Film Interview

Regisseur Marc Schießer im Interview – Teil I

Zum Jahreswechsel 2011/12 habe ich mit dem Filmemacher Marc Schießer aus Wuppertal mal ’n Bierchen getrunken, via Skype (Köln–Wuppertal, das ist ne Weltreise in Zeiten des Internets). Schnacken wie die Waschweiber, das können wir, wenn es um Filme geht – und um Filme ging es. Aktuell in der Postproduktion zu seinem neusten Kurzfilm, hat Marc auf meine Fragen hin mal Revue passieren lassen, wie sein Filmschaffen angefangen hat.

Regisseur Marc Schießer in Wiesbaden

David Johann Lensing: Du steckst seit Wochen in der Postproduktion zu deinem aktuellen Filmprojekt. Was hast du zuletzt daran gemacht?

Marc Schießer: Mir das Ganze immer wieder angeschaut und kleinste Details ausgemerzt, die mir noch aufgefallen sind. Dabei versuche ich, mir den Film mit den Augen eines Betrachters anzuschauen, der das Ergebnis noch nicht kennt – was schwierig bis unmöglich ist. Zurzeit halte ich mich eigentlich mit Kleinigkeiten auf, wie zum Beispiel das Austauschen einzelnen Wörter aus diversen Lieblingstakes, sprich: Wenn mir einzelne Betonungen in der fertigen Tonspur nicht gefallen, schneide ich sie aus einem besseren Take heraus und tausche die Wörter oder Silben. Solch ein Fetischkram hält mich gerade beschäftigt.

Du hast also noch nicht versucht, eine gewisse Distanz zu deinem Film zu gewinnen?

Marc Schießer: Na ja, ich habe mir den Film die letzten vier Tage nicht geschlossen am Stück angeschaut und bin gespannt, wie es wirkt, wenn ich ihn mir jetzt wieder ansehe. Wird sich zeigen, ob die Abstinenz zu einem objektiveren Blick führt.

Unbedingt was mit ’ner Knarre

Spulen wir von der Gegenwart erst einmal weit zurück. Das erste, was ich nach eifriger Internet-Stalkerei über Marc Schießer gefunden habe, war eine rege Forendiskussion über dessen Film Drei Bengel für Bali – war das Dein Erster?

Marc Schießer: Nein. Das war das dritte oder vierte Filmprojekt, das ich umgesetzt habe. Davor gab’s sogar schon einen Film, der auf Festivals lief. Die Geschichte deines Lebens hieß der. Darin geht’s um einen Typen, der gerade auf dem Heimweg ist und sich schon irrsinnig auf die Lasagne freut, die er gleich zu Abend essen wird – er stellt sich vor dem inneren Auge vor, wie er das Ding aus dem Kühlschrank nehmen und genießen will – da geht er durch eine Unterführung und wird vor einer Leuchtreklame plötzlich hinterrücks niedergeschlagen.

Ehe er sich versieht, steht ein Typ mit einer Knarre vor ihm – ich war 16 Jahre alt und wollte unbedingt was mit ’ner Knarre machen – und dieser Typ sagt: Erzähl mir eine Geschichte, die mich unterhält, sonst erschieß ich Dich. Also überlegt der Protagonist, was er erzählen könnte, geht seine Gedanken durch und kommt zu dem Schluss, dass er noch nichts erlebt hat, das spannend genug wäre, um davon zu erzählen. Das sagt er dem Typ auch und dieser drückt ab: Peng, Platzpatronen! Es bestand also nie eine echte Gefahr.

Am Ende geht der Typ ein bisschen desillusioniert durch die Gegend… diesen Film habe ich im Rahmen eines Praktikums beim Medienprojekt Wuppertal gemacht – vor Drei Engel für Bali. Und der lief dann auch auf ein paar Festivals. Das war so das erste, halbwegs guckbare Ding.

Erst „Zweifel“, dann „Schmerz“

Als Filmemacher in Wuppertal kommt man am Medienprojekt wohl nicht vorbei. War das deine erste Begegnung mit dieser Institution?

Marc Schießer: Die veranstalten jedes Jahr diese „No Clip“-Aktion, an der du dich 2011 mit Käfighaltung ja auch beteiligt hast. Bei dieser Aktion habe ich schon als Schüler mitgemacht, im Alter von 14 Jahren. Davor habe ich halt nur mit Freunden aus Jux und Dollerei ein bisschen gedreht, mit einer Hi8-Kamera, in der wir auch direkt geschnitten haben. Sowas halt. Mein erster „No Clip“ war zum Thema „Zweifel“, am Jahr darauf habe ich direkt wieder mitgemacht und einen Dreiminütiger zum Thema „Schmerz“ gedreht. Danach kam erst das Praktikum. 14 Tage und „Die Geschichte meines Lebens“. Das waren so die Anfänge.

Ich springe ins Jahr 2009. Wir haben uns beim 24-Stunden-Filmfestival Manifest, wieder initiiert vom Medienprojekt, kennengelernt. Damals hast du von deinem Kurzfilm Mit offenen Augen erzählt, den Du zuvor gemacht hattest. Der lief sogar in Ludwigsburg, richtig?

Marc Schießer: Japp, das war ein kurzer Horrorfilm mit Flashback-Struktur, wie so oft, aber ein total straightes Ding. Geht über zwei Typen, die sich in einem Keller streiten. Das Drehbuch hatte ich damals aus Spaß geschrieben, fürs private Ideenarchiv. Dann kam es so, dass wir im Literaturkurs in der Schule, Klasse 10 oder so, ein Filmprojekt machen sollten.

Unsere Gruppe hat sich natürlich erst ein mega aufwändiges Ding überlegt: 60 Minuten, hochkomplexe Story, gesellschaftskritische Themen und mit einer fetten Prügelei, in deren Choreographie und Ausarbeitung wir eigentlich all unsere Energie gesteckt haben. Sprich: Jeder Schlag, jede Bewegung war durchgeplant, aber sonst hatten wir nix. Irgendwann wurde die Zeit dann knapp und es war klar, dass wir’s so nicht hinbekommen würden – eine Woche vor Abgabeschluss.

Marc Schießer plötzlich auf Platz 2

Also haben wir besagtes Drehbuch aus dem Archiv genommen und die radikale Kurzplanvariante gemacht: Ein Tag lang gedreht, in derselben Nacht geschnitten und am nächsten Tag abgegeben. Das Ergebnis habe ich dann auch beim Medienprojekt Wuppertal gezeigt und die haben sich die Mühe gemacht, es über den Festivalverteiler rauszuschicken. Und plötzlich: Platz 2 auf dem Bundesfestival Video in Ludwigsburg! (hier geht es zum damaligen Festivalkatalog) Ich war total perplex, weil das Ding ja so super schnell gedreht wurde und aus dem großen Epos nix geworden ist.

Nachtrag: Der Deutsche Jugendvideopreis, den Marc Schießer gewonnen hat, heißt heute Deutscher Jugendfilmpreis. Hier geht’s zur Historie des entsprechenden Festivals.

Als die mich vom Festival angerufen haben, ob ich kommen könnte, habe ich erstmal abgesagt, weil an genau dem Wochenende der Abiball anstand. Als die dann aber meinten, es würde sich wirklich lohnen, zu kommen, lief’s so: Ich bin zur Verleihung gefahren, habe mir praktisch nur den Preis abgeholt, und bin danach direkt weiter zum Abiball. Schon witzig, dass zuweilen die Sachen, die man selbst gar nicht so schätzt, weil man eben nicht allzu viel Herzblut und Arbeit reingesteckt hat, irgendwo gezeigt werden und dann auch noch gutes Feedback bekommen. Da denkt man sich doch: „Warum ausgerechnet der!?“

Inzwischen mischt Du beim Medienprojekt auch organisatorisch mit?

Marc Schießer: Ja, seit 2009 sogar schon. Bot sich an, auch wegen des Praktikums, das ich da schon gemacht habe. Jetzt läuft das quasi als Nebenjob. Ich betreute da Jugendgruppen, kümmere mich um die Kameras, Materialwartung, Kontrolle der Leihgaben und derlei. Weil wir viel Equipment haben, das Tag für Tag durch viele Hände geht, müssen da viele Augen drüber schauen. Daneben mache ich noch medienpädagogische Sachen – zum Beispiel Jugendgruppen anleiten und ihnen Kameras und Schnittplätze erklären.

Weg mit der Kamera

Dein großes Interesse als Filmemacher gebührt ja der Regie. Gibst Du die Kamera im Zuge dessen denn gerne aus der Hand, oder willst Du trotzdem auch die technische Kontrolle bewahren?

Marc Schießer: Bloß nicht! Am Anfang hab ich die Kamera immer noch selbst geführt. Bis AusSetzer. Aber das würde ich nie wieder machen wollen, nicht bei Projekten, bei denen ich bewusst Regie führen möchte, weil das einfach viel zu viel von der Konzentration wegnimmt. Es kostet Energie, wenn man neben der Beurteilung von Performance und Licht auch noch schauen muss, ob die Schärfe stimmt und so.

Was nicht heißen soll, es würde mir keinen Spaß machen, mit Kameras zu arbeiten. Zuletzt habe ich mit der Canon 60D viel selbst gedreht, im Rahmen eines HipHop-Workshops. Da ging’s darum, 30 Videos in 10 Tagen zu machen – mit Jugendlichen, die ein bisschen kompliziert sind. Das war eine klasse Erfahrung, zumal ich erstmals richtig die DSLR-Technik ausprobieren konnte, die mir vom Handling und Look viel besser gefällt, als das Arbeiten mit herkömmlichen Camcordern.

Aber wie gesagt – die Kamera nehme ich nur noch bei Sachen in die Hand, bei denen ich nicht selbst Regie führe. Bei AusSetzer habe ich zum ersten Mal mit einem Kameramann gearbeitet.

Ein konkreter Bewerbungsfilm?

Marc Schießer: Ja. Ein 10-minütiger Streifen über einen Hangover. Für die Filmschule hat’s offenbar nicht gereicht, trotzdem wurde er wieder auf dem Festival in Ludwigsburg gezeigt.

Highlight Partyschiff

Welche Festivals haben dir bis dato am besten gefallen?

Marc Schießer: Auf so vielen war ich noch gar nicht. Mit dir bin ich in Rostock und Wiesbaden gewesen. Dann wurde Schlagbohrer ja außerdem auf einem Queer-Filmfestival gezeigt, auf dem ich aber nicht gewesen bin. Wunderte mich nur, dass unser Kurzfilm so ernst genommen wird. Wie beschrieb die DIE ZEIT-Redakteurin in Rostock Schlagbohrer noch gleich? „Michael Haneke trifft Schwulenwitz“ oder so – für ein DVD-Cover nicht die schlechteste Headline. Das FiSH-Festival war auch jeden Fall das Highlight: Die Location, die Filme, das Partyschiff, die Podiumsdiskussion – hat mir echt gut gefallen.

Als wir in Wiesbaden bei der Werkstatt der Jungen Filmszene waren, sprachst du noch von einem Vampirfilm als nächstes Projekt. Stattdessen hast Du Die Dinge die waren gemacht. Wie kam’s?

Marc Schießer: Vampire sind halt rasend schnell uncool geworden. Irgendwann nach Wir sind die Nacht und Twilight 2 war’s wohl offiziell, da konnte man nicht ernsthaft einen Film machen, in dem ein Vampir die Pointe ist. Nicht schon wieder… hätten alle nur gesagt. Stattdessen habe ich zwischen den Auftragsarbeiten, den Musikvideos, an einer anderen Sache geschrieben.

Trotzdem standen eine ganze Weile erstmal die Auftragsarbeiten im Vordergrund, die ich schon mit Herzblut und soweit möglich einer eigenen Handschrift umsetzen wollte. Es bleibt zwar ein Auftrag und irgendwie nicht Dein Eigen, zumal die komplette Tonspur von einem anderen Künstler ist, trotzdem arbeite ich bei den Musikvideoproduktionen nicht auf Sparflamme. Im Gegenteil: Wir versuchen, möglichst gute, originelle Bilder zu finden, um den Song zu visualisieren.

Offen für Neues

Du machst Videos für Künstler aus der Rap-Szene. Schwierig, da nicht in Klischees zu versinken. Solche Musikvideos fokussieren doch meist auf die Rapper, deren Gesten…

Marc Schießer: …deren Karren, deren Bitches, deren Ketten… ja. Aber viele von den Leuten, mit denen ich da zusammengearbeitet habe, ließen mir schon viele Freiheiten und waren offen für Neues. Vielleicht auch, weil sie selber einfach keine Ideen hatten. Natürlich muss man die Musiker manchmal trotzdem regelrecht überreden, mal was auszuprobieren, was Anderes zu wagen und so.

Ich würde gerne mal ein Musikvideo drehen, in dem der Rapper selbst gar nicht auftritt – aber das geht in dieser Musikrichtung kaum.  Kenne da auch keine Referenzvideos von bekannten Leuten, in denen der Rapper nicht persönlich auftaucht. In anderen Musikzweigen gibt’s davon wiederum haufenweise. Na ja, obwohl ich bis jetzt Jeden gefragt habe, ließ sich sowas noch nicht realisieren. Zuletzt habe ich Tantalusqualen gemacht.

Musikvideos sind vor allem deshalb super, weil man sich technisch ausprobieren kann, was das Arbeiten mit Stimmungen und zuweilen sogar Erzähltechniken angeht. Da habe ich, learning by doing, schon viel lernen können – zumal man die Tricks und Kniffe dann natürlich auch auf die eigenen Projekte anwenden kann, wie jetzt eben in Die Dinge die waren.

Mehr über das aktuelle Projekt in Teil II des Interviews.

 

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