Film

IL SORPASSO / VERLIEBT IN SCHARFE KURVEN | Film 1962 | Kritik

Zwei grundverschiedene Typen und ne alte Karre, unterwegs im Italien der schwarzweißen 60er Jahre. Während das Italien der zuweilen nicht weniger schwarzweißen Gegenwart gerade politisch den Rückwärtsgang einlegt, richtet wir unseren Blick aufs Kultkino von damals, als die große Nation der Zukunft noch voller Zuversicht entgegen steuerte. Dieses Gefühl fing Dino Risis Il sorpasso / Verliebt in scharfe Kurven beispiellos leicht ein. Der italienische Home-Video-Verleih CG Entertainment hat den Klassiker Anfang dieses Jahres in restaurierter Fassung herausgebracht.

Gastbeitrag von Markus Hurnik

Hinweis: Liebe Leser*innen, dieser Beitrag enthält keine Spoiler.

Italien auf der Überholspur

Wie bitte? Ein Film von 1962?  Schwarzweiß?! Und dann auch noch aus Italien? So, oder so ähnlich reagieren heutzutage gerne jüngere Kinofans, für die der letzte Avengers die Messlatte darstellt. Dagegen ist ja nichts auszusetzen, das ist der Zeitgeist. Doch auch der alte Film und gerade der italienische hat Perlen zu bieten, die man nicht vergessen sollte. Hierzu zählt Il sorpasso / Verliebt in scharfe Kurven.

Wer auf Roadtrips steht und gerne eine amerikanische Version betrachten will, sollte sich Easy Rider nicht entgehen lassen. Beide Filme haben damals die Nutzung von Pop Songs als Film-Soundtrack (weiter unten zum Reinhören!) etabliert, was zu dieser Zeit eher ungewöhnlich war.

Jean-Louis Trintignant und Mila Stanic in Verliebt in scharfe Kurven. | Bild: Il sorpasso
Jean-Louis Trintignant und Mila Stanic in Verliebt in scharfe Kurven. | Bild: Il sorpasso

Mit einem Unbekannten auf Reise gehen…

Sollte sich die Leser*innen gerade in ihrer Sturm und Drang Zeit befinden oder dieser hinterher trauern, stellt Il sorpasso / Verliebt in scharfe Kurven das perfekte Werk dar. Der junge Jurastudent Roberto (der Schauspieler Jean-Louis Trintignant studierte wirklich einmal Jura! ) wird von einem ihm Unbekannten (Vittorio Gassman) zu einem Roadtrip in einem leicht runtergekommenen Aurelia (der italienische Sportwagen der 60er Jahre) überredet. Beide finden auf der Tour Antworten auf die Fragen, die sie in ihrem aktuellen Lebensmoment beschäftigen, aber auch Abgründe.

Die Tragik im Schönen

Doch jeder schöne Moment entpuppt sich häufig gleichzeitig als tragisch und ist selten so vollkommen wie er eigentlich scheint – das macht die Tragikomödie perfekt. Die Liebe, die beide suchen, ist nie so erfüllend wie die beiden Protagonisten es glauben. Der Eine jagt ihr ein Leben lang sehr italienisch hinterher und der Andere ist dabei, sie erst zu finden. Dabei sind beide gänzlich verschieden, aber gerade diese Verschiedenheit verbindet die Charaktere. Bruno als scheinbar lebenserfahrener Draufgänger und der schüchterne Roberto, der noch seinen Platz in der italienischen Gesellschaft finden muss.

Italien wird dabei gut in Szene gesetzt und man fühlt sich, als würde man das Abenteuer in den 1960ern selbst erleben. Dabei ist die Geschichte zeitlos und unpolitisch und man findet sich in der Toskana und Roms Umgebung wieder. Selbst die gesellschaftlichen Strukturen und Themen von Il sorpasso / Verliebt in scharfe Kurven sind bei uns bis heute immer wieder zu finden, so zum Beispiel ähnlich in französischen Filmen wie Ziemlich beste Freunde und Monsieur Claude und seine Töchter.

Nicht nur Futter für die Toskana-Fraktion

Der italienische Regisseur Dino Risi hat mit Il sorpasso (zu Deutsch: auf der Überholspur – zufällig so, wie sich Italien in den frühen 60er Jahren, zur Zeit des Wirtschaftswunders, fühlte) ein großartiges Werk geschaffen, das auch in der damals jungen Bundesrepublik sehr gut besprochen wurde. Kritisch muss man die deutsche Titelübersetzung Verliebt in scharfe Kurven betrachten, dessen Anmutung auch heute eine eher seichte Unterhaltung verspricht.

Der Soundtrack zum Film:

Doch diese Befürchtung wird nicht erfüllt. Auch wenn der Protagonist Bruno selbstverständlich nicht über alles erhaben ist und einen italienischen Frauenhelden darstellt, der vermutlich nicht mehr perfekt in das heutige Rollenbild passt, den es aber sicher immer noch gibt. Auf der anderen Seite ist da der schüchterne Student zu finden, der sich in keine maskulinen Rollenklischees einordnen lässt. Auch die Damen der Schöpfung verhalten sich in dem Film nicht wirklich als die hilflosen Schönheiten, die es zu erretten gilt. Auch Bruno wird dies erleben und durchaus in emanzipierte Kritik geraten und nicht als Held den Schauplatz verlassen.

Solltet Ihr dagegen das politischere Kino von Risi bevorzugen, könnt ihr euch Una vita difficile / Das Leben ist schwer anschauen, welcher deutlich weiter geht. Hier findet ihr Kritik am damaligen Wirtschaftswunder Italien und wie Korruption und Konsum die Gesellschaft schon damals im Griff hatten. Auch in dem Werk Nome del popolo italiano / Abend ohne Alibi von Risi finden sich damals hochbrisante politische Elemente wieder: Ein Film über Umweltverschmutzung, Justiz, Korruption und Industrielle, in welchem auch wieder Gassmann eine tragende Rolle spielt.

Dino Risi – Ein italienischer Filmdino

Betrachtet man die Werke Risis, wird man feststellen, dass er zu den Großen im italienischen Kino zählt. Er prägte ein Genre und hat Filme gemacht, die bekannte Remakes erhalten haben (siehe: Der Duft der Frauen). Seine Werke zu durchstöbern empfiehlt sich außerordentlich! Und auch wer Medizin studiert und der Verzweiflung nahe ist, kann an Risi (ehemals Medizinstudent!) erkennen, dass das Studium keine Endstation darstellt.

Il sorpasso / Verliebt in scharfe Kurven – eine Commedia all’italiana

Il sorpasso / Verliebt in scharfe Kurven gehört zur Commedia all’italiana, eine Genrebezeichnung. Das Genre betrachtet die italienische Gesellschaft satirisch und arbeitet sich an verkrusteten oder moralisch fragwürdigen Idealen ab. Gerne wird die Komödie mit einem Hauch Dramatik verknüpft, wie es auch in Il sorpasso / Verliebt in scharfe Kurven der Fall ist. Vittorio Gassman, der Bruno verkörpert stellt einen der späteren Leitfiguren des Genres dar, er verkörpert Italien mit all seinen damaligen Ecken und Kanten wie kein Anderer. So findet ihr ihn beispielsweise in I mostri (zu Deutsch: die Monster, ein Episodenfilm aus 1963) oder in The Tiger and the Pussycat (1967), beide ebenfalls von Dino Risi.

Also sofort mit Pizza und Espresso auf die Couch und italienisches Genrekino genießen!

Abschließend ein kleiner Einblick in das Meisterwerk, der einen guten Eindruck von der Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern vermittelt. Selbst dann, wenn man die Sprache (hier im italienischen Original) nicht versteht:


Zum Autor

Markus Hurnik (28), langjähriger Berliner und Vorortbewohner, den es beruflich inzwischen zunehmend in sächsische Gefilde verschlägt. Er hat in seinen frühen Jahren für die Verlagsgruppe Randomhouse Jugendbücher rezensiert. Anfang der 2000er kam er vermehrt ins Kino und wurde filmabhängig. Studiert hat Hurnik etwas vollkommen Kunstfernes, vis-à-vis der Filmstudios Babelsberg.

Stammkino: Cineplex Titania Palast, Berlin
Lieblingskinos: Programmkino Ost, Dresden Thalia, Potsdam
Lieblingsfilme (eine Auswahl): La Grande Bellezza, Metropolis, Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, Wall- E, Train to Busan

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