Musik

theAngelcy im Druckluft, Oberhausen | Konzert 2016 | Bericht

Zuletzt aktualisiert am 7. Juni 2018 um 10:43

Die Erwartungen pendelten sich um den Nullpunkt ein, als wir kurz nach 20 Uhr (Einlasszeit, angeblich) an die Tür klopften und uns niemand öffnete. Das Gebäude sah von außen auch eher nach Bruchbude als Veranstaltungsort aus. Das Druckluft. Und hier sollte gleich ein Konzert steigen? Nicht, dass wir von der israelischen Band theAngelcy hier im Ruhrpott einen allzu hohen Bekanntheitsgrad erwartet hätten. Aber so gar nirgendwer?

Sechs Engel in Oberhausen

Bin vorher noch nie im Druckluft in Oberhausen gewesen. Keine Ahnung, was ich mir darunter vorgestellt hatte. Die vagen Vorstellungen sind von konkreten Eindrücken mal wieder vollends verdrängt worden. Ein wenig überrascht hat mich der kleine, kalte, mit knalligen Stickern und antifaschistischen Sprüchen tapezierte Bau schon. »Aktionismus!«, schallte es von allen Wänden, zuweilen mit einer fetten Portion Wut, gar einer Note Hass, das Feinbild Nazi inbrünstig angeprangert. Ich weiß nicht, wie viele oder welche Gruppierungen hinter den Stickern stehen, aber sie scheinen mir viel Zeit mit der Produktion und Verbreitung von Aufklebern zu verbringen. Darunter »Refugees welcome«, natürlich. Bring your families. Queer-Magazine auf dem Fenstersims, nebst Schwulissimo-Ausgaben. Gehäuft Begriffe und Kürzel mit Sternchen: Trans*, Inter*, LSBTI*. Habe nach Kleingedrucktem gesucht, einer Erläuterung, einem Sternchen-Verweis. Dumme Angewohnheit, soll man das Sternchen doch lesen, wie ein Computer es lesen würde: Ersetze Sternchen durch »alles Mögliche«, danke.

Ein Typ und dem sein Kumpel

Ein Typ trug einen schwarzen Pulli mit »Malt Whiskey«-Aufdruck im Walt-Disney-Schriftbild. Amüsant. Ein anderer einen Jutebeutel als Rucksack. Insgesamt waren es vielleicht zwei Dutzend Menschen, im Vorraum, durch den die Gesprächs-Schnipsel schwirrten: Deutsch, Englisch und mir unbekannte Sprachen. Es waren viele Eindrücke, die man im Druckluft sammeln konnte, in der Dreiviertelstunde zwischen offiziellem Beginn (21 Uhr, nachdem irgendwann doch Menschen auftauchen) und tatsächlichem Auftakt dem Konzert von theAngelcy am Samstag, 5. März 2016. Es gab auch eine Vorband, wovon ich erst am selben Abend erfuhr. Die belgische Indie-Pop-Band Douglas Firs, hier zu hören:

Ein Typ an der Klampfe, sein Kumpel am Keyboard, zwischen Boxen, die irgendwie falsch eingestellt waren und penetrant surrten. Ein Störgeräusch, das ob seiner Monotonie von meinem Hirn ausgeblendet oder schlicht in den Schatten gestellt wurde, von der Musik, die mir wirklich gefiel. Douglas sang sich die Halsschlagadern dick, den Kopf rot, und ließ uns im Druckluft mit dem Gefühl zurück, einem Musiker gelauscht zu haben, dessen Fährten zu folgen sich lohnen könnte.

Nachtrag: …und deshalb reiche ich hier mal Douglas Firs‘ neues Album Hinges of Luck (2017) nach. Enjoy:

Die Agentur der Engel

Nach seinem Gig gings für ihn direkt zurück in die Heimat, zu einem Termin mit dem belgischen Frühstücksfernsehen. Für uns – die inzwischen knapp 30 Leute im Druckluft – folgte die Band, für die wir angereist waren. Ja, angereist. Alle. Denn offensichtlich kam (bis auf zwei Persönchen, von denen eine der Barkeeper war) keiner der Zuschauer aus Oberhausen (Quelle: Umfrage des Frontsängers). Im familiär-intimen Halbkreis standen wir vor der Band. Also, wer trat da auf?

theAngelcy, die Agentur der Engel. Oder Engelagentur? Oder vielmehr: Engeltur? Schrecklich kitschiges Wortspiel. Oder einfach schön? Ganz witzig? Zyniker und Romantiker streiten sich auf meinen Schultern. Doch wozu sich mit Nichtigkeiten aufhalten? Der Name steht – und er wird stehen, auf Plakaten, Kultur-, ach was: Titelseiten! In Zeitungen, Magazinen, Blogs und Eventkalendern werden wir über diesen Bandnamen stolpern, sollte die fidele Gruppe nicht zerbröseln, bevor sie richtig durchstartet (wenn sie das überhaupt planen). Anyway:

Was hörten wir da, im Druckluft?

Sechs Musiker und mehr Instrumente, als ich benennen kann. Mir bekannt: Schlagzeug – doppeltbesetzt! – Gitarre, Kontrabass, Violine, Querflöte, noch mehr Flöten, lauter kleine Sachen die ganz bestimmte Geräusche von sich gegeben haben, wenn man sie nah am Mikrofon streichelt, schlägt, dagegen klopft… und vieles mehr. Kurzum: Das Sixtett konnte man getrost als kleines Orchester bezeichnen. Was hat dieses Orchester für Musik gemacht?, fragen wir uns, die Schubladenliebhaber, war das Folk? Oder Jazz? Eine Mischung? Oder ist das jetzt Klezmer?

Wozu Genres beschwören, wenn man mit Adjektiven um sich werfen kann? Ist ja keine Journalistenschule hier, also bitte: Es war lebhaft, verspielt, abwechslungsreich, die Musiker*innen – jede*r Einzelne! – eine Virtuose… oha, sollte ich diesen Text überhaupt genderneutral schreiben? Frontmann Rotem Bar Or, als er das Publikum für eine Hintergrundgesangseinlage in Jungen und Mädchen aufteilte: »We know, it’s 2016… there are no genders anymore…« – Yes!

We are a natural disaster,
Shake, mama, shake your head.
We are a natural disaster,
lost all hope to ever understand
the powers in command here.

Lyrics aus: My Baby Boy

Singen, kaufen, sterben

theAngelcy ist eine israelische Band. Das Druckluft in Oberhausen war die letzte Station auf ihrer Deutschlandtour. CDs gab’s keine mehr, nach dem Konzert. Aber im Internet: »Buy our CD, it will make you happy«, so Rotem. »For a few moments«, ergänzt der Flötist Uri Marom. »Then you’ll buy something else. Then again, then again. Then you die, that’s basically it.« Ich würde ja gerne einen Ausschnitt von diesem großartigen Konzert einbetten, einen YouTube-Schnipsel – aber tatsächlich hat kein Mensch auf dem Konzert im Druckluft sein Smartphone hochgehalten. Na toll.

Derweil sagt die Band höchstselbst: »Tschüss!«

Going home now.. Was a great run Germany #theAngelcy#tour Bye 💗

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