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HAUS DER STIMMEN mit Virginie Ledoyen | Film 2004 | Kritik, Review

Zuletzt aktualisiert am 24. Juli 2018 um 19:37

Der Titel nimmt das Genre schon vorweg: Es geht um ein Haunted-House-Movie, einen Gruselfilm über ein Spukhaus. Hauptdarstellerin Virginie Ledoyen ist jung, hübsch, schwanger, all das, was es braucht, um in unheimlicher Kulisse mit Geistern in Kontakt zu treten. Doch ist Haus der Stimmen wirklich so abgedroschen, wie es angesichts der Prämisse scheint?

Zum Inhalt: Im Jahr 1958 nimmt Anna Jurin (Virginie Ledoyen) einen Job als Haushälterin in dem Waisenhaus Saint Ange an. Es liegt, heruntergekommen und isoliert, in den Französischen Alpen. Die letzten Kinder werden gerade fortgeschickt, hinaus in die Welt entlassen, kurz nachdem ein Junge in dem Waisenhaus zu Tode gekommen ist. Vor Ort bleiben nur eine Köchin und eine Geisteskranke und Anna, die ihre Schwangerschaft nicht lange verheimlich kann.

Hinweis: Liebe Leser*innen, dieser Text enthält keine Spoiler. Aktuelle legale Streamingangebote gibt es bei JustWatch.

Schauspielerin Virginie Ledoyen in dem Horrorfilm Haus der Stimmen | Bild: Koch Media

Gruselige Kinder und so

Haus der Stimmen (im Original Saint Ange, international House of Voices) ist ein französisch-rumänischer Horrorfilm, geschrieben und inszeniert von Pascal Laugier. Es handelt sich um dessen Spielfilm-Debüt. In den Hauptrollen zu sehen sind Virginie Ledoyen (von 2000 bis 2005 eines der Gesichter von L’Oréal), Catriona MacColl, Lou Doillon und Dorina Lazăr. Größere Bekanntheit erreichte Regisseur Laugier vor allem durch seinen zweiten Streifen, aufgrund dessen beispielloser Brutalität: Martyrs (2008). Nach dessen Premiere sagte Laugier, interviewt von Ryan Turek, über sein Erstlingswerk:

Mein vorheriger Film, Haus der Stimmen, war komplett anders – viel cooler, ruhiger – sodass das Publikum ziemlich überrascht war.

Totale: Haus der Stimmen im Zusammenhang

Cineastischer Zusammenhang

Überrascht sei sein Publikum gewesen, damit meint Laugier wohl: Überrascht von der Härte des Nachfolgers, seines zweiten Films. Denn tatsächlich: Haus der Stimmen reicht nicht annähernd an den Blutzoll und die Schlagkraft von Martyrs heran. Wobei ein Gewaltexzess erstmal kein Qualitätsmerkmal ist. Originalität hingegen schon eher.

Mein erster Film, Saint Ange [Haus der Stimmen], bestand nur aus filmischen Referenzen, das bestreite ich nicht. Ich habe das Kino gefilmt, das ich liebe, statt mein eigenes zu erschaffen. Das war definitiv ein notwendiger Schritt. | Pascal Laugier im Interview (FilmBizNews)

Persönlicher Zusammenhang

Obwohl dank Martyrs schon eine ziemliche Marke im Horrorfilm-Genre, hat Regisseur Pascal Laugier nur knapp eine Handvoll Werke geschaffen. Bis dato (2018) sind es erst vier Spielfilme. Da kann ein Filmnerd mit closure issues schonmal auf die Idee kommen, das gesamte Œuvre dieses Filmemachers kennen zu wollen. So ging’s mir, nur deshalb hab ich mir Haus der Stimmen (über den ich sonst wohl kaum gestolpert wäre, weil: zu unbekannt) vor kurzem angesehen.

Close-up: Haus der Stimmen im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Haus der Stimmen beginnt im Schlafsaal eines Waisenhauses, bei Nacht. Es gewittert. Ein Junge knipst unter der Decke seine Funzel an, dann kraxelt er aus dem Bett und schleicht raus. Im finsteren Korridor hört er die Stimme eines Mädchens, das seinen Namen wispert, »Alex«. Sie müsse auch zum Klo und will mit ihm zusammen gehen…

Die Kinder schalten in einem großen, gefliesten Raum das Licht ein. Es flackert. Das Mädchen sputet zur Toilette, setzt sich. Der Junge dreht einen Hahn nach dem anderen auf, doch es kommt kein Wasser.

Mädchen: Funktioniert nicht?

Junge: Wie immer.

Mädchen: Es sind die Anderen, weißt du. Sie lieben es, mit den Kübeln zu spielen.

Junge: Wer? Wovon redest du?

Mädchen: Du weißt schon, die gruseligen Kinder.

Der Junge glaubt dem Mädchen nicht, Hand in Hand gehen sie raus – und im Dunkeln gehen, wie von Geisterhand, auf einmal die Wasserhähne. So geräuschvoll, dass der Junge neugierig nochmal reingeht (zum Mädchen so: »Ich komm gleich zurück« – ach, bitte, als wenn!) und wenig später vor einem seltsamen Spiegel einen plötzlichen Tod stirbt (na siehste!).

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Gewitternächte, flüsternde Kinder und flackernde Lichter, tropfende Hähne, seltsame Spiegel und überhaupt, ein Waisenhaus als Schauplatz. Das kommt Freund*innen des Horrorgenres doch alles recht vertraut vor. Genussvoll kann man in der gekonnt, aber eben konventionell heraufbeschworenen Gruselstimmung schwelgen, zumindest fünf Minuten lang.

Porno ohne Sex

Nach diesem düsteren Prolog geht’s harmlos weiter. Haus der Stimmen hat, für einen Debütfilm nicht ungewöhnlich, ein spürbar schmales Budget. Da wird »weniger ist mehr« noch aus der Not heraus zur Tugend erklärt, viel geköchelt und wenig serviert. Jahre später, im Presserummel um sein wieder sehr brutalen Schocker Ghostland (2018) sagt Pascal Laugier:

Ich habe ein Problem mit dem Gedanken des Mainstream-Horrors. Für mich sind diese Filme wie Pornos ohne Sex. Bedeutungslos. | aus dem Interview mit Max Wieseler (moviepilot)

Wie ein »Porno ohne Sex«, das ist ehrlich gesagt eine ziemlich pointierte Logline für Laugiers Haus der Stimmen, in dem auf viel gruseliges Vorspiel (mit Kinderzeichnungen und Stimmen und Alpträumen und allen anderen Gruselzutaten) arg wenig Horror-Action folgt. Tatsächlich gibt es ein Finale mit Schauwerten und Überraschungen, doch es bleibt so frei von Kontext, dass es wie aus einem anderen Film wirkt – nicht sehr homogen eingeflochten in den Rest des Settings.

Randnotizen
  • Auf der deutschen Blu-ray zu Haus der Stimmen steht zum Coverbild von Virginie Ledoyen, die geisterhaft über einen Korridor schleicht, der Schriftzug: »Bist du dir sicher, dass du hier ganz allein bist?« – was voll idiotisch ist, weil doch die ganze Zeit eine Köchin und eine andere Bewohnerin bei ihr sind. Also nein, sie ist natürlich nicht ganz allein. Diese Verleiher*innen immer, die Filme auf Verdacht bewerben, ohne sie gesehen zu haben…
  • Auf dem Blog Ultra Condensed Movies findet man (auf Englisch) eine ultra komprimierte Fassung des Films Haus der Stimmen, die »genau so viel oder möglicherweise mehr Sinn macht als der Film«. Echt lesenswert!
  • In ihrem Review zu Haus der Stimmen hat die Bloggerin »Paghat das Rattenmädchen« (auf Englisch) die psychologische Ebene des Films näher beleuchtet. Ebenfalls lesenswert!
  • Laut dem Filmproduzenten Christophe Gans wurden sämtliche Szenen von Haus der Stimmen sowohl auf Französisch als auch auf Englisch gedreht. Auf der kanadischen DVD-Version sind beide originalen Sprachfassungen enthalten.

Fazit zu Haus der Stimmen

Um die Frage aus der Einleitung zu beantworten: Ja, Haus der Stimmen ist abgedroschen. Solide in der technischen Umsetzung, aber einfallslos im Storytelling. Selbst für Liebhaber*innen des Horrorgenres hat dieser Filme wenige herausstechende Momente und ist wohl dazu verdammt, schnell in Vergessenheit zu geraten. Daher kann man sich dieses Filmvergnügen auch getrost sparen, wenn man nicht gerade Pascal Laugier als Filmemacher aufarbeitet. Für diesen wiederum war Haus der Stimmen eine sicher wichtige Fingerübung – sein nächstes Werk hat unter Horror-Freund*innen auf jeden Fall hohe Wellen geschlagen: Martyrs (2008). Sein drittes Werk hat die Wellen wieder geebnet: The Tall Man (2012).


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