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Lesen 101: Wie liest man ein Buch?

Was zuvor geschah: Heute Morgen hat DIE ZEIT Alarm geschlagen. Auf der Titelseite schlug mir die Zeile entgegen: »Lesen! Nur lesen!« Großes Jammern darüber, wie neue Technologien einer alten Kulturtechnik das Wasser abgraben. Anprangern einer Zeit, da alle nur noch auf Dauersendung sind, mehr reden, als sie zu sagen haben. Und zwar: Live! Aus aktuellem Anlass also: eine Anleitung zum Bücherlesen, kompatibel mit allen nondigitalen Modellen mit mehr als zwei Seiten.

»Wenn alle nur noch senden, wird immer mehr Gesendetes bedeutungslos«, bringt Manuel J. Harting es in dem Artikel sehr schön auf den Punkt, denn: »Sprechen ohne Lesen ist Gelaber.« Das hat mich durchaus Schmunzeln lassen, über Käsebrot und Käffchen heut Morgen. Die Mittagspause habe ich dann mal mit Lesen verbracht, im Café, statt mich mit einem Kumpel auf ’n Spaziergang im Park zu treffen, zum Labern. Beides sind Rituale. Das Lesen ritualisierte ich schleichend, seit früher Kindheit, wobei ich es im Laufe der letzten anderthalb Jahre gewissermaßen »professionalisiert« habe. Inzwischen schaue ich milde lächelnd herab auf laienhafte Leser, die mit ihrem Buch dasitzen und es angucken, einfach so, ohne irgendwas damit ZU MACHEN.

Bücher und Kaffeetasse, die Ausrüstung zum Lesen
Denn Lesen um des Lesens willen, quasi als Zeitvertreib? Das ist sowas von 20. Jahrhundert. Wir sind jetzt im Informationszeitalter. Für den Zeitvertreib ist dein Facebook-Feed zuständig. Wenn du schon ein Buch in die Hand nimmst, dieses Relikt ohne Akku, Apps und animierte Äffchen, dann soll es gefälligst einen Nutzen haben. Gewinnbringendes Lesen! Lesen um des Merkens willen! So! Punkt 1 ist optional:

Die 4 Stufen zur erfolgreichen Lektüre

(1) Kaffee. Dein Kopf ist es nicht mehr gewohnt, sich länger als 5 Sekunden mit einem Thema auseinanderzusetzen. Das statische Printmedium ohne Links und Querverweise fordert dem Hirn eine Aufmerksamkeit ab, die einfach nicht mehr gegeben ist. Die paar Tausend Jahre Schriftlichkeit, die gerade versuchten, sich evolutionär im vernunftbegabten Raubaffen homo sapiens niederzuschlagen, die wurden in den letzten zwei Jahrzehnten weggewischt wie ein Tinderfail. Ohne von mir auf andere schließen zu wollen: Kaffee ist die einzige Möglichkeit, dieses Hirn noch in Bahnen zu lenken und für selige Minuten der Lektüre wach und fokussiert zu halten.

(2) Melatonin. Kaffee hin oder her: Leg dich nicht hin! Lies im Stehen oder allenfalls im Sitzen, aber leg dich bloß nicht hin! Völlig schnurz, ob du Frege oder Fitzek liest, Schelling oder Schätzing, wenn du dich dabei lang machst, könnte jeder noch so dolle Schmöker ebensogut die Gebrauchsanweisung für deine Kontaktlinsen sein – die du jetzt rausnehmen solltest, weil du pennst jetzt ein. Irgendwo las ich mal (sitzend), dass das Schlafhormon Melatonin ausgeschüttet wird, wenn man sich hinlegt. Dabei ist es egal, ob auf dem Sofa, Bett oder einem Kartoffelacker. Hat was mit Evolution zu tun. Du legst dich hin und das signalisiert deinem Urviech-Körper: »Liegen. Jetzt. Schlafen.« Und wie mit einer Keule folgt die Müdigkeit. Ohne von mir auf andere schließen zu wollen: Eine aufrechte Haltung ist die einzige Möglichkeit, diesem Effekt entgegenzuwirken und, ich wiederhole mich, wach zu bleiben. Ist halt ein ziemlich Schlüsselfaktor, beim Bücherlesen.

Lesen, Kleben, Archivieren

(3) Klebedinger. Mit Chuck Palahniuk hats für mich angefangen, dass ich manche Sätze so merkenswert toll fand, dass ich sie mit Bleistift und Lineal (!) unterstrichen habe. Hätte Chuck dabei neben mir gesessen, während ich streberstyle in Fight Club meine Lines ziehe, hätt er mir gesagt: »Du hast das Buch nicht verstanden.« Für Fight Club lass ich das gelten. Trotzdem. Abgesehen davon, dass ich von Bleistift und Lineal auf Klebedinger umgestiegen bin, aus Gründen der Praktikabilität, gilt: Jeder (be)merkenswerte Satz wird markiert.

(4) Archiv. Oh, du dachtest, mit Kleben sei es getan? Und fortan erkennt man deine gelesenen Bücher daran, dass sie voller bunter Streifen sind? Natürlich nicht. Öffne eine Textdatei, oben rein schreibst du Autor, Titel, ISBN rein und dann wird jeder markierte Satz gewissenhaft abgetippt, mit Seitenzahl. Ist das stumpfe Fleißarbeit, die keinen Spaß macht? Ja. Aber habe ich sonst den Inhalt des Buchs vergessen, ne Woche später schon? Ja! Die Säulen der Erde, da gings um Kathedralen, ich glaube, ein Typ wurde von einem Pferd getreten. Über 1000 Seiten und das ist ALLES, woran ich mich erinnere. Krabat, stimmt ja, auch mal gelesen, irgendwas mit… Krähen in einer Mühle? Ich erinnere mich an die Farbe Schwarz. Toll. Also: Es ist lästig, es ist zäh, aber hast du dein »Best of Sätze aus Buch X« in eine Datei getippt, kannst du hin und wieder reinschauen und es sei, als hättest du das Buch gerade erst beiseite gelegt. Special Feature: Du kannst die Klebedinger wiederverwenden! Geil.

Selbst wenn ein Buch einfach schlecht ist. Selbst wenn der Autor kurz vor knapp noch eben das Finale verkackt. Wie wir von Daniel Kahneman (ein Buchtipp zu Schnelles Denken, langsames Denken folgt demnächst) wissen, werden wir besonders dann, wenn das Ende mies ist, das ganze Buch schlecht in Erinnerung behalten. Oft tun wir vielen »guten Stellen« damit Unrecht, denn die sind es doch, die das Lesen ausmachen: findige Beobachtungen, gute Argumente oder einfach Gedanken, die man selbst nie so hätte auf den Punkt bringen können.

 

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