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SECRETARY über BDSM, mit Maggie Gyllenhaal | Film 2002 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 16. Dezember 2018 um 11:04

Hollywoodfilme über gewisse Spielarten aus der grenzenlosen Welt der Sexualität sind eher eine Seltenheit. Vielleicht, weil sich für die individuellen Interessen der verschiedenen Subkulturen kein breites Publikum findet. Es gibt ein paar Dutzend Filme jenseits der Pornografie, in denen etwa BDSM thematisiert wird. Einer davon ist nun Secretary mit Maggie Gyllenhaal.

Hinweis: Diese Rezension zu Secretary – Womit kann ich dienen? wurde am 15. Juli 2013 auf film-rezensionen.de veröffentlicht. Aktuelle Streaming-Angebote finden sich via JustWatch.

Eine romantische Komödie. Mit Schlägen.

Die Schauspieler James Spader und Maggie Gyllenhaal im Film Secretary

Dem Film Secretary gelingt das Kunststück, dem Thema BDSM mit seinen Macht- und Schmerzspielen eine erotische Komödie abzugewinnen. Und zwar, ohne sich über die Neigungen der Protagonist*innen lustig zu machen. Soweit, so gut. Doch Spaß beiseite: Von der BDSM-Szene wurde Secretary dafür kritisiert, sadomasochistische Neigungen in Verbindung mit autoaggressivem Verhalten darzustellen. Tatsächlich führt der Film die Figur der submissiven, masochistischen Lee Holloway (Maggie Gyllenhaal) als eine junge Frau mit der Angewohnheit ein, sich selbst zu verletzen. Sie lebt als jüngste Tochter bei ihrer schwer erträglichen Familie. Durch das Sich-Zufügen von durchaus üblen Wunden scheint sie aufgestauten Frust zu kompensieren.

Selbstverletzung als Protest

Solche sadomasochistischen Praktiken sind sowohl eine Antizipation der sexuellen Erfahrung, als auch eine Auflehnung dagegen. Indem man sich übt, schmerzliche Prüfungen auszuhalten, härtet man sich gegen jede andere Prüfung ab, die einem nun – einschließlich der Hochzeitsnacht – nicht mehr gefährlich werden kann. 1

Wir wissen nicht, welche sexuellen Erfahrungen Lee Holloway zu Beginn des Films Secretary bereits gemacht hat. Oder ob sie, wie Simone de Beauvoir es in Das andere Geschlecht (1949) mit dem selbstverletzenden Verhalten (junger Mädchen, wohlgemerkt) in Zusammenhang bringt, etwaige Schmerzen aufgrund noch bevorstehender sexueller Erfahrungen antizipiert.

Zur passiven Beute bestimmt, erhebt sie bis in die Tatsache hinein, daß sie Schmerz und Ekel erträgt, Anspruch auf ihre Freiheit. Wenn sie sich mutwillig einen Schnitt oder eine Brandwunde zufügt, protestiert sie gegen die Penetration, die sie entjungfern wird […]. Masochistisch insofern, als sie Schmerzen bereitwillig annimmt, ist sie aber vor allem sadistisch: als autonomes Subjekt peinigt, verhöhnt, quält sie dieses abhängige Fleisch, dieses zur Unterwerfung verdammte Fleisch, das sie verabscheut, ohne sich indessen von ihm lossagen zu wollen. 2

Fast ein Feel-Good-Film

Genug der Deutung – davon findet sich wenig bis gar nichts in dem Film Secretary. Was auch immer man bei dem Schlagwort »Sadomaso« erwartet – es hat wenig mit diesem leichtfüßigen Beinahe-Feel-Good-Movie zu tun, das gleich in der ersten Einstellung mit offenen Karten spielt.

Die Eröffnungsszene zeigt die junge Lee Holloway im Sekretärinnen-Kostüm bei der Ausführung ihrer alltäglichen Aufgaben. Dass ihre Hände dabei an den beiden Enden einer Spreizstange (in einer Art mobilem Pranger) gefesselt sind, ist offenbar nicht ungewöhnlich. Mit aller Selbstverständlichkeit macht sie Kaffee und zieht – mit dem Mund – einen Brief aus der Schreibmaschine, um ihn ins Büro ihres Chefs zu bringen. Die Tür knallt zu. Die Geschichte beginnt:

Mäusefallen im Büro

Der Zuschauer*innen werden ein halbes Jahr zurück katapultiert. Sie erleben ab jetzt chronologisch die Metamorphose von der grauen Maus, die sich als Sekretärin in der Kanzlei des Anwalts Edward Grey (James Spader) bewirbt und dort unter anderem ein paar Mäusefallen aufstellen darf (wie bedeutungsschwanger!), hin zu einer Frau, die in hingebungsvoller Unterwerfung ein neues Ventil für ihren Drang zur Selbstverletzung findet. Zuweilen macht sie extra Tippfehler, um sich von ihrem Chef den Hintern versohlen zu lassen.

Eine Männerfantasie aus Sicht einer Frau, inszeniert von einem Mann, als Adaption des literarischen Werks einer Frau. Also streichen wir die »Männer-« und belassen’s bei der Fantasie. Der Film basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Mary Gaitskill (veröffentlicht in ihrem Prosaband Bad Behavior), die Sadomasochismus als eine Konsequenz aus traumatischen Erfahrungen betrachtet. Danach muss man bei Lee Holloway gar nicht lange suchen: Ihr familiäres Umfeld wird als derart kaputt dargestellt, dass autoaggressives Verhalten eine geradezu sinnvolle Reaktion darauf zu sein scheint. Aber wie der Einschub von Beauvoir schon zeigte: Deuten lässt sich solches Verhalten auf die unterschiedlichste Art und Weise.

Hier geht’s zur Bluray von Secretary und zu der literarischen Vorlage Bad Behavior im englischen Original und in der deutschen Übersetzung:

Die Comedienne Orli Matlow sieht in Secretary einen
»feministischen Film, der einen zweiten Blick wert ist«:

Maggie Gyllenhaals Charakter weiß genau, was sie will – und sie weiß, dass sie es bekommen kann. Sie zieht Befriedigung aus der submissiven Rolle einer BDSM-Beziehung und entscheidet sich aus eigenem Willen dazu, eine solche einzugehen. In einer Szene erzählen ihr die Menschen aus ihrem Leben etwas über »women’s struggle« (wörtlich: den Kampf der Frauen) und traditionelle Erwartungen, die sie aber zurückweist. Wie ihr Vater es vorliest: »Deine Seele und dein Körper sind dein eigen – womit du machen mögest, was du wünscht.«

Orli Matlow (Bustle)

Fazit zu Secretary

Mit Maggie Gyllenhaal hat Shainberg eine starke Besetzung für seine Hauptfigur gefunden. Die im Produktionsjahr des Films Secretary etwa 25-jährige Schauspielerin hilft der Handlung mit ihrem überzeugenden Schauspiel über gewisse Schwachstellen hinweg. Denn abgesehen von zuweilen sehr witzigen Szenen birgt das Drehbuch genug Potential für unfreiwillige Komik, die der Balance zwischen Komödie und Charakterstudie geschadet hätte.

Fußnoten

  1. Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Aus dem Französischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 1992; Neuausgabe ebd. 2000, ISBN 3-499-22785-1, S. 432
  2. ebd., S. 433

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