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GENDER TROUBLE / Das Unbehagen der Geschlechter | Buch 1990 | Vorwort

Der englische Titel Gender Trouble setzt sich aus dem Unbehagen (trouble) über das Wesen der Geschlechtsidentität (gender) zusammen. Letztere bezeichnet Aspekte der erlebten Zugehörigkeit zu einem Geschlecht. Also ob ich mich in meiner Identität zum Beispiel eher als Frau oder Mann (die beiden etabliertesten Geschlechter-Kategorien) fühle, unabhängig von körperlichen Merkmalen. Der Gender-Begriff ist recht jung. Dass er nicht fest bestimmt ist, so vermutet Judith Butler, besorgt einige Feminist*innen. Ihre Bewegung könne an der Unbestimmtheit eines solchen Kernbegriffs scheitern. Dieses bange Gefühl versucht Butler in Das Unbehagen der Geschlechter aufzulösen.

Im Folgenden wird versucht, das Vorwort zu Judith Butler Das Unbehagen der Geschlechter in möglichst einfacher Sprache zusammenzufassen.

Artwork von Drag-Queen Divine, dazu der Text: Zum Wort von Das Unbehagen der Geschlechter

Den Feminismus vorantreiben

Feminismus, unter diesem Begriff tummeln sich soziale Bewegungen mit dem Ziel, Frauen zu gleichberechtigten, anerkannten, selbstbestimmten Mitgliederinnen von Gesellschaften zu machen, die aus patriarchalen (von Männern dominierten) Strukturen hervorgegangen sind. Diese Strukturen wurden über Jahrtausende etabliert und lassen sich nicht mit einer Demonstration, Rede oder Begegnung wegwischen. Der Wandel erfordert viel Arbeit und Aufmerksamkeit, zumal unser Bewusstsein für die Problematik gerade erst einige Jahrzehnte zurückreicht.

Wer von der Idee überzeugt ist, dass Frauen und Männer gleichermaßen fair behandelt werden sollten, ist Feminist*in.

Ein Porträt von Judith Butler, Autorin von Das Unbehagen der Geschlechter | Foto: Wikipedia
Judith Butler | Foto: Wikipedia

Die Philosophin Judith Butler sieht im Unbehagen (trouble) ob des vagen Begriffs der Geschlechtsidentität kein Problem für den Feminismus. Im Gegenteil: »trouble« sei unausweichlich. Butler schreibt zu ihrer »ersten kritischen Einsicht in die subtile List der Macht«:

Das herrschende Gesetz drohte, einem »Ärger [trouble] zu machen«, ja einen »in Schwierigkeiten [trouble] zu bringen«, nur damit man keine »Unruhe [trouble] stiftete«.

Die Aufgabe sei also herauszufinden, was der beste Weg ist, in »trouble« zu sein.

Weibliches Mysterium und männliche Autonomie

Eine bestimmte Schwierigkeit für eine Frau in einer von Männern dominierten Kultur bestehe darin, für diese Männer eine Art »weibliches Mysterium« zu sein. So gibt Butler einen Gedanken der Philosophin Simone de Beauvoir wieder. Auch bei Beauvoirs Lebensgefährten Jean-Paul Sartre findet sich diese Vorstellung. Sartre setzte jedes Begehren als heterosexuell und männlich bestimmt voraus. Dieses Begehren werde gestört, wenn das Objekt der Begierde (die Frau) den Spieß umdreht. Das tut sie durch ihre bloße Aktivität. Etwa durch Erwidern eines Blickes, mit dem die Autorität zwischen den sich Sehenden schon Seiten wechseln kann. Diese Abhängigkeit im Subjekt-Objekt-Verhältnis entlarvt die männliche Autonomie gegenüber des weiblichen »Anderen« als Illusion.

Was ist Macht?

Macht umfasst mehr als das Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt. Für Judith Butler offenbart sich Macht im Schaffen eines »binären Rahmens, der das Denken über die Geschlechtsidentität bestimmt«. Binär heißt zweiteilig. Gemeint ist die Vorstellung, es gäbe in Fragen der Geschlechtsidentität nur zwei Antworten. Bekanntermaßen: Mann, Frau. Welche Macht hat diese beiden Kategorien geschaffen und bis heute behauptet? Die Beschränkung auf die Kategorien »Männer« und »Frauen« beschert solange kein Unbehagen, solange man sich in dem, was Judith Butler die »heterosexuelle Matrix« nennt, befindet.

Die heterosexuelle Matrix

Damit meint sie eine Welt, in der man davon ausgeht, dass es zwei Geschlechteridentitäten (Frauen, Männer) gibt. Dementsprechend existieren zwei körperlicher Geschlechter (weiblich, männlich), die einander natürlich begehren. Mit dieser Weltsicht geht eine Zwangsheterosexualität einher. Das ist die Kombination von Mann und Frau als erstrebenswerte Norm. Im Vorwort zu Das Unbehagen der Geschlechter fragt Judith Butler:

Wie kann man am besten die Geschlechter-Kategorien stören, die die Geschlechter-Hierarchie (gender hierarchy) und die Zwangsheterosexualität stützen?

Female Trouble, Probleme und Chancen

An dieser Stelle kommt Butler auf den Begriff »female trouble« zu sprechen. Das ist eine verbale Beschönigung weiblicher Unpässlichkeiten, die etwa mit der Menstruation, einer gynäkologischen Untersuchung einhergehen. Oder anderen intimen Körper-Angelegenheiten, die man je nach Situation gerade nicht beim Namen nennen möchte. Daher, in aller Diskretion: »female trouble«. Dass in diesem Begriff die Vorstellung mitschwingt, dass »weiblich sein« an sich eine Art Unpässlichkeit ist, macht deutlich, wie durch den Gebrauch bestimmter Floskeln solch Vorstellungen tradiert werden.

Drag-Queen Divine destabilisiert den Diskurs

Female Trouble (1974) sei auch der Titel eines Films von John Waters, fährt Butler fort. Durch diesen Hinweis will sie eine mögliche Angriffsfläche vermeintlich in Stein gemeißelter Geschlechtsidentitäten aufzeigen. Sowohl in Female Trouble als auch später in Hairspray (1988) spielt der Schauspieler Harris Glenn Milstead, besser bekannt als Drag-Queen Divine, jeweils Doppelrollen als Mann und Frau. Seine Frauenrollen nehmen wohlgemerkt stets den größeren Teil ein. Sein Spiel mit den Geschlechtsidentitäten lassen diese als schieren Akt der Nachahmung erscheinen, die als real wahrgenommen wird. Man sehe sich nur ein paar Filme mit Divine an und entscheide dann, ob die Person hinter den mal männlichen, mal weiblichen, meist schrillen Figuren nun eine Frau oder ein Mann ist?

Divine und ihr Bräutigam Gator heiraten, eine Szene aus Female Trouble (1974) | Bild: Pinterest
Divine und ihr Bräutigam Gator geben sich da Ja-Wort, um gemeinsam mit dem Priester einen performativen Akt zu vollziehen. Eine Szene aus Female Trouble (1974) | Bild: Pinterest

Judith Butler stellt in Das Unbehagen der Geschlechter fest, dass Divine durch seine Auftritt unsere vermeintlich festen Unterscheidungen von natürlich/künstlich, Tiefe/Oberfläche, Innen/Außen destabilisiert. Über diese Unterscheidungen funktioniere meist der Diskurs über die Geschlechtsidentitäten. Durch besagte Destabilisierung werde eben dieser selbst erschüttert. Könnte es etwa sein, dass »weiblich sein« keine »natürliche Tatsache«, sondern eine kulturelle Performanz ist? Damit ist nicht etwa eine schauspielerische Leistung gemeint. Stattdessen geht es um ein bestimmtes Verhalten, das an den Tag gelegt wird. Und was ist schon »natürlich«? Judith Butler fragt im Vorwort von Das Unbehagen der Geschlechter:

Wird die »Natürlichkeit« durch diskursiv eingeschränkte performative Akte konstituiert, die den Körper durch die und in den Kategorien des Geschlechts (sex) hervorbringen?

Der performative Akt

Ein performativer Akt ist eine Sprachhandlung. Also eine Handlung, die durch das Sprechen selbst geschieht. Beispiel: »Hiermit ernenne ich euch zu rechtmäßigen Eheleuten.« Durch die gesprochenen Worte wird der Akt vollzogen und das Paar ist verheiratet. Diskursiv eingeschränkt heißt, dass solche performativen Akte nur innerhalb der Schranken dessen möglich sind, was wir im Diskurs (unserer fortwährenden Erörterung der Dinge) erschlossen haben. Wenn unser Diskurs nur zwei Kategorien des Geschlechts hervorgebracht hat, neigen wir dazu, diese Kategorien – durch einen performativen Akt – für »natürlich« zu erklären.

Ein performativer Akt kann also sein…

…der Priester, der sagt: »Hiermit taufe ich dich Eva.« Durch seine gesprochenen Worte wird der Akt der Taufe (samt dem rituellen Drumherum) vollzogen. Das Kind trägt fortan einen Namen, der mit reichlich Bedeutung aufgeladen ist. Und zwar in verschiedenen Sprachen und Kontexten, nicht nur dem biblischen.

…die Hebamme, die sagt: »Es ist ein Mädchen!« Durch ihre gesprochenen Worte wurde das weibliche Kind der von uns konstruierten Kategorie »Mädchen/Frau« zugeordnet. Dieser Kategorie haften etliche mitschwingende Bedeutungen und gesellschaftliche Vorstellungen an. Samt einer Geschlechtsidentität. (In der heterosexuellen Matrix gehen wir davon aus, dass dieses Kind später einen Menschen männlichen Geschlechts begehren wird, einen »Jungen/Mann«.)

Das, was gemeinhin als »natürlich« gilt, ist in homosexuellen Kulturkreisen ein beliebter Stoff für Parodien. Ziel ist die Entlarvung vermeintlich »ursprünglicher« oder »wahrer« Geschlechter als reine Konstruktion, die wir durch performative Sprechakte tradieren. Judith Butler schreibt:

Damit stellt sich die Frage, welche anderen grundlegenden Kategorien […] als Produktionen dargestellt werden können, die den Effekt des Natürlichen, des Ursprünglichen und Unvermeidlichen erzeugen.

Die Enthüllung der Effekte

Um die Kategorien des Geschlechts, der Geschlechtsidentitäten und des Begehrens als solche Effekte kenntlich zu machen, bedarf es einer genealogischen Kritik. Eine solche »richtet das Wissen um die Gewordenheit eines Objekts gegen dieses, um es durch einen Hinweis auf seinen Ursprung zu kompromittieren« (Quelle: Information Philosophie). Der hinterfragende Ansatz müsse lauten: Welche politischen Einsätze stehen auf dem Spiel, wenn die bekannten Identitätskategorien als Ursprung/Ursache gelten, statt als Effekte »von Institutionen, Verfahrensweisen und Diskursen« vielfältigen, undurchschaubaren Ursprungs?

Worauf will Das Unbehagen der Geschlechter hinaus?

Damit kommen wir zur Aufgabe, die Judith Butler mit Das Unbehagen der Geschlechter erfüllen möchte. Ihre Schrift soll den Fokus auf die besagten Effekte prägenden Institutionen richten. Namentlich auf die Zwangsheterosexualität und den Phallogozentrismus, demnach Weiblichkeit aus rein männlicher Perspektive betrachtet und definiert wird. Diese Institutionen müssen, so Butler, dezentriert werden.

Die Begriffe »weiblich« und »Frau« sind in ihrer Bedeutung längst verworren. Sie existieren zudem nur in Relation zu »männlich«, »Mann«. Butler geht es nicht darum, die Frage der primären Identität zu klären. Stattdessen geht es um die politischen Möglichkeiten, die sich im Hier und Jetzt ergeben, wenn man die bestehenden Identitätskategorien einer Kritik unterzieht. Judith Butler fragt:

Welche neue Form von Politik zeichnet sich ab, wenn der Diskurs über die feministische Politik nicht länger von der Identität [als »Frau«] als gemeinsamen Grund eingeschränkt wird?

Der Versuch, feministische Politik auf einer solchen gemeinsamen Identität zu begründen, könnte eine Behinderung sein. Er schließt womöglich »die Erforschung der politischen Konstruktion und Regulierung der Identität selbst aus«. Mit dieser Mahnung geht Judith Butler im Vorwort von ihrer Einleitung in die Erläuterung der Struktur ihrer Schrift Das Unbehagen der Geschlechter über.

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