Cinemathek

Filmemacherin Lena Dunham und die Zukunft des Mumblecore

Das Filmgenre des Amerikanischen Mumblecore ist ein Kind der Wohlstandsgesellschaft im frühen 21. Jahrhundert. Wir haben dessen Geschichte zurückverfolgt zum ersten offiziellen Vertreter des Genres. Das ist der Film Funny Ha Ha (2002) von Andrew Bujalski. Und wir sind dem Ursprung des Begriffs selbst auf die Spur gekommen. Jetzt lenken wir den Blick auf eine vieltalentierte Filmemacherin, die mit Mumblecore ihren Weg ins Showgeschäft gemacht hat: Lena Dunham.

Zur Reihe »Die Geschichte des Amerikanischen Mumblecore«: Um den Ursprung des Amerikanischen Mumblecore geht’s in Teil 1 der Reihe: Ein Anfang ohne großes Tamtam. In Teil 2 wird die Herkunft des Begriffs beleuchtet: Das Wort »Mumblecore« – von Eric Masunaga ins Rolling Stone.

Emporkömmlinge des Jugendbebens

Zuletzt waren wir im Jahr 2007, als Mumblecore es ins Rolling Stone Magazin schaffte. Darin wurde es als »Hot Genre« geadelt – man solle es im Auge behalten! Im nächsten Schwung amerikanischer Mumblecore-Filme fanden sich weitere Werke von Andrew Bujalski (Beeswax, 2009), Joe Swanberg (Alexander the Last, 2009) und Kentucker Audley (Team Picture, 2007) dabei. Ebenso Barry Jenkins‘ Medicine for Melancholy, Lynn Shelton’s Humpday, Lawrence Michael Levine’s Gabi on the Roof in July, Azazel Jacobs‘ Momma’s Man und Dia Sokol’s Sorry, Thanks. Jede Menge neuer Mumblecore-Stoff.

 

Standbilder aus dem Film »Funny Ha Ha«, dazu der Text: Lena Dunham und die Zukunft des Mumblecore

David Denby, der seit 1998 als Filmkritiker für The New Yorker schreibt, fasste das Phänomen Mumblecore so zusammen:

Mumblecore-Filme werden von Kumpels gemacht, von gelegentlich und ernsthaft Verliebten, von Netzwerken aus Freunden. Sie handeln von Männern und Frauen, die das College absolviert haben, aber ohne Antrieb sind. Die Protagonisten folgen keinen Ideen oder Leidenschaften oder auch nur dem Verlangen, in der Welt ihren Weg zu gehen. Jugend ist das Thema von Mumblecore – und ebenso die Bedingungen ihrer Existenz. | David Denby in seinem Essay Youthquake

Der Titel von David Denbys Essay – Youthquake – lässt sich mit »Jugendbeben« übersetzen. Aus diesem Jugendbeben, das er da beschrieb, ging die Filmemacherin Lena Dunham hervor.

Lena Dunham, die ambitionierte Hobbyistin

1986 in New York City geboren, ist Dunham inzwischen eine etablierte Persönlichkeit im amerikanischen Film – und Mitgründerin der Publikation Lenny Letter.

Schon mit 20 Jahren hat Lena Dunham Kurzfilme gemacht, ehe sie mit Creative Nonfiction einen 59-minütigen Film über eine destruktive Liebesbeziehung schuf. Dieser lief auf dem South by Southwest Film Festival lief und zählt heute zum Mumblecore-Kanon. Inspiriert wurde Dunham von niemand Geringerem als Andrew Bujalski. Dessen Film Funny Ha Ha lieh sie aus einer Videothek, als sie gerade an Pfeifferschem Drüsenfieber litt und nicht viel mehr tun konnte, als daheim Filme zu schauen. Funny Ha Ha war ein Augenöffner für Dunham: Solche Filme wollte sie ebenfalls machen!

Schon ein Jahr nach ihrem SXSW-Debüt 2009 präsentierte sie auf dem Festival ihr nächstes Werk: Tiny Furniture (2010). Eine beobachtende Reportage über ihre Familie, Freunde und sich selbst – nachdem sie vom College wieder zurück daheim in Tribeca war.

Es kursieren unterschiedlich Angaben darüber, ob der Film für 25.000 oder 65.000 US-Dollar produziert wurde. Gedreht wurde jedenfalls mit einer Canon EOS 7D, die erst im Oktober 2009 als Spiegelreflexkamera für ambitionierte Hobbyisten in den Markt eingeführt wurde. Ambitionierte Hobbyistin, so könnte man die 24-jährige Lena Dunham damals noch beschreiben.

Die angehende Serien-Schöpferin

Tiny Furniture gewann den Independet Spirit Award (bestes erstes Drehbuch) und auf dem SXSW Film Festival den Preis für „bester narrativer Spielfilm“. Insgesamt spielte der Film bemerkenswerte 400.000 US-Dollar ein und riss Kritiker zu Vergleichen mit Woody Allens Manhattan oder Mike Nichols Die Reifeprüfung hin (namentlich: Rebecca Mead in The New Yorker und Katey Rich für Cinemablend).

Rückblickend wird der Mumblecore-Klassiker Tiny Furniture als Türöffner für Lena Dunham bezeichnet. Nach diesem Kritikererfolg bekam sie vom Kabelsender HBO das Vertrauen in die Kreation einer eigenen Serie. 2012 wurde sie erstmals ausgestrahlt und 2017 mit der sechsten Staffel gebührend abgeschlossen: Girls.

Der Game-Changer

Mumblecore ging mit der Verbreitung von Digital-Video-Technologie einher, sowie mit der Zunahme von Indie-Film-Festivals und Social Media. Seit 2007 ist Video on Demand ein Thema, das für Mumblecore-Film von besonderer Relevanz ist. Ein »Game-Changer«, wie Zach Hangauer auf mumblecore.info schreibt: Oft genug hätten diese Filme, für minimales Budget produziert und keine große Kino-Auswertung vorgesehen, es schwer gehabt, überhaupt ein Publikum zu finden.

Wenn ich an Video on Demand denke, denke ich an mich selbst, als ich damals zur High School ging. Ich lebte in einer Vorstadt von New York und damit nah genug an einer Großstadt, in der meine Freunde und ich gelegentlich einen Independent-Film in einem Programmkino sehen konnten. Aber New York war nicht so nah, als dass ich einfach die Straße hätte runtergehen und einen Film hätte sehen können. Der Trip in die Stadt war immer etwas Besonderes, nur ein paar Mal im Jahr. Ansonsten las ich Filmemacher-Magazine und arbeitete in einer Videothek. Durch Letzteres wurde mir zumindest bewusst, was da auf uns zu kam.

In die Fußstapfen der Videotheken

Aber wenn ich damals Video on Demand gehabt hätte, hätte ich als junger Filmenthusiast wirklich an einem größeren Diskurs teilnehmen können. Falls der Independent Film Channel (IFC) und Magnolias mir zu der Zeit hätten solche Filme bereitstellen können, hätte ich liebend gerne dafür bezahlt, auf iTunes. Allein, dass es damals keine Möglichkeit gab. | Joe Swanberg im Interview mit Daniel D’Addario (Salon, 2014)

Es ist bloß eine digitale Videothek, aber es ist dieselbe Idee. In den 80er und 90er Jahren, als Independent-Filme profitabel wurden, betraf es die meisten Sachen, die ich sah… Ich ging weder für Bottle Rocket ins Kino, noch für Swingers. Auch Pulp Fiction habe ich nicht im Kino gesehen. Diese Filme sah ich zum ersten Mal als VHS, wie die meisten Amerikaner. Und genau da sind wir jetzt wieder. Es geht nicht nur darum, dass Filme eine limitierte Kino-Auswertung haben. Video on Demand ist quasi in die verwehenden Fußstapfen der wegsterbenden Videotheken getreten. Aus zahlreichen Gründen ist es für die Menschen einfacher, Filme daheim zu sehen, statt sich ins Auto zu setzen und ins Kino zu fahren. | Joe Swanberg im Interview mit Ethan Vestby (The Film Stage, 2013)

Mumblecore im World Wide Web

So finden sich viele Mumblecore-Film heute auf Video-on-Demand-Plattformen. Eine Auswahl hat der Web-Entwickler Zach Hangauer in einem Mumblecore-Vimeo-Album zusammengestellt. Dort sind Filme wie Wah Do Dem, Team Picture, beide Teile von Open Five, Marriage Material oder The Lionshare in voller Länge gratis zu sehen. Gabi on the Roof in July und den berühmten »ersten Mumblecore-Film« Funny Ha Ha von Andrew Bujalski kann man für kleines Geld via Vimeo on Demand leihen. Deutsche Mumblecore-Film finden sich übrigens unter anderem auf Netflix. Etwa Love Steaks (2013) oder Papa Gold (2011). Viel Spaß beim Mumblecore-Marathon!

Das Schlusswort zu dieser kleinen Reihe rund um die Geschichte des Amerikanischen Mumblecore überlasse ich besagtem Filmkritiker David Denby, der 2009 geprägt von der Weltwirtschaftskrise Folgendes schrieb:

Es bleibt offen, ob der Ethos des Mumblecore in einer Ära wirtschaftlichen Abschwungs bestehen kann. Diese minimal-budgetierten Werke wurden in einer Zeit des Wohlstands geschaffen. Nun, da der elterliche Scheck ausbleibt oder der Job des Mitbewohners wegfällt, könnten auch diese filme von der Bildfläche verschwinden. Oder die Entscheidungs-Unfreudigkeit, die Mumblecore-Filme bis dato prägt, schlägt um in Wut. Natürlich werden frische, junge Filmemacher emporkommen, mit der Bereitschaft, mit wenigen Mitteln großes zu schaffen. Dort werden sie noch nuscheln, wenn ihren Magen zu knurren beginnen? Die neuen Distributionskanäle könnten eine Möglichkeit sein, dieses unscheinbare, aber ermutigende Genre überleben zu lassen. | David Denby, Youthquake


Dieser Einblick in die Geschichte des Amerikanischen Mumblecore basiert zum Teil auf der Website mumblecore.info von Zach Hangauer. Mit dessen freundlicher Genehmigung übersetzte ich Ausschnitte seiner aufschlussreichen Recherche-Arbeit ins Deutsche. In diesem Sinne: Thank you, Zach!

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