Diverses

Mit der Wahrheit Walzer tanzen

Zuletzt aktualisiert am 2. Dezember 2018 um 19:27

Wie fängt man an, nach der Wahrheit zu suchen, nach einem Beleg für einen Fakt? Ich habe mal irgendwo die Geschichte aufgeschnappt, wie der Seefahrer Ferdinand Magellan die Tiefe des Meeres messen wollte (siehe: erster „Meilenstein“ in der Tiefsee-Forschungsgeschichte): Indem er eine Kanonenkugel an ein 700 Meter langes Seil binden und von seinem Schiff in Wasser sinken ließ…

Der Wahrheit auf den Grund gehen

Die Kugel berührte nicht den Grund, also sei das Meer „unendlich tief“ – diese Schlussfolgerung fand ich witzig. Weil so naiv. Heute ist man bekanntlich wesentlich schlauer mit seinen Messungen und Schlussfolgerungen. Jedenfalls wollte ich wissen, ob der Ferdinand das wirklich so – oder nur ähnlich – festgestellt hat. Denn es ist gewiss ein Unterschied, ob er notiert hat, das Meer sei „unendlich tief“ oder bloß „sehr tief“ oder „tiefer“. Irgendwie fand ich es mal wichtig, das zu ergründen. Also googelt man den Namen, liest sich durch Wikipedia, öffnet die dort verlinkten Quellen, stößt auf Bücher, die sich auf andere Bücher berufen… ich dachte mir: Je älter das Buch, desto näher komme ich der Wahrheit. Immerhin ist die Geschichte 500 Jahre alt.

Ich werde keinen Blog von Ferdinand Magellan finden, von dem man ihn einfach hätte zitieren können. Nun fand ich ein Buch, dass mir urig genug erschien, um eine glaubwürdige Quelle darzustellen – ehe ich merkte, dass ich mich ja sogar noch im englischen Sprachraum aufhielt, wo doch Ferdinand Portugiese war, sein Schiffsschreiberling Spanier und, ach…

Ein tanzendes Paar, dazu der Schriftzug: Mit der Wahrheit Walzer tanzen

Erstmal alles glauben müssen…

Ich gab auf. Selbst wenn ich nach Portugal reisen und nach tagelangem Wühlen in verstaubten Archiven ein zerfleddertes Tagebuch hochhalten würde, in dem – bis dahin hätte ich natürlich Portugiesisch gelernt – ich Magellans eigenhändig festgehaltenen Aufzeichnungen nachlesen könnte, woher wüsste ich dann, dass es keine Fälschung ist? Warum glaube ich überhaupt, dieser Magellan sei „echt“? Weil er im Internet und in Büchern steht? Kann sich doch wer ausgedacht und niedergeschrieben haben. Okay, ich habe mich leidlich ins Thema gelesen und ahne schon, dass Magellan in der Weltentdecker-Szene eine größere Nummer war. Vielleicht hängt sein nachweislich echtes Tagebuch auch im Louvre neben der Mona Lisa. Mein gefährliches Halb- bis Garnichts-Wissen verdammt mich mal wieder dazu, erstmal alles glauben zu müssen.

Ein paar Wochen nach meiner versandeten Mini-Recherche kam dann Jan Böhmermann mit seinem „Varoufake“ um die Ecke und mir wurde einmal mehr und in für mich nie da gewesener Deutlichkeit eingehämmert, dass man Nichts und Niemandem auf dieser Welt glauben kann:

Danke, Jan. Das ich für diese Feststellung erstmal Mitte Zwanzig werden musste, schiebe ich mal auf meine Bilderbuch-Kindheit in der münsterländischen Pampa (darüber schrieb ich bereits im Beitrag „Wach bleiben“: nichts als Sorgen über Haustiere und Angst in dünnen Scheiben). Wie schlage ich nun den Bogen von „Bilderbuch-Kindheit“ zum Libanon-Krieg? Gar nicht.

Dokumentation als Animation

Ich habe in dieser Woche „Waltz with Bashir“ gesehen und war – mit besagter Magellan-Sache im Hinterkopf – begeistert von der Idee, eine Dokumentation als Animationsfilm umzusetzen und durch Verwebung (vermutlich) tatsächlicher Ereignisse, traumatischer Erlebnisse und lebhafter Träume den absoluten Wahrheitsgehalt in den Hintergrund zu rücken. Hier geht es um einen Protagonist, der 20 Jahre nach dem Krieg seine Erinnerungen daran verloren glaubte und mit Leuten von damals Kontakt aufnimmt, um in Gesprächen die Bilder wieder wachzurufen. So wird der Krieg aus einer Handvoll von Menschen beschrieben – und jede Sicht ist so subjektiv, wie eine Sicht nunmal ist. Daraus gibt es keinen Hehl zu machen.

Man kann sich ein Leben lang vormachen, der Wahrheit auf den Grund gehen zu können. Bücher lesen, Orte besuchen, Interviews führen. Second Hand Memories ansammeln. Feststellen, dass es so viele Wahrheiten gibt, wie es Menschen gibt. Ach was, viel mehr. Warum existiert überhaupt eine Singularform des Begriffs „Wahrheit“? Wird Wahrheit nicht überbewertet? Warum machen mich Holocaust-Leugner dann so wütend? Es wird Zeit, dass ich mir „Shoah“ wieder anschaue – und damit, frisch im Gedächtnis, den Faden wieder aufnehme, den ich hier ausgelegt habe…

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