzen Abend die Klappe gehalten, wenn da nicht Gustav wäre, der sie unbedingt kennenlernen möchte. Ihr Name ist Clara.

Wie es mit Gustav und Clara weitergeht, das erzähle die Tage. Inzwischen ist es spät und im Licht der flackernden Kerze in einer sonst dunklen Ecke des Sets wird es auch nicht gemütlicher. Gleich stoßen wir mit Cast und Crew auf den ersten Drehtag an, den Auftakt zu unserer Zeitreise nach anno dunnemals.

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