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LE JEU – Nichts zu verbergen · Erklärung zum Ende | Film 2018 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 14. Januar 2019 um 9:25

In Italien war die Komödie Perfetti sconosciuti (zu Englisch: Perfect Strangers) im Jahr 2016 ein großer Erfolg, sowohl bei der Kritik als auch an den Kinokassen. Es handelt sich um ein Kammerspiel mit einer simplen Ideen, die in unserer Zeit einen Nerv trifft. Und so ist das globale Filmgeschäft in vollem Gange. In Deutschland, Katar, Polen und Schweden sind Remakes in Planung oder Produktion. China, Mexiko und Ungarn haben Neuauflagen im Dezember 2018 rausgehauen. Und in der Türkei, in Südkorea und in Frankreich sind die jeweiligen Nachverfilmungen bereits vor längerer Zeit erschienen. Letztere wird hier besprochen: die Komödie Le Jeu – Nichts zu verbergen aus französischer Schmiede (Regie: Fred Cavayé).

Hinweis: Der folgende Blogbeitrag enthält keine Spoiler. Hier geht’s zu aktuellen legalen Streaming-Angeboten.

Ein Freundeskreis beim gemeinsamen Abendessen, Standbild aus dem Film »Le Jeu – Nichts zu verbergen«. Bild: Netflix

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Zum Inhalt von Le Jeu – Nichts zu verbergen: Bei einer Dinnerparty entscheiden sich sieben Freund*innen – drei Paare plus Eins – zu einem »Spiel«. Alle Beteiligten müssen ihre Handys den Abend über in die Mitte des Tisches legen. Wann immer nun ein Anruf, eine Mail oder Nachricht eintrifft, muss in versammelter Runde geantwortet werden. Alle bekommen es mit. Ärger ist vorprogrammiert. Und es kommt schlimmer als erwartet.

Keine Lust zu lesen? Hier ist unsere Filmkritik als Videobetrag:

Wenn zu einem Film im Deutschen noch nicht viel geschrieben wurde, suche ich erstmal nach dem englischen Vermarktungstitel (hier: Nothing to Hide). Um zu schauen, wie dieser so viel größere Sprachraum das Werk rezipiert. Fun Fact: Nothing to Hide ist auch ein vielfach preisgekrönter Pornofilm auf Platz 2 der »101 Greatest Adult Tapes of All Time«. Soviel zum Ergebnis meiner Recherche. Über Nothing to Hide, die französische Version des italienischen Kammerspiels findet man derweil noch wenig – vermutlich wartet man aufs britische Remake.

Doch was zu verbergen

Die amerikanische Version von Le Jeu – Nichts zu verbergen könnte noch eine Weile auf sich warten lassen, da die Rechte ausrechnet von der Produktionsfirma Harvey Weinsteins gekauft wurden – der ja durchaus etwas zu verbergen hatte, bis es ans Licht kam. (Gegen den mutmaßlichen Wiederholungs-Sexualstraftäter Harvey Weinstein wird inzwischen ermittelt, während die Filmrechte an dessen Skandal wiederum von Brad Pitts Produktionsfirma gekauft wurden – das Filmgeschäft ist eben durch nichts wirklich zu erschüttern).

Hier ist der Trailer des italienischen Originals (auf Italienisch):

Wie bin ich überhaupt auf den Film gestolpert, wenn im Deutschen bis dato so wenig darüber geschrieben wurde? Eine E-Mail-Bekanntschaft hat mir Le Jeu – Nichts zu verbergen empfohlen, nachdem sie bei Netflix darauf aufmerksam geworden war. Im Wortlaut:

Der Film gibt regen Anlass nachzudenken. Zu Beginn war ich noch skeptisch, aber das Ende, das Ende ist einfach formidable. […] Aus einem Theater-Besuch – Hamlet – blieb mir Folgendes im Gedächtnis: »Horatio, Mitwisser meiner Gedanken. […] Wenn du mich kennst, wie kannst du mein Freund sein?« Und dazu die Fragen: Wer kennt wen schon »wirklich«? Und wenn wir alles voneinander wissen würden, würden wir uns dann noch mögen?

Eine Bekannte, die mir hiermit den Film empfahl

Privatsphäre im Off-Modus

Der letzte Satz klingt doch fast ein bisschen zu vertraut: »wenn wir« alles voneinander wüssten, »würden wir uns dann noch mögen?« – wer sind »wir«? Die E-Mail-Bekanntschaft und ich? Wer ist denn überhaupt diese »E-Mail-Bekanntschaft«!? Das dürfte beispielsweise meine Frau jetzt, zu Recht, interessieren. Erst im Kontext der gesamten Mail erweist sich das »Wir« in seinem allgemeinen Gehalt, als »wir Menschen« – und erst im Kontext des Mail-Verlaufs jene Bekanntschaft als eine harmlose Kommilitonin.

Doch für den weiteren Kontext wäre bei so einem Abendessen unter Freund*innen, mit allen Handys in der Mitte und der Privatsphäre im Off-Modus keine Zeit. An zweideutigen Formulierungen können sich da ganz fix die Gemüter erhitzen. An eindeutigen Bildern erst recht. Solche trudeln im Laufe des Films Le Jeu – Nichts zu verbergen schon recht früh ein und sorgen für Furore. Stakkato-artig prasseln neue Nachrichten und Anrufe ein, halten die Runde in Schwung, bis zu einem unerwarteten Ende.

Auf der einen Seite scheint das Ende zu sagen, dass das Privatleben privat gehalten werden sollte, sonst würde die Hölle losbrechen. Daher sind Mobiltelefone ein so nützliches Werkzeug für tägliche Täuschungsmanöver. Aber auf der anderen Seite hinterlässt Le Jeu – Nichts zu verbergen das Gefühl, dass wir letztlich alle besser dran sind, den Schein zu wahren, als der Wahrheit ins Auge zu sehen.

Jordan Mintzer (The Hollywood Reporter)

Diskussion im Netz

Was in The Hollywood Reporter ziemlich bitter klingt, liest sich in den YouTube-Kommentaren als eine zwar harte, aber annehmbare Realität. So schreibt eine Userin:

[Die Figur] Ben sagt in einem Schlüsselsatz für die Bedeutung des Endes und des Film im Allgemeinen »Wenn man jemanden liebt, beschützt man ihn«. […] So viele [Menschen an diesem Tisch] hatten so viele Geheimnisse, und doch liebten sie ihre Partner und bewältigen ihre Probleme auf verschiedene Weisen, die zuweilen (wie wir in dem Handy-Spiel ja gesehen haben) die andere Person »zerstören« würde. Sogar Ben log, indem er via Telefon behauptete, krank zu sein. Wenn er ehrlich gesagt hätte, dass es ihm peinlich gewesen wäre, sein Date mitzubringen, dann hätte es ihre gemeinsame Beziehung ruiniert. […] Obwohl wir uns eine »perfekte« Beziehung vorstellen, gibt es keine. […] Wenn du »Und-sie-lebten-glücklich-bis-ans-Ende-ihrer-Tage-Filme« magst, ist dieser Film nichts für dich. Doch als Realist*in solltest du ihn unbedingt sehen!

YouTube-Userin jofin86 zum Trailer des Films (aus dem Englischen übersetzt)

Gewalt statt Frieden

Daraus entspinnt sich dann eine Diskussion über die wahre Aussage, die der Film am Ende vermitteln will – interessant sind dabei die Unterschiede, die zwischen den verschiedenen nationalen Filmfassungen ausgemacht werden. Doch Vorsicht, aber hier gibt’s Spoiler. Wer den Film noch sehen möchte, springt besser direkt zum Fazit.

Am Ende der englischen Version [gemeint ist die französische Fassung mit englischer Synchro] geht es, denke ich, darum sich den eigenen Ängsten zu stellen, ehrlich und transparent zu sein – und damit frei. Das Ende der mexikanischen Version des Films endet eher auf der Note: Okay, das war schlecht und brutal und zerstörte Beziehung – zeige nie, niemals deinen Liebsten dein Handy und lebe dein Fake-Leben plus Privatsphäre. […] Oh, und ich vergaß, dass »das Muttersöhnchen« und seine Frau in der französischen Version am Ende Frieden schließen. Sie zeigten Verständnis für die Probleme des jeweils anderen und »reparierten« ihre Beziehung. In der mexikanischen Fassung hingegen kämpfen sie so heftig, dass man von häuslicher Gewalt sprechen kann.

YouTube-User Douglas

Ich habe zuerst die italienische Version gesehen – Perfetti sconosciuti […]. Beide Filme sind sehenswert, besonders, wenn du dich für europäisches Filmschaffen interessierst.

YouTube-Userin Adelin Meme

Erklärung des Endes | Spoiler!

Am Ende des Films rennt die Filmfigur Thomas (Vincent Elbaz) seiner Frau Léa (Doria Tillier) hinterher, nachdem sie einen starken Abgang aus der Wohnung hingelegt hat: Als sie erfuhr, dass Thomas sie mit seiner Fahrdienst-Kollegin betrügt (und diese sogar geschwängert hat), zog Léa kurzerhand den Ehering vom Finger und deutete damit schon das Ende der Verbindung an. Dabei weiß sie noch gar nicht, was wir als Zuschauer*innen erfahren. Die Ohrringe, die Thomas gekauft, aber nicht seiner Frau geschenkt hat, sind nämlich nicht etwa an die Fahrdienst-Kollegin gegangen. Stattdessen waren die Ohrringe ein Geschenk an die Psychologin Marie (Bérénice Bejo), der verheirateten Gastgeberin des Abends, mit der Thomas offensichtlich auch etwas hatte.

Filmtipp: Ein weiteres Kammerspiel, in dem ein Freundeskreis heftig aneinander gerät, ist Der Vorname (2018).

Fazit zu Le Jeu – Nichts zu verbergen

Während kürzlich eine Studie ergeben hat (ok, ich hab ne Diskussion über den Film im Eltern-Forum ausgewertet…), dass die meisten Menschen kein Problem damit hätten, ihre Handy-Nachrichten offenzulegen, hegt in der Clique von Le Jeu – Nichts zu verbergen jede*r ein mehr oder weniger heftiges Geheimnis. Das ist natürlich verdichtet und übertrieben, doch darum geht’s in so einem von einer zentralen Idee getriebenen Film: Die Auswirkungen auf die Spitze treiben und für ordentlich Reibung sorgen. Ein toller Film, um danach – oder zwischendurch – zu diskutieren. Ein schlechter Film, wenn man echt viel zu verbergen hat. Denn wie viele Partner*innen oder Freundeskreise kommen danach wohl auf den Gedanken: »Hey… geile Idee, lass mal machen«?

Nachtrag: Wir haben den Film Le Jeu – Nichts zu verbergen gleich am nächsten Tag ein zweites Mal in anderer Gesellschaft gesehen und konnten einmal mehr feststellen: Die Story trifft einen Nerv! Auf jeden Fall sehenswert, dieser Film.

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