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LOVING VINCENT mit Saoirse Ronan | Film 2017 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 1. Dezember 2018 um 17:58

Der erste Film der Welt, der sich aus Ölgemälden zusammensetzt – und zwar nicht irgendwelchen, sondern denen Vincent van Goghs. Von über 30 Maler*innen wurden dessen mal mehr, mal auch weniger berühmten Motive zum Leben erweckt, um vom Leben eben jenes Ausnahmekünstlers zu erzählen. Der Blog-vom-Bleiben-Gastautor Markus Hurnik hat sich diese etwas andere Filmbiografie Loving Vincent angesehen. Nachfolgend seine Kritik – oder vielmehr: sein Loblied!

Gastbeitrag von Markus Hurnik

Hinweis: Liebe Leser*innen, dieser Beitrag enthält keine Spoiler. Aktuelle legale Streaming-Angebote gibt’s bei JustWatch – und hier geht es zur offiziellen Website des Films.

Kunst wem Kunst gebührt

Loving Vincent ist ein wunderbares Kunstwerk, welches etwas eher Unübliches auf die Leinwand zaubert. Die (miteinander liierten) Regisseure Dorota Kobiela und Hugh Welchman bringen gemeinsam mit 100 Künstler*innen einen Animationsfilm auf die Leinwand, der die Kunst von Vincent van Gogh aufgreift. Mit gerade einmal 5 Millionen Euro Budget wurde mit Loving Vincent ein unglaubliches Werk geschaffen, das weit über meine Erwartungen hinausging.

Standbild aus dem Film Loving Vincent

Erwartungen übertroffen

Jede einzelne Szene in Loving Vincent ist ein kleines Kunstwerk für sich und zeigt eindrucksvoll, wie man aus unterschiedlichsten Ölgemälden einen ganzen Film erschaffen kann. Jede einzelne Szene ist gemalt und fängt die jeweilige Stimmung der Szene unterschiedlich ein. Insgesamt gibt es 65.000 Frames, welche aneinandergereiht wurden. Daraus wurden beeindruckende 95 Minuten Laufzeit, die ihre Zuschauer*innen noch lange nach dem Film beschäftigen.

Fun Fact: Wer genau hinschaut wird in einem der Frames eine versteckte Fliege wiederfinden, welche sich in den Film geschlichen hat.

Die Einzigartigkeit dieses Animationsfilms ist Oscar-verdächtig (war auch tatsächlich nominiert) und bietet viel Potential für etliche Filmpreise (hat auch einige gewonnen). In den Hauptrollen sind unter anderem – und zwar anders als je zuvor – die Schauspieler Douglas Booth (Romeo und Julia) sowie Saoirse Ronan (Am Strand, Lady Bird) zu sehen. Leider fällt die Geschichte qualitativ ein wenig ab. Diese spielt ein Jahr nach dem Tod des Künstlers van Gogh. Der Sohn eines Postboten – Armand Roulin, welcher in van Goghs realen Bildern wiederzufinden ist – soll den letzten Brief Vincents zu seinem Bruder Theo van Gogh übermitteln.

Streifzug in die Vergangenheit

Roulin reist nach Auvers sur Oise, um dort den ehemaligen Arzt Vincent und andere seiner Weggefährten zu treffen. Hierbei durchstreift er das Dorf und die Landschaft und trifft auf Szenen aus Vincent van Goghs Bildern. Er sucht dabei den wahren Grund, wie es zum Selbstmord von van Gogh kam. Doch leider ist die Antwort nicht leicht zu finden und die unterschiedlichen Akteure sind mehr oder minder verdächtig, jedoch nicht zu greifen.

Ebenfalls lesenswert: Der Blog THOUGHTS TO KEEP ME SANE der Schauspielerin Angourie Rice (The Nice Guys), die sich ebenfalls dem Film Loving Vincent gewidmet hat (hier nachzulesen im englischen Original).

Kleine Vorschau gefällig? Hier ein paar Impressionen aus Loving Vincent:

Darüber hinaus entsteht durch die einzelnen Gespräche und Interviews ein charakterliches Bild Vincent van Goghs. Man kommt ihm näher und erfährt viel über seine persönlichen Hintergründe und Gewohnheiten. Vieles bleibt aber im Verborgenen und kann nicht aufgedeckt werde.

Weniger Innovation als Information

Diese Geschichte ist leider nicht ganz so phantastisch, wie die Animationsqualität. Sie wirkt teilweise etwas einfallslos und wenig innovativ. Trotzdem ist Loving Vincent in der er Lage, das Leben des verstorbenen Künstlers zu beleuchten. Gerade Zuschauer*innen, die nicht Vincent-van-Gogh-Profis sind, lernen in Loving Vincent eine Menge und bekommen viele Informationen, die einem in der Regel noch nicht bekannt sind.

Wusstet Ihr zum Beispiel, das Vincent van Gogh zu Lebzeiten kaum ein Bild verkauft hat? Sein Ruhm kam erst mit seinem Tod. Die Preise der einzelnen Gemälde stiegen kontinuierlich und erreichten neue Höhepunkte. Eines seiner Werke wurde für knapp 80 Millionen nach Japan verkauft. Dieses Bild (Porträt des Dr. Gachet) ist übrigens bis heute verschollen, da der damalige Käufer sich mit ihm bestatten lassen wollte.

Fazit zu Loving Vincent

Auch lässt sich auf dem großen Filmmarkt bisher kein vergleichbarer Film ausmachen. Loving Vincent steht zurzeit in seiner künstlerischen Gestalt ganz für sich alleine.  Es bleibt abzuwarten, ob andere Filme über bekannte Künstler eventuell zukünftig einen ähnlichen Stil wählen werden.


Zum Autor

Markus Hurnik (28), langjähriger Berliner und Vorortbewohner, den es beruflich inzwischen zunehmend in sächsische Gefilde verschlägt. Er hat in seinen frühen Jahren für die Verlagsgruppe Randomhouse Jugendbücher rezensiert. Anfang der 2000er kam er vermehrt ins Kino und wurde filmabhängig. Studiert hat Hurnik etwas vollkommen Kunstfernes, vis-à-vis der Filmstudios Babelsberg.

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