Philosophie

Theoretische vs. Praktische Philosophie

Zwei Fragen, um zu zeigen, was Theoretische und Praktische Philosophie unterscheidet, sind etwa: Was soll ich tun? Was kann ich wissen?

„Wissen hält sich keinesfalls besser als Fisch“, schrieb einmal Alfred Whitehead. Das ist derselbe Mann, über die Philosophie in Europa bemerkte, sie sei nichts weiter als eine Reihe von Fußnoten zu Platon. Wenn ich also den Unterschied zwischen Theoretischer und Praktischer Philosophie erkläre, dann soll der berühmte Grieche zumindest am Rande erwähnt werden. Zu seiner Zeit, im 5. Jahrhundert vor Christus, da behandelte er die Philosophie als Ganzes. Seine Idee des Guten, ein zentrales Element in Platons Ideenlehre, ist zum Beispiel Ursache und Auslöser sowohl von allem Seienden als auch allem Handeln. Mit dem Sein und dem Handeln haben wir schon zwei Begriffe, an denen wir eine Einteilung der Philosophie festmachen können.

Wer hat die Philosophie erstmal eingeteilt?

Angefangen mit einer solchen Einteilung hat Aristoteles, der Dritte im Bunde der größten Philosophen der griechischen Antike. Vor Platon war da Sokrates. Der philosophierte im direkten Austausch, stellte viele Fragen und ging damit manchen Zeitgenossen mächtig auf die Nerven. Platons Gedankengut hingegen ist uns in Schriftwerken erhalten, inklusive des Gedankenguts von Sokrates – der ja soweit wir wissen nur geredet hat. Deshalb besteht ein Großteil von Platons Werken aus Dialogen, die Sokrates führte und Platon, sein Schüler, festhielt. Der Schüler Platons wiederum, Aristoteles, fing also an, die Philosophie einzuteilen. Otfried Höffe, Herausgeber eines Lesebuchs über Aristoteles’ Hauptwerke, nennt ihn einen „der wichtigsten Lehrer der Menschheit“. Heutzutage, da allein der Wikipedia-Eintrag über „Nichts“ neun DIN-A4 Druckpapier vollklatscht, ist es kaum vorstellbar, das eine einzelne Person der Wegbereiter fast eines jeden relevanten Wissensbereich seiner Zeit war.

Aristoteles hat sich für alles interessiert: Biologie, Politik, Rhetorik, das Wetter. In Athen war er ein Ausländer ohne Bürgerrechte, deshalb wurde er zu Lebzeiten weniger zur Kenntnis genommen, als Platon, der aus angesehenem Hause kam. Doch rückblickend ist Aristoteles’ Einfluss auf seine Nachwelt kaum zu überschätzen. Das gilt auch für die Philosophie. Der wissenschaftliche Anspruch, mit dem Aristoteles jedweden Gegenstand seines Interesses auseinandernahm, machte es nötig, zu differenzieren. Was stellt man sich unter Wissenschaftler anderes vor, als jemanden mit einem Skalpell, der etwas aufschlitzt, in Scheibchen schneidet, unter die Lupe legt?

Die Unterteilung der Philosophie durch Aristoteles, hat sich – über viele andere Denker und Schulen und Jahrhunderte hinweg – wacker gehalten und ist noch heute maßgebend, die Unterteilung in: Theoretische und Praktische Philosophie.

Worin liegt der Unterschied?

Die Theoretische Philosophie fragt Dinge wie: Was ist das Sein? Ist die Welt alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, oder noch mehr? Woher kommt unser Wissen? Es geht um Erkenntnisse. Ziel ist es, die Welt besser zu verstehen – und um dorthin zu gelangen lässt sich die Theoretische Philosophie weiter unterteilen, in Disziplinen, die je eigene Themen behandeln. Zum Beispiel:

  • Metaphysik: Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nichts?
  • Erkenntnistheorie: Was können wir überhaupt wissen und woher?
  • Sprachphilosophie: Besteht unser Wissen nur aus Begriffen und nichts dahinter?

Die Praktische Philosophie fragt Dinge wie: Wie soll ich handeln? Was ist Freiheit und was haben die Anderen damit zu tun? Es geht um praktisches Handeln. Nicht „praktisch“ im Sinne von „praktisches Taschenmesser“, sondern menschliche Praxis als Gegenstand, auf den Philosophen ihren Fokus richten – mit dem Ziel, die menschliche Praxis zu untersuchen, zu verstehen, zu verbessern. Die Praktische Philosophie will mehr sein als eine deskriptive Wissenschaft, die Zustände beschreibt, nämlich eine normative, die unserem Handeln den Weg weist. Auch die Praktische Philosophie unterteilt sich in weitere Disziplinen, als da wären:

  • Ethik: Kerndisziplin der Praktischen Philosophie, fragt etwa, was moralisch ist?
  • Rechtsphilosophie: Was ist Recht und was hat es mit Gerechtigkeit zu tun?
  • Politische Philosophie: Wie rechtfertigt sich Staatsgewalt und wird das noch was, mit dem Frieden?

Aussicht auf Antworten?

Beide Teilbereiche der Philosophie sind hier allenfalls angerissen. Sie füllen nicht umsonst Bibliotheken, die in keinem Menschenleben durchzulesen sind – wohl aber von künstlicher Intelligenz. Für mich ist das eine der spannendsten Fragen der Zukunft:

Könnte es künstlicher Intelligenz gelingen, in den menschlichen Erkenntnissen der letzten Jahrtausende Antworten zu finden, die zu tief vergraben oder zu weit verstreut sind für unsere eigene Lebensspanne? Antworten also auf Fragen der Theoretischen Philosophie – warum es uns oder überhaupt etwas gibt? – und auf Fragen der Praktischen Philosophie – nämlich wie wir handeln sollen? Ob künstliche Intelligenz dabei unsere Vorstellungen von Moral oder Gerechtigkeit über den Haufen wirft und das Recht des Stärkeren proklamiert, der Roboter womöglich? Mag sein. Oder Gerechtigkeit ist keine ganz so komplexe Angelegenheit, als wie sie einem von Gier, Geiz und Geltungssucht vernebelten Menschentum erscheint. Wir werden sehen.

Apropos sehen. Den Blogbeitrag als Video gibt’s hier:

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