Aktuelles Musik

SpokenWordClub on Tour – Aachen

Kaum bin ich nach Aachen gezogen, geht der SpokenWordClub (SWC) auf Tour und kommt nach – Aachen. Gestern heizte die „bunteste Revue Show Deutschlands“ dem Publikum in der Couvenhalle ein. Ich durfte als Kameramann mit dabei sein. Wie war’s?

Geheimtipp im Superlativ

Erstmal was klären. Ist es frech, wenn eine Lokalperle wie der SWC mit dem Superlativ an den Start geht? Er stammt aus Köln, hat dort seine treueste Fan Base – und ja, die Hirne hinterm Vorhang hegen durchaus Großmacht-Fantasien. Für 2018 haben sie deftige Pläne, doch noch genießt die „bunteste Revue Show Deutschlands“ jenseits der Narrenhauptstadt eher Geheimtipp-Charakter. Der Boxenstopp in Aachen fiel schonmal doppelt so fett aus, wie der in Wuppertal 2017 – doch noch ist Luft nach oben, daran lassen die Ambitionen der Veranstalter und Moderatoren keinen Zweifel. Denn was sie mitbringen, an Programm und Esprit, das ist für größere Bühnen bestimmt. Also, worum geht’s?

Zu Ehren des gesprochenen Wortes

Der SWC – ein Club zu Ehren des gesprochenen Wortes – vereint verschiedene Künste auf der Bühne: Poetry-Slammer, Comedians und Live-Musiker geben sich die Klinke in die Hand. Dazwischen flirtet ein kongeniales Moderatorenduo mit dem Publikum: Jesse (nebenbei und hauptberuflich Schauspieler, hobbymäßig Zauberer) und Norman (Moderator Schrägstrich Schauspieler). Beide 100 Prozent Rampensau, gut gelaunt und im amüsanten Dauerzwist, wie sich das für zwei Herren im Ringen um die Gunst der Zuschauer gehört. Musikalisch begleitet wird das Gesamtkunstwerk mal von einer Showband, mal (wie gestern) von einem DJ: In der Couvenhalle legte Illthinker auf, gab dem Abend einen stimmigen Rahmen.

Den Auftakt machte David Grashoff, der – halb Slam, halb StandUp – aus dem Leben eines in die Jahre gekommenen Nerds berichtete. Wie ist das so, wenn man immer noch gerne zockt und feuchte Star-Wars-Träume träumt, obwohl man schon ein Kind in der Pubertät hat? Die Antwort: Angenehm schizophren. Mit einem Korb voll Themen (Nerdliebe, Nougatschnurrbart, erstes Mal und vieles mehr) brauchte Grashoff keine Vorband, um das Publikum heiß zu machen. Der Altersdurchschnitt war übrigens viel gemischter, als ich erwartet hätte. Geworben wurde für die Veranstaltung unter anderem in der WDR Lokalzeit, habe nachträglich erfahren, dass das durchschnittliche (!) Alter von WDR-Zuschauer bei 64 liegen soll. Gemessen daran haben sich gestern nur die jungen Hüpfer eingefunden, aber von 20 bis 50 Jahre war alles dabei. Grashoff kam gut drauf klar – und Chantal?

Chantal Trüdinger feierte in Aachen ihren erst sechsten Standup-Auftritt. Ich, der ich mich oft und gerne hinter einer Kamera verstecke, kriege prinzipiell weiche Knie bei dem Gedanken, vor einer Menge von mehr als drei Leuten zu sprechen. Dazu braucht es eine bestimmte Art von Selbstvertrauen, das mir noch abgeht – aber Trüdinger brachte es mit. Sie ist jemand, die sicher ihre Erfahrungen mit Vorurteilen gemacht hat, wie jede/r, der oder die irgendwie auffällt. Als wasserstoffblonde Dame mit markanten Maßen und einem Style, der nicht gerade „Graue Maus“ schreit, tut Trüdinger das. Erst recht in Marokko, muss man annehmen. Dort hat sie die vergangenen sechs Jahre verbracht und somit aus einer ungewöhnlichen Perspektive berichtet: Als Rückkehrerin ins Heimatland („das, was die Merkel sich wünscht für 1,5 Millionen Menschen“), hat Trüdinger ein paar Anekdoten von ihrer Neuentdeckung Deutschlands erzählt.

Highlight: Lucie Licht

Danach war Musik an der Reihe, Lucie Licht strahlte von der Bühne ihr Charisma aus. Muss zugeben: Ich kannte die Band nicht. Und ich kenne auch heute nur einen Teil von ihr. Sonst wohl zu sechst, traten sie in Aachen nur zu zweit auf. Als dritter Mann am Kachon (oder Cajón?) sprang Jakob ein, das musikalische Allround-Talent aus der SWC-Showband. So provisorisch die Zusammensetzung gewesen sein mag: Magie war da, sofort. Deutsche Musik, ehrlich gesagt, höre ich nur, um mein Gehirn zu kneten, wenn grad Nobrainer-Aufgaben anstehen. Aber dann KIZ oder SXTN, oder so ne Sachen, nix, wofür man in der Spotify-„Freunde hören“-Sparte stolz ist. Deutsche Musik ist selbst schuld, genauer: deutscher Pop. Als Böhmermann letztens (oder inzwischen: damals) den deutschen Pop bei den Eiern aus Stahl gepackt hat (?), da fühlte ich mir schon ziemlich aus dem Herzen gesprochen Zu mainstreamig, das ganze Radiogedudel, ja, bla, aber aber:

Lucie Licht war große Klasse! Schwungvoller Sound, eine tolle Ausstrahlung (das, wofür man am wenigstens was kann – außer dem Schicksal danken, weil es einfach die wichtigste Zutat ist) und nicht zu vergessen: Starke Texte! Warum und wieso die Zeilen begeistern, das müsste in Zukunft noch näher untersucht werden. Erstmal bleibt festzuhalten: Ich hab endlich wieder eine deutsche Band gefunden, die ich gerne bei Nobrainer-Sachen höre, und sie ist jugendfrei. Fuck yeah!

Abschließend: Dominic Mazucco, der herrlich persönliche Liebeserklärungen zum Besten gegeben hat, an eine nichtanwesende Freundin, von der alle Anwesenden am Ende ein Bild vor Augen hatten. Das war erfrischend ungeschliffen, keine krasse Poesie und kein Heischen um Lacher. Einfach Mazucco being Mazucco. Im finalen Akt enterte Pu die Bühne. Den kennt man wohl, von RebellComedy (wenn man nicht so ein Hinterwäldler ist, wie ich einer bin, der selbst RebellComedy erstmal googeln musste, um sich dann mal wieder sehr alt zu fühlen, und not-up-to-date). Von der ersten Sekunde an, jedenfalls, hatte Pu das Publikum in seiner Hand. Hammer, wie lässiglocker dieser Typ Anekdoten abliefert. Hat mir die Filmaufnahmen aus der Schulterkamera zwar versaut, weil sich Ablachen und Stillhalten so schlecht verträgt, aber hey, das war’s wert.

Das nächste Mal hat der SpokenWordClub erstmal wieder ein Heimspiel: am 16. Februar steigt das Event im Club Bahnhof Ehrenfeld!

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